Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 562 (19.5.1936)
- Date
- 1936-05-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 562 vom 19. Mai 1Ö3Ö i die Gefahr einer ständigen Bedrohung durch inszenierte arabische Unruhestiftungen vor der Öffentlichkeit enthüllt und auf faktischen Garantien der Sicherheit gegen die ewigen Vergewaltigungen unserer Rechte und auf der Anerkennung unserer Aspirationen besteht. Wir müssen auch alle unsere wirtschaftlichen und politischen Forderungen ins Licht rücken, gestützt auf eine geeinte zionistische Front, und sie als Kampflosung allen Faktoren, welche über unser Schicksal in Palästina entscheiden, entgegenstellen. Der jüdische Jischuw im Lande und die zionistischen Massen in der Galuth sind durch die Geschehnisse aufgerüttelt worden —• aus Ihrer Gleichgültigkeit und aus der leichtfertigen Lässigkeit, die den Weg des kleineren Widerstandes zu gehen gewohnt ist. Jetzt heißt es aufs Ganze gehen. Wenn dieae9 Erwachen zu dauerhaftem, zielbewußtem, mutigem, hartnäckigem und organisiertem Druck, zur Verteidigung unserer Rechte führen sollte, dann können die letzten Ereignisse, so traurig sie an sich sind, eine entscheidende Wemiung in den Methoden des zionistischen Kampfes bringen. Was ist Wiener FiImkullur? Soeben ist eine die Filmbranche betreffende Zeitschrift erschienen, die sich „Der Wiener Fi 1 m" nennt und als Zentralorgan der österreichischen Filmproduktion betrachtet werden will. Im Vorwort verspricht sie, ein verläßliches Informationsorgan über die österreichische Filmproduktion zu sein und der Weltgeltung des österreichischen Füms zu dienen. Wahrlich, eine schöne Aufgabe, die Anerkennung verdient. Denn der österreichische Film ist im Begriff, Weltmarke zu werden. Der österreichische, nicht etwa der in Wien erzeugte... Gleich die erste Nummer der neuen Zeitschrift enthält die Produktionstabelle einer Maiwoche, d. h. sämtliche Filme vom Tag des Atelierabschlusses bis zur Wiener Uraufführung. Nach dieser Tabelle sind in Wien 22 Filme in Vorbereitung, zum Teil schon fertig; und von diesen 22 Filmen sind nicht weniger als 20 unter Arierparagraph gedreht worden, also unter Ausschluß von Juden und mit Genehmigung der hitleristischen Reichsfilmprüfstelle in Berlin. Aber offiziell gehören diese Filme der österreichischen Filmproduktion an, also jener, die sich Weltgeltung verschaffen will. Eine Illustration zu dieser Feststellung bietet die unter dem Titel „Neues Sujet für Oskar-GlÜck-Film" erschienene Notiz in der gleichen Nummer des „Wiener Film". Diese Notiz lautet: „Da das Buch zu dem Oskar-Glück-Film, der am 15. Mai ins Atelier gehen sollte, in Berlin nicht bewilligt wurde, mußten die gesamten Dispositionen für diesen Film geändert werden." Jetzt wird der Leser verstehen, mit welchem Recht die „Neue Welt" in ihrer Ausgabe vom 31. März schrieb, daß die österreichische Filmproduktion zum Sklaven Hitlerdeutschlands degradiert wurde, und zwar unter Assistenz der offiziellen österreichischen Stellen, denen die Wiener Filmkultur am Herzen liegen sollte. Während also auf der einen Seite die spezifisch österreichische Mentalität, die auch im Film zum Auadruck kommen könnte, durch das deutsche Diktat unterdrückt wird und sich — auf Grund des österreichischdeutschen Filmabkommens — den hakenkreuzlerischen Belangen angleichen muß, wird der Wiener Markt von reichsdeutschen Filmen Uberschwemmt. In der Ablehnung dieser ebenso geschmackswidrigen wie getarnten Filme stoßen wir auf einen gleichgesinnten Kreis, auf den Kreis rings um die katholische Zeitschrift hohen Ranges „Unser Reich", die sich