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Die neue Welt · 1936-04-03 · Heft 551 (3.4.1936) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 551 (3.4.1936)
Date
1936-04-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DOS NOTE WEXT ■■■blMM^MMMtiiMHHMMIMtoAV Nr. 551 vom 3. April 103« Schölem Alechem; Pessadi mit einem „Kai wa'diomer"" i. Nun bin ich wieder einmal daheim — daheim in Kasreliwke. Viele, viele Jahre war ich weit weg von meinem lieben Städtchen, schickt aber „Er" einen Pessach Uber die Welt, der mich heimzog... So fuhr ich also nach Hause, um als Gast bei meinen „kleinen Menscheleiu" dsn Pecsach zu „erleben". Der erste Mensch, dem ich begegnete, war Menasche. ein Sohn Reb Jechiels, des „Bal'agule"2) — er, Menasche ist auch ein „Bal'agule". Als ich das letztemal hier war, war er noch ein Junge, ohne Bart, mit einer schwarzen, etwas bewachsenen Lippe. Schabbath Nachmittag hinter dem Beth-Midrasch pflegte er sich mit der Jugend des Städtchens zu messen — stets Schläge, ordentliche, Kasreliwke klepp' einzuheimsen und: zu schweigen! Versteht ihr? Er bekam Schläge und — schwieg. Und nun seht ihn euch an: einen Bart wie sein Vater, schelmische Augen wie sein Vater, einen langen verschmierten Rock wie sein Vater, und dabei lustig und fröhlich, fidel und munter: wie sein Vater... Sein Vater Reb Jechiel, der erste „Bal'agule", war — war nicht so einfach ein „Ballagule", wie ihr glaubt, und Schluß. O nein! Sein Vater war ein „Bal'agule" ein „ben Thora"3), ein „Lamden"-*), ein Gelehrter; ein „Bal'agule" mit einem „Perek Mischnajoth"3), mit einem „Midrasch.. ."ü) In ihrer Sprache wird so ein Mensch so charakterisiert: „Ein Bal'agule mit Chrein..."*) versteht ihr mich schon, was ich meine? Mit „Chrein.. , 'Vor seinem Vater Reb Jechiel hatte jeder von uns Respekt. Ihm einfach „Du" zu sagen —. hat keiner gewagt. Ihm sagte man: „Seid so gut, Reb Jechie}!" 2. Da steht er nun. der Thronfolger Menasche. Wie spricht man ihn an? „Du" oder „Sie"? ... Ich sage nicht „du" und nicht „Sie". „Was macht ,man'?" frage ich. „Was soll man machen?" antwortet er: „Man tährt hin und zurück, wie der Vater, mir ,zu lange Jahren*." „Und wovon und wie lebt man?" „Man plagt sich und man lebt, wijoh! Man fährt zweimal im Tag zur Bahn, vielleicht kommen doch Menschen hierher nach Kasreliwke — und es kommt keiner..." „Und was wird zu Pessach sein, .wovon wird man, Pessach machen?" „Pessach?... Pessach?." Er wendet den Kopf zu mir wie sein Vater. „Pessach wirdvsein mit einem ,KaI wa'chomer'!"; :."' " ■ „Mit einem ,Kai :wa'chmer'? Was für--ein ,Kai wa'chomer'?."..' Und nun schießt er los. Lachend und übermütig, verschmitzt und belustigt erzählt er mir in seiner eigenartigen Sprache, mit eigenartiger Betonung,- in einem! echten „Baragule"-Singsang eine Geschichte von einem „Rabbi", der auf Schabbat mit einem „Kai wa'chomer" heimfuhr. 3. „Der Rebbe fahrt einmal mit seinem eigenen Wagen und Bal'agule nach Hause. Wijo!... Freitag war es, Erew Schabbat. Plötzlich — krach. Ein Rad gebrochen. Bleibt der Bal'agule stehen: ,Rebbe! Rebbe.' wijo! was tut man?'... Antwortet ihm der Rebbe mit Chochme: ,So wie ich weiß, daß es Fiaker gibt, die nur zwei Räder haben, und trotzdem kann man fahren — da, wo ich sehe, daß dein Wagen drei Räder hat, ist doch sicher und sicher gut...' Also fahren. ' Weitergefahren eine kurze Strecke — krach. Das zweite Rad. ,Rebbe! Rebbe! wijo! Was macht man jetzt?'