Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 579 (24.7.1936)
- Date
- 1936-07-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 579 vom U. Juli 1936 DIE NEUE WELT Seite 5 Am Deutschland Müller und Kinde» Aus Berlin: In einem Beschluß des Kammerg e r i c h t e s, der in der „Juristischen Wochenschrift" abgedruckt ist, handelt es sich darum, ob eine Jüdische Mutter verlangen kann, daß sie das aus einer geschiedenen Mischehe stammende Kind bei einem Wiedersehen in ihre Wohnung mitnehmen könne. Das Kammergericht hat dies verneint. Das Kind hat zwar zwei jüdische Großeltern, ist aber evangelisch getauft und gilt deshalb als Mischling, dem sogar später mit Genehmigung die Heirat mit einer arischen Frau gestattet werden kann. Es wächst in einem arischen Haushalt heran und wird entsprechend erzogen. Die Mutter kann nur ein Zusammenkommen mit ihrem Kinde außerhalb der Wohnung beanspruchen. . * In der „Deutschen Justiz" ist ein Beschluß des Landgerichts Torgau wiedergegeben, durch den einer deutschen Mutter, die sich mit einem Juden abgegeben hat, das Recht der Sorge für die Person und das Recht zur Vertretung ihrer Kinder entzogen wird. In den Gründen heißt es, daß die „verwerfliche Gesinnung, welche die Mutter durch ihren hartnäckigen Verkehr mit einem Juden bewiesen hat, es notwendig macht, ihr das gesamte Personensorgerecht für ihre minderjährigen Kinder zu entziehen, um eine ordnungsmäßige Erziehung der Kinder zu brauchbaren Gliedern der deutschen Volksgemeinschaft sicherzustellen". Nur judenreine ausländische Filme sind zugelassen!'* Aus Berlin: Durch Gesetz über die Vorführung ausländischer Filme ist festgelegt worden, daß der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda die Voraussetzungen bestimmt, unter denen ein Film als deutscher Film anzuerkennen ist und ein deutscher oder ausländischer Film zur Prüfung nach Maßgabe des Lichtspielgesetzes zugelassen wird. In der auf Grund dieses Gesetzes ergangenen Verordnung über die Vorführung ausländischer Filme v/ird die Voraussetzung, unter der ein Film als deutscher Film anzuerkennen ist, aufgestellt: der Film muß von Deutschen oder einer Gesellschaft hergestellt sein, die nach dem deutschen Recht mit dem Sitz in Deutschland errichtet ist; die Atelieraufnahmen und auch die Außenaufnahmen müssen in Deutschland hergestellt sein; die Idee und das Drehbuch, bei Tonfilmen auch die Musik, müssen von Deutschen stammen und verfaßt sein; die Produktionsleiter und Regisseure sowie alle Mitwirkenden müssen Deutsche sein. Deutscher im Sinne dieser Verordnung ist, wer deutscher Abstammung ist und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. — Und die Financiers? (Anm. d. Red.) Liebe deinen Nächsten Aus Berlin wird mitgeteilt, daß die Bekenntnispfarrer Niemöller und Müller (Dahlem), Jacobl von der Gedächtniskirche am Kurfürstendamm und sieben andere Geistliche im Namen der deutschen evangelischen Kirchen eine Eingabe an den Reichskanzler Hitler gerichtet haben, in der u. a. darauf hingewiesen wird, daß der Antisemitismus vielfach Auswüchse zeigt, die offensichtlich nur dem Hassgefühl gegen die jüdische Minderheit entspringen. Ihm stellt die Eingabe den obersten Grundsatz des Christentums gegenüber: „Liebe deinen Nächsten!" Die Eingabe der Leitung der deutschen evangelischen Kirchen hat Hitler nicht zur Kenntnis genommen, vorgeblich, weil eine solche Leitung gesetzlich nicht anerkannt ist. Entfernung der jüdischen Kinder aus ölftenlSgdien Schulen Aus Berlin: Die vom Unterrichtsministerium im letzten September erlassene Verordnung, die die Eliminierung der jüdischen Kinder aus dem deutschen Schulsystem bis Ostern dieses Jahres vorsah, kann nicht sofort in Kraft gesetzt werden. Infolge der großen Schwierigkeiten der Schaffung eines Schulsystems für die 14.000 jüdischen Elementar- und 10.000 Mittelschüler haben die Behörden beschlossen, eine allmähliche Eliminierung der jüdischen Schüler zuzulassen, bis die nötigen jüdischen Schulen geschaffen sein werden. Zurzeit besuchen 2 0.0 00 Kinder jüdische Schulen, während 24.000 noch in den öffentlichen Schulen unterrichtet werden. Die Schaffung weiterer jüdischer Schulen soll gleich in Angriff genommen werden. Große Schwierigkeiten bestehen jedoch darin, Gebäude ausfindig zu machen, die in Schulen umgewandelt werden können, sowie die erforderlichen Lehrkräfte schnell auszubilden. Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, daß die Regierung es bisher nicht klar gemacht hat, in welchem Ausmaß sie das jüdische Schulwerk zu subsidieren gedenkt. Allein in Berlin besuchen 4000 jüdische Kinder die öffentlichen Schulen, da die jüdische Gemeinde nicht über die Mittel verfügt, die zur Gründung weiterer jüdischer Schulen notwendig sind. Noch viel schwieriger ist die Situation in der Provinz. Die Verordnung des Untorrichtsmdnlsteriums sieht die Errichtung von „Ghetto-Schulen" nur an Orten vor, wo mindestens 20 jüdische Kinder im schulpflichtigen Alter sind. Schätzungsweise leben 130.000 Juden in 2500 Städten und Dörfern in der Provinz, und in den meisten dieser Ortschaften kommen nicht zwanzig jüdische Kinder im schulpflichtigen Alter zusammen. Da diese Kinder in die öffentlichen Schulen nicht aufgenommen werden, wird von jüdischer Seite die Errichtung von Internaten in jedem Bezirk erwogen. Laut offizieller Schätzung werden diese Internate aber eine jährliche Ausgabe von zwei bis drei Millionen M a*ft erfordere .wiifcui«.. .'. m*l *• «*** ■.....- — '»-j^»^*^ Palästinas industrielle Entwicklung Man wird gewiß die heutige Wirtschaftssituation in Palästina und die psychologischen und materiellen Grundlagen der künftigen Entwicklung bedeutend leichter beurteilen können, wenn man zuvor genaue, aktuelle Daten über einen der wichtigsten Aufbaufaktoren erhält, über die industrielle Gründungstätigkeit. Sie wird im folgenden für das kürzlich beendete erste Halbjahr 1936 dargestellt und mit dem ersten Halbjahr 1935 verglichen. Als Ausgangspunkt dienen uns die periodischen Veröffentlichungen der Regierung Uber die amtlich neu registrierten Genossenschaften („Cooperative Societiea"), Aktiengesellschaften („Companies"), offenen Handelsgesellschaften („Partnerships") und Kommanditgesellschaften („Limited Partnerships"). Allerdings ist dieses Material insofern nicht ganz vollständig, als in Palästina bisher noch kein Handelsregisterzwang für Gründungen von Einzelfirmen besteht und daher über Zahl und Art solcher Gründungen nichts Authentisches bekannt wird. Immerhin darf man wohl sagen, daß unsere Untersuchung, in der sämtliche unter den neu registrierten Firmen vorkommende Industriebetriebe statistisch verarbeitet sind, dem eingangs erwähnten praktischen Zweck durchaus genügt, da sie in ihrer Art zweifellos den größten und wirtschaftlich maßgebenden Teil der neuen Industriegründungen überhaupt erfaßt. Im ersten Halbjahr 1936. Von Dr. J. Adler, Tel-Aviv. den Großbetrieben, und zwar auch hinsichtlich der Höhe der registrierten Aktienkapitalien. Die 36 neuen industriellen „Companies" des 1. Halbjahres 1935 ließen an Aktienkapitalien insgesamt 628.705 pal. Pfund registrie- Aile Damen geht es an! OMSA die einzig vollkommen geruchlose Enthaarungscreme Probefube S 1.— / Durch OlflSa-Vertrittb Wien 1. 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Wir erkennen daran das starke Beharrungs* vermögen des industriellen Aufbauwillens, den die Unruhen zwar stören und bremsen, aber keineswegs ausschalten konnten. Noch deutlicher wird dies bei der Betrachtung der einzelnen Monate. Schon im März hatten die politischen Vorgänge in Europa etwas zur Zurückhaltung gemahnt. Im April und Mai wirkten sich naturgemäß die palästinensischen Ereignisse aus, wobei das äußere Faktum nicht zu vergessen ist, daß das Jaffaer Distriktsgericht, die Registerbehörde für alle neuen „Partnerships" in der Tel-Aviv-Jaffa-Zone, wochenlang für jüdische Interessenten unerreichbar blieb, bis endlich die Zweigniederlassung des Gerichtes in Tel- Aviv eröffnet wurde. Und schließlich der Juni: er hat die industrielle Gründungstätigkeit bereits wieder zum normalen Umfang zurückkehren lassen. Tabelle Nr 2. Neu registrierte Industriebetriebe nach Unternehmungsformen: l.Halbj.1935 l.Halbj. 1936 „Cooperative Societies" ... 13 14 „Companies" . . '.....36 19 „Partnerships"......101 104 „Limited Partnerships" ... — — Insgesamt . . . 