Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 572 (26.6.1936)
- Date
- 1936-06-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 572 vom 26. Juni 1Ö36 |<M......<........................»MMMMMMMMO^ SIEGM. KORNMEHL OAOSSPLCISCHHAUIREI Zentrale: IX., ßerggaise 1$, Tel. ü. A-16-9-3A Lieferant für Heilanstalten fl£S^|^£2«!^£LM2^!^€iL; unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr.!► Kultusgemeinde Wien Autoxustellung kostenlos :: IX., Bftrggassa 15 ✓ XVIII., Währingersir. 97;;!MHMMMIMMIMM»MM.....MMtMUMMMMMMMR Aus Polen Deklaration des Senators Rabbi Dr. Schorr In der Sitzung des polnischen Senats, in der das Ermächtigungsgesetz verhandelt wurde, gab der jüdische Senator Rabbiner Professor Mosche Schorr die folgende Erklärung ab: „Seit neunzehn Jahren, seitdem Polen seine Unabhängigkeit erlangt hat, war die Situation der dreieinhalb Millionen Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung nicht so beunruhigend wie in diesem Augenblick. Es vergeht kein Tag ohne Exzesse und schwere Verbrechen im Sinne des Strafgesetzes. Seit vielen Monaten darf die antisemitische Presse ungestraft die wildesten Instinkte gegen die Juden wecken und eine Pogromstimmung schaffen. Noch schlimmer ist es, daß man vom höchsten Forum, dem des Sejm, die Formel predigt, daß an allen Nöten des Staates und des Volkes die Juden die Schuld tragen und daß die einzige Heilung in der Exterminierung der Juden zu suchen ist. Unter solchen Umständen bin ich gezwungen, gegen die Vollmachten an die Regierung zu stimmen. Die Regierung muß wissen, daß sie Ruhe und Ordnung, die Fundamente des Staates, vor allem garantieren muß. Zu unserem Bedauern haben wir kein einziges Wort gehört, das uns in dieser Zeit schwerer Leiden trösten könnte; nicht einmal die Versicherung, daß der Gesetzlosigkeit ein Ende gesetzt werden soll. Zur! Schaffung der Sicherheit im Lande bedarf die Regierung keiner speziellen Vollmachten, die Verfassung gibt ihr solche Vollmachten." Das Ermächtigungsgesetz wurde mit allen gegen die Stimme des Professors Schorr angenommen. Hetze im Gerichtssaal. In dem Prozeß wegen des Pogroms in Przytik vor dem Radomer Kreisgericht behauptete der Staatsanwalt Dr. Ratkiewicz in seinem Plädoyer, die Juden hätten dadurch, daß sie auf die Bauern geschossen hätten, den. Pogrom selbst verursacht. Gegen einen der jüdischen Angeklagten, Israel Kerschenbaum, zog der Staatsanwalt die Anklage zurück. Eine ausgesprochene Hetzrede hielt der Vertreter der nichtjüdischen Kläger, Rechtsanwalt Niebieski. Er erklärte, man müsse die Juden aus den polnischen Städten vertreiben, es sei dort kein Platz für sie. Die Juden hätten verlangt, daß die Regierung sie vor dem Boykott schütze, aber das könne nicht geschehen. Wir leben, erklärte der Anwalt, in einem polnischen, freien, christlichen Lande, wir müssen aber das Joch wirtschaftlicher .Sklaverei abschütteln. Zwei antisemitische Reden hielten auch die Rechtsanwältin Gajewicz und der bekannte nationaldemokratische Anwalt Kowalski. Frau Gajewicz wandte sich dagegen, daß der Staatsanwalt die Anklage gegen Jacob Kerschenzweig fallengelassen hatte. Frau Gajewicz begründete den Entschädigungsanspruch ihrer Klienten damit, daß die Juden Porzellan hätten, während die Christen von irdenen Tellern essen müssen. Rechtsanwalt Kowalski stützte sich in seiner Rede auf Material aus „jüdischen Quellen". Kowalski erklärte, die Juden von Przytik hätten sich an die Weltjudenheit mit einem Appell gewandt, ihnen im Hinblick auf den unerträglichen Boykott zu helfen; die Weltjudenheit aber habe geantwortet: „Helft euch selbst!" Jetzt wisse man, wie die Selbsthilfe der Przytiker