Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1936-04-21 · Heft 554 (21.4.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 554 (21.4.1936)
Date
1936-04-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712150-2712179--5736-2719393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 554 vom 2t. April 1036 DIE NEUE WELT Säte 3 Am aller Welt Das schlechte Gewissen schreit aus ihnen Die jüdisch-amerikanische Arbeiterschaft protestiert Aus Washington (J. T. A.): Eine Abordnung des Jewish Labour Committee, geführt von dem Präsidenten der American Federatiön of Labour, William Green, brachte beim Staatssekretär in Washington einen Protest gegen die antijüdischen Exzesse in Polen ein. Die Protestechrift enthält ausführliche Angaben Uber die Ausschreitungen und den Boykott. Es wird die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, daß aus Gründen der Humanität es der amerikanischen Regierung möglich sein wird, zugunsten der polnischen Juden zu intervenieren, wobei auf Präsident Wilsons Bemühungen um die Schaffung der polnischen Republik hingewiesen wird. Die polnische Regierung wird beschuldigt, „offen und vorsätzlich die Minderheitsklauseln zu verletzen" und keine wirksameAnstrengungzu machen, um den Exzessen Einhalt zu tun. Wenn die Olympiade vorbei... Aus Berlin: Nach einer von den jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland herausgegebenen Statistik ist jeder fünfte Jude in Deutschland auf Unterstützung angewiesen. Schon beim letzten Winterhilfswerk haben von den in Deutschland noch lebenden ungefähr 400.000 Juden über 7 5.0 00 Winterhilfe erhalten. Man nimmt an, daß diese Zahl der Bedürftigen seit Beendigung des Winterhilfswerks noch wesentlich gestiegen ist. Die wachsende Verarmung wird illustriert durch die rapidansteigende Zahl der Bewerbungen um Auswanderungshilfe bei den zentralen jüdischen Organisationen. Ueber 65.000 Juden haben bereits Auswanderungshilfe erhalten, etwa 30.000 weitere waren in der Lage, auf eigene Kosten Deutschland zu verlassen. Man erwartet, daß die Auswanderung aus Deutschland im kommenden Herbst und Winter ihren Höhepunkt erreichen wird, da mit verschärften antijüdischen Maßnahmen auf dem Gebiete des Handels nach B eendigung der Olympischen Spiele gerechnet werden muß. Nicht selten hört man die von Sprechchören während der Wahltage gebrauchte Losung: „Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei." Eon eigentüunlSdier Plan Die J.T.A. berichtet aus Jerusalem: Während seines jüngsten Besuches in Palästina besuchte der vom Völkerbund eingesetzte Hochkommissar für Flüchtlinge aus Deutschland, Sir Neill Malcolm den High Commissioner Sir Arthur Wauchope. Er empfing auch eine Delegation der Zionistischen Exekutive, die von Ben Gurion und Dr. Arthur Ruppin geführt war. Die Delegation erörterte mit Sir Neitl die Frage der Einwanderung deutscher Flüchtlinge nach Palästina, sowie andere mit der Einwanderung in Zusammenhang stehende Probleme. Auf die Frage Sir NeUls, wie viele nichtjüdisch o Flüchtlinge aus Deutschland seit Hitlers Machtantritt nach Palästina gekommen seien, konnten die jüdischen Vertreter ihm keine Antwort geben, da sie sich allein mit Hilfeleistung an jüdische Flüchtlinge befassen. Sir Neill rühmte die jüdischen Leistungen in Palästina, die einen starken Eindruck auf ihn gemacht hätten. Im Verlauf der weiteren Unterredung erklärte er, er sei bestrebt, auch den nichtjüdischen Flüchtlingen aus Deutschland zu helfen. Seiner Ansicht nach sollten nicht nur jüdische Flüchtlinge aus Deutschland in Palästina