Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 564 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 564 vom 26. Mai 1936 Bateneh (Korbfest) am Schewuoth-Ausgang beiwohnen wollen, fahren nach Haifa mit Eisenbahn und Wagen am Feste selbst und verursachen so eine öffentliche Entweihung des Festes, Es wurde daher vorgeschlagen, das Chag Hateneh einige Tage nach Schewuoth zu feiern, um jede Möglichkeit einer Festentweihung hintanzuhalten. Im Vorjahr mußte dieses Fest zum erstenmal abgesagt werden, da wegen der religiösen Bedenken kein Uebereinkommen getroffen werden konnte. So erhielt die schöne Tradition eine Unterbrechung. Wie wird es heuer — nach den jüngsten Unruhen! — sein? Darauf mag folgender Bericht, den ich kürzlich aus Palästina erhielt, eine Antwort geben: Zu den übrigen öffentlichen Kominissionen und Institutionen, die in diesen Terrortagen ihre Arbeit nicht unterbrochen haben, gehört auch die städtische Kommission zur Vorbereitung des Erstlingsfestes in Haifa. Diese Kommission tritt regelmäßig zusammen und setzt ihre Arbeit zur Vorbereitung des Festes fort, das schon zur Tradition geworden ist... Dennoch und trotz allem werden wir dieses Jahr mit größerem Stolz unser Chag Habikknrim begehen. Statt der hundert ausgerodeten Bäume werden wir tausende pflanzen und statt der verbrannten Felder von hunderten Dunam werden wir das Doppelte, das Vierfache säen, pflügen und ernten — und die Erstlinge unseres Bodens als Geschenk dem Kercn Kajemeth bringen. Denn wir sind zum Fortsetzen, zum Bauen, zur Errichtung unserer Heimat da..." Übernehme Kinder in Pension, erstklassige Verpflegung, orthodox koscher, am Plattensee (Slöfok) Zuschriften erbeten an Witwe W. Freund, Budapest, Nagymezö-utca 4j& HuSrnnOH sfueti ... Man gerät in die Gefahr, sich der landläufigen Wendungen zu bedienen, wenn man über Bronislao Huberman ah Violinvirtuosen sprechen lvill. Die Phrasen sitzen locker in der Feder, Sie verpflichten zu nichts und sie bürden dem Schreiber keinerlei Verantwortung auf. Anders aber wird es, wenn man den Rahmen der Konvention verläßt und das Fragmentarische all solcher Betrachtungen abstreift. Und das ergibt sich zwangsläufig. Denn Huberman, der Mensch, der Künstler, der Jude, verlangt eine umfassendere, tiefer bohrende Analyse. Seine Bedeutung besteht nicht etwa in der artistischen Fingerfertigheit und nicht einmal in der einzigartigen Interpretationskunst. Mit einer Charakteristik dieser Elemente ist man seinem Wesen nur ein kleinwenig nähergekommen. Will man das Singulare seiner Erscheinung begreifen, so muß man die gewaltigen transzendentalen Kräfte erkennen, von denen seine Gesamtpersönlichkeit erfüllt ist. Sie enträtseln allmählich ein Phänomen, allerdings nur bis zu der Grenze, die allem menschlichen Tun gesetzt ist. Seit rund 40 Jahren ist Bronislao Huberman auf den Konzertpodien aller Weltteile zu hören. Ueberall empfängt ihn Begeisterung, Verständnis, Gefühlswärme. Die Zuhörer sind von der Ausdrucksgewalt seines Spiels ergriffen. Aber bei dieser Haltung geht es .um ekpa,s mehr als um den Applaus für einen Meistergeiger, dessen Programm das umfaßt, was die Konzertbesucher in ihrem grenzenlosen Musikhunger und verfeinerten Sensationsverlangen beanspruchen: um die großen