Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 551 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 551 vom « April 1036 Seite? PESSACH'F El ER STUNDEN Gleichberechtigung — Eigenberedttigung I Zweierlei Symbole übt der Jude nach uraltem Brauch am Sederabend: „simaneh awduth" und „simaneh cheruth", Zeichen der Knechtschaft und Zeichen der Freiheit. Mit den Wandlungen unseres historischen Schicksals haben sich auch Sinn und Bedeutung dieser symbolischen Handlung geändert. Solange Jisrael als freies Volk auf freiem Grund und Boden lebte und sich im Genuß eigenstaatlicher Selbständigkeit und Unabhängigkeit befand, war der Vollzug der Freiheitszeiohen nichts anderes als die Demonstration eines bestehenden ZuStandes, die stolze Betonung der glücklichen Wirklichkeit und Gegenwart. Die Uebung der. Knechtschaftssymbole hingegen war bloß Kulisse, Inszenierung, um sich die Schwere des Ueberwundenen im Hinblick auf das durch die göttliche Fügung Erreichte zu Bewußtsein zu bringen. Mit der Exilierung Jisraels änderte sich das Bild ins gerade Gegenteil. Der Jude des .frühen. oder späten Mittelalters wußte, daß umgekehrt die Knechtschaftssymbole, die er vollführte, der Wirklichkeit entsprächen, während die Freiheitszaichen des Sedertisches bloß Schein waren, eine unwirkliche Welt, die er sich künstlich schuf und in der er sich für wenige Stunden seiner unstillbaren Sehnsucht nach endlicher Erlösung hingab. Und heute? Wenn der Jude des 20. Jahrhunderts eich zürn Seder setzt und die beiden Zeichen vor sich sieht, deren Sinn sich seiner Feinnervigkeit und Hellhörigkeit eindringlicher denn je erschließt und an denen er nicht mehr gedankenlos vorübergehen kann; wenn er sich dann die eindeutige, wohl auch brutale Frage vorlegt: awduth —■ cheruth, Knechtschaft — Freiheit, wo ist die Wahrheit, wo ist die Wirklichkeit? — welche Antwort wird er sich dann geben müssen?? Für 70, ja 90 Prozent unseres Volkes ist diese Frage offenbar schon entschieden. Heute sind sie schon ernüchtert, sie wissen längst den Schein von der Wirklichkeit zu trennen. Die Freiheit( die ihnen mit sb viel Aufmachung, mit so viel Feierlichkeit und von Humanität und edelster Menschenliebe triefenden und überfließenden Worten verliehen worden war und die den Beginn einer neuen Aera in der Geschichte des jüdischen Volkes einleiten sollte, hat sich als eine Schimäre erwiesen, die einem rauhereh. ^-politischen Luftzjug nicht standgehalten hat.^Ist es nicht-tragisch, daß ein Volk, das der Welt die Freiheitsidee geschenkt hat, bis heute nicht erlöst ist und selber der Freiheit Entbehrt?! Und das, während andere, weit jüngere Nationen noch vor wenigen Jahren den Weg'iii's Freie fanden! :Aai'erdings, 'hier ist ein tatsächlicher Unterschied zu machen. Man kann die Idee der Freiheit anderen Völkern schenken, aber die Freiheit selber wird nicht geschenkt und nicht verschenkt. Freiheit will und muß erkämpft werden. Freiheit, die nur ein Gnadengeschenk ist und der Gunst eines Herrenvolkes zu verdanken die nicht auf eigenes Wollen, eigenes Verdienst, eigene Kraft sich stützt und nicht errungen und erzwungen wird, ist und bleibt immer prekär und tingesichert. Das soll der Jude von heute wissen, wo der Erlösungsgedanke, der edelste Ausdruck der in ihm aufgespeicherten" kulturellen Erbmasse, sich von dem Schutt fremder Ueberlagerungen und Aufschichtungen freizumachen beginnt. Er mag da wohl am ehesten zur Einsicht und zum Wissen um seine Notwendigkeiten gelangen, wenn er sich die Geschichte seiner Vorfahren in Aegypten und ihren Weg in die Freüieit vergegenwärtigt, eine Geschichte, die ihm zugleich den Spiegel seiner eigenen Not und seines eigenen Kampfes vorhält. Er mag dann erkennen, daß dort, wo er selber zu schwach ist, um die Freiheit