Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 579 (24.7.1936)
- Date
- 1936-07-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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wette 6 DIE SfEUE WELT Nr. 579 vom 24. Juli 1936 tH&cün Qtolri: Mo&toto m #l^PVirf»r Anläßlich des Todes des großen russischen Dichters Maxim Gorki veröffentlichen wir das Schreckensbild „Pogrom", das heute — über fünfzig Jahre nach seinem Geschehen — seine tragische Aktualität behalten hat. Anm. d. Red. Nischni Nowgorod 1885 . . . Es mar an einem heißen Julitag. Schon frühmorgens hatte ich meine Arbeit unten am Hafen au/-. genommen. .\un rückte sclion die Mittagsstunde näher, als hinter mir, irgendwo in der Vorstadt, ein wilder Lärm erscholl, etwa wie das Gebrüll gereizter Ungeheuer, . . . Mich hungerte es bereits, so daß ich nur ein Bestreben hatte: rascli die Arbeit beenden und heimeilen. Der Lärm in der Vorstadt — was ging er mich an? Anfangs beachtete ich ihn garnicht. Dann aber: brach es los. ein Lärmen und Tosen, Schreie?! und Brüllen, wild, ungestüm, gierig, wie wenn der Orkan über unser Meer tanzt. ... Es schien sich aus der Erde ein Ungeheuer zu erheben, mit Staub zu oereinigen und aufzusteigen — anmachsend ins Riesengroße, Furcht und Schrecken Erregende. . . . Mein Herz erzitterte in der Vorahnung von etwas Bösem. Ich legte also mein Werkzeug nieder und stieg das Ufer hinan. Was war los? Da ist schon die Vorstadt: aus allen Häuschen stürzen Leute heraus und laufen, laufen ,, . Wohin? Wer weiß? Einer drängt den anderen, immer dichter wird der Menschenknäuel, der sich oorwärtsschiebt: über den Köpfen flattern aufgeschreckte Tauben, zwischen den Füßen irren Hühner umher. Mich erfaßte, dieser Menschenstrom und riß mich mit. „In der Elisabethstraße gibt's eine Schlägereil" schrie jemand. Und dort kam ein Lastwagen angefahren, dessen Kutscher brüllte: „Brüder, Lastträger: man erschlägt unsere Kameraden!" Ich bog in eine Gasse ein, da machte der dichte Strom halt. Vom anderen Ende der Straße vernahm man Schreien und Stöhnen von Menschen; Scheiben klirrten, Hammerschläge erscJwllen— „Die Juden erschlägt man/" sagte da plötzlich neben mir ein Mann: ein braver, solider, älterer Mann in heiterem Ton, mit einem zufriedenen Lächeln, und fügte dann hinzu: „Es geschieht ihnen schon recht! Hahahal" Ich drängte mich nach .vorne, bahnte mir einen Weg durch die Menschenmassen: ich kam in einen großen Hof, der von einer brüllenden Menge angefüllt war. Waren das noch Menschen? Wilde, gierige, blutdurstige Gesichter — wie Bestien, die man reizt. Auf dem Dach des Hauses stand ein alter Jude, der mit den Händen die Dachziegel von den Sparren riß und hinunlerschleuderte. Sein ganzer Körper zitterte, die Kleider wiesen riesige Blutflecke auf. „Schieß ihn nieder, Karol!" schrie einer. „Kletter hinauf und hau ihn herunter" ein anderer. Und da: hinter den Fenstern gewahrte ich dunkle Gestalten, welche die Fensterrahmen einschlugen und alles Hausgerät in den Hof warfen. Scheiben klirrten, Spiegel flogen hinaus; da warf einer Polster hinaus, daß eine weiße Federwolke entstand. Und dort: Was hielt der in Händen? WwVr'i0K' ' '•" /'! i f <.',i,",JW i'fV' IV? Brennendes Städtchen „Heda, Achtung! Ich