Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 551 (3.4.1936)
- Date
- 1936-04-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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«Ä*. 551 vom 3. April 1936 ^jMr A'ii^^kÄfc^fc' jc^^^^b IHK «EUE WEIT Seite 5 1 Die polnische Sdiäditfrage entschieden Da« ruinöse Gesetz auch im Senat beschlossen — Antisemitische and jüdische Reden Mit Außerachtlassung aller judischen Anträge hat Öer polnische Senat am 27. März den Antrag der Gattin des Sejmmarschalls, Frau Prystor, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten, nebst d«n Abänderungsanträgen der Regierung, wonach für die Bedürfnisse der judischen und der mohammedanischen Bevölkerung ein beschränktes Kantingent von Schlachtvieh zur Schächtung freigegeben werden soll, angenommen. Das Gesetz tritt am 1. Jänner 1987 in Kraft. Dlo Senatsdebatte nahm einen die Juden beleidigenden Verlaufi Der Referent, Senator DobaCxew- Ki, ein Arzt aus Witna, sagte gleich in der Einleitung, flio Hauptmotive zum Gesetz seien nicht humanitärer, sondern wirtschaftlicher Natur, die ftanze Angelegenheit habe den Charakter eines Kampfes «wischen Juden und Christen angenommen, dies darum, weil das jüdische Ritual zu sehr den Flcischmarkt In Polen beherrscht, während z. B. die jüdische Schichtung in Prag 4 Prozent, in Beigrad 2 Prozent des geschlachteten Viehs betrifft. Die polnische christliche Bevölkerung wünscht nicht, Fleisch von rituell geschichtetem Vieh zu essen. Der Antrag der Regierung gibt den Juden die Möglichkeit, lediglich für die eigenen Bedürfnisse zu Schächten. Der frühere Warschauer PoHzcikommandant, Oberst Jagris-Maleszewski, der schon während der Debatte in der Senatskommission mit einer scharfen antisemitischen Rede hervorgetreten war, erklärte, die rituelle Schächtung widerspreche der Verfassung und bilde ein jüdisches Privileg, das man abschaffen müsse. Er sei kein Antisemit, aber er könne sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß Polen zu viele Juden hat. Polen muß ein Nationalstaat sein, nicht ein „J u d ä a p o 1 e n". Nach dem jüdischen Gesetz seien alle Nichtjuden, „unreine Geschöpfe". Senator Oberrabbiner Prof. Schorr führte aus: Alle bisherigen Debatten waren beherrscht von Einbildungen und Vorurteilen, von Haß und Leidenschaft. Wie wurde zum Beispiel dlo Frage behandelt, «b die Schächtung ein Hau p t g r u n d s a tz der jüdischen Religion sei? Zum Sachverständigen hierfür bestellte man einen katholischen Geistlichen, der sich von je antisemitisch betätigt. Würde man als Experten für Angelegenheiten der e v a n g e 11schen, Religion einen Rabbiner einladen? Ja, man hatte auch als zweiten Experten für die Schächtung einen Rabbiner bestellt. Es sollte ein Disput zwischen Vertretern zweier Religionen nach dem Beispiel des M i 11 e I a 11 e r s inszeniert werden. Wir wehrten uns gegen diese Degradierung unserer Religion und unseres Volkes und lehnten es ab, den jüdischen Experten zu stellen. Die Frage, ob die Schächtung human sei oder nicht, ist durch die angesehensten Repräsentanten der Tierarztkunde und der Physiologie zugunsten der Schichtung beantwortet worden. Die anderen TJr- ±j 111111111113111 e 111 ii 11 n b 1111 s 1111 y M1111111111S11H11 fi 211111111311! IH^. m Gegründet 1856 I BANKGESCHÄFTE ALLER ART | Abteilung für Wertpapiere und Devisen Wien IX. Wasagasse 2 ~ nuiiiiiiiiiiiiiiifiiiiiiiHiiiHiiuiiiiiiiniiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiim teile sind zum weitaus größten Teil Urteile von Laien. Die Behauptung, daß die Schächtung grausam