angesiedelt werden. Vielmehr würde er, während die Juden alles in ihrer Macht Stehende für die jüdischen. Flüchtlinge tun, versuchen, nach Kräften die An¬ Siedlung aichtjÜdiBchcr Flüchtlinge In Palästina zu erleichtern. * Ein eigentümlicher Plan und eine sonderbare Arbeitsteilung. Die Juden sollen sich selbst nach Palästina helfen, dafür verspricht ihnen der Herr Hochkommissär, daß er die Nichtjuden naoh Palästina bringen wird. Sir Neill ist Engländer, daher in der Lage, bei der Londoner Jerusalemer englischen Regierung Erkundigungen einzuholen. Dort wird man ihm sagen, daß man die Juden nur sehr spärlich naoh Palästina läßt, well nach Ansicht dieser löbliohen Behörden schon zuviel Juden im jüdischen Lande sind. Dann wird Sir Neill vielleicht begreifen, daß die Juden von seinem Plane, deutsche Nichtjuden nach Palästina zu bringen, nicht sehr entzückt sein können. Aus Polen Im Warschauer Jüdischen Hospital ist Wolf Goldfarb aus Karczew, der am 9. April von Mitgliedern dar „Endek" (radikaler Antisemitenverband) schwer verwundet wurde, seinen Verletzungen erlegen. Wolf Goldfarb stand im Alter von 77 Jahren; Die Beerdlgung dieses Opfers dor antijüdischen Exzesse fand unter ungeheurer Beteiligung der jüdischen Bevölkerung Warschaus und anderer Städte statt. Die Warschauer jüdische Gemeinde widmete Goldfarb ein Ehrengrab. Die Bahnverwaltung stellte auf Ersuchen der Jüdischen Gemeinde in Karczew einen Sonderzug für alle die zur Verfügung, die an der Beerdigung in Warschau teil« nehmen wollten, und bewilligte eine beträchtliche Fahrpreisermäßigung. In der. Stadt Lesko (Ostgalizlen); wurden sechs Aus Berlin wird berichtet: Das „Schwarze Korpr;", das offizielle Organ der SS, beschuldigt in einem auf der ersten Seite gebrachten Artikel die Juden, daß sie eine Weltkampagne gegen Deutschland organisieren und der Welt den Krieg gegen das Dritte Reich aufzwingen. Die Zeitung schreibt: „Wenn ein Krieg ausbricht, wird er auf die jüdische Verschwörung zurückzuführen sein, auf Pläne, die von der Weltjudenheit gegen das Reich angezettelt wurden." Die Zeitung appelliert an England, sich im Kriegsfalle nicht gegen Deutschland zu stellen. Ihre Kriegsbefürchtungen gründet sie auf folgende „Tatsachen": Erstens beschloß die oberste Großloge der Freimaurer in New York, vor der nächsten Ernte einen europäischen Krieg gegen Deutschland zu organisieren. Zweitens steht der französische Kabinettsminister Mandel, der Jude ist. hinter der ganzen auswärtigen Aktion gegen das Reich und ist verantwortlich für die Konferenzen der englischen, französischen und belgischen Generalstäbe, Regenmäntel ä?:: Juden von Endek-Männern verwundet, die Fenster der Ortssynagoge wurden eingeschlagen und der Rabbiner mit Steinen beworfen. Dem Hauptanstlfter des Przytik-Pogroms, dem Endek-Rädelsf ührer Vincenty Korczak, der vor kurzem au« dem Gefängnis entlassen Wurde, wurde von den lokalen Endeks ein großer Empfang bereitet. In Karczew, wo der 77jährige Greis Wolf Goldfarb tödlich verletzt wurde, ist laut Berichten der Endek- Presse soeben ein Endek-Klub feierlich eröffnet worden. Bei der Eröffnung wurde ein antisemitisches Tendenzstück aufgeführt. In den letzten Tagen drangen Endek-Leute in den jüdischen Friedhof von Przytik, wo die Opfer des letzten Pogroms liegen, ein, demolierten die Grabsteine und verunreinigten den Friedhof. Als jüdische Passanten dagegen einschreiten wollten, wurden sie, mit einem Steinbombardement empfangen, durch das die Huligans ihren Rückzug deckten. Wanderung deutscher Juden nach Palästina Aus New York: Der „United Palesttne Appeal" gibt die Zahlen der Einwanderung von Juden aus Deutschland in den letzten drei Jahren bekannt. Vom Jänner 19 3 3 bis zum Dezember 1935 sind nach Palästina 3 6.3 72 Juden aus Deutschland eingewandert. Das sind 70 Prozent der jüdischen Auswanderer aus Deutschland, die nach überseeischen Ländern gegangen sind. Von ihnen ließen sich 24.499 dauernd im Lande nieder, 11.873 als Touristen und es sind 42 Prozent Männer, 36 Prozent Frauen und 22 Prozent Kinder. 