zu wollen oder sie gar zu erkämpfen, der Erlösungsgedanke, einmal zum Leben erweckt, nicht mehr ruht, bis er sich an seinem Volke erfüllt hat. Die Idee der Freiheit hat das Volk Jisrael geboren. Wie der Künstler der antiken Sage seinem Werk aus Marmor Leben mitzuteilen weiß, indem er es umschlingt und mit seinem schöpferischen Atem durchdringt, so erweckt die Idee der Ge'ulah Jisrael immer wieder zu neuem Leben, zu neuem Blühen, zu neuer Fruchtbarkeit. Moses ist der erste Freiheitskämpfer, den die Geschichte kennt. Die Bibel ist ja nichts anderes als das Dokument dieses Kampfes, Die Not seines Volkes ruft ihn, den Berufenen, auf den Plan. Die fatale Entwicklung, die die jüdische Position in Aegypten nimmt, läßt sith nicht treffender darstellen, als dies durch das Moraur-Symbol geschieht. Es wird von Lehrern der talmudischen Epoche berichtet, daß sie das Bitterkraut, welches der biblischen Idee entspricht, herauszufinden und sich zu beschaffen suchten, und es in dem Waldlattich entdeckten. Der schmeckt zuerst erfrischend, dann aber wird ser immer schärfer, zieht den Mund zusammen, «ctinürt die Kehle zu und preßt uns schließlich Tränen örta». A'&cua es eine eindrucksvollere Versinnbildlichung des Judenschicksals unter den Völkern geben?! Mit Joseph hebt die Geschichte der Israeliten in Aegypten an. Die Verdienste dieser überragenden Persönlichkeit haben den Hebräern trotz üirer Andersartigkeit die Gleichberechtigung eingetragen, die noch durch besondere königliche Piyllegien garantiert wurde. Doch diese glückliche Zeit hlät nicht lange an. Ein Regierungswechsel bringt die Wendung. Im Verlauf einiger Jahrzehnte wird die GleichberechtiguBg zurückgenommen, die Hebräer, werden zu Fremden minderen Rechts herabgedrückt und endlich völlig entrechtet. Diese Entwicklung geht allerdings nicht geradlinig vor sich, sondern weist Unterbrechungen und Lichtpunkte auf. Darum tauchen wir auch das Bitterkraut in „Charosseth", jenes süße Gemisch von Früchten und Wein, um anzudeuten, daß der Ablauf des Geschehens durch Erholungspausen unterbrochen wurde. Aber wie das Charosseth dem Moraur Wohl etwas von seiner Schärfe nimmt, jedoch nur für Augenblicke, dann bricht der bittere Geschmack des Moraur unwiderstehlich durch: so wurde auch die tragische Gesetzmäßigkeit der Entwicklung durch die vorübergehenden Aufheiterungen, die wie den Israeliten gewährte Atempausen anmuten, nicht aufgehoben. Sie endet in eine Versklavung und Verelendung, die das Auftreten eines Moses zur Folge haben mußte. Diese fatale Entwicklung ist typisch geworden für das Schicksal der Juden unter den Völkern der Welt, ob sie nuh, .wie in Aegypten,;210 Jahre, zum Reif'wefden brauchte oder mehr wie in anderen Ländern und anderen Zeitläuften. So folgte auf die glückliche Aera der Juden in Babylon die Geißel des Parsismus, auf die Blüte^eriode im arabischen Spanien die Inquisition und Austreibung. In Polen wird der letzte Akt der Judentragödie von Chmelnicski und seinett Horden gespielt, in Deutschland wieder einmal vom Nationalsozialismus ... 1 Moses, ein Einzelner und Einziger, nimmt den Kampf auf, der ein Zweifrontenkampf ist: gegen das versklavte und gegen das versklavende Volk. Er ringt zuerst um Jisrael, das er befreien will, um das Volk, dessen eigentliche Knechtschaft darin besteht, daß „es sie ertragen gelernt hatte". So tief war Jisräel gesunken, so sehr innerlich verfallen und haltlos geworden, daß es sich an die Knechtschaft gewöhnt, mit ihr. abgefunden hätte-und schließlich als -den. normalen Zustand ansah.