150 137 Der genossenschaftliche Unternehmungsgeist auf industriellem Gebiete hat sich somit gut behauptet. Dasselbe darf man von der offenen Handelsgesellschaft sagen, die in der typischen Gestalt des Bündnisses zwischen Fachmann und Geldmann die beliebteste Unternehmungsform für die in Palästina ja weitaus dominierenden Klein- und Mittelbetriebe darstellt. Hingegen zeigt sich ein wesentlicher Rückgang bei den Industrie-Aktiengesellschaften, also bei Jüdische Handelsschule Kaufmännische WirtsChaftSSChllle f. Knaben u. Mädchen Elnjährlßer Fachkurs / Abend« u. Spezialkurse für Herren u. Damen Unterricht nach dem normalen Lehrplime der Handelsschulen (Erlaß des Bundeaminlsteriuma für Unterricht vom 12. Juni 1934, Z. 17620). Wien ll,Tabor$traße 39 Aufnahme in der Dtroktionskan/Jci: An Werktagen von 10 bis 12 Uhr vormittaffs und von 2 hin 5 Uhr nach mittags. — Samstag geschlossen. ren, die 19 des 1. Halbjahres 1936 nur 124.820 pal. Pfund. Allerdings muß dabei erwähnt werden, daß gerade die beiden dem Kapitalumfang nach größten Industrie-. Aktien-Neugründungen des 1. Halbjahres 1935, nämlich eine Zementfabrik mit 250.000 pal. Pfund und eine chemische Fabrik mit 100.000 pal. Pfund, bis zum heutigen Tag noch nicht praktisch verwirklicht worden ist. Merkwürdigerweise wird die Unternehmungsform der Kommanditgesellschaft von unserer industriellen Initiative in der Regel gar nicht benutzt, obwohl sie speziell in Palästina gute Dienste leisten könnte, da sie es im Auslande wohnenden Kapitalisten gestattet, sich mit einem strikt begrenzten Risiko an hiesigen Unternehmungen zu beteiligen. Es sollte mehr dafür geschehen, das Prinzip der „Limited Partnerships" populär zu machen. Demnächst wird das palästinensische Firmenrecht, wenn ein im Mai 1936 publizierter Gesetzesentwurf durchgeführt wird, um eine neue Unternehmungsform bereichert werden, nämlich die „Private Company", die etwa der mitteleuropäischen „Gesellschaft m. b. H." gleichkommen und daher gewiß auch für industrielle Gründungen interessieren würde. Tabelle Nr. 3. Neu registrierte Industriebetriebe nach Fachgruppen: l.Halbj. 1935 1. Halbj. 1936 Metallurgie und Technik . . 29 27 Nahrungs- und Genußmittel- , . industrie ....... 28 30 Baustoffindustrie .... 28 17 Textil- und Bekleidungsindustrie ....., 25 16 Holzbearbeitungs- und Möbelindustrie ....... 14 16 Chemie und Kosmetik . . 13 10 Graphische Industrie ... 3 11 Sonstige Industrien ... 10_10_ Insgesamt ... 150 137 Die fachliche Gliederung der industriellen- Neugründungen gibt auch einen interessanten Querschnitt durch unsere industrielle Struktur überhaupt. Dem Rückgang bei der Baustoffindustrie und bei der Textil- und Bekleidungsindustrie steht die höchst bemerkenswerte Zunahme des Gründungseifers ' bei der graphischen Industrie gegenüber. Palästina entwickelt sich heute in der Tat, je mehr die hebräische Kultur- und Sprach-Propaganda in der jüdischen Diaspora an Boden gewinnt, zum Verlags- und Druckzentrüm der jüdischen Welt. Die Resultate der industriellen Gründungstätigkeit im 1. Halbjahr 1936 bestärken uns in der Ansicht, daß von einer „Ueberindustrial'isierung" Palästinas heute noch keineswegs die Rede sein kann. Die industrielle Produktionsjahresquote pro Kopf der Bevölkerung wird heute bei uns auf maximal etwa 8 pal. Pfund geschätzt, während sie selbst in einem so ausgeprägten Agrarland Europas wie Rumänien auf rund 12 pal. Pfund kommt. Durch Besorgung billigen langfristigen Kredits, durch vernünftigen Zollschutz, durch „Tozereth-Haaretz"-Propaganda, durch handels- und verkehrspolitische Erschließung von Exportmöglichkeiten (z. B. Erleichterung des Industrie-Exports durch den neuen Tel-Aviver Hafen, die sich schon heute praktisch zeigt!) kann ein solides Fundament für den weiteren Ausbau der palästinensischen Industrie geschaffen werden, Die Bekämpfung judeitfei'ndliAer lasdhisfisdier Ausschreitungen in England Aus London: Im Unterhaus gab Innenminister Sir John Simon bekannt, daß die Regierung im Hinblick auf die wiederholten Ueberfälle von Faschisten auf Juden -gesetzliche Maßnahmen zum Verbot der Uniformierung privater Verbände erwägt. Sir John Simon gab diese. Erklärung in Beantwortung einer Frage des Abgeordneten Vyvian Adams ab, der gefragt hatte, welche Maßnahmen man erwäge, um weitere antijüdische Kundgebungen von Mitgliedern der British Union of Fascists zu verhindern. Sir Oswald M o s 1 e y kündigt an, daß bei den im nächsten März stattfindenden Wahlen zum Londoner Grafschaftsrat die British Union of Fascists sich zum ersten Male am Wahlkampf beteiligen wird. Es würden faschistische Kandidaten in den Wahlkreisen von Ost- London aufgestellt werden. „Ost-London", erklärte Mosley, „wird aufgefordert werden, zwischen uns und den Jüdenparteien zu wählen. Wir werden vom Volke verlangen, daß es mit dem Stimmzettel den Judenparteien den Abschied gebe." ,(J, T. A.) i