zu der Frage des österreichischen Films, der österreichischen Filmkultur, folgendermaßen äußert: „Wir wünschen den guten, sauberen, kultivierten, künstlerisch echten und rein österreichischen Film, der österreichisches Wesen, österreichische Geschichtsauffassung und Tradition und österreichiche Kultur widerspiegelt und verbreitet und im Inlande erzieherisch, im Auslande werbend für unser österreichisches Vaterland wirbt. Wir wünschen nicht, daß sich deutsche Film.kultur* breitmache. Wir lehnen jenes penetrante, unwahre und wertfalsche „heldische Pathos" und jene geschmacklose, kitschige, preußische Loreley-Rührseligkeit, diese zwei Ideale des deutschländischen Spießers, die allen anderen Europäern so. namenlos lächerlich und widerlich sind, ab. Noch mehr lehnen wir aber das unverkennbare ,Nazi-Ethos', das diese neudeutschen Filme tragen, und das ihren „volksnrzieherischen' und propagandistischen Wert auamacht, ab." Die neue Zeitschrift „Der Wiener Film" wird sich, wenn sie ihrer Aufgabe gerecht werden will, nicht auf den Wert der „Mission des Wiener Films" beschränken dürfen, sondern wird auch Färbe bekennen müssen hinsichtlich der hitleristischen Filme, von denen man weiß, was mit ihren gemeint ist und zu denen „Unser Reich" schreibt: „Der Herr Propagandaminister weiß es, die Ufa weiß es, der Herr Gesandte, der die Premiere mit seinem Besuch beehrte, weiß es, die johlenden Gassenbuben wissen es, wir wissen es — nur der Zensor steckt einen Rosenftnger zwischen die Kirschenlippen und stellt mit 'roßen Kinderaugen die bekannte Backfischfrage: „Mama, was ist ein Leutnant?" Das ist unsere — hoffentlich ebenso deutliche wie sachliche Beschwerde über das Filmwesen." Das ist deutlich genug gesagt. Wenn die Wiener Filmkultur gedeihen soll, dann muß der Pesthauch der hakenkreuzlerischen Film,,kultur". von Ihr abgewendet werden, Weltpolitik der Woche Der in der Welt verbreitete Glaube, daß der europäische Friede vom deutsch-französischen Verhältnis abhänge, wurde in der letzten Zeit wieder mit allerlei Verzierungen ausgestattet. Dieser Glaube wäre fast zu einem unumstößlichen Dogma geworden, hätten nicht gewisse Momente seine Grundlage erschüttert und den paar ein- und fernsichtigen Köpfen, über die man heutzutage in den Staatskanzleien verfügt, die Ueberzeugung beigebracht, daß die Friedensbedrohungen weit weg von der sogenannten deutschfranzösischen Verständigung liegen. Hitler-Deutschlands Appetit langt erst zu allerletzt nach dem Westen. Frankreich ist ihm bloß als Wächter der Verträge und als Bündnispärtner der mittel- und osteuropäischen Staaten unangenehm. Die deutsch-französische Verständigung besteht für das Dritte Reich nur darin, daß Frankreich es gewähren läßt — gewähren bei seinen Raubzügen gegen gewisse nahe und ferne Nachbarn. Darum ist alles, was in Berlin von dieser Verständigung und. von dem Willen zu ihr ereählt wird, pure Schaumschlägerei, auf die höchstens (und leider) ein sozialdemokratisches Kabinett, also ein Kabinett der sogenannten Humanität, Völkerannäherung, Abrüstung, hereinfallen kann. Von Leon Blum ist das Schlimmste zu erwarten. Goebbels „Angriff" behandelt ihn mit Wohlwollen. Ein böses Zeichen. Der Jude Leon Blum, der Frankreichs Interessen als Patriot zweifellos nach bestem Gewissen vertreten wird, kann eben nicht anders handeln, als seine fadenscheinige Ideologie ihm vorschreibt. Wir hoffen aber — und das ist unsere einzige Hoffnung —, daß er, falls er Chef der Regierung werden sollte, nicht lang in Amt und Würden bleiben und einem Mann Platz machen wird, der weiß, wie man die Beherrscher des Dritten