und. barbarisch sei, bedeutet eine Beleidigung der jüdischen Religion und des jüdischen Volkes. Dio breiten Massen des polnischen Volkes wurden durch diese Pror paganda In das antisemitische und somit in das antistaatliche Lager getrieben. Hunderte Male bediente man sich der Lüge, daß Polen das einzige zivilisierte Land sei, wo das Schächten noch erlaubt sei. In Wirklichkeit wurde in einem westlichen Staat das Schächten verboten, als dieser Staat sich gegen die Zivilisation stellte. In Frankreich, England, Belgien, Holland, Italien, in den Voreinigten Staaten, wie überhaupt in allen Ländern mit Ausnahme der Schweiz und Norwegens, wo nur wenige Juden leben, ist das Schächten ohne Einschränkung erlaubt. Prof. Schorr schloß: Meine Herren Senatoren! Die rituelle Schächtung ist eine Hauptgrundlage des jüdischen Gesetzes, das seihe Quelle in der heiligen Lehre hat. Seit den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag üben wir Juden dieses Gebot. Den Vor* wurf, als ob die rituelle Schächtung nicht human sei, lehne ich kategorisch ab. Wir Juden waren die erstenj die den Tierschutz zu einem Gesetz erhoben. Der berühmte katholische Theologe P. Kübel hat in seinem Buche »Die soziale Gesetzgebung der Bibel" aus* drücklich erklärt: „Das Volk Israel war schon im Altertum ein einziger großer Tierschutzverein; Alle Vorschriften, die sich auf das Tier beziehen, sind durchdrungen von der einfühlenden Einsicht in das Leben des Tieres,'wie sie kein moderner Tlersehutzverein übertreffen .kann. Die Sache der Schäohtgogner in Polen hat nichts mit Humanität zu tun, die Humanität — die gegen Menschen — wird von ihnen mit Füßen getreten. Trotz allem glaube ich, daß, wenn einmal der Nebel des Hasses schwindet, dem polnischen Judentum Gerechtigkeit widerfahren wird. Senator TrOckenheim führte aus: Die Aufpeitschung des Hasses ging so weit, daß z. B; der Vizemarschall Miedzynski die rituelle Schächtung mit der Ve i»lvrennung der Witwen in Indien verglichen hat. Hat nicht das jüdische Volk als erstes vor 3000 Jahren das Gebot In die Welt gestellt: Du sollst "nicht töten! Ein Synledrion, das in 70 Jahren einmal ein Todesurteil füllte, wurde als ein „m ö r d e r isches Gericht" bezeichnet. Wir haben niemanden verbraunt, wir waren es, die auf den Scheiterhaufen verbrannt wurden. Das Schächtgesetz ist nichts anderes als ein weiteres Glied In der Kette der Hinausstoßung der Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen. Keinem Menschen wird das Gesetz irgend einen Nutzen bringen, aber die jüdische Bevölkerung wird darunter schwer leiden. Das Gesetz bedeutet eine Vergewaltigung des religiösen Gewissens von dreieinhalb Millionen polnischen Bürgern und raubt Tausenden judischen Kaufleuten Und Handwerkern ihre Existenzgrundlage. Wir haben in der letzten Zeit viele Exzesse, Terrorakte, Boykott und Beleidigung Uber uns ergehen lassen müssen. Aber wir sind ein altes Volk, erprobt in Leid und Pein, wir haben unsagbar schwere Zelten durchlebt und dennoch uns niemals verloren, niemals den Mut sinken lassen. Wir werden auch diesmal auf unsere heiligsten menschlichen und nationalen Rechte nicht Versieht leisten. Es folgte eine Reihe Reden der antisemitischen Senatoren General Oszinski, Kornke, Glowackl u. a. m., die die bekannten antijüdischen Legenden vorbrachten und ein totales Schächtverbot forderten. Bei der Abstimmung stimmten 17 Senatoren für ein totales Schächtverbot im Sinne des Antrags der Frau Prystor, während die Mehrheit für die Abänderungsvorschläge der Regierung stimmte. t t I-TAB0RSTR-8 t 0 „TiefschÜtzer" Aus Warschau: In Warschau wurden zwei Studenten wegen Tierquälerei zu je sieben Tagen Gefängnis verurteilt. Die beiden Studenten hatten sich einen Spaß daraus gemacht, einen Hund mit Terpentin zu übergießen, so daß das Tier vor unerträglichen Schmerzen heulend durch die Straßen lief und in schwerverletztem Zustand dem Tierschutzverein übergeben werden mußte. Vor dem Richter verantworteten die Täter sich damit, daß sie betrunken und ihrer Handlung sich nicht bewußt gewesen wären. Sie seien im.