- Die Sehnsucht nach Freiheito war in ihnen erstorben. Materiell war ihr Leben ja gesichert, sogar von Staats wegen, und höhere Ziele' zu haben, hatten' sie verlernt. Moses wendet sich mit dem göttlichen Auftrag der Freiheitsbringung nicht direkt an den König Aegyptens, Am der HaUawah für Sdiabbdf Chol hamotd von Pessadt „Es kam über mich die Hand Gottes und stellte mich, hin mitten in die Ebene, und sie war — voller Knochen ... Und er sprach: Menschensohn, diese Knochen sind das gesamte Haus Israels, die sagten, es sind verdorben unsere Knochen, verloren ist unsere Hoffnung,, es ist abgeschnitten, . aus mit unsl Dann weissage — also spricht Gott der Herr: Ich öffne Eure Gräber und lasse Euch heraufsteigen aus Eueren Gräbern, mein Volk und bringe Euch in das Land Israel: Ihr sollet wissen, daß ich Gott bin, wenn ich öffne Eure Gräber, unfl Euch heraufkommen lasse aus Eueren Gräbern, mein Volk. Ich gebe m*5nen Geist in Euch hinein, und ihr lebet auf, ich bringe Euch zur Ruhe in Euerem Lande. Da sollt ihr wissen, daß ich Gott, geredet, und ich es tue — spricht Gott." Jecheskel Kap. 37. fc^^^-^^^^^^^'%.^-^-^^'»;,»<^^<b^^^^^>-^<<fc|^ ersten teilen müßte. Er verlangt mehr. Er verlangt für Jisrael nicht die Freiheit der anderen, die im besten Falle nur konstruierte und künstliche Gleichberechtigung sein kann, sondern die natürliche und organische Erlösung, die in der Eigenberechtigung besteht. Er begnügt sich dort, wo er seine Forderung begründen soll, nicht mit der blossen Berufung auf die Menschenrechte, sondern er verlarigt für sein Volk die jüdischen Rechte! Jisrael soll frei werden, um Gott dienen zu können. Wenn Pharao ihm vorhält, wie er sich das eigentlich vorstelle, so weiß es Moses selber noch nicht: ,,Wa' anachnu lo neda mäh na'awod eth adonaj ad bo'enu schamah". Aber er ist unerschütterlich davon überzeugt, daß, wenn Jisrael sein eigenes Leben leben wird können, sich auch sein besonderes Genie entfalten und Früchte tragen wird. Das jedoch ist unmöglich, solange es nicht eigenberechtigt ist, .solange es entrechtet, minderberechtigt oder selbst gleichberechtigt ist. In jedem dieser Fälle bleibt seine Energie gebunden, und der billigste Preis, den. es hier zahlen muß, ist, daß es das Beste seiner Kraft für die Abwehr aufwenden muß. Wieviel Positives könnte son0ib ^g£h£ fcü ■^eh^^olj^^estetw/; die" nach;, dem damaligen Örganisation'ss'tätüt' die' anerkannten Repräsentanten der Hebräer waren. Mit ihrer Hilfe entfaltet er einen Aufklärungsfeldzug, der im Zeichen des nationalen Freiheitsgedankens geführt wird. Ungeheuere Widerstände' türmen sich ihm entgegen. Wie bitter enttäuscht müßte 'er sein» wenn er ausruft: „Wenn mein eigenes Volk mich nicht versteht, wie kann ich dann von einem fremden Verständnis verlangen?!" Moses kam Jisrael mit einer herrrlichen Idee, das Volk jedoch blieb kühl und ungerührt. Es war nicht schlechter als seine Nach- %e$sock &ei den o&es^mUckeft lüdet* Pessach heißt bei den Falaschas Faasika und wird am 15. .Tage nach dem Neumonde im April gefeiert. Drei Tage vorher wird außer Schimbera (geröstete Gerste) nichts gegessen. Vom Sonnenuntergang des 13. bis nach Sonnenuntergang des 14. ist vollständiger Fasttag. Am 18. und 14. werden alle Häuser gereinigt, alle hölzernen, ledernen und eisernen Geräte, und die Kleider werden im Flußwasser auf das sorgfältigste gewaschen. Die irdenen Gefäße werden entweder an Christen verkauft oder neu ausgebrannt. Am 14. nach Sonnenuntergang , wird i n dem Mesgid das Pessachlamm geschlachtet. Während der t Tage Pessaoh, wovon der erste und der siebente Tag als Festtage gefeiert werden, .wird außer Kita (Mazzoth) nichts gegessen. Die Kitta werden aus Weizen oder Schimbera-Mehl bereitet und sind stark g e s al z e n. In dem Mesgid werden die Abschnitts 2. Mos. 12, 13, und 4. Mos. 9 verlesen. fahren drei Jahrtausende später. Die Sprecher der jüdischen Renaissance in unserer Zeit können wie Moses klagen: Wie kann dem Völherbund und den Nationen der