Reiches zu behandeln hat. Müssolini hat feierlich Abessiniens Okkupation durch Italien proklamiert. Für Mussolini besteht kein selbständiges Abessinien mehr. Aus dieser These erklärt sich der Konflikt, der in Genf ausgebrochen ist. Sonntags-Sonderfahrten mit der Czcrn. Allg* Zeitung natu POl GH und Abfahrt: 24. Mat und 7. Juni 103(5 Anmeldungen ,,a u 111 h Ii t A 11 c h" Reisebüro »M«rUnbrtUkjB^ «6, R*M44ft/S^ 200 Tage Sanktionen hinderten Italien an der Er* dberung nicht. Während dieser Zeit hätten die Sanktionisten ihren Irrtum einsehen und eine ander* Methode zur Beendigung des Streites finden können. Nichts geschah. Die Herren Baldwin und Eden klammerten sich immer wieder an den Völkerbund, als ob von dort her die Lösung des Rätsels zu erwarten gewesen wäre. Jetzt sind sie die Blamierten. Daß sie ihre Blamage bekennen, macht die Sache nicht besser. Und noch immer gibt es im englischen Kabinett Männer, die an dem Modus der Sanktionen festhalten und die vollzogenen Tatsachen mit einer Starrköpfigkeit ignorieren, als ob hier noch etwas Prestige zurückzugewinnen wäre. Wer die Lage objektiv betrachtet, wird zweifellos im Rücktritt der Sanktionsbefürworter Baldwin und Eden eine Chance zur Liquidierung des italienisch-abessinischen Falles sehen — sogar unter Zuhilfenahme des stark beschädigten Völkerbundes. Aber heute noch mit Rezepten operieren wollen, die bei allen Patienten versagt haben, bezeugt völlige Verkennung der Realitäten und der seit dem Oktober 1935 geänderten Machtverhältnisse. Man kann Zeit gewinnen. Die nächste Ratstagung soll am 16. Juni stattfinden. Sie wird sich auch mit Deutschland befassen. Denn von dort ist die Beantwortung der englischen Fragen ausständig. Vier Wochen sind im allgemeinen für weltpolitische Entscheidungen keine große Spanne. Auch diesmal wer* den sie es nicht sein. Das heißt: Denjenigen, welche Zeit gewinnen wollen, ist die Verschiebung recht — also England und Deutschland. Darum ist von England auch Deutschland gegenüber kein- „forsches" Vorgehen zu erwarten. Das ungeduldige Europa wird sich wieder einmal gedulden müssen* Denn die Lage ist wieder einmal undurchsichtig. o. r. Möbel kauft man für Jahrzehntel Ihre Möbel müssen daher nicht nur schön und modern, sondern auch gut und dauerhaft sein. Edelmann Viele, die mir vertraut haben, sind bestens zufrieden, da meine Möbel trotz hoher Qualität auch zeitgemäß billig sind. Große Auswahl! Teilzahlungen! Möbelhaus Edelmann, VIII, lerchenfelderstr. 12 Die Rolle der ausländischen Propaganda Debatte im englischen Unterhaus . Aus London (15. Mai): In der Unterhaussitzung vom 13. Mai wurden an den Kolonienminister eine Anzahl von Fragen über die Unruhen in Palästina und die. jüdische Einwanderung gerichtet. Der Abgeordnete H a r d i e fragte, ob der Minister auf die gefährliche Entwicklung arabischer Feindseligkeit in dem Gebiet von Sichron Jakob aufmerksam geworden sei; ob es ihm bewußt sei, daß es sich hier um Menschenlieben handie und ob er die Zusicherung geben könne, daß geeignete Schritte zum Schütz der Bedrohten unter; nommen werden .würden. Koloniennüniater J. H. Thomas antwortete: Wie ich bereits erklärt habe, besteht die. M 6" g 1 i c h k e i.t weiterer Unruhen in Palästina. Ich bin überzeugt, daß man darauf vertrauen kann, daß der, High Commissioner alle Maßnahmen zum Schutze von Leben und Eigentum treffen wird. Auf eine Zwischenfrage des Abgeordneten SJiinwell, ob dieser Kampf durch deutsche und itaVi'ensche Ageijten provoziert, worden s<§i, "erklärte der Minister, es' würde, sehr schwierig sein, festzustellen, Wer ah der EV regung von