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Die neue Welt · 1936-07-24 · Heft 579 (24.7.1936) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 579 (24.7.1936)
Date
1936-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 579 vom 24. Juli 1936 i s leden Sonntag billige Fenen-Son- „ _ .„ deriahrten mit der Cterit. Allg. Zeitung nach POLEN und CZERNOWITZ I Nächsie Abfahrten: S6. Jirfl und S. August I Anmeldungen auiscn HiBiicii Reisebüro ■ „MarlenbrücMc". it Rotenturm»tr. 26, R-24-2-S6-87 J die schmale Fläche zeigt, die die jüdische Religion für sich beansprucht; es ist ein Bild, das veranschaulicht, gegen welches Uebergewicht anderer Religionen sich das Judentum erhalten hat, obwohl es seit zweieinhalb Jahrtausenden eines politischen und geistigen Zentrums entbehrte. Innerhalb der 16 Vi Millionen Juden; die heute auf dem Erdball leben, sind drei geographische Zentren, in denen das jüdische Leben pulsiert: Osteuropa, Nordamerika und das Mittelmeerbecken. Allein in Osteuropa leben 7Va Millionen Juden, in den U. S. A. 4W2 Millionen Juden, in den Staaten des Mittelmeerbeckens 11/3 Millionen Juden. Drei Millionen Jüden leben außerhalb dieser drei großen Lebenszentren, weit zerstreut, oft in kleinste Einheiten aufgesplittert... Die folgende Aufstellung gibt ein Bild von der Zerstreuung der Juden über die Erde um die Mitte des Jahres 1936: Europa: Deutschland 400.000, Litauen 177.500, Estland 4500, Lettland 97.000, Freistaat Danzig 10.000, Memelgebiet 2300, Dänemark 7100, Schweden 7200, Norwegen 1400, Finnland 1750, Ungarn 440.000, Tschechoslowakei 380.000, Bulgarien 49.000, Griechenland 98.000, Jugoslawien 70.000, Oesterreich 189.000, Italien 52.000, Frankreich 230.000, Spanien 8200, Portugal 2600, Gibraltar (Engl.) 1150, Rumänien 1,050.000, Polen 3,150.000, Rußland (Europ.) 2,710.000, Türkei (Europ.) '55.000, Schweiz 17.800, Belgien 63.000, Luxemburg 2500, Holland 115.000, Großbritannien 340.000, Irischer Freistaat 4000; insgesamt Europa: 9,736.000. Afrika: Aegypten 64.000, Tripolis (Ital.) 16.100, Cyrenaica (Ital.) 5000, Tunis (Frk.) 65.000, Algier (Frk.) 98.000, Marokko (Frk.) 119.500, Marokko (Span.) 15.500, Tanger (Int.) 15.300, Abessinien 80.000, Erythräa (Ital.) 200, Kenya (Engl.) 100, Uganda (Engl.) 50, Kongo (Belg.) 200, Angola (Port.) 150, Uebriges Mittelafrika 900, Südafrikanische Union 80.000; insgesamt Afrika: 560.000. Amerika: U. S. A. 4,500.000, Kanada 160.000, Mexiko 6000, Salvador 750, Honduras 250, Kostarika 350, Panama 850, Kuba 8200, Jamaika (Engl.) 1300, Haiti 200, Porto Rico (U. S. A.) 200, Uebriges Westindien 300, Argentinien 275.000, Brasilien 50.000, Chile 4300, Paraguay 1100, Uruguay 17.500, Venezuela 1000, Peru 900, Kolumbia 500, Ekuador 100, Bolivien 300, Guayana (Engl.) 1900; insgesamt Amerika: 5,031.000. Asien: Palästina 395.000, Syrien 25.000, Irak 90.000, Saudi-Arabien (Jemen) 28.000, Rußland (Asien) 240.000, Türkei (Asien) 31.000, Persien-Iran 55.000, Afghanistan 10.000, China und Japan 15.000, Mandschukuo 22.000, Britisch-Indien 24.200, Uebriges Innerasien 800; insgesamt Asien: 936.000. . Australien (SUdsee): Australischer Staatenbund 25.000, Neuseeland 2900, Hawai-Fidscht-Inseln (U. S. A.) 100; insgesamt Australien (Südsee): 28.000. Auf der ganzen Erde: 16,291.000. Das ist das Bild der jüdischen Zerstreuung! m-$em$nem# Die Lage in Polen Aus Warschau: Ministerpräsident General Slawoj Skladkowski hat eine von der letzten Tagung des Häuptrates von der jüdischen Kaufmannschaft Polens gewählte Abordnung empfangen. Die Abordnung schilderte dem Ministerpräsidenten die Lage der jüdischen Kaufmannschaft, die Angriffen ultranationalistischer polnischer Elemente