habe 'Judenkinder gefunden!" „Schlag sie nieder!" „Hau ihre Schädel an die Wand!" Der Kerl machte sich hinauf zum Allen: „Ha, aller Jud, da habe ich deine Enkelkinder! Komm nur, sonst, schlag ich sie tot!" Der gellende Schrei eines Kindes, ein entsetzlicher Laut, durchschnitt plötzlich die Luft, Die Menge brüllte. Dieser Schrei — ein Blitz, der jäh zwischen Wolken aufleuchtet. „Schurke, rühr nicht die Kinder an", rief einer. „Halts Maul, Judenknecht, da hast du" — es war der Fuß eines Tisches, der daran glauben mußte. Ein neuer Schrei des Kindes. „Hol diese l'eufelsbrut der Teufel" — und hinunter, fielen Menschetileiber, 'junge t zarte. Kinder . , . Fleischklumpen, Blutlachen . . . das war alles. Ein rothaariger, dicker Bursche erstieg das Dach, packte den Alien und — das gleiche Schicksal. . . . Mehrere erschienen auf einem Balkon, einer brüllte: „Heda, Brüder, Achtung! Jetzt kommt die Einrichtung und das Geschirr!" Ein kupferner Samowar, Glasgeschirr, Teller, Töpfe plumpsten im Hof auf. Die Leute zerrissen allerhand Kleider und warfen die Fetzen hinunter in die Menge. In der Luft wirbellen Flaumfedern, aus den Fenstern flogen Polster, Geschirr, Möbelstücke, Fetzen. Und die Menge, toll in ihrer Zerstörungswut, packte diese Sachen, zerriß, zerbrach, zertrümmerte alles, alles.». Nach dem Pogrom Da, ein Mädchen, ein zartes, jüdisches Geschöpf! Ein wilder roher Kerl warf sie in die Menge — „Haut sie!" „Peitscht sie!" „Zerreißt sie in Stücke!' .— Die Menge tat alles: sie schlug, peitschte, zerriß, . , . Das Wilde, Bestialische brach durch, hemmungslos. , . . Am Abend an der Schenke beim Marktplatz vorbeigehend, hörte ich, wie ein Kosak schmunzelnd berichtete: „Vierzehn Juden soll man zerrissen haben* , . /' ....... Das war das Fazit des heutigen Tages. (Ins Deutsche übertragen von M. S. Brafmann.) Ende der achtziger Jahre veranlaßte ihn der Antritt einer großen Erbschaft (einige hunderttausend Rubel) nach seinem Schwiegervater, seinen Wohnsitz nach Kiew zu verlegen. Die reichen Geldmittel verwickelten ihn in umfang- und verlustreiche finanzielle Operationen, machten aus dem Schriftsteller einen Mäzen und Herausgeber, ermöglichten ihm die Herausgabe des literaturkritischen Jahrbuches „Die jüdische Volksbibliothek", das in sich das gesamte literarische Leben in jiddischer Sprache konzentrierte. In diesen Jahrbüchern erschienen von seinen eigenen Werken die Romane „Stcmpenju" und „Jossele Solowej", in denen er den jüdischen Roman zu schaffen versuchte. Nachdem er sein Vermögen eingebüßt hatte, ging er nach Odessa, wo er in den verschiedensten Berufen, als Vermittler, als Versicherungsagent, seinen Lebensunterhalt erkämpfen mußte. Hier entstanden unter anderem die ersten Briefe des „Menachem Mendl" und das Gedicht „Schlof, mejn kind", das in melodischem Gewand zu einem jüdischen Volkslied wurde. Im Jahre 1893, wieder in Kiew, begann Scholem Alechem mit der Arbeit am „Towje der Milchiger" und veröffentlichte zahlreiche Erzählungen in den Journalen „Frajnd", „Tog" und „Weg". Nach den Pogromen im Jahre 1905 verläßt Scholem Alechem Rußland, siedelt seine Familie in der Schweiz an, geht selbst nach Amerika. Seine Name hat bereits solchen Klang, daß er von der gesamten jüdischen