klassischen Konzerte und die kleinen Pikanterien. Unter den hunderttausenden Anhängern", die Huberman besitzt, gibt es kaum einen, der nicht seine außerordentliche Persönlichkeit empfände; der nicht wüßte, daß Huberman nichts mit dem Typus des herumreisenden Violinvirtuosen zu tun hat: den nicht die Ahnung eines höheren, vergeistigten' Musizierens und Nachschaffens berührt hätte. Aber zu diesem Empfinden gesellt sich das Bewußtsein von der seltenen Reinheit seines künstlerischen und menschlichen Wollens: Bronislao Hubermans Kunst ist nur aus dem Bereich der jüdischen Seele erklärbar. Man weiß, daß Huberman sich seil einigen Jahren auch um ethisch-politische Strebungen bemüht* Mehrmals hat er das Podium als Tribüne für Kultur Propaganda benützt und sich bemüht, der paneuropäischen Idee zu dienen. Schließlich hat ihn acjiicksalsmäßiq dtie jüdische Idee ergriffen. Seine VbtfßßflHi&^^ Frühjahr 1934, gaben ihm die Grundlage für eine neue, endgültige Zielrichtung. Die Wiedergeburt des jüdischen Volkes auf dem Nährboden der Kunst, der Musik, ist eine Idee, die Huberman völlig, in ihren Bann gezogen hat. Unvergessen sind seine Bemühungen, in Palästina ein Musikzentrum zu schaffen. Seine Vorarbeiten zur Gründung eines philharmonischen Orchesters sind schon so weit gediehen, daß man mit diesem Ereignis als mit einer Tatsache rechnen kann. Arturo Toscanini als Dirigent kann wohl als Krönung der Bemühungen Hubermans bezeichnet werden. * Im Zusammenhang mit seiner Stellung zum, Kultur- und Schaffensproblem verdient auch seine Haltung zu Hitler-Deutschland vermerkt zu werden. Als im Jahre 1933 die „sichere Nummer" Bronislao Huberman vom Musikdirektor des Dritten Reiches, Wilhelm Furtwängler, gebeten wurde, in Hitler- Deutschland aufzutreten, gab der Jude und Künstler Huberman eine in seiner Ablehnung bezeichnende Antwort. Huberman stellte zunächst seine Solidarität mit den anderen Künstlern fest, die die nationalsozialistische „Revolution1 hinausgejagt hatte, bemerkte aber weiters in seinem Antwortschreiben, daß ein Künstler nur in einer^freien-, geistiglichten Atmosphäre schaffen könne, was im Dritten Reich nicht gewährleistet sei. Hubermans Ablehnung war gleichzeitig ein Bekenntnis zur Freiheit künstlerischen Schaffens. * Das Durchringen zur Palästina-Idee als der zentralen Idee der heutigen ' Judenheit befruchtete Huberman auch in den Einzelheiten seines Orchester- Planes. „Der erste Impuls zur Schaffung eines Symphonieorchesters in Palästina", sagte Huberman kürzlich; bei einem Empfang in Warschau, „kam mir, als ich ■ palästinensische Erde betrat. Was ich in Palästina erlebte, war eine Fortsetzung der Reihe der biblischen Wunders." ... * Am 28. Mai spielt Huberman wieder in W ien. Am Dirigentenpult wird diesmal H.W.Steinberg stehen, der bis 1933 Generalmusikdirektor in Frankfurt war und, nach Absolvierung einer Konzertsaison mit dem Huberman-Orchester in Palästina, in Berlin als Dirigent des Jüdischen Kulturbundes tätig sein wird. Steinberg gehört der jüngeren Garde an. Wenn Huberman ihn zum Dirigenten für sein palästinensisches Orchester auswählte, so kann das als besondere Auszeichnung gewertet werden. Wien erwartet mit Spannung den jungen Kapellmeister, der u. a. das Mendelssohn-Konzert dirigieren wird. o. r. dos QedädiMsfem im Miete* Von S. J. Agnon Wer die Lag-Vomer-Freuäe am Grabe Rabbi Schimon ben' Jochais in Meron noch nicht' gesehen hat, der hat sein Lebenlang keine Freude gehabt. Züge um Züge zieht Israel mit Liedern und allerlei Musikgeräten festlich dahin und kommt von allen Orten: aus den Städten unseres Gottes und aus den Ländern Edoms und Jischmaels. 