29,4 Prozent zwischen 21 und 30 Jahren, 20,2 Prozent zwischen 31 u n d 4 0 J a h r e n alt, 17,3 Prozent zwischen 1 0 u n d 2 0 Jahren, 12,2 Prozent zwischen 1 und 9 Jahren, 9,4 Prozent zwischen 41 und 50 Jahren und 6 Prozent zwischen 51 und 60 Jähren. Nur 3,1 Prozent zwischen 61 und 70 Jahren. Im gleichen Zeitraum wanderten insgesamt 13 4.5 4 0 Juden aus allen Ländern nach Palästina ein. Weil sie bei Juden wohnt 1 Aus Berlin: Das Berliner Arbeitsgericht hat ausgesprochen, daß Behördenängestolite nicht bei Juden in Untermiete wohnen dürfen. Der Klägerin, die bei einer Be.zirksverwaltung angestellt war, war gekündigt worden. Sie verlangte Rücknahme der Kündigung wegen unbilliger Härte. Das Gericht wies die Klage auf Widerruf der Kündigung ab und erklärte, die Klägerin habe durch ihr eigenes Verschulden ihre Stellung eingebüßt. Wenn auch eine ausdrückliche Bestimmung gegen das Wohnen bei Juden für Behördenangeatelite nicht bestehe, so habe die Klägerin doch durch ihr Verhalten gezeigt, daß sie sich mit nationalsozialistischen Grundsätzen nicht vertraut gemacht habe. Der beklagten Behörde könne nicht zugemutet werden, die Kündigung zu widerrufen. AUS PALÄSTINA Polizeiliche Befugnisse für Beamte der Einwände* rungsbehörden Aus Jerusalem: Nach Mitteilung der arabischen Zeitung „A-Difaa" hat der High Commlssiöner angeordnet, daß die Beamten der Einwanderuagsbehördcn in Palästina künftig polizeilichoBefugnisse haben sollen. Sie sind ermächtigt, Untersuchungen durchzuführen und Verhaftungen nach den allgemeinen gesetzlichen Vorschriften voczunnehmen. Teilnahme der Revisionisten an den Wahlen zur Assefat Hrjiiwchariin Aus Jerusalem (J. T. A."): In einer von der Neuen Zionistischen Organisation in Palä- (- stina einberufenen Konferenz wurde mit großer Mehrheit die am 15. April in London eröffnet wurden. Herr Mandel, so erklärt die Zeitung, dürfte nach den bevorstehenden Wahlen in Frankreich Premierminister werden. Drittens sind in der Sowjetarmee mehrere hochqualifizierte jüdische Generäle. „Es ist der Traum des internationalen Judentums — schreibt das „Schwarze Korps" — Deutschland niederzuringen. Schon erzählen die Juden Geschichten von einem neuen Krieg, in dem sie sich für das Fehlschlagen ihrer Prophezeiungen von Deutschlands Zusammenbruch rächen wollen. Sie wollen das verhaßte Nazi-Reich umkreist und völlig vernichtet sehen, und die französische Armee sowie der französische Generalstab sind bereit, als ihr Werkzeug zu handeln. Die Juden waren es, die das Militärbündnis zwischen Sowjetrußland und Frankreich zustandebrachten. Alles, was sie jetzt brauchen, ist die Unterstützung Englands. Wenn sie die haben, kann das Spiel von neuem losgehen. Dies ist der Plan — furchtbar, aber wahr bis ins einzelne. Wenn dieser Plan der Weltjudenheit durchgeführt wird, bedeutet das den siegreichen Marsch des Bolschewismus über ganz Europa, der zu einem Zusammenbruch der europäischen Zivilisation führen wird." ein Beschluß angenommen, sich an den Wahlen zur Assefat Haniwcharim zu beteiligen. Die Assefat Haniwcharim ist als zentrales