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Die neue Welt · 1936-07-10 · Heft 575 (10.7.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 575 (10.7.1936)
Date
1936-07-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 575 vom 10. Juli 1936 DIE NEUE WELT Ein Judenmäddien sieht vor Richtern Zur Disqualifikation der Judith Deutsch Wenn man die bekannte These „Sport ist das Abbild des wirklichen Lebens" richtig einschätzt, wird man auch — fern vom Sportbetrieb des Tages — ein dem Wiener Sportbereich angehörendes Ereignis verstehen, das unter dem Titel „Der Fall Judith Deutsch" der Oeffentlichkeit bekannt ist. Die Oesterreichische Sport- und Turnfront hat die Meisterschwimmerin und Rekordlerin, die siebzehnjährige Judith Deutsch, suspendiert, weil sie sich als Jüdin weigerte, an der Berliner Olympiade teilzunehmen. Die Weigerung der jungen Sportlerin entsprach völlig der Stellungnahme ihres Verbarides, des jüdischen Turn- und Sportverbandes „Makkabi", der bereits am 22. Juni erklärte, „daß die Teilnahme österreichischer Makkabi an der Berliner Olympiade mit den Begrieffen jüdischer Ehre unvereinbar ist". Aber Judith Deutsch bezog sich bei ihrer Weigerung nicht bloß auf den Beschluß ihres Verbandes. Sie gab auch ihre eigene Willensmeinung ab. Die maßgebenden Funktionäre im Oesterreichischen Schwimmverband und im Oesterreichischen Olympischen Komitee ließen nichts unversucht, um Judith Deutsch von ihrer Weigerung abzubringen. Sie appellierten zweifellos an ihre vaterländische Gesinnung, an ihre Hochachtung vor der olympischen ■ Idee, sie malten ihr vielleicht die Folgen Ihres Widerstandes an die Wac& (Folgen, die jetzt eingetreten sind), kurzum sie agierten wie Richter, die einen Urteilsspruch gegen einen nichtgeständigen Missetäter zu fällen haben. '«'»W" ROBERT YOUNG, EVELYN VENABLE fmdem Ukedwmd REGIE: S A M TAYLOR BURG-KINO. f. Es ist gewiß zu verwundern, daß Männer, denen der Sport neben der körperlichen auch der geistigen und sittlichen Ertüchtigung zu dienen hat, einen moralischen Druck auf ein junges Geschöpf ausüben, nur aus dem Grund, weil dieses etwas besitzt, das so sehr auch vom Sportler verlangt wird: Charakter! Wir bezweifeln, daß gute Erziehungsresultate erzielt werden können, wenn man junge Menschen zwingen will, gegen ihr Gewissen zu handeln; wenn man sich dort auf patriotische Verpflichtungen beruft, wo das seelische Gleichgewicht in Gefahr gerät; wo man mit Maßnahmen einschüchtern will, die bei einem jungen Menschen mit Gerechtigkeitssinn einer Diffamierung gleichkommen. Judith Deutsch hat dem Drängen der Richter standgehalten. „Weil mir mein Gewissen das verbietet", schrieb sie in ihrer Herzenspein an den Oesterreichischen Schwimmverband und fand mit dieser Motivierung überall Sympathie, wo Sport und Menschenwürde untrennbare Begriffe sind, also bei allen Kreisen, denen der olympische Gedanke Sache auch der persönlichen Ehre ist. IRUT-Ferienreise am 12. und 19. Juli 1936 nach Polen u. Czernowflz „IRUT"f Wien lf Karlsplati 1. Telephon U-44-5-79 Wie wir erfahren, hat Judith Deutsch übrigens die maßgebenden Faktoren keinen Augenblick darüber im Unklaren gelassen, daß sie nicht nach Berlin geht. Man hat sie vertröstet und ihr einen sogenannten „Trainingseid" abgenommen, der nur zu weiterem Training beim Vereinstrainer verpflichtet. Und plötzlich, am 26. Juni — Suspendierung für zwei Jahre! Von jüdischen Sportlern wurden noch die vierzehnjährige Ruth Langer, die Leichtathletinnen G o 111 i e b und Neumann und der Ringer Finczus aufgefordert, bei der Berliner Olympiade zu starten. Da diese aber Mitglieder des „Makkabi" sind, konnten sie erklären: „Wir boykottieren nicht Olympia, sondern Berlin." Auch die jüdischen Sportler von England, Frankreich, Italien, Amerika, der Kleinen Entente werden in Berlin nicht starten, ohne der Disqualifizierung anheimzufallen. Die Weltmeisterin Hollands, die Jüdin