Streitigkeiten und Unruhen aller Art schuld sei. Es würde unklug sein, darüber Aussagen zu machen, solange ihm (dem Minister) nicht untrügliche BeweüW für den vermuteten Ursprung zur Verfügung stünden. Der Abgeordnete Shinweli fragte welter, ob her Minister die Klärung der Schuldfrage bei diesen Unruhen nicht für wichtig halte. Minister Thomas bejahte dies und fügte hinzu, wenn es immer möglich wäre, die Schuldigen festzustellen, so wäre dies viel besser, als sich auf Klatsch und böswillige Behauptungen (!) zu stützen. . .. Italien und Deutschland Unter der Schlagzeile „Italien.stiftei arabische Unruhen an. — Geheimagenten an der Arbeit in Palästina" veröffentlicht der sozialistische „Daily Herald" die Meldung, daß Geheim» agenten vorwiegend italienischer Herkunft an der Anstiftung der Araberunruhen in Palästina beteiligt waren. Die Untersuchung hierüber sei in Palästina in Gange. 55>veck dieser Aktion »ei es gewesen, der englischen Regierung durch Anötachelung der arabischen Feindseligkeit gegen das Palästina-Mandat und das Jüdische Nationalhoim anläßlich des ab^ssinlscheii Konflikts Schwierigkeiten m bereiten. Das Blatt bestätigt die Meldung des Parlaments- Korrespondenten N der „Times", daß der montägige außerordentliche Kabinettsrat sich nicht mit der abeseinischen Frage, aondern mit den Unruhen in Palästina bc faßt hat. Die italienische Propaganda sei seit dem abessinischen Abenteuer in Palästina besonders lebhaft gewesen. Italienisches Geld sei in den letzten Monaten in Palästina reichlich zur Unterstützung einer pro-italienlschen und heftigen anti-englischen Kampagne geflossen. Der arabische Aufruhr sei höchst unerwartet •gekommen, gerade in dem Augenblick, in dem eine Abordnung arabischer Führer nach London gehen wollte, um die Frage eines Legislative Council mit der eng- . liehen Regierung zu erörtern. Offenbar seien die Unruhen zu dem Zwecke geplant worden, eine Regelung dieser Frage zu verhindern. Die italienische Agitation, schließt „Daily Herald", war in der Lage, von der intensiven antienglischen Propaganda deutscher Nazis in Pa- . 1 ä s t i n a, die in den letzten zwei Jahren unter Aufwendung von großen Geldsummen zwecks Hervorrufung arabischer Unruhen betrieben wurde, zu profitieren. (J; T. A.) Zum Ausnahmezusland in Jerusalem Aus Jerusalem wird unter dem 15. Mai berichtet: Die Tätigkeit der arabischen Streikterroristen in der Altstadt von Jerusalem, der auch die Ermordung von Reuben Klapholz und Alter Cohen am Mittwoch aufs Konto geschrieben wird, hat unter den Juden der Altstadt eine starke Panik hervorgerufen, 140 jüdische Familien haben die Jerusalemer Altstadt verlassen und sind In andere Stadtteile gezogen, in denen die jüdischen Wohnbezirke mehr konzentriert sind und Juden und Araber nicht gemischt nebeneinander wohnen. Die Abwanderungsbewegung in der Altstadt dauert an. Am Donnerstag, den 14. Mai, morgens, versuchten Araber in die Jerusalemer Gartenvorstadt Atarot einzudringen, wurden aber von der Polizei vortrieben. Der am Mittwoch in der Altstadt verkündete Ausnahmezustand ist nun auch auf die Neustadt (aber nicht auf die neuen vorstädtischen Viertel) ausgedehnt worden. In der Altstadt ist die Mehrzahl der jüdischen Läden geschlossen. Die Frage der jffdisdien Einwanderung Aus Prag (lß. Wal): Das Tschechoslowakische Preßbüro meldet aus Jerusalem; Der britische Hoho Kommissär hat den Arabischen Obersten Rat einborufen, wolchom er die Lösung des Problems der jüdischen Einwanderung vortrug. Die Führer der Araber beschlossen nach olncr fünf Stunden dauernden Aussprache« den Vorschlag des Oberkommissärs abzulehnen,