... Sagt ihm darauf der. Rebbe, wieder mit einem ,Kal w'aehomer', die hohe Stirne in Falten gelegt, die Augen geschlossen, die Rechte gehoben:' .Mottke, Mottke, wo ist dein Kopf, wo ist dein Verstand?... Mottke! Du allein hast mir erzählt, dort, drinnen in der Stadt gibt es Wägelchen, die nur zwei Räder haben, eines ein großes, das andere ein kleines, und troztdem kann man gut und schnell fahren — da, wo du allein weißt, daß dein Wagen zwei gleichgroße Räder hat, muß man doch" sicher und sicher fahren können!!... Mottke, Mottke! Wo ist dein Kopf! Weiterfahren..'. Nach einiger Zeit — krach. Das dritte Rad! .Rebbe! wijo! Ha! Rebbe! was jetzt?'... ,Höre nur die Sorge! ... So wie, du Chammer, ich allein einen Schlitten habe, der kein einziges Rad hat — und man fährt, du, du Chammer, dessen Wagen ein Rad hat, du ,mußt sicher und sicher gut fahren ...' ») Hier etwa: Schlußfolgerung. '-) Etwa: Fuhrmann. Die Bahnstation liegt weit außerhalb des Städtchens, so daß die Ankommenden auf Wägelchen ins Städtchen geführt werden. 3) und •*) Etwa: Thoräkundiger. ■ ■; 5) und e) Etwa: Er vermag aus der Mischnah und Midrasch ganze Kapitel zu zitieren. ' 7) Wörtlich: Kren. Hier etwa: Ein Mensch von Wert, von geistigem Vermögen, mit dem man rechnen muß. Cafe FranzaJosefe'Kaf (Rappaport) Wien h Frans* losefs«Kai 45 wie alljährlich, streng flOS Unter persönlicher Leitung des Herrn M. RAPPAPORT //■ Weitergefahren noch ein Stück Wegs —• krach. Das vierte Rad! .Rebbe! wijo! Was macht man aber jet2t? Nu? Rebbe? wijo! Was tut man nun?* Sagt ihm darauf kurz und bündig der Rebbe mit einem ,Kal wa'chomer': ,Ein Luftballon, der nicht am Himmel und nicht auf der Erde ist — und trotzdem fährt man rasch und gut; dein Wagen, der sicher auf der Erde ist, muß um so eher und rascher fahren...' " 4. „Gut!" unterbreche ich Menasche, „aber was hat dieser ,Kal wa'chomer' mit Pessach zu tun?" „Das hat sehr viel mit Pessach zu tun", sagt Menasche sehr ernst. „So wie die Gojim vom Städtchen haben keine Mazzes und essen alle acht Tage nur .Chumez' und — sterben nicht: wir Kasreliwker Juden, die weder ein Stückchen Mazze noch ein Brösel .Chumez' im Vermögen haben, wir werden sicher und sicher sieht sterben!!..." 5. Schon sind wir an Ort und Stelle, in meinem Kasreliwke. „Wohin soll ich euch hinführen, Reb Scholem Alechem, wie mein Vater pflegte zu sagen?"... Ich sehe mir Menasche an und denke: „Gott im Himmel! Wie ist das möglich? Eines von beiden: Entweder das ist nicht Menasche, sondern sein Vater Reb Jechiel, und. die Zeit ist zurück um dreißig Jahre, oder, oder... das alles ist ein Traum!" (Aus Jubiläumsausgabe der gesammelten Schriften, New York 1921, Band 23.) Ins Deutsche übertragen von M. S. B r a f m a n n. Feierliche Sederabende am 6. u. 7. April 1936 Leitung: Oberkantor Deutsch im Restaurants. Spritzer (Low), nur 1U Gr. Pfarrg. 23 Tischbestellg. unt. Tel. A-40-900 erbeten. Normale Preise A Pessadi im Sprichwort Von Dr. Israel Zwi Kanner, Wien, m Schabbes hagudel gehen die Paraches nach Mizrajim. (Am Sabbat vor "Pessach gehen die Aussätzigen nach Aegypten.) , u . Pessachleben ist ein schwerer, .aber ein reiner Jomtow. (Die "Osterfeiertage sind zwar sehr kostspielig, dafür aber herrscht im ganzen :Haus die größte Reinlichkeit, da zuvor alle Hausgeräte : aufs pünktlichste gesäubert wurden.) * g, Wenn Pessach herannaht, dreht sich bei den Frauen der Schleier. * Der Monat Nissen ist ein teuerer Bissen. (Da Pessach, das auf ihn fällt, viele Ausgaben verursacht.)' * Mazzes und Wein, muß sein, Schmalz und Eier nicht seier (sehr). .