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Die neue Welt · 1936-07-17 · Heft 577 (17.7.1936) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 577 (17.7.1936)
Date
1936-07-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite § DOS NEUE WELT tfr. 577 vom 17. Juli 1936 CU. H. Uuäik Zwei Reden Der zweite Todestag des Dichters Nicht nur der Forscher, auch der Laie und Bewunderer geistiger Werte hat das Gefühl, daß Ch. N. Bialiks Werk — Werk in realem und metaphysischem Sinn — im Bewußtsein des jüdischen Volkes Raum zu gewinnen beginnt. Je weiter seine physische Erscheinung zurücktritt, desto intensiver wirkt das, was er dichterisch und menschlich geformt hat. Das Attribut „klassisch" kann nicht den Inhalt seines Schaffens wiedergeben; denn Ch. N. Bialik lebt nicht als ein Stück Literatur- und Kulturgeschichte, sondern in tagheller Wirklichkeit überall dort, wo am Werk der jüdisch-hebräischen Renaissance gearbeitet wird. Ch. N. Bialik, das wünschen die Verehrer, Jünger und Interpreten, sei nicht bloß Symbol der geistigen Wiedergeburt des jüdischen Volkes, sondern ein lebensnaher Mahner und Prophet, ein Rufer zu Großem und Größtem, was der jüdische Genius hervorbringen kann. * Im nachstehenden veröffentlichen wir Auszüge aus zwei Briefen, welche Bialik nicht lange vor seinem Tod an den ihm befreundeten hebräischen Publizisten M. U. (Wien) geschrieben hat. Sie bezeugen Bialiks Naturnähe und zugleich kritische Einstellung inmitten des Alltags; sie lassen..uns .einen Blick in Bialiks Alltag tun. Der naturnahe Dichter Bad gastein, 21. August. ,,... die Tage in Badgastein wechseln ihr Antlitz: Sonnige und regnerische, helle und nebelige. Auch ein Sturm ging nieder, der im Nachbardorfe einige Häuschen beschädigte und zwei alte Leute tötete. Vorgestern gegen Abend hatten wir liier ein furchtbares Unwetter, das ein ansehnliches Stück des Waldes verwüstete: in einem Teil des Waldes marf es alle Bäume um, zerschlug und zerbrach ihre Aeste, knickte ihre Zweige, spaltete viele und riß manchen mit den Wurzeln aus der Erde. Nicht einen ließ der Sturm heil davonkommen... Ein trauriger Anblick. Herzzerreißend anzusehen, wie königliche Bäume, hohe, aufrechte Riesen, da liegen — ihrer ganzen Länge nach ausgestreckt mit all ihrem Laub, ihrem prachtvollen Schmuck zu Hunderten, vielleicht sogar zu Tausenden — wie Tote ... Gleich als ob man sie mit einem Rasiermesser wegrasiert oder mit einer Sichel gefällt hätte... Ein Anblick, der das Herz zerreißt..." Warum er nicht schreibt 1, Tag Chol hamoed Pessach 5694 Ramath Gan. „... bezüglich der Beschäftigung mit den Aufgaben der Gesellschaft' stimme ich Ihnen bei — aber es muß auch meine Lage verstanden und berücksichtigt werden: es gibt Zeiten, in welchen kein Mensch, der auch nur einen ganz bescheidenen Einfluß auf andere auszuüben oder der Gemeinschaft dienstbar zu sein vermag — das Recht hat, sich davon zu befreien und sich für pflichtenfrei gegenüber den Forderungen der Allgemeinheit zu betrachten. Meine Art, mich mit solcher Intensität den Aufgaben und Problemen der Gesellschaft zu widmen, hat eben darin seine Ursache, daß ich nicht ein Egoist bin, der die eigenen Arbeiten denen für die Allgemeinheit voranstellt. Und im übrigen: ich teile nicht die Meinung, daß der Schriftsteller, wie ein Bräutigam in der Hochzeitsnacht, frei sei von allen Pflichten und Geboten... Was ich von meiner Zeit den Aufgaben