Bevölkerung Amerikas enthusiastisch aufgenommen wird. Hier verbleibt er mehrere Jahre, in denen an umfangreicheren Arbeiten der bedeutende Roman „Mottl Pejse des Chasens" und „Mabul" (Sintflut) entstanden sind. Als großer Dichter anerkannt, unternimmt er durch Frankreich, Belgien, Schweiz, Deutschland, Oesterreich, Rußland eine Reise, die einem Triumphzug gleicht. Unterwegs erkrankt er schwer, nimmt für längere Zeit Aufenthalt im italienischen Kurort Nervi. Der Weltkrieg bricht aus. Scholem Alechem kehrt nach Amerika mit seiner Familie zurück. In New York ereilt ihn 1916 der Tod. Millionen Juden betrauern ihn.* * Scholem Alechem ist zum Lieblingsdichter der jüdischen Massen der ganzen Welt geworden. Mit seinem Namen verbindet sich nicht die Vorstellung von einem Autor, dessen Schriften man nur mit dem Rüstzeug literarischer Gebildetheit genießen kann. Sein Name ist ein Gruß, der als Gegengruß Freude und Lächeln erweckt und schon den Vorgeschmack am Genießen ahnen läßt. Er hat die Dankbarkeit des Volkes der Träne und des halb wehmütigen, halb ironischen Lächelns dafür, daß er es lachen gelehrt hat. * Anläßlich des 20. Todestages des Dichters führt Morris Schwartz in der Wiener Rolandbühne i| „Tewje der Milchiger" auf. Scholem Aledieiti Zum 2(hfeTodestag Man gedenkt jetzt des größten jüdischen Volksdichters und Humoristen Scholem Alechem anläßlich seines 20. Todestages. Auch das Theater nimmt Gelegenheit, seine Gestalten lebend zu machen: die seelisch und formal in ihrer Tradition bedrohten Golusmenschen, die armen, gleichmütig und gläubig ihre Leiden tragenden Armen, die die ewige Wahrheit ihres Judentums wahrenden Figuren... Man denke nur an Tewje! Tewje der Milchiger ist solch eine Figur. Er wird gekränkt, beleidigt, gestoßen, vom Schicksal verfolgt, aber er läßt sich nicht unterkriegen. Unzerstörbar sind sein jüdischer Glaube und seine jüdische Kraft. Seine Welt gibt ihm alles, was er braucht. Er lebt hier und blickt nach oben. „Was sagst du dazu?", ruft er den Rebojne schel ojlem, den Herrn der Welten, an, wenn er von seiner Scholle verjagt wird und sich anschickt, nach Erez Israel zu gehen. Scholem Alechem ist Meister in der Formung jüdischer Gestalten. Hunderte Erzählungen; Romane, Skizzen, Betrachtungen; einige dramatische Bilder haben den Rabbi, den Krämer, den Handwerker, den Schadehen, den „Intelligenzler", den Kutscher, den Luftmenschen, den Vermittler, den wohlhabenden Bürger, den Ghettobohemieri in für die Ewigkeit gültigen Typen festgehalten. Seine besondere Liebe gilt dem jüdischen Kind, seine vertrauliche Zärtlchkeit dem Tier, Städtchen, Dorf, Haus, Hof/ Beth Hamidrasch, Cheder, Bühne, Schule, An- Biedlungsrayon und „natschalstiwo", Muschiktum und „JUdischheit" werden zu transportablen Milieus: „Kasrllu/wke" (Symbol für das jüdische Städtchen); auf dem Weg in die Weltt « Scholem Alechem (Schalom Rabinowitsch) entstammt einer wohlhabenden chassidischen Familie. Geboren wurde er im Jahre 1859 in einem Städtchen bei Perejaslew (Gouvernement Poltawa). Sein Vater war ein frommer Chassid, der den damaligen Aufklärungsbestrebungen Interesse entgegenbrachte, Gutspächter in Woronka, wo Scholem Alechem seine ersten Kinderjahre verbrachte) ein Städtchen, das ihm