8ie stehen dort den Tag und die Nacht, lernen einen Abschnitt aus dem heiligen Sohar und andere geziemende Lernstüoke, sie beten und sprechen Psalmen. Und eine Säule aus Marmor ist dort angebracht, mit einem Behälter für Oel an ihrer Spitze; darein tut man Olivenöl; man reißt Streifen von Seidenstoffen, schönen Schleiern, allerart kostbaren Tüchern und von Kleidern, die mit Gold und Silber durchwirkt sind, legt all das ins Oel und zündet es an, man begeht ein großes Fest und tanzt in Reigen angesichts der Scheohina, die in jener Nacht kommt, um sich der Freude an dem göttlichen Lehrer mitzuerfrßuen. Wie gar ■erst die heilige Gemeinde der Männer von Safed, die ihm näher sind - als alle anderen Länder, wefl er ja in ihrer Gemarkung begraben ist; wie sollten denn sie sich der Freude an ihmnicht mitjerfreuen? i9t idfe'JftgKCfe-.flfih schwunden. und die ganze Welt von Grimm erfüllt durch den Saß der Könige, die gegeneinander zum Krieg ausgezogen sind; die Hand Eßaws erhob sich gegen Jischmael und die Hand Jischmaels gegen Eßaw und rii« Hand beider gegen Israel. Geht ein Mensch auf die Straße, schlägt ihn das Schwert; sitzt ein Mensch im Hause, treffen ihn die Pfeile des Hungers; findet ein Mensch einen Tropfen Oel, dann weiß er nicht, soll er ihn für die Seele seiner Verwandten entzünden, die im Kriege erschlagen worden sind, oder soll er sein Weib und seine Kinder versorgen, die Hungers sterben. Die in Purpur Groß gewordenen, die gleichen, die sich ehemals in Seidengewänder kleideten und das Auge der Welt mit Schönheit nährten, sitzen für sich, bedecken sich mit Lumpen und fürchten sich, auszugehen, bis gar die Kund» der Wallfahrt im Lande vergessen xoard und alle Wege verödeten. Berge, die von der Menge Israels zu tosen pflegten, sind stumm geworden; Meron, das wie ein Hochzeitshaus zu leuchten pflegte, liegt im Dunkel; und selbst die heilige Gemeinde, die Männer von Safed, die gewaltig sind in der Kraft, den Willen ihres Schöpfers zu tun, verstecken sich in ihren Häusern und lassen Klaget aufsteigen. Als die Tage um waren, ließ der Heilige, er sei gesegnet, sein Haupt wieder zu dem Ort sich wenden, von dem er ausgezogen war, und er sah, was sich in seiner Welt ereignet hatte. Da erfüllte ihn Erbarmen über seine Geschöpfe, er erwies den vom Schwert Erübrig' ten Huld, er zerbrach die Geißel der Frevler und demütigte die Hoffart der Frechen. Sie senkten ihre Waffen, die Kriegsgeräte feierten, und die Welt begann, sich wieder ihrer Bestimmung zuzuwenden. Die Völker kehrten heim, Volk um Volk in sein Land, Volk um Volk in sein Haus. Das war eine Zeit der Prüfung für Israel, derengleichen es nicht mehr gegeben hat, seit der zweite Tempel zerstört worden ist. Diejenigen in Israel, die an der Erlösung noch nicht verzweifelt waren, machten sich auf und zogen zu einem Teil in das Land Israel hinauf. Sie fanden das Land verwüstet und in Blut gewälzt