übrigen Tierfreunde und hätten sich in der Propaganda für den Schächtsverbotsantrag de.r Frau Prystor intensiv betätigt. In Palä§fana — keine Krise Ein englisches Urteil Der Generaldirektor-F. S. Clerk der Palästina- Filiale der Barklays-Bank, einer der ersten englischen Großbanken, erklärt in den palästinensischen Zeitungen: Es gibt in Palästina keine Wirtschaftskrise, und das törichte, .unverantwortliche. Gerede .über eine wirtschaftliche Depression ist nur 'geeignet, kleingläubige und kleinmütige Kapitalisten abzuschrecken. In Wirklichkeit, so erklärte Mr. Clerk, ist die Wirtschaftslage des Landes gefestigt. Gewiß ist eine geringe Anzahl von Arbeitslosen verbanden, vor allem in Tet- Aviv. Diese Arbeitslosigkeit ist das Ergebnis des Rückganges im Tempo der Bäubewegung. Dieser Rück- "j^gang hört jedoch heute bereits auf, weil ,alle diejenigen,, die infolge der Panik im Zusammenhang mit dem it alienischab es sinisChen Kriege nicht bauen wollten, sich davon überzeugt haben, wie unbegründet ihre Besorgnisse gewesen sind. Nebenbei bemerkt, hatte dieser zeitweilige Rückgang auch seine guten Seiten. Er gab nämlich vielen Unternehmern die Möglich* keit, ihre Unternehmungen zu kontrollieren, zu festigen und erhöhte Tätigkeit für die nächste Zukunft vorzubereiten. V zei sich die Qualität. lastUeh, raseh und sicher gltitet die Selbstverständlich ist auch Palästina, so bemerkte Mr. Clerk, nicht frei von gewissen schwachen Punkten. Bei uns ist das Gefährlichste die S p e k u 1 a ti o n, in die leider auch Menschen hineingezogen wurden, die gute Ab-» sichten haben, sich aber keine Rechenschaft abgeben, wie groß der Schaden ist, den sie der Wirtschaft des Landes bringen. Die zweite nicht ' minder gefährliche Erscheinung ist der zu hohe Lebensstandard, der sich breitgemacht hat und die tatsächlichen Möglichkeiten des Landes übersteigt. Zur Frage der Aussichten des palästinensischen Orangenexports erklärte Mr. Clerk: Der palästinensische Orangenexport hat noch sehr große Möglichkeiten auf dem englischen Markte, der viel mehr konsumieren kann, als er heute konsumiert. Hiezu ist jedoch erforderlich, erstens eine Standardisierung der Qualität der nach England exportierten Orangen und zweitens eine Zusammenarbeit aller Exporteure, damit Palästina den englischen Markt für seine Orangen endgültig erobert. Unsere Pessimisten,, so schloß Mr. Clerk, haben stark übertrieben. Unsere Wirtschaft hat bereite einige Stürme erlebt, und siehe da: aus jedem Sturm geht sie stärker und gefestigter hervor. Palästina ist „all right" (Palcor.) «tamer Bros. First National brtrt*«n?Mtd tkuid« Dr.Sokrates Opern-Kino I, State-Kino VII, Votivpark-Kino IX. Tote und Kinder ». Man darf ihrer nicht gedenken Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten in Deutschland hatfe sich an die Judengemeinden gewendet, um vof den jüdischen Feiertagen gemeinsam mit den Gemeinden Gedenkfeiern für die j ü d^i s c b. e n Kriegsgefallenen abzuhalten, Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, wurde der Vorstand des Reichsbundes und der