Willi den O u d e n, hat bereits vor Wochen erklärt, daß man ihr nicht zumuten könne, in Berlin zu starten — ein Standpunkt, der sowohl vom holländischen Schwimmverband als auch vom hollän- dischen Olympischen Komitee zur Kenntnis genommen wurde. Ist die Berufung auf die Stimme des Gewissens ein Verbrechen, das bestraft werden muß? Gilt menschliche Würde dort nicht, wo es um eine Goldmedaille geht? Sport in allen Ehren! Aber die Ehre darf nicht in ßp.QPt V-ftZt-W-AiRgSlt WftFäen» Das BetyMhis des l/dienu 6fotea&Mww Der Sarg wird vor dem Seitenstetten-Tempel in den Wagen gehoben. Am 7. Juli wurde Wiens Oberrabbiner zu Grabe getragen. Schon zeitig früh hatte sich eine riesige Trauergemeinde beim Trauerhaus angesammelt. Die ganze Innere Stadt war schwarz von Menschen und gab dem toten Führer des jüdischen Wien das Geleite vom Wohnhaus bis zum Seitenstctten-Tempel. Die Straßen ringsum waren von vielen tausenden Menschen gefüllt, die Geschäfte gesperrt. Trauerfahnen wehten von den Häusern. Lange vor Beginn der Trauerfeierlichkeiten war der Tempel überfüllt. In Vertretung des österreichischen Bundeskanzlers waren Ministerialrat Dr. Hirsch-Stronsdorff, in Vertretung des Unterrichts- und Kultusministers Sektionschef Dr. Löbenstein und Ministerialrat Fohr, für das Landesvcrteidigungsrninisterium Oberstleutnant Reicher erschienen, in Vertretung des Magistratsdirektors von Wien Obersenatsrat Dr. Hornegg, für die Vaterländische Front Graf Wurmbrand und Major P r o s k o w e t z, für das Besondere Stadtamt Magistratsrat Dr. Breymann, für den Stadthauptmann Polizei-Oberkommissär Dr. K r a u s z mit Polizeirat Doktor Wagner, für die Altkatholische Kirche der Bischof Dr. T ü ch 1 e r, weiters der gesamte Vorstand der Wiener Kultusgemeinde, an der Spitze Staatsrat Dr. Desider Friedmann, Vizepräsident Ing. Robert Stricker, Amtsdirektor Dr. Löwen herz und Rat der Stadt Wien Dr. Ehrlich, letzterer auch in Vertretung des Wien er Bürgermeisters; Altpräsident der Kultusgemeinde Generalstabsarzt Professor Pick, Bundeskulturrat Hof rat Dr. Frankfurter, Generalmajor a. D. Sommer, Universitätsprofessor Dr. Heinrich Erlffsniifi von der täglichen Qual ist die sanft-scharfe Bsr.;u»uim!s l/floekeusfäegst Falsche Hoffnungen Nach der Haltung, die das Judentum in Palästina in diesen Monaten demonstriert, können die Araber nicht mehr die Vorstellung haben, daß sie mit ihren Terrormethoden den Jiscliuw in der .Fortsetzung seines Werks verhindern können. Hinter den Kampfmethoden der Terroristen steckt vielmehr die Spekulation auf die Nervosität der Juden außerhalb Palästinas. Man hofft, bei den Juden in Wascliau, in New York, in Berlin und in London die Vorstellung zu erzeugen, daß Palästina nicht der geeignete Platz ist, um dort eine gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk zu errichten. Man hofft, durch Einschüchterung zu erreichen, was auf dem Wege der Politik nicht zu erreichen war: das Aufhören der Einwanderung und die Ablenkung des jüdischen Wanderstroms nach anderen Ländern der Erde. Es soll dies die arabische Methode des stop immigration sein, nachdem der Versuch, England zur Sperrung der AHjah zu bewegen, gescheitert ist. Und es konnte keinen größeren Gegenschlag gegen die arabische Kampfaktion geben, als die Fortfühning der Alijah, die auch heute noch sich ins Land ergießt. Wenn die Haltung der Unerschütterlichkeit, die für das palästinensische Jtidentum so charakteristisch ist) auf ■ die gesamte jüdische Welt übergreifen wird, wenn der Wille nach neuer Schöpfung weiterwachsen wird, dann werden diese Methoden des Kampfes in kurzer Zeit ad absurdum geführt werden. „Isr. Familienblatt", Berlin. „Eine katholische Stimme" Die verabscheuungswürdige und stumpfe Gesetzgebung gegen Ihre Glaubensgenossen in Deutschland erfüllt mich mit Abscheu und Entsetzen, persönlich habe ich die Juden stets zu meinen besten Freunden gezählt, und sie