Welt die Sache Jisraels am Herzen liegen, wenn sie selbst das Herz derer, die es angeht, nicht zu rühren vermag?! Die Hebräer in Aegypten hatten es verlernt, den Wert der Freiheit zu schätzen. Sie wollten von sich selber frei sein, sich von ihrem spezifischen Stil und der gottgewollten Bestimmung freimachen. Wenn sie etwas quälte, so war es nur, daß dieser Versuch immer wieder an ihnen selber und an der Umwelt zum Scheitern kam. Moses versucht auch nicht einen einzigen Augenblick, die verlorene Gleichberechtigung wiederzugewinnen und die Emanzipation von einst neu durchzukämpfen. Er weiß, daß dies ein Selbsttäuschungomanöver wäre, daß dies dem Beginn einer neuen Verstrickung in den alten circulus vitiosus gleichkäme und eine zweite Emanzipation früher oder später das Schicksal der in original englischen Herren» und Damenirotten" WIEN I, SALZG RIESS das jüdische Volk' leisten, wieviel. Schöpferisches';: -wM-„ bringen, wenn diese Kraft und Energie freigemacht würden! In der Galuth, mochte sie nun Mizraj'im öder' anders heißen, bleiben seine fruchtbarsten" Kräfte zum Leerlauf verurteilte Es muß dauernd um die elementarsten Existenzrechte kämpfen, um das Recht auf das nackte Leben, um die ungehinderte Religionsübüng, umwirtschaftliche Freizügigkeit, um die staatsbürgerliche Gleichheit und so fort. Alle anderen Völker der modernen Zivilisation haben dieses embryonale Entwicklungsstadium schon vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden überwunden; ihre Probleme von heute sind längst fortgeschrittenere und verfeinerte. Sie ringen um höhere und edlere Inhalte mrer Kultur, wir um das Recht auf unsere Kultur überhaupt; sie um entwickeltere Formen staatlicher und gesellschaftlicher Gestaltung, wir noch immer, um die rudimentärste Form einer Gemeinschaftsbildung. Die Sicherheit, mit der Moses auftritt, und die Unbeugsamkeit, mit der er seine kompromißlösen Forde-, rangen vertritt, verfehlen auf die Dauer nicht ihre Wirkung. Wenn Pharao schon innerlich so weit ist, Jisrael die Freiheit zu göben und das Volk ziehen zu lasseh, er tut es nicht, ohne sich vorher die Ueberzeugung verschaffen zu wollen, daß die Forderung Jisraels nach Eigenberechtigung begründet ist. „T'nu lachem mofeth!", hält er Moses entgegen. ..Erbringet Beweise für euer Recht! Worauf stützet ihr euren Anspruch, auf welchen Rechtstitel, auf welches Verdienst, auf welche Leitung?!" Und Pharao hat ein Recht, diesen Beweis zu verlangen, so wie die Welt heute von uns dieses ,,mofeth", die Probe aufs Exempel, erwartet. Ein Volk, das Anspruch auf Freiheit und Eigenberechtigung erhebt, muß sich legitim mieren! In unseren Tagen ist uns die einmalige, unerhörte Chance gegeben* unseren relig^onsschöpferischen Genius, unsere Staats- und gesellschaftsbildnerischen Fähigkeiten, unsere Kulturkraft und da.s soziale Weltbild des Judentums im eigenen Lande unter Beweis zu stellen. Wa3 wir aus der Gottesidee werden herausholen, und übersetzen werden in die Realität unseres religiösen, sittlichen, sozialen und kulturellen Lebens, darauf kommt es an. und das allein wird uns den Weg in die wahre, dauerbarc Freiheit, weil in die Eigenberechtigurig bahnen. Wenn die heutige Generation sich entscheiden wird v/ollen — wie Chajes es so feinsinnig formuliert hat — der lebendige Kommentar der Gottesidee zu' werden, dann werden wir auch fähig geworden sein, das „mofeth", den Beweis in der Praxis echt jüdischen Lebens zu erbringen, der in der Geschichte unerläßlich ist. Dann kann auch die Zeit nicht ferne sein, wo dem Juden, wenn er sich zum Seder setzt, sich in den Freiheitssymbolen/die glückliche Wirklichkeit und in den Zeichen der Knechtschaft eine überwundene Vergangenheit darstellen werden. Dr. Robert Serebrenik, Oberrabbiner (Luxemburg),; /