Gemeinden von der Polizei verständigt, daß die Abhaltung dieser Gedenkfeiern verboten söi. Man reißt sie aus den Gräbern Zu den heiligsten Bräuchen des Judentums gehört jener, demzufolge die. Gebeine der Toten für ewige Zeiten in Ruhe zu belassen sind. Die Juden haben immer die größten Opfer gebracht, wenn es galt, diesem Brauche zu entsprechen. Auch die. nichtjüdische Gesellschaft, auch in. ihren antisemitischen Teilen, hat dieses jüdische Geset2 immer respektiert. Den Jüngern Adolf Hitlers blieb es vorbehalten, auch hier Wandel zu schaffen. Der Auftrieb der nationalsozialistischen Bewegung in Deutschland war durch Hunderte von Schändungen jüdischer Friedhöfe begleitet. Grabsteine wurden umgestürzt und besudelt und Gebeine herausgerissen. Aber die Störung; der Grabesruhe war doch noch nur Sache der Partei. Jetzt beginnen auch die B.e h ö r d e n, sich um die jüdischen Friedhöfe zu bekümmern. Aus Hamburg wird gemeldet: Der Friedhof der Deutsch-Israelitischen Gemeinde und der Portugiesisch- Jüdischen Gemeinde in Hamburg, der sogenannte Grindel- Sei gidjtifdjen unb rijeumölifdjen 8efd)toerbeit toirfert XöQaUXablttten rafd) unb ftdjcr. Zo$al löft bie fd)äblid)en ©eftonbtetic im SBfat, es wirft in r)of)em 9Jta&c als inneres Slniifepitfum. ließet 7000 Siebte Betätigen bic fjernorrögenbe <Q3ttfung. ^n aKen Slpofrjefen. Sßteis S 2.40 friedhof, muß, wie einer Bekanntmachung der Vorstände der beiden Gemeinden zu entnehmen ist, geräumt und das Gründstück dem Staat" übergeben werden. Das Grundstück ist den Gemeinden vom Hamburgischen S t a at im Jahre 1711 überlassen worden. Die Gebeine der auf dem Friedhof Bestatteten werden nach dem Gemeindebegiräbnisplatz in Ohlsdorf überführt werden. In der Meldung fehlt die Angabe des Zweckes, welchem der nationalsozialistische Staat die den jüdischen Toten abgenommenen Flächen widmen wird. Vielleicht werden dort Senkgruben oder Mistablagerungsstätten angelegt ... Kinder müssen hungern Vor den jüdischen Kindern müssen die Hitler-Leute besonders große Furcht haben. Um sie loszuwerden, trifft man im Dritten Reiche ganz außerordentliche Maßnahmen. Wenn Sie ganz klein sind, gibt man ihnen keine Milch, wenn sie krank sind, keine Medizin, wenn sie hungrig sind, gibt man ihnen kein Brot. Die J. T. A. berichtet aus Berlin: In einer Durchführungsverordnung zur Verordnung über die Gewährung von Kinderbeihilfen an kinderreiche Familien wird bestimmt, daß Kinderbeihilfen nur Eltern erhalten können, die Reichs bürg er im Sinne des Reichsbürgergesetzes vom 15. September 1935 sind, d. h.: arme jüdische kinderreiche Eltern erhalten nichts. Das PessadisPffogramm der „Jüdischen Kunstlerspiele" „Sfcc ha, scha, der Eebbe fuhrt!" (der dreizehnjährige Söhn de» verstorbenen Rabbiners eines polnischen Städtchens) heißt die Pessach-Novltät der Jüdischen Künstlerspiele, die Freitag, den 3. April, zum erstenmal mit Sevilla Pastor in der Hauptrolle aufgeführt wird und von da ab ständig an» Spielplan bleibt. Sie Ist mit original jüdischen Volksweisen nnd Tanzen reloh ausgestattet. Sonntag, den 5. April, nachmittag« wird bei. ermäßigten Freisen „X5ln Garten Eden für zwei" aufgeführt. * Sondervorstellung in den - „Jüdischen Künstlevsplelen". Donnerstag, den 9. April, findet zu Uhren des Direktor« M. Siegler die einmalige Aufführung des berühmten Volksstückes von Lateiner „Seder nacht" mit Sevilla Pastor statt. In« u» ansländisdie Hausbesitzer verwalten ihre wi i •I durch behördlich konz. Realitätenkanzlei I Dr. MAIR PA IS H Wien I, Fron«.Josefa.Kai 1, Tel. R«gl»S-30 ES: E Erstklassige Referenzen!