sind mir stets auf das Rücksichtsvollste entgegengekommen. Mein betändiges Bibelstudium hat mich außerdem von der überragenden Bedeutung Israeli in bezug auf Gott und die Menschheit überzeugt. Israel hat mit heldenhaftem Mut und einer geistigen Kühnheit, die ohne göttliche Berufung unerklärlich wäre} gegen die Macht RomS) gegen die Gedankengänge Griechenlands, stets den Gedanken eines, persönlichen und tra/nsmßndentalen, allem Neu mann, Rabbiner Dr. Kur rein aus Linz, Rabbiner Dr. Willmann aus Nikolsburg, Oberrabbiner Dr, Davids aus Rotterdam (der Schwiegersohn des verewigten Oberrabbiners), sämtliche Gemeinde- und Vereinsrabbiner mit dem interimistischen Oberrabbiner von Wien Dr. I. Taglicht an der Spitze, Vertreter, sämtlicher Bethausvereine, des Bundes jüdischer Frontsoldaten, des Bundes legitimistischer jüdischer Frontsoldaten, die Zionistischen Bezirkssektionen und alle jüdischen Parteien und Gruppen, insbesondere des M i s r a c h i, dessen Ehrenpräsident der Verblichene war. Nach einem vom Oberkantor Matyas und dem Terapelchor dargebrachten Choral hielt der interimistische Oberrabbiner Dr. I. Taglicht, einen tiefempfundenen Nachruf, in welchem er den verstorbenen Oberrabbiner Dr. Fcnchtwang als eine Persönlichkeit pries, in der alle Tugenden eines wirklichen Führers vereinigt waren, eines Juden von höchster Kultur und vorbildlichen Wirkens für die Gemeinde. Nachdem der Oberkantor die rituellen Gesänge beendet hatte, wurde der Sarg auf den Zentralfriedhof gebracht. Hier hatten sich zahlreiche Delegationen eingefunden. Rabbiner Dr. A. Z. Schwarz und der Präsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde Staatsrat Doktor Desider Friedmann, würdigten die Persönlichkeit des Verstorbenen. Weiters sprach der Schwiegersohn des Verewigten, der Oberrabbiner von Rotterdam, Doktor Davids, der Rabbiner von Nikolsburg, der Geburtsstadfc des Oberrabbiners, Dr. Willmann, sowie Kommerzialrat Dr. Glattauer frü die Bne-Brith-Loge „Heimat". Aberglauben des Heidentums überlegenen Gottes auf' rechterhalten. Und gerade dieses, in der niedrigsten und tcidenoärtigsten Form wiedererstandene Heidentum brandet abermals gegen diesen unerschütterlichen Fels. Paul Claudel an den „Jüd. Weltkongreß 1936". Der ungünstige Widerhall Es herrscht der Eindruck vor, daß die rumänische Regierung, die bisher der antisemitischen Propaganda mit wohhoollender Duldung gegenüberstand, sich nunmehr infolge des un günstig en Widerhalls, den die jüngsten Ereignisse in offiziellen französischen Kreisen gefunden haben, entschlossen hat, weitere Ausschreitungen zu verhindern. J. T. A.-Meldung aus Bukarest. Was England nicht erfuhr Glückliches, englisches Volk, das aus eigener Erfahrung nicht weiß, was es heißt, seine Heimat in einem Lande zu haben, wo man von der herrschenden Nation nur als zweitrangige Nation behandelt ivird. „Nation und Staat", Wien 1936. Faschismus an Frankreich Ich weiß, daß die Mehrzahl der Wähler unter dem Banner „antifaschistischer" Parteien zur Urne gegangen ist. Aber Mese Wähler haben für den Faschismus gestimmt, ohne es zu ivissen. Das ist das gnmdlegende Mißverständnis, das die neuen Bataillone der Linken von den alten trennt. Und warum sind die Faschisten"? Weil sie aus Unzufriedenheit so und nicht anders gewählt haben. Weil sie meist Kleinbürger sind. Auch in Italien und in Deutschland haben die Kleinbürger den Faschismus hochgebracht. Die französischen Kleinbürger haben nicht für die Kandidaten der Volksfront gestimmt, iceil diese ein Programm der Linken vertreten, sondern aus Protest gegen die Lässigkeit und Passivität der bisherigen Politik und in der Hoffnung auf eine Erneuerung. Vladimir d'Ormesson („Temps" 1936.) Inu« ausländische Hausbesitzer verwalten ihre durch behördlich konz. Realitätenkanzlei Wien I, Franz Josefs-Kai 1, Tel. R<21<5*30 Erstklassige Referenzen!

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