und einer' heftigen Boykottpropaganda in verschiedenen Teilen des Landes ausgesetzt ist. Unter Hinweis auf die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller wirtschaftlichen Kräfte des Landes zur Belebung der Wirtschaft und Stärkung der Verteidigungskraft Polens hob die Abordnung die besondere Schädlichkeit der antisemitischen Agitation hervor, die die Grundlagen von Handel und Industrie bedrohe. In seiner Antwort erklärte der Ministerpräsident mit voller Entschlossenheit, die Regierung werde es nicht zulassen, daß irgend jemand in Polen unverdientes Unrecht zugefügt wird. Jeder Bürger ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität könne der Arbeit auf seinem Sektor ruhig nachgehen. Die Regierung garantiere Sicherheit und ausnahmslos gleiche Behandlung aller Arbeitsstätten. * Aus Warschau: Die antisemitische Unruhewelle in Polen dauert an. Gegen das Hotei „Bristol" in der Malachowski-Gasse zu Sosnowice, das einem Juden gehört, wurde eine Bombe geschleudert, die explodierte und dem jüdischen Passanten Jizchak Meir Wolman schwere Verletzungen zufügte. Der Bombenwerfer konnte entkommen. In den Sommerfrischen um Lodz herum kamen mehrere antijüdische Ausschreitungen vor, bei welchen etwa 40 jüdische Gäste mehr oder weniger erheblich verletzt wurden. In den Warschauer Stadtparks werden fa3t täglich jüdische Spaziergänger überfallen und mörderisch geschlagen. In Sosnowice wurde gegen ein jüdisches Kino eine Bombe geschleudert. Einen erschütternden Eindruck auf die jüdische Bevölkerung machte ein Vorfall in der Sommerkolonie für jüdische Kinder in der Nähe von Warschau. Der 12jährige jüdische Junge Branck Hermelin wurde von gleichaltrigen christlichen Jungen ins Wasser gestoßen. Er versuchte, sich durch Schwimmen zu retten, aber jedesmal, wenn er das Ufer erreichte, wurde er von den christlichen Jungen Uber die Hände geschlagen und ins Wasser zurückgestoßen. Das geschah so lange, bis ihn die Kräfte verließen und er unterging. An der Bestattung des toten Branek Hermelin »ahmen 6000 jüdische Jungen demonstrativ teil. RUNDSCHAU Stephan Lux mahnt ♦ ♦ ♦ Er hat die Tat bewußt begangen. Kein Sentiment, kein Spiel mit dem Tod. Das Wort „Blutiger Ernst" paßt auf nichts besser als auf den Selbstmord des Stephan Lux, des Fanatikers der Gerechtigkeit. Man erfährt jetzt, daß er — als Verwundeter im Weltkrieg — einen Film „Gerechtigkeit" schrieb, in dem Fritz Kortner und Rudolf Schildkraut mitwirkten. (Der Film wurde nie aufgeführt.) Stephan Lux schrieb bekanntlich einige Abschiedsbriefe, darunter an den englischen Minister Eden, der sich entschloß, diesen zu veröffentlichen. Auch der Generalsekretär des Völkerbundes, A v e n o 1, bekam einen Brief. Das „Züricher Israelitische Wochenblatt" wandte sich an Avenol mit der Bitte, ihm den Brief zur Verfügung zu stellen. Avenol lehnte ab. Der Brief sei für eine Veröffentlichung nicht geeignet. Restaurant Stefanie tmtthk» Hugo u. Julie Herünger geb. Zollner )\£/J nf Taborstraße 12 Bekannt Rute Küche, gepflegte üetrönke, aufmerksamste Bedienung, zeitgemäße Preise, reichhaltige Menüs, sowie alle Spezialitäten, schöner schattiger Garten Warum ist Monsieur Avenol so diskret? Warum respektiert er nicht den letzten Willen des Verstorbenen? Fürchtet er vielleicht die Rache des Hakenkreuzes, des Dritten Reiches? — Nicht weniger diskret sind die anderen Briefempfänger, „Times" und „Manchester Guardian". Es ist kein Heldenmut, dem Wunsch eines Toten zuwiderzuhandeln. Aber man möge nicht glauben, daß die Stimme des Toten verhallen' wird. Nein. Stephan1'Lux mahnt noch aus dem Grab... Nationaldemokraten („Endekes") ununterbrochen „Nieder mit den Juden!" riefen. Später