Organ, der palästinensischen Judenschaft eine aus allgemeinen Wahlen hervorgegangene Vertreterversammluäg, deren ständiger Aueschuß der Waad Leumi, der Jüdische Natiönalrat, ist. (Anm. der Red.; Nach dem Austritt aus der Zionistischen Weltorganisation hatten die Revisionisten auch den Waad Leumi verlassen.) Vom Außenhandel Palästinas Aus Jerusalem (J.T.A.): Nach dem offiziellen „Commercial Bulletin" hat im Jahre 1935 England von Palästina Waren um 3,212.378 Pfund gekauft (Orangen, Chemikalien, Kunstdünger usw.) und nach Palästina Waren um 2,553.086 Pfund eingeführt. Die Handelsbilanz Palästinas mit England ist demnach . außerordentlich günstig für Palästina. Sie wird nur von der mit Südafrika übertroffen, das von Palästina für 9549 Pfund Waren. gekauft und nach Palästina Waren für 3132 Pfund eingeführt hat. Japan führte nach Palästina Waren im Werte Von 665.695 Pfund ein, während es nur für 10.707 Pfund Waren von Palästina abnahm. Aus den Vereinigten Staaten würden für 1,500.000 Pfund Waren eingeführt und für 15.855 Pfund Waren exportiert. Die ungünstige Handelsbilanz Palästinas mit den Vereinigten Staaten wird aber durch die von Amerika nach Palästina einströmenden Gelder gemildert. Syrien 2eigt einen Importaus Palästina um 302.988 Pfund und einen Export im Werte von 1,310.383 Pfund. Nach Aegypten wurden Waren für 77.402 Pfund aus- und nach Palästina für 594.378 Pfund eingeführt. Aüoh mit Abessinien bestehen Handelsbeziehungen. Allerdings hat Abessinien nur für ganze 40 Pfund Waren von Palästina gekauft, während aus Abessinien für 22.136 Pfund Waren eingeführt wurden. Oesterreich. Der allgemeine Orangenimport Oesterreichs ist im Jähre 1935 rückgängig und betrug insgesamt bloß 1696 Waggon gegen 1813 Waggon im Vorjahre. Der Orangenimport Oesterreichs aus Palästina ist in derselben Zeit von 10 auf 100 Waggon gestiegen. In der gleichen Zelt ist auch der Import von Grapefruits aus Palästina von 4,2 Waggon auf 7,6 Waggon gestiegen. Der Bedarf an Grapefruits in Oesterreich wurde fast zur Ganze von Palästina gedeckt. Die Einfuhr von Kalisalzen und Düngemitteln der Potash Ldt. hat sich ebenfalls im abgelaufenen Jahr sehr gehoben und der Bedarf Oesterreichs an diesen Artikeln könnte auch aus Palästina zur Gänze gedeckt werden. Die Einfuhr von Olivenöl aus Palästina ist im Jahre 1035 mengenmäßig allerdings um 20, Doppelzentner gegenüber 1934 gesunken und betrug bloß 52 Doppelzentner im Werte von S 13.000. Die Einfuhr von Därmen und Blasen hat sich in derselben Zeit um 29 Doppelzentner gehöben und betrug 37 Doppelzentner im Werte von S 30.000. Rückgängig war die Weineinfuhr, die von 107 Hektoliter im Werte von S 5000 im Vorjahre auf bloß 75 Hektoliter im Werte von S 4000 im Jahre 1935 gesunken ist. Verb« d* Judenstaaf§ziona$tfen Oesterreichs Sektion Prater, II., Erlafstraße 5. Donnerstag, den 23. d., halb 9 Uhr abends. Vortrag Dr. Sal. Wolf: Die englisoha Weltpölttik. — Freitag, den 24. d., 9 Uhr abends, Oneg Schabbath unter Leitung Rabb. Dr. I. Z. Kann er. — Samstag, den 25, d., halb 9 Uhr abends, Akademie und Tan». Mitwirken hervorragender Kunstkräfte. Sektion XIV/XV, Schanzstraße 32. Dienstag, den 21. d., um halb 9 Uhr abends großer Vortragsabend. Redner: Oberbaurat Robert Stricker, Aroh Sohwert« f I« g e r. Thema: Aktuelle jüdische Fragen. Mittwoch, den 22. d„ um halb 0 Uhr abends im Zentralheim, I., Werdertorgasse 14, Rabbiner Dr. Armand K a m i n k a liest aus dem Manuskript seines Drama» „König AchaD" (Deutsch und Hebräisch). v

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.