Juden aussah. Kowalski behauptete weiter, Schalom Asch habe den polnischen Soldaten herabgesetzt, das achte Gebot werde von den Juden nicht mehr befolgt, und da sie an den Talmud glauben, dürfe man einer jüdischen Aussage unter Eid keinen. Glauben schenken. Als der jüdische Angeklagte Jacob Kerschenzweig ausrief: „Kowalski sollte noch sägen, daß die Juden Blut für Mazzoth gebrauchen", wurde er mit drei Tagen Einzelhaft bestraft. Es hielten noch weitere fünf nationaldemokratische Anwälte Reden, in denen sie Angriffe gegen die Juden richteten und den Boykott verherrlichten. Ueberfall auf jüdische Kinder Aus Warschau: In dem Städtchen Przytik haben polnische Schüler der Ortsschule ihre jüdischen Kollegen bei einem Ausflug überfallen und barbarisch mißhandelt. Als die polnischen Kinder antisemitische Lieder zu singen begannen, wollten sich die jüdischen Kinder zum Protest entfernen, die begleitende Lehrerin erlaubte es ihnen aber nicht. Als dann die Kinder den Waldrand erreichten, fielen die polnischen Schiller über die jüdischen Kinder her. Einige jüdische Binder wunden erheblich verletzt, dem sechsjährigen Noah Morgenstern wurden alle Zähne ausgeschlagen, er mußte ins Hospital gebracht werden. Aus Lemberg wird gemeldet, daß in den Dörfern Ostgaüziens ein ungeheurer antijüdischer Terror herrscht. In den Dörfern der Umgebung der Stadt Belce wurden viele jüdische Häuser niedergebrannt. Der 60jährige Wolf Goldstein wurde lebensgefährlich verletzt. Im Eisenbahnzug In der Nähe von Otwock bei Warschau haben Huligans den 50jährigen Jerachmiel Lipstj»4$ tgriffen und ihm den Bart angezündet. Lipstadt erhierV Verbrennungen am Kinn und an den Händen. HutdeeitetisiM„AusUia" OLGA KADIfCH, BAD VÖJLAU Für Kinder von 3Jahien aufwärts. Besle Erfolge auch bei schlecht essenden u. schwerer eizlehbaren Kindern. Erstklassige Verpflegung. Von Aerzten empfohlen. Sport, Spiel, Unterricht 'Ganzjährig geöffnet jetzt SCHUBERTPLATZ 3 IN NEU ADAPTIERTER VILLA ■HBRnmHBBEBHI Fortsetzung der arabischen Terrorakte Maßnahmen der Regierung Aus Jerusalem wird uns unter dem 22. Juni gemeldet: Nachdem es in den vorangegangenen Tagen den Anschein hatte, daß die arabischen Terroristengruppen etwas ermüdeten und an Munitionsmangel zu leiden beginnen, rafften sie sich gegen das Wochenende zu konzentrischen Angriffen auf englische Polizei und Militär an verschiedenen Stellen des Landes auf. Hand in Hand damit gingen Angriffe der Pogromisten auf jüdische Pflanzungen und jüdische Institutionen in den Städten, wobei wiederum einige Juden ihr Leben lassen mußten. Bei einem Angriff von Aarabern auf eine jüdische Pflanzung in der Nähe von Kfar Saba wurde der au3 Deutschland stammende Jude Elieser L i s e r durch Schüsse getötet. Ein offizielles Communique teilt mit, daß in der Nacht auf Sonntag arabische Saboteure einen Abschnitt der Jerusalemer Wasserleitung in den Judäischen Bergen mit Dynamit beschädigt haben. Man arbeitet an der Beseitigung der Störung. Für die Wasserversorgung Jerusalems besteht keine Gefahr. An verschiedenen Stellen des Landes wurde die Telephonleitung zerstört. Bei Nablus wurde eine ganze Araberfreischar vom Militär gefangen, wobei ein Araber getötet wurde. Bei Tulkarem in Nordpalästina kam es zu größeren Zusammenstößen mit etwa 70 Arabern, wobei Militär, Polizei und Flugzeuge eingesetzt werden mußten. Ein Soldat fand den Tod, drei wurden verletzt. Die Araber ließen zwei Tote zurück. Weitere Nachrichten besagen, daß bei dem Zusammenstoß mindestens zehn Araber getötet wurden. Die Mandatsregierung hat heute neue scharfe Maßnahmen angekündigt. Eine Verordnung sieht für unbefugten Besitz von