wurden Juden in verschiedenen Teilen Warschaus überfallen und verletzt. Man bedenke: Für die Teilnahme an einer patriotischen Kundgebung werden Juden beschimpft und attackiert! So weit hat es die antisemitische Agitation in Polen gebracht. Gibt es eine Lehre für uns? Ja. Sie lautet: Zurückhaltung auch dort, wo Interessen des Landes Teilnahme erfordern. Wenn Juden in Polen bei einer Demonstration für das „Polnische Danzig" angegriffen werden können, so besagt das, daß man sie gegebenfalls auch als Jasager zum polnischen Staat nicht haben will. Das kann auch für andere Staaten gelten. Der berüchtigte Jude Dr. Naumann (Berlin) schwärmte fürs Hakenkreuz so lange, bis man ihn ob dieser zur Schau getragenen Leidenschaft verhaftete... ^Landesverrat" Wie aus Berlin gemeldet wird, hat der Volksgerichtshof am Dienstag, den 21. Juli, durch Urteil den 35jährigen Schriftsteller Walter Schwerdtfeger zu lebenslänglichem Zuchthaus wegen Landesverrates verurteilt. Er war zuletzt Redakteur der „Berliner Börsen- Zeitung". Der „Landesverrat" wird darin erblickt, daß Schwerdtfeger einen vertraulichen Erlaß des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels an die untergeordneten Stellen, bei neuzuschaffenden Kriegsehrenmälern Namen von gefallenen jüdischen Frontkämpfern nicht mehr anzubringen — wobei aus dem Wortlaut des Erlasses deutlich auf den Willen des Reichspropagandaministeriums geschlossen werden konnte, daß bereits angebrachte Namen jüdischer Gefallener auszumerzen seien —, an Auslandsjournalisten verraten hat. Damals meldeten die ausländischen Zeitungen, daß Schwerdtfeger auf Verlangen des Ministers Doktor Große Auswahl! kauft man für Jahrzehnfel Ihre Möbel müssen daher nicht nur schön und modern, sondern auch gut und dauerhaft sein. Viele, die mir vertraut haben, sind bestens zufrieden, da meine Möbel trotz hoher Qualität auch zeitgemäß billig sind. Tei Izah lungen! Möbelhaus Edelmann, VIII, Lerchenfelderstr. 12 Fememord nadi HakenkreuztrVäuster In Rumänien ist ein Mord geschehen, dessen Motiv — sogar unter Würdigung der hakenkreuzlerischen Untaten — zu den psychologischen Seltenheiten gezählt werden muß. 10 Mitglieder der antisemitischen Garde drangen in das Bukarester Hospital, wo der frühere rechtsradikale Abgeordnete Michael Stelescu krank damiederlag, gaben 45 Schüsse .auf ihn ab und versetzten ihm außerdem Axthiebe .auf den Kopf, bis er starb. Diesen Mord führten nicht etwa Figuren der Bukarester antisemitischen Unterwelt aus, sondern Akademiker, Studenten, die Zukunft der rumänischen Nation, des rumänischen Staates. Es war ein Rachemord, ein Fememord! Stelesco war seinerzeit Mitglied der Eisernen Garde. Als er das Wesen dieser Organisation erkannte, griff er ihren Führer, den berüchtigten Antisemiten und Hakenkreuzler Corneliu Codreanu in der Presse an und sagte sich vom Antisemitismus öffentlich los. Das konnte nicht geduldet werden. Stelesco fiel von Mörderhand. Die hakenkreuzlerische Methode ist nicht zu verkennen. Mord als politisches Kampfmittel ist hier eine Selbstverständlichkeit. Codreanu, der Gründer der Terroristenorganisation „Eiserne Garde", hat seine politische Karriere mit einem Mord begonnen. Er schoß den Jassyer Polizeipräfekten Manziu nieder, weil dieser angegriffene jüdische Studenten verteidigte. Der Mörder Codreanu wurde freigesprochen. Seither ist er der Held der antisemitischen Fronten in Rumänien. Das Hakenkreuz, das auch in Rumänien am Werk ist, kann auf das Resultat seiner Erziehung stolz sein. Auch auf die Studenten, welche als Fememörder brillieren. In Sachen „Mord" allerdings verzichten die Herren der Eisernen Garde auf den Numerus proportionalis. Darin