der Gesellschaft jvidme — und es ist ein bedeutender Teil — ist ein Hunderdstel von dem, was gute Freunde von mir fordern... Sich ganz befreien davon ist — unmö glich! Es ist mir lieber, hartherzig, rücksichtslos gegen mich als gegen andere zu sein; es ist mir lieber, mir manches zu versagen und abzuschlagen als anderen,,. Nun gut! Möge mein Lohn auf jener Welt an meinen Icfefe geschriebenen Wjerkem gemmetk wetdeik Im zionistischen Leben haben die Tragen: Judenstaat, Palästina und die antijudische Haßwelle höchste Aktualität bekommen. Die zwei Reden der verblichenen Oberrabbiner Wiens, Prof. C h a j e s und Dr. Feucht wang, spiegeln die Stimmung wider, die sich aus der Betrachtung jener zwei Elemente ergibt, und rechtfertigen damit im gegenwärtigen Augenblick, die Veröffentlichung. Zwi Peres Chajes „Der dänische Dichter Geyerstam sagt in einem seiner Werke, Moses habe das gelobte Land mit seinem Blick nur deshalb umfassen können, weil er es vermochte, Gott zu zwingen, seinen Traum von der Seßhaftmaaung des jüdischen Volkes in Palästina zu verwirklichen. Wenn es nicht gelungen wäre, das Volk Israels in das Land zu bringen, hätte er Moses in die Wüste zurückführen müssen, und das jüdische Volk wäre vielleicht ein Räubervolk geworden. Wehe uns, wenn Herzls Gedanke keine Wirklichkeit geworden wäre! Denn das jüdische Volk hat Herzls Traum als Wirklichkeit empfunden. Wehe uns, wiederhole ich, wenn Herzls Traum verflogen wäre und jene Leere hinterlassen hätte, die seinerzeit der sabbatianische Traum hinterließ! Man hörte insbesondere in der Zeit vor dem letzten Zionistenkongreß und man hört auch jetzt noch in zionistischen Kreisen die Parole: .Zurück zu Herzl!* Diese Parole ist falsch. In der Geschichte kann es kein Zurück geben. Herzls Werk wäre nichts wert gewesen, wenn wir bei Herzl hätten stehenbleiben müssen. Sein großer Gedanke war der vom Judenstaat. Wir verstehen heute dieises Wort , Judenstaat' anders und tiefer, als es Herzl vor dreißig Jahren verstand. Herzl kannte unter anderem nicht das arabische Probien». Man kann auch sagen: Er wollte von der arabischen Frage keine Kenntnis nehmen. Wir haben uns unter * die Kontrolle des Völkerbundes gestellt, einer Institution, von der wir alle hoffen, das sie das Gewissen der Welt werden wird. Unsere freiwillige Unterwerfung unter den Völkerbund und unsere jüdische Ethik verpflichten uns, nichts zu fordern und nichts zu tun, was gegen die in Palästina siedelnden Araber gerichtet wäre. Jeden Schritt, den wir unternehmen, unterwerfen wir der Kontrolle höchster Sitt5ichka.it. Aber gerade deshalb haben wir den Anspruch, den Judenstaat zu verlangen, unsere Souveränität in Palästina zu fordern, mit der einzigen Einschränkung der Kontrolle durch den Völkerbund. Wir haben dieses Recht auf Grund der Ueberzeugung, daß wir Judein Palästina zu einem Zentrum der Kultur und des Segens^für die Menschheit machen können. In vielen Ländern haben die Araber Kulturzentren geschaffen, in Palästina aber vermochten sie es nicht. Die Juden hingegen haben in den kurzen Jahrhundenten ihrer staatlichen Selbständigkeit Palästina zu einem Kulturzentrum erhoben und in dem kurzen Jahrzehnt der jüngsten Aufbauarbeit ein kulturelles Werk begonnen, das nach Jahrhunderten der Verwahrlosung des Landes eine ungeahnte Entwicklung Palästinas gewährleistet. Bei aller Anerkennung der Schwierigkeiten, welche die englische Regierung zu