Waffen, Bomben und Explosivstoffen mindestens fünf Jahre Gefängnis vor. Bei schweren Fällen kann auch lebenslängliche Gefängnisstrafe verhängt werden. Ferner soll von jetzt au das Werfen von Bomben mit dem Tode oder mit lebenslänglichem Gefängnis bestraft werden, auch wenn keine Menschen bei dem Anschlag zu Tode kamen. Eindruck der Rede Ormsby*Gores in Palästina Die hebräische Tageszeitung „Haboker" zitiert Aussprüche dem Mufti nahestehender Kreise als Antwort auf die letzte Rede des Kolonienministers Ormsby- Gore im Unterhaus. Die erwähnten Kreise erklären: „Der Kampf beginnt erst jetzt; was bisher geschah, war nur ein Kinderspiel im Vergleich zu dem, was kommen wird." „Davar" führte aus, es seien klarere Worte hinsichtlich der Grundlage des Nationalheimes nötig, und es sei die Frage, wie weit die Administration in Jerusalem durch die Reden im Unterhaus beeindruckt sei. (J. T. A.), Morris Schwartz in Wien „Josche Kalb" im Bürgertheater Obwohl bereits seit 50 Jahren in Mitteleuropa jüdisches Theater gespielt wird, ist die Teilnahme der jüdischen Gesellschaft daran viel jüngeren Datums. Was den sogenannten „kultivierten" Juden in allen Ländern von der Berührung mit der jüdischen, das ist der jiddischen Bühne abhielt, war das Gefühl, daß es hier um ganz mindere künstlerische Anregungen und nicht höhere sittliche Werte ging. An den Bestrebungen, dem jiddischen Theater zum Durchbruch zu verhelfen, nahm für den großen amerikanischen und später auch europäischen Kulburkreis Morris Schwartz als Schauspieler, Regisseur, Dramaturg und Leiter des Jüdischen Kunsttheaters in New York den allergrößten Anteü. Es ging nicht etwa darum, gutes Theater zu bieten; gutes jiddisches Theater, gute Autoren aufzuführen; sich in der Regie dem internatoinalen Gesellschaftstheater zu nähern. Es ging nicht einmal darum, das jiddische Theater, das eine Unterhaltungsstätte für den einfachen, primitiven, geschmacksarmen Mann, den „Mojsche", war, salonfähig zu machen. AU das gab sich von selbst. Vielmehr hieß esj den dramatischen und schauspielerischen Talenten des jüdischen Volkes einen Wirkungsraum zu erschließen, in dem er autonom, gemäß seinem seelisch-jüdischen Habitus, wirken konnte — also etwas Neues, eindeutig Jüdisches aufzubauen. Der artistische Standard der Morris« Schwartz-Bühne steht außer jeder Diskussion. Seine Vorstellung von jüdischem Theater und seine Forderung an das jüdische Theater gipfeln in der Ueberzeugung, daß dieses eine Kulturmission zu erfüllen hat — für das jüdische Publikum, für die jüdische dramatische Dichtung, für den jüdischen Schauspieler. Darum ist Morris Schwartz' Wirken nicht als ein Reproduzieren zu bezeichnen, sondern etwas Schöpferisches, Ursprüngliches, Einmaliges. Er gab dem jüdischen Theater seine Konzeption. Er bezwang Millionen Menschen mit seiner produktiven Theaterphantasie. Er entfesselte verborgene Kräfte und machte sie seiner Idee vom jüdischen Theater dienstbar. Das ist sein Ruhm und seine Leistung. « In einer Pressekonferenz anläßlich der Anwesenheit von Morris Schwartz in Wien gab Dr. Oskar Rosenfeld einen UeberbUck über den Werdegang des Jüdischen Theaters in Wien und analysierte die einzelnen Epochen und Ziele von den ersten Schauspielertruppen im Stile Goldfadens über die Freie Jüdische Volksbühne, die Wünaer, die Hablma und Granowski bis zum Morris- Schwartz-Kunsttneater. Nach dieser Conference erzählte Morris Schwartz von seiner Arbeit, seinen Plänen und Wünschen und Insbesondere von der Bedeutung der „Josche-Kalb"-Aufführung für das jüdische Theater. * Die Festpremiere von J. J. Singers chassidischem Spiel „Josche Kalb" in zwei Teilen (26 Bildern) findet Freitag, den 26. Juni, um halb 9 Uhr Im Wiener Bürgertheater statt. Der Gesamtverband jüdischer Hochschüler Oesterreichs, „Judäa", veranstaltet am -18. Juli Sommerreisen nach Dalmatien (Korcula, Makarska). Der Preis für Fahrt tour und retour, Wohnung und volle Verpflegung (drei reichliche Mahlzeiten täglich), 128 S für zwei Wochen, 164 S für drei Wochen, 192 S für vier Wochen. Auskünfte und Anmeldungen täglich (mit Ausnahme von Samstag), yc?» 12 bis 3 Uhr und von ß W a'JJhr, XX., AJs'eretraße 26,'Tel.'A-25-2-28. Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes) Oesterreich: Heut' ist der schönste Tag in' meinem Leben. England: Die Dubarry. Frankreich: Wenn ich Rothschüd wär' —* Liebe. Amerika: Die Courtisane von Versailles —' Mandaley — Hart an der Grenze — Der junge Arzt -— Rendezvous — Die tolle Marietta — Schenk uns die Nacht — Zum Küssen geboren — Broadway-Melodie 1936 — Top Hat — Desire — Schwarze Fahnen über China — Die neue Zeit — Wuschelkopf — Der schwarze Engel — General Sutter — Lerne lieben, ohne zu weinen — Musik um Mitternacht — Mädchen von heute — Ich lebe mein Leben — Der unsichtbare Strahl — Habe die Ehra — Ich bin eine anständige Frau — Das gelbe Gift —• Wir leben für Liebe — Liebeskadetten — Reiche Herren bevorzugt — Unter der Peitsche — Ketten — Das Rätsel von Zimmer 309. Filme unter Arierparagraph Wenn Menschen reif zur Liebe werden — Die lustigen Weiber — Die weiße Hölle vom Piz Palü — Der seltsame Gast — Der schüchterne Casanova — Der müde Theodor — Der König lächelt, Paris lacht — Die letzte Galavorstellung im Zirkus Barsony — Im Trommelfeuer der Westfront — Krach im Hinterhaus — Fälirmann Maria — Rendezvous in Wien — Liebes-Intermezzo —. Flitterwochen — Durch die Wüste — Der Außenseiter — Jana — Wenn der Hahn kräht. Wallaco Beery, der große Star. In seinem neuesten Sen-< sattonsftlm „Unter der Peitsch e", welchen die Metro- Goldwyn-Mayer Freitag im Opern-, Stafa- und Votivpark-Kino herausbringt, spielt Wallace Beery den großen Star einer reisenden Zirkustruppe. Beery ist bekanntlich selbst lange Jahre mit einem Zirkus gereist und hat ausgesprochenes Talent zum Dompteur. ' Berufe raschest FINKLER & I, Dorotheerg. 6 (Graben) Telephon R-23-2-30 von 9 bis 6 Uhr „Die Lustige Witwe" im Ronacher Als zweites Stück im Rahmen der Operettenfestspiele wurde Lehärs berühmte „Lustige Witwe" geboten. Es war eine erstrangige Aufführung, was Inszenierung und Besetzung betrifft. Und dazu die immer wieder packenden und zündenden Melodien. Hilde Harmath als Hanna Glawari war eine anmutige, sehr schön singende „lustige Witwe", Egon Karter ausgezeichnet als Danilo, Mimi Shorp voll sprühenden Temperaments als Valencienne, unerschöpflich an Laune und Humor Max Brod. Es gab der sommerlichen Hitze zu Trotz ein vollbesetztes Haus in blendender Stimmung. Wichtig für Palästina-Interessenten. Die Gesellschaft „Sinai", Intern. PaV Emigrantendienst, Tel- Aviv, Herzlstraße 68, hat einen Palästinadienst eröffnet, indem sie alle Palästina-Einreiselustigen mit den gewünschten Informationen und Ratschlägen versorgt und für sie alle wichtigen Gesuche zwecks Einreise und An» forderung erledigt und beschleunigt. Klubkumpf Makkabi—A. «. C. Wien. Freitag, den 26. Juni, findet in der Freiluftarena des Gewerkschaftsbundes (Mürzstraße Nr. 22) eine gemeinsame Veranstaltung des A. B. C. Wien und der Boxsektion des Makkabi IX statt. — Das F r e i 1 u f ti t r a 1 n i n g der Boxsektion des Makkabi findet jeden Montag, Donnerstag und Samstag ab '/j7 Uhr abends am Sportplatz d«f Isr. Kultusgemeinde im Augarti» (Eigener Eingang, XX., Eckt TtminohtrwtA Tftwr'f Ijitrnftti) ffcMlt