sind sie konkurrenzlos. Gefährlicher Patriotismus Noch ist der Schreck über die Przytiker Pogrome und das Urteil von Radom nicht gewichen, wo die jüdischen Angegriffenen zu schweren Kerkerstrafen verurteilt, die mordenden Exzedenten freigesprochen worden sind, und schon steht ein neuer Pogromprozeß in Radom bevor. Die Juden Polens durchleben schwere Zeiten. Eine antisemitische Haßpropaganda Uberflutet das Land. Man sollte also meinen, daß alle Juden Polens die nötige Distanz zu ihren polnischen Mitbürgern wahren würden ... Eine Meldung aus Warschau straft diese Meinung Lügen: Die „Liga für das polnische Meer" veranstaltete eine Riesenmanifestation für das „Polnische Danzig" und lud auch Juden zu der Veranstaltung ein. Die Juden erschienen, in Erfüllung einer patriotischen Pflicht. Und inmitten der patriotischen Kundgebung kam es zu antijüdischen Provokationen^ wobei Gruppen der polnischen Goebbels hingerichtet wurde. Die Nachricht bewahrheitete Sich nicht. WoÄl habe — so erfuhr man später ~ Dr. Goebbels die Hinrichtung Schwerdtfegers gefordert, allein maßgebende Kreise des Reichswehrministeriums hatten sich gegen ein solches, nur gegen Spione angewandtes, abgekürztes Verfahren ausgesprochen und hatten dabei auch ins Treffen geführt, daß Schwerdtfeger der Sohn eines Generals und Neffe des bekannten Obersten Schwerdtfeger ist, der das Generalstabswerk über den Weltkrieg herausgegeben hat. Diese Kreise setzten es durch, daß das Verfahren gegen Walter ■ Schwerdtfeger an den Volksgerichtshof abgetreten wurde. BAD VÖSLAU Ritterstraße 11 Tagespension ab S 7,- Lage der Juden >n Dan»» Aus Danzig: Der Danziger Senat hat am Sonnabend, 18. Juli, eine Entscheidung getroffen, durch di€» die Opposition für vogelfrei erklärt wird. Verfassungsmäßige Garantien für die Opposition wurden aufgehoben, die Tätigkeit von Vereinen und Organisationen wurde eingeschränkt, die Kompetenzen der Geheimen Polizei wurden erweitert. Punkt 4 der Entscheidung des Senats lautet: Die rituelle Schlachtung wird verboten. Durch diese neue Wendung hat sich auch die Lage der Juden in Danzig tragischer, als sie ohnehin schon war, gestaltet. Es hat ganz den Anschein, daß sich der Senatspräsident Greiser hinsichtlich der Behandlung der Juden des Freistaates keine Rücksichten mehr aufzuerlegen gesonnen sei, jedenfalls bedeutet das Schächtverbot, mehr als die anderen neuesten Maßnahmen des Senats, einen Bruch der in der Danziger Verfassung garantierten religiösen und Gewissensfreiheit. * Aus Genf: In Völkerbundkreisen hält man die Verfügungen des Danziger Senats für eine gewaltsame Aufhebung der Verfassung der Freien Stadt Danzig und für eine Verletzung der Artikel 100 bis 108 des Versa i 11 e r Friedensvertrages, durch die das Danziger Regime unter die Garantie des Völkerbundes gestellt wurde. Das Generalsekretariat des Völkerbundes erwartet den Bericht des Hohen Kommissärs L e s t e r, um dann mit dem britischen Außenminister Eden, als dem Vorsitzenden des Völkerbundrates, in Verbindung au treten; eventuell soll der Rat zur Erwägung der Lage in Danzig einberufen werden. In Paris und in Warschau begegnen die Maßnahmen des Danziger Senats scharfer Kritik und Ablehnung. * Aus Paris: Das Präsidium des „Comite des Dölegations Julves" hat sich telegraphisch an den brltU sehen Außenminister Anthony IS den als Vorsitzendem des Völkerbundrates gewandt und Ihn darauf aufmerksam gemacht, daß durch die in Danzig erfolgte Verfassungsänderung die Rechte der Juden verletzt wurden. Der Völkerbundrat wird forner auf die den Danziger Juden auch weiterhin drohenden Gefahren uufmerksaal gemacht, {*. X. A«>

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