bewältigen hat, müssen wir ihr vorhalten, daß die Balfour-Deklaration implicite die Zusicherung erhielt, das jüdische Volk werde in Palästina souverän sein. Bis zum Tage von San Remo haben die führenden englischen Staatsmänner uns versichert, daß bei Abfassung dieser Deklaration tatsächlich an den Judenstaat gedacht wurde. Wir verlangen von der englischen Loyalität, daß man uns sage: ,Es ist wahr, yrlr haben an den Judenstaat gedacht und es bleibt aufrecht, was in der Balfour-Deklaration eindeutig niedergelegt ist — aber wir müssen von euch Juden fordern, daß ihr euch in Geduld faßt.' Statt dessen wird uns von den Führern der englischen Politik der Verzicht auf den Judenstaat zugemutet. Wenn uns England sagt: Was ihr euch bis jetzt vorgestellt habt, war ein Irrtum, dann bricht man unsere moralische Kraft. Es ist mein tiefstes Glück — und ich danke diese Glück Theodor Herzl — daß ich über sein Werk, über die Entwicklung seiner Idee vom Judenstaat und daß ich zu der englischen Regierung so frei sprechen kann." Aus P. Chajes, Beden und Vorträge". Herausgegeben, von Prof. Dr. Morit» Rosenfeld. Wien, 193S, Verlag Josef Belf, Wien, /., Rabensteig 3. Dr* David Feudilwang „Lo bachajil welo bekoach ki im beruch', .Nicht durch Kraft, nicht durcht Macht — sondern durch meinen Geist spricht der Herr der Heerscharen.' (Sacharia.)1 wenn mir ein solcher zukommt. Fehlt ein Werk noch? Steht noch eines aus?... So bin ich doch zufrieden ... Wo steht es geschrieben, mo wird gesagt, daß es heilige Pflicht sei, sich mit ßelohnung auf jener Welt' so anzufüllen, so unzustopfen, bis der Magen schier zum Bersten voll ist? Und mo lebt der Richter, der beurteilen könnte, mos wahrhaftig wertvoller und besser sei: ein gutes Gedicht .—. oder, eine gute T.ajt, fia gutes Werk?,,. Dieses Prophetenwort, vor mehr ajs zweitausend Jahren in einer kriegerischen Zeit gesprochen, hat sich nicht bewahrheitet, sich nicht erfüllt-... Wo in aller Welt, können wir beobachten, daß nicht die Herrschaft physischer Kraft und Macht vorherrschend sei? Wo in allen Ländern unserer Erde ist die Herrschaft des Geistes zur Alleinherrschaft erhoben worden?... Wo in aller Welt?!... Und doch gibt es ein kleines Volk und in diesem vielleicht nur gezählte einzelne, welche ihr Ideal darin erblicken. Große Ideen, so lehrt uns die Kulturgeschichte aller Zeiten und aller Völker, nehmen ihren Ursprung in Gehirnen weniger. Und dort ruhen sie, oft sehr lange, bis ihre Zeit gekommen ist. Doch sind die Ideen, obwohl sie ruhen, obwohl wenige von ihrer Existenz wissen, wach, leben und beeinflussen die Entwicklung. Sie verschwinden nicht, Ideen verschwinden nicht, nie. Wenn wirklich große Ideen bloß von einigen Geistesheroen vertreten werden — und zur gleichen Zeit die Masse aber anderen Idolen mit Leib und Seele nacheilt, dient, ihre Verehrung schenkt, so ist dies kein Beweis für die Minderwertigkeit der Ideen, sondern ein klarer Beweis für die Minderwertigkeit oder, sagen wir, für die mindere Denk- und Urteilsfähigkeit der breiten, geplagten und gejagten Masse ... Dieses kleine Volk, dieses arme jüdische Volk, geht durch die Jahrtausende der Geschichte als Fahnenträger eines Ideals, einer großen Menschheitsidee : lo bachajil welo bekoach ki im beruchi... Und das Fest, welches wir heute feiern, Chanukah, offenbart uns die Seele des jüdischen Volkes: eine Minorität, eine einzige Familie, führt einen Kampf gegen