* Für Mazzes und Totenkleider muß sein. (Es wird bei Juden als frommes Werk betrachtet, die Armen zu Ostern mit Mazzes, sowie die Verstorbenen mit Sterbekleidern zu versehen). 1 * Wer wird auf einmal angesehen: Ein koscheres Sackerl für Pessach und ein Schofarbläser am Rosch Haschanah. * Der Jude versteht alle Arten von Arbeit: Pessach backt er Mazzot; Schewuoth ist er ein Gärtner; Tischabaw ist er Soldat; Sukkot ist er Baumeister^ Chanukah gießt er Dredlach; Rosch Haschanah bläst er Schofar. * Am Pessach darf man an allen Orten essen, aber nicht von allem. Am Sukkot darf man von allem essen, aber nicht an allen Orten. Am Schewuoth an allen Orten und von allen Speisen. * Einen Bräutigam lädt man nicht zu Pessach ein. (Da an den Sederabenden von den ägyptischen Plagen die Rede ist, so sieht man davon . ab, einen Bräutigam zu diesem Peste einzuladen —■ aus Furcht, er könnte sich dadurch getroffen fühlen.) * Man meint nicht die Hagada, sondern die Knödel. •— Man meint nicht den Kren, sondern die vier Becher. * Wer (beim Seder) keinen Kren ißt, bekommt! keine Eier, (Wer nicht das Bittere will; bekommt nicht' das Gute.) >♦»♦♦♦♦«♦»♦>♦»♦»♦♦»»♦»♦♦*»♦♦»>♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»»♦♦♦♦♦♦»» Bar-Mlzwahf eier. Dr. Jakob Ehrlich und Frau laden zu der am Samstag, den 4. April, vormittags Im Stadt-Teanpel stattfindenden Bar-Mlzwah ihres Sohnes Faul ein. (Statt besonderer Anzeigen.) iMIMMMMMMMmMMMMMMMMMMM<Mi>MMMMM Die beliebte Chlorödont-Zahnpaste ist jetzt auch in schäumender Qualität erhältlich. Chlorodont schäumend oder, nichtwhäumend beide Qualitäten sind gleich gut. E t/OfH. PessotU'pAdx&t Ein Trostwort für die jüdische Hausfrau Der Nissan soll ein Freuden-Monat sein. Des» wegen fängt die jüdische Hausfrau schon im Adar mit dem viel beseufzten Frühjahrsputzen an, damit sie und die Hausgenossen sich allmählich bis dahin an Iß^Wasser» fluten und die immer wiederkehrende eintägige tyngemütlichkeit gewöhnt haben und mit dem nahenden Pessachfest auch das Verlaufen der Fluten, das Verschwinden von Besen, Bürsten, Mopps, Putzlappen und Eimern und dte Stille nach dem Staubsaugersturm beglückt begrüßen. Leitern und Stuhltritte machen dann wieder normalen Wohngeräten Platz und mit dem Kopftuch gegen den Staub beim „Schütteln" der Schränke und. Schubladen verschwindet von der Stirn der Hausfrau auch die Denker' falte des Organisationstalents und aus den Augen der Feldherrnblick. Im Adar beginnt das Seufzen: zur Zeit der Ver» abredung mit der Hilfe, mit dem Abnehmen der winter» trüben Vorhänge, mit dem Großeinkauf an Seife, Möbelpflegölen und Schrankpapier. Wie bei allen schweren Dingen im Leben ist auch das Pessachputzen nur so lange ein Alpdruck, bis es begonnen hat. Dann stellen sich mit ihm nämlich ein paar Freuden ein — Lächeln sie nicht trüb, liebe Hausfrau; Sie sind ja nicht der Hausherr, der in der Küche essen und im Kinderzimmer den verdienten Mittagsschlaf halten muß. Der Arme muß Ihre Putzfestlichkeiten, den vierwochenlangen Erew Pessach als Leidender über sich ergehen lassen. Sie dagegen überstehen ihn in einer Art heldischer Haltung: „Und ihr Name ist Viktorie, Göttin aller Tätigkeiten .. /' Das Grobe daran ist am wenigsten schön: Böden pflegen, Türen