später als Vorbild für sein berühmtes „Kasriluwike" diente. Hier besuchte er die jüdische Elementarschule und setzte seine Studien in der russischen Distriktsschule in Perejaslew fort, wohin seine Eltern nach Verlust ihres Vermögens übersiedelt waren. Der wißbegierige Knabe nahm unter der Leitung des Vaters eine gründliche jüdische Bildung' in sich auf und begeisterte sich an den damals erschienenen neuhebräischen Schriften, die ihn zu eigener literarischer Produktion anregten. Schon als Fünfzehnjähriger veröffentlichte er Arbelten in neuhebräischer Sprache in den führenden Zeltschriften „Hameliz" und „Hazeflrah". Mit 21 Jahren bekleidete er das Amt eines Rabbiners im Städtchen Lubni (Gouvernement Poltawa), wo er bis zum Jahre 1883 wirkte. Damals begann seine jiddische) literarische Tätigkeit im Petersburger „Jiddischen Volksblatt", wo Beine ersten Gedichte und Erzählungen erschienen und seinen literarieclienv Ruf in der jüdischen. Welt begründeten/ Hakoahnevin Ruth Langer gesperrt Wie wir erfahren, hat sich die bekannte Hakoah- Schwimmerin Ruth Langer geweigert, zur Olympiade zu fahren. Sie wurde deshalb von der Sport- und Turnfront auf zwei Jahre gesperrt. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Oesterreich: Heut' ist der schönste Tag in meinem Leben. England: Die Dubarry. Frankreich: Wenn ich Rothschild war' — Liebe. — Leidenschaft. Amerika: Die Courtisane von Versailles — Mandaley — Hart an der Grenze — Der junge Arzt — Rendezvous — Die tolle Marietta — Schenk uns die Nacht — Zum Küssen geboren — Broadway-Melodie 193S — Top Hat — Desire — Schwarze Fahnen über China — Die neue Zeit — Wuschelkopf — Der schwarze Engel — General Sutter — Lerne lieben, ohne zu weinen — Musik um Mitternacht — Mädchen von heute — Ich lebe mein Leben — Der unsichtbare Strahl — Habe die Ehre — Ich bin eine anständige Frau — Das gelbe Gift — Wir leben für Liebe — Liebeskadetten — Reiche Herren bevorzugt — Unter der Peitsche — Ketten — Das Rätsel von Zimmer 309 — Die Schreckensinsel im Pazifik — Fräulein Wirbelwind — Schlafwagen Paris—Toulon — Der größte Gauner des Jahrhunderts — Seitensprünge — Tom Mix räumt auf — Coriandoli in 1000 Farben — Staatsanwalt unter Mordanklage — Männer ohne Namen — Der Weg ins Ungewisse — Rex, der König von Arizona. Filme unter Arierparagraph Wenn Menschen reif zur Liebe werden — Die lustigen Weiber -— Die weiße Hölle vom Piz Palü — Der seltsame Gast — Der schüchterne Casanova — Der müde Theodor — Der König lächelt, Paris lacht — Die letzt© Galavorstellung im Zirkus Barsony — Im Trommelfeuer der Westfront — Krach im Hinterhaus — Fährmann Moria — Rendezvous in Wien — Llcbcs-Intermezzo — Flitterwochen — Durch die Wüste — Der Außenseiter — Jana — Wenn der Hahn kräht — Ihr Freund, der Heiratsvermittler — Raub der Sablncrinnen — Die letzte Fahrt der „Santa Margareta" — Mädchenmarkt — Die Fahrt ins Blaue. ' KINO*PROGRAMME m stäfa, yii Der Weg MariahilferstraDe 120 - . Telephon B-33-0-68 IIIS UflflGWISSG Wochentags: s, 7, 9 Uhr Rieh. Berthelmeß SCHAFFER MÄDCHEN VI, MariahUferstraße 37 MASKEN MORDER Telephon B-20-203 beginn; %*, Vi*, 'A10 votivpark per wea IX, Währingerstraße 12 - ||L^* .Smä Telephon A-18-3-06 IIIS UII96WISSe im k, %», Vtt, wo Rieh. Berthelmeß