und Israel siech und bedrängt. Da setzten sie ihr Herz daran» die Kranken zu heilen und die Gestrauchelten aufzurichten, sie zogen durch das ganze Land und stärkten sie mit gutem Rat, mit Brot und Kieidem. Als sie nach Safed getätigten, war das der Tag, der Lag-b'omer vorausgeht. Ganz Safed versammelte sich um sie, und man sprach zu ihnen: „Nicht Silber - und nicht Gold begehren wir von euch; ihr Brüder, und keinerlei Gabe; aber es ist ein großer Brauch im Lande Israel, daß man am Lag-b'omer nach Meron hinaufziehe und beim Grabe des Rabbi Schimon ben Jochai Oel entzünde. Vielleicht xoollt ihr uns bei dieser Gebotshandlung behilflich sein? Denn in all den Kriegsjahren waren diu Wege von den Heerhaufen überflutet, wir aber saßen w\« Gefangene in unseren Häusern und konnten nicht nach Meron ziehen. Nun aber, da der Heilige, er sei gesegnet, sich seiner Welt erbarmt hat, verlangt es uns, hinaufzuziehen und dort ein Licht am Tag seiner Feier zu entzünden." Da sprachen die Männer aus den Ländern der Verbannung zu den Männern von Safed: „Auch uns verlangt es, dieser Freude uns zu erfreuen." Sie schickten tind ließen Krüge voll /mit - Olivenöl kommen, sie nahmen schöne Tücher und zogen hinauf, nach Meron. Als sie bei der Höhle des Rabbi Schimon ben Jochai ankamen, fanden sie Araber, die dort vor der. Höhle standen und mit Oel getränkte Lumpen in ihren Händen hielten. Die Araber sprachen zu Israel: „Unsere Brüder, Söhne Israel, gesegnet sei Gott, gesegnet sei er, der euch hierher hat kommen lassen, und gesegnet seied ihr dem Gotte unseres Vaters Abraham, darum, daß ihr. zur rechten Zeit gekommen seid. All die Jahre, die ihr. nicht gekommen seid, haben wir das Feuer am Graba dieses Gerechten entzündet, jetzt aber, da ihr gekommen seid, nehmt das eure und zündet an." Da entzündete Israel an des Rabbi Schimon ben Jochai Grab ein Feuer, daß das ganze Land von seinem Lichte leuchtete. (Uebersetzt aus dem 6. Band der Gesammelten Schriften von S. J. Agnon. Schocken-Verlag-, Berlin 1935.) Hilferuf der jüdi§«hen Blinden Wien, II., Rembrandtstraße 18, Tel. A-47-2-77, Oesterr. Postspark. A-133.213, Deutsch. 108.819 Jüdische Frauen und Männer! Der Hilfst verein ist nach einer dreißigjährigen segensreichen Tätige keit infolge der wirtschaftlichen Krise und der großen. Zahl der seine Unterstützung in Anspruch nehmenden in Not geratenen Bünden aller Barmittel entblößt. Um nicht die Lichtlosen ihrem Elend preiszugeben, sind wir gezwungen, eine Aktion durchzuführen. Wir erlauben uns daher, jeden edlen Leser dieser Zeilen inständigst zu bitten, uns mit einer Spende gütigst zu berücksichtigen. Tüchtige Musiklehrer, Klavierstimmer, Sesselflechter, Bürstenbinder sind auch unter unseren Blinden, welche um Arbeit bitten! Masklr-Andachten am Schcwuoth-Fest. Zur Vermeidung des großen Andranges in den Gemeindesynagogen zur „Haskarah" (Seelengedächtnisfeier) veranstaltet der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien am diesjährigen Schewuoth-Fest, Donnerstag, den 28. Mai, um 6 Uhr früh, im Stadttömpel, I.,. Seitenstettengasse 4, und im Leoppldstädter Tempel, IL, Tempel* gasse 5, sowie um 9 Uhr vormittags im Festsaal des Hotel „Post", I., Fleischmarkt; 24, anläßlich der Maski»» Anäächjtan teMtoiw ßottßfldienate. V