abreiben, Fenster putzen, Vorhänge waschen und, spannen und womöglich in mühseliger Abendarbeit auch stopfen. Netter wird es schon, wenn die Decken und Deckchen daran kommen, wenn man zierlich mit Seifenschaum, Stärke und Nadeln arbeitet, Fingerspitzen haben muß und Augenmaß. Und kommt dann das Schütteln daran — vorher, zwischendurch und nachher — dann ist es gar nicht mehr zu leugnen, daß eine Freude dabei ist. Man begegnet in den Schränken und Schubladen Dingen, an. die man fast ein Jahr lang nicht mehr dachte, man legt heraus, man prüft und sondert — und das Päckchen für die Kleidersammlung der Wohlfahrtspflege wird ein Packen. Gerätti kommen dazu, ein Tischchen, Kinderspielzeug, Bücher sogar. — — Erst beim Einräumen merkt man, wieviel Luft das in den Laden und Fächern gegeben hat. Erst beim Einräumen begegnet man dem Ergebnis von all der Mühe und Plage. Denn da duftet der Fleißigen die Friß che entgegen, da leuchten die Bretter, neu mit. heilem Papierbelegt, da schichten sich die Dinge, die vorher ein wenig hier und dahin geraten waren, in einer jetzt. wohlüberlegten Reihenfolge und in praktischer Anordnung. Auf einmal hat die Hausfrau wieder Platz. Es ist, als ob die Lücken das Licht festhielten. Es ist, als sei ein bißchen Frühjahrssonnenschein mit hinter die Schranktüren geraten, dieses blitzblanken Sonnenscheins, der durch frischgewaschene Vorhänge hereinkommt und über die glänzenden Möbel, die weißen Decken, die fieokenlosen Böden spielt. Das ist dann des Pessachputzens Glück — und Ende. Denn dann fehlt nur noch der eine Tag erster Unordnung und fröhlichen Durcheinanders, wenn das Geschirr der Küche gegen das jonteftige auf dem Speicher umgetauscht wird. Nur noch die paar Stunden auf und ab nach der letzten Sintflut in der Küche — und dann sinkt die Stille von acht glücklichen, ausgesonderten festlichen Tagen in das Haus. Wer b$* „Neumann"? Herr Karl Neumann ist nicht nur in den weitesten Kreisen Wiens als der Besitzer der populären "Cafe- Konfiserie Neumann, II., Gredlerstraße 2, bekannt, sondern auch als guter Jude, der wohl als einziger in Oesterreich zur Herstellung seiner so schmackhaften und doch rätselhaft - billigen Erzeugnisse womöglich ausschließlich Palästina-Produkte verwendet. Ein Besuch bei Neumann heißt somit Förderung von Tozereth Haarez — einen Beitrag leisten für Erez-IsraeJ. Jetzt zu Pessach sei auf diesen Umstand besonders hingewiesen. Wir halten es daher für unsere Pflicht, Herrn Neumann in seinem nachahmenswerten Bestreben zu unterstützen und machen die jüdische Oeffentlichkeit auf die Cafö-Konfiserie Neumann aufmerksam. Es ist jetzt das 3. Jahr, daß sich Karl Neumann auf Drängen seiner zahllosen Kunden entschlossen hat, seine Lokalitäten am Pessachfeste offenzuhalten. Neuraann hat dem jüdischen Ritus, der Kaschruth. entsprechend, seinen Betrieb trotz der hohen Spesen für acht volle Tage umgestellt. Zu Pessach als nationaler und religiöser Jude nur in die Cafe-Konfiserie Neumann, die sich im Zentrum von Wien, II., Gredlerstraße 2, befindet und eine Sehenswürdigkeit Wiens darstellt. .Waren werden auch außer Haus geliefert. Tel. A-42»3-81. Im Kaffeesalon liegen sämtliche Tageszeitungen auf und ist derselbe von 6 Uhr früh bis 1 Uhr nachts geöffnet. E Caf6 Buchsbaum 1 lly Kleine Pfarrgasse 21 I 3§ Kaffee, Milch; Schokolade, prima Weine und Met | hdö 1

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