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Die neue Welt · 1936-07-03 · Heft 573 (3.7.1936) · page 5

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 573 (3.7.1936)
Date
1936-07-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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ffr. 5TS vom 9. JtiH 1936 DIE NEUE WELT Seite 5 Zyni§mu§/ Heuchelei Links, rechts und in der Mitte Der lango Krieg und die fast zwanzigjährige Nachkriegszeit voll schwerer Leiden haben die Menschen aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht, des selbständigen Urteilen» unfähig und zur leichten Beute für gröbste Demagogie gemacht. Wer frecher lügt, zynischer heuchelt, der hat das Spiel gewonnen, Die Welt hat verlernt, politische Komödianten auszulachen oder wegzujagen. Sie hört die offensichtlichsten und unverschämtesten Lügen ruhig und gläubig an. * Im englischen Parlament hat dieser Tage der Abgeordnete G a 1 i a c h c r die Regierung heftig angegriffen, weil sie jetzt in Palästina jüdisches Leben und Eigentum gegen arabische Mörder und Mordbrenner zu schützen bemüht ist. Vor allem aber macht JHerr Galiacher der englischen Polizei in Palästina zum Vorwurf, daß sie das religiöse Empfinden der Araber verletze. Er jammert darüber daß in Jaffa „anerkannt heilige Stätten" zerstört wurden. (In Wirklichkeit wurden ein Dutzend baufälliger Baracken, die als Verbrechernest dienten; niedergelegt.) Er klagt, daß man, entgegen den Vorschriften des Islams, auch .,Frauen einer strengen Durchsuchung unterzogen habe". (Man hat Bomben bei ihnen gesucht und auch gefunden.) Er schreit entsetzt auf, weil man „alten Männern den Besuch des Freitagsgottesdienstes verwehrte". (Um den Mordüberfällen im Dunkeln ein Ende zu machen, hat man das'Betreten der Straßen in der Nacht verboten.) Wer ist dieser um das religiöse Empfinden der Araber so besorgte Herr Gallacher? Der e i n <z i g e Kommunist im englischen Unterhaus! Also ein Angehöriger jener Partei, für welche Religion Opium fürs Volk ist, welche Befolgung religiöser Bräuche dort, wo Bie an der Macht ist, mit Kerker und Tod bestraft, welche in Rußland aus Gotteshäusern Kinos, Arbeiterklubs, Kasernen und Tanzböden gemacht hat und in Mexiko und Spanien die Kirchen verbrennt. Herr Gallacher hat gesprochen und das Haus hat nicht gelacht und die Zeitungen haben über seine von religiösem Eifer durchglühte Rede berichtet, wie über jede andere. * Im Berliner Humboldt-Klub, der Vereinigung der in Deutschland studierenden Ausländer, hat der Leiter des rassenpolitischen Amtes der Hitler-Partei, Dr. Groß, einen Vortrag über das Wesen deutscher Judenpolitik und Judengesetze gehalten. Er hat zusammenfassend erklärt: „Wenn wir sagen, die Rassen sind verschieden, dann werten wir nicht. Auch wenn wir die Rassenmischehe verbieten, werten wir nicht. Wir verhindern aber damit die tragische Entwicklung der Menschen, die nicht Juden sind, da die Mutter Nichtjüdin ist, und die nicht Deutsche, sein können, da der Vater Jude ist, und wollen verhütten, daß am Ende ein bedauernswertes Individuum, das keine Heimat hat, entsteht." Der Judenpeiniger legt das „Messer, von dem 's Judenblut spritzt", zur Seite, zieht ein blütenweißes Hemd und einen gebügelten Bratenrock an und erzählt den lieben Gästen aus Amerika, England, Japan etc., daß alles, was er tut, ein Ausdruck des Mitleids und der Barmherzigkeit ist. Und die Herren ausländischen Akademiker brechen weder in Gelächter au«, noch springen sie empört über die Zumutung auf. # Im offiziösen Organ der tschechoslowakischen Regierung „Prager Presse" erschien aus Anlaß der Anwesenheit des Präsidenten der „Neuen zionistischen Organisation" Jabotinsky ein polemischer Artikel, in welchem vom demokratischen Standpunkte aus gegen das von den Anhängern Jabotinskys betonte „Führertum" Stellung genommen wird. Darüber hinaus wird aber in dem Artikel ein heftiger Angriff auf das zionistisch« Streben nach dem Judenstaate unternommen , und die , Sache so dargestellt, als sei das Reden von einem Judenstaat oder einem unabhängigen Palästina geeignet, die „Prinzipien des internationalen Friedens" zu verletzen. Im Artikel wird dies Frage aufgeworfen, ob es überhaupt angängig sei, in der Tschechoslowakei, welche , diese Prinzipien zu höchst