eine erdrückende Majorität. Es war ein Sieg — ein militärischer, miodern gefaßt. Der Feind wurde geschlagen. Doch war dies nicht das Ziel, um welches gerungen wurde. Der tiefe Sinn des Kampfes war: die Reinigung des Heiligtums, die Einweihung des Gotteshauses. Es war ein Kampf um den Geist — gegen den Ungeist. Fremde Kulturen wollten die Seele des Judentums vernichten. Immer, wenn die jüdische Kultur mit einer fremden Kultur in Berührung kommt, können wir unterscheiden: Einerseits finden wir in unserer Geschichte, daß das jüdische Volk stets bereit war, die höchsten Kulturen der Menschheit in sich aufzunehmen — wenn diese nicht abzielten, den Kern, das Herz und die Seele der eigenen Kultur zu vergiften oder gar zu vernichten. So war es das Streben der griechisch-assyrischen Kultur^ dem Judentum den Todesstoß zu versetzen. Da erhoben sich des Kampfes ungewohnte Hände, des Krieges ungewohnte Menschen und griffen zum Schwert — zu kämpfen für die Gottesidee, zu ringen, um die Alleinherrschaft des Geistes. Aber immer finden sich Kreaturen, die durch roheste Geschichtsforschung unser Volk zu schänden versuchen. Durch die Jahrtausende unseres Geschichtslebens haben die Gegner der Wahrheit, die Gegner der Mensch* heit, versucht, ein Lügengewebe um uns zu spinnen. Vor nichts machte man halt: Man ist so weit gegangen^ uns des Mordes zu rituellen Zwecken zu be« zichtigen. Auch das mußte ich mit besonderem Bedauern hier von der Kanzel aus feststellen — auch in unserem Vaterlande Oesterreich haben, es gibt keine andere Be* Zeichnung, Verbrecher es gewägt! Und nun, meine Freunde, meine Brüder, will ich euch und der ganzen Gemeinde erklären: Wenn in unserem ganzen Schrifttum, in den Werken unserer Weisen, in den Büchern unserer Propheten, in den Ewigkeitsschöpfungen unserer Lehrer und Rabbiner — wenn in all diesen Schriften auch nur eine einzige Stelle sich findet, die beweist, daß diese Beschuldigungen gegen mein Volk wahr sind, dann trete ich als geistiges Oberhaupt dieser von mir so geliebten Gemeinde zurück, dann trete ich aus dem Judentum aus! Der Beweis wird nicht erbracht werden! Ich werde nieiht gezwungen sen, als Oberhaupt dieiser Gemeinde zurückzutreten! Ich werde in meinem geliebten Judentum verbleiben können! Weil: weil hier gemeine Verbrecher am Werk sind und niedrigste Geschichtsfälschung betrieben wird! Sagen Sie das weiter! Sagen Sie jedem, daß ich das erkläre! Meine Brüder! Ungewohnt bin ich solcher Worte! Widerwillig benutze ich sie! Aber nicht Haßgedanken erfüllen mich jetzt. Im Gegenteil: Liebe und Glaube! Liebe zur Menschheit! Glaube an die Menschheit! Gerade in diesen finsteren Zeiten habe ich den unerschütterlichen Glauben, daß die Menschheit weit besser ist, als sie manche Leute haben möchten! Jawohl, es bleibt welter unsere große Idee, mit der wir unser Volk führen und erziehen: Lo bachajil, welo bekoach, ki im beruchi!... Nicht durch Gewalt, nicht durch physische Kraft, sondern nur durch den erhabenen Geist! Er ist unser Primat! Und der Allmächtige füge es, daß auch die Umwelt diese Idee zum obersten Primat erhebe. Amen,'* (Predigt, gehalten Ohanuka 198%, aus dem Gedächtnis festgehalten von M. 8. Brafmann.)i Promotion. Samstag, den 11. Juli, fand die Promotion des Herrn Benno Taubmann, Sohn des Herrn Felwel Taubmann, zum Doktor der gesamten Heilkunde statt, ' '^JSWWtJW«^ ■*

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