wertet, über einen Juden&taat sprechen zu lassen. Zum Schlüsse dieser Ausführungen heißt es: „Alle Achtung vor dem jüdischen Staat in Palästina, alle Achtung vor Freiheitsbestrebungen aller Völker der Erde, aber man weiß, daß solche Dinge in der jetzigen Zeit 'nur mit Hilfe von Kriegen zustande gebracht werden, und die Welt wird wahrscheinlich wegen eines absolut unabhängigen Palästina nicht einen kleinen Weltkrieg beginnen wollen." Ein selbständiges jüdisches Paläsüna ist von allen Mächten als gerechte Lösung der Judenfrage anerkannt worden und diese Anerkennung ist bis heute nicht widerrufen worden. Es ist — gelinde gesagt —-• ein Reden wider besseres Wissen, wenn man, die Sache so darstellt, als müßte die Befriedigung eines gerechten Strebens des jüdischen Volkes einen Krieg oder gar einen „kleinen Weltkrieg" nach sich ziehen. Es ist doppelt unaufrichtig, wenn gerade von einer tschechoslowakischen Seite mit frommem Augenaufschlag die Prinzipien des internationalen Friedens gegenüber dem Juden Staatszionismus als „Friedensstörer" für schutzbedürftig erklärt werden. Bekanntlich ist ja auch der Staat des tschechoslowakischen Volkes nicht als Resultat eines „internationalen Friedens", sondern eines internationalen Krieges entstanden. Und wenn heute die Selbständigkeit und Integrität dieses tschechischen Staates bedroht würde, würde der offiziöse Herr Artikelschreiber von der ganzen Welt Schutz des tschechischen Volkes mit allen Mitteln fordern, sei es auch um den Preis der Verletzung des „internationalen Friedens", um den Preis eines „kleinen", vielleicht auch eines großen Weltkrieges. Es ist Heuchelei, sechzehn Millionen Juden als Frevler wider den Weltfrieden hinzustellen, weil sie verlangen, was man zehn Millionen Tschechen aus vollem Herzen gegönnt und gegeben hat. Der Artikel in der „Prager Presse" enthält eine ansehnliche Portion jener Augenaufschlägerei, die jetzt leider so gangbare politische Waregeworden ist. Er steht aber auch in krassem Gegensatze zu den feierlichen Erklärungen beider Präsidenten des Staates. Masaryk und B en e s c h haben sich wiederholt zur Forderung des jüdischen Volkes -Mefhode und -Präpa rate (Modellieren t» m lebenden Körper) M"i« Emmy Fürholzer, geb. Schiaß, Erfinderin der neuen Mona-Llsa-Massagertiefhode, einer Sensation der Händetechnik. Durch vollkommene Kenntnisse der Anatomie und jahrelang erprobte Präparate wird für tieferstehend angeführte Leiden vollständige Behebung schriftlich garantiert Sämtliche Stauungen und Störungen, benannt: Verfettungen, Verkalkungen, Wassersucht, Diabetes, Muskelschrumpfungen, Muskelsenkungen (auch bei zu großen oder Hängebusen), Lähmungen, Rheuma aller Arten können durch die Mona-Lisa- Mefhode und -Präparate gänzlich herausgearbeitet werden. Der Körper wird wieder jung In kurzer Zeit und für wenig G.eld, Ohne Diät, Packungen, Bäder und Apparate. Schon nach fünf Massagen Erfolg ersichtlich u. fühlbar. Voranmeldung erwünscht wHOHB-LISIl"! Birefttion Hme Emmv Fürholzer Wien I, Spiegelgasse 13, Telephon R>21-1-64B nach einem eigenen und selbständigen Nationalheim© bekannt. Es ist zu hoffen, das ihr Wort für die Haltung der Tschechoslowakei zum Zionismus maßgebend sein wird, nicht aber das Wort des Schreibers ihres Blattes. r. st. Mörder — frefigesprödbera Die sich verteidigten — verurteilt. Aus Warschau wird gemeldet: Am 26. Juni hat das Distriktsgericht in Radom das Urteil gegen 43 Christen und 14 Juden gesprochen, die angeklagt waren, an den blutigen Unruhen, die sich am 9. März d. J. im Städtchen Przytik ereigneten, teilgenommen zu haben. auf Teilzahlung FRISIER-SALON GEBE ICH ZUM GESETZLICH VORGESCHRIEBENEN MINDESTPREISE ANZAHLUNG UND BEQUEME KLEINE MONATSRATEN Der jüdische Hauptangeklagte Schalora Jechiel Lesko, 20 Jahre alt, Wirde zu 8 Jahren schweren Kerkers, der junge Elieser Kerszenzweig zu 6 Jahren schweren Kerkers, der 27jährige Jizchak Friedman zu 5 Jahren schweren Kerkers, zwei weitere jüdische Angeklagte zu je 10 Monaten, zwei zu je 8 Monaten, vier zu je 6 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Drei Jüdische Angeklagte wurden freige^prochen. Von den christlichen Angeklagten wurden drei zu je einem Jahr, fünfzehn zu je 6 Monaten, sechs zu je 8 Monaten, einer zu 10 Monaten Kerker verurteilt. Achtzehn christliche Angeklagte wurden freigesprochen. Das Urteil gegen die christlichen Angeklagten erfolgte wegen allgemeiner Teilnahme an den Unruhen. Der Mord an dem jüdischen Ehepaar Josef und Chaja Minko wski blieb un gesühnt, obwohl eine Reihe Angeklagter der direkten Teilnahme an diesem b e s t i a 1 i ach en Doppelmorde und der blutigen Mißhandlung der sechs Kinder des Ehepaares Minkowski beschuldigt und durch Nachbarn Minkowskis als die Täter erkannt worden waren. In der Begründung des schweren Urteils gegen Lesko und Kerszenzweig stellte das Gericht fest, daß die von Lesko abgegebenen Schüsse die Bauernschaft zu weiteren Unternehmungen gegen die Juden provozierten! Auf die polnische Judenheit hat das Urteil einen furchtbar deprimierenden Eindruck gemacht. In der Geschichte der jüdischen Märfcyrioiogie werden die Vorgänge in Przytik und das Urteil des Gerichts in Rädom auf einem besonderen Blatt verzeichnet sein. Einer der jüdischen Verteidiger stellte in seinem Plädoyer fest, daß es im zaristischen Rußland hunderte Pögromprozesae gab, daß aber niemals, wie jetzt im Frau Henriette Lipschitz ist am 26. Juni 1986 verschieden. Die Beerdigung fand am 26. Juni in Baden statt. Hofrat Dr. Isak Lipschitz als Gatte Vilma Weiner, Hilda Lipschitz als Töchter Falle Przytik, die Geschlagenen vor Gericht g e 3 ".}!'• t r/urrtan. Während das Gericht bei der Verhandlung immerhin eine gewisse äußere Objektivität walten ließ, ergingen sich die Verteidiger der christlichen Angeklagten in. maßlos antisemitischen Reden und wärmten alle Legenden auf, die gegen die Juden je verbreitet wurden. Sie stellten den ganzen Konflikt als einen Versuch der Polen dar, sich vom jüdischen Handel zu emanzipieren, und forderten das Gericht auf, diese Bestrebungen durch den Urteilsspruch zu 1 e g a 1 i s i e r e n. * In einer gemeinsamen Sitzung der Repräsentanz der Warschauer jüdischen Gemeinde und des Rabbinats wurde beschlossen, eine Protestkundgebung gegen die Verleumdung des Judentums und der jüdischen Religion, begangen durch die Verteidiger der christlichen Angeklagten im'Prozeß wegen des Pogroms in Przytik zu erlasesn und den Protest der Regierung durch eine Abordnung überreichen zu lasser lüdHsdier Pr&iesistreVk Aus Warschau: Das Urteil des Radomer Kreisgerichtes im Prozeß wegen des Pogroms in. Przytik hat unter der Judenheit ganz Polens eine tiefe Niedergeschlagenheit ausgelöst;- esr wird als ein F r e ibrief für weitere Pogrome empfunden. Im Sejm wurde das Urteil bekannt, als die Abgeordneten gerade zu «inem Abschiedstee anläßlich des Sessionsschlusses versammelt waren. Bei Bekanntwerden des Urteils erlitt der jüdische Abgeordnete Dr. ^Göttlich einen Schwächeanfall. Nachdem er sich etwas erholt hatte, verließ er tief erbittert in Gesellschaft der übrigen jüdischen Parlamentarier die Veranstaltung. Mäßigste Preise — Große Auswahl — Kataloge kostenlos HERMAHN TUCHNER, Wien llf Ecke Taborstrctlie 52 Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Gr. pro Tag, sonst nichts — Anfragen: Tel. R-41-4-20 Am Dienstag, den 30. Juni, hielten die Juden überall in Polen zwischen 12 und 2 Uhr nachmittags einen Pro« teststjreik gegen das Urteil ab. Den Aufruf zum Streik erließen die zionistischen Organisationen, die jüdischen Berufsvereinigungen u. a. m. Es heißt darin: „Ein mächtiger Schrei des Protestes und des Zornes entwindet sich den Herzen der Juden. Wiederum hat man uns unbarmherzigen Kampf bis zur Vernichtung angesagt. Von der Tribüne des Sejm predigt man den „ökonomischen Kampf" gegen uns (Anspielung auf den bekannten Ausspruch des Ministerpräsidenten General Skladkowski), in den Gerichtssälen dürfen nationaldemokrätische Anwälte Judentum und jüdische Religion schänden, dagegen die Religion der Pogrome predigen; in den Straßen der polnischen Städte finden diese Lehren ihren verbrecherischen Ausdruck. Wir dürfen nicht schweigen, wir nehmen den Kampf gegen den Ausrottungsgedanken auf. Wir kämpfen für die volle Gleichberechtigung des jüdischen Volkes, für sein Recht auf Leben und Arbeit. Die Gerechtigkeit wird siegen!" In den Stunden von 12 bis 2 Uhr waren überall die jüdischen Geschäfte geschlossen; es wurde der jüdischen Pogromopfer gedacht,

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