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Die neue Welt · 1936-03-17 · Heft 546 (17.3.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 546 (17.3.1936)
Date
1936-03-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der Mann, der sein ganzes Leben der jüdischen Sache hingegeben hftt,: bleibt jung bis ins Greiaenalter. Man muß es ihm nicht wünschen, es ist ein Naturereignis, mit dem die Judenlieit und insbesondere Eres Israel beglückt werden, . * Hermann Struck nun auch ein Sechziger! Als ich ihn im Winter 1909 ha «seinem Berliner Atelier beanxchte, war er inmitten der pädagogischen Arbeit (er unterrichtete in der Kunst des Radierens) und es war damals gerade sein inzwischen klassisch gewordenes Euch „Die Kunst des Radierens" fertiggeworden. Ein kurzes Gespräch — und man fühlte, daß man es mit einem kostbaren Mcnschenexemplar zu tun habe, mit einem wahren Künstler und einem wahren Juden, dem Künstlertum und Treue zur traditionellen (religiösen) Lebensform eins bedeutete. Seit mehr als zehn Jahren lebt Struck, der dem religiösen Flügel der Zionistischen Organisation (Miarachi) angehört, in ,Palästina, wo er eine Reihe wundervoller Radierungen geschaffen hat. Seine Herzl-Radierung vom Jahre 1903 zeigt ihn in ganzer künstlerischer Höhe. Sein 60. Geburtstag ist ein Ehrentag für die jüdische Kunst und für das jüdische Land. * Dr. Oskar Lieben, lange Jahre Mittelschulprofessor, ist dieser Tage im Alter von 54 Jahren in Prag, seiner Geburtsstadt, gestorben. Schon früh der jüdisch-nationalen Bewegung dienend und für sie propagandistisch tätig, wurde er bald im alten Oesterreich bekannt, insbesondere seitdem er wegen seiner zionistischen Werbetätigkeit als Staatsbeamter diszipliniert worden war. Als Pensionist widmete er sich in Prag pädagogischen Angelegenheiten und der Aufbringung von Geldern für zionistische Zweke. Sein liebenswürdiger Charakter, sein gesunder Blick, sein bereitwilliger Rat machten ihn' in der Prager jüdischen Gesellschaft zu einer populären Figur. Der tschechoslowakische Zionismus verliert in ihm eine wertvolle Kraft. — Mir war er ein guter Freund, o. r. Zureite Landeskonferenz der litauischen Indenstaatispartei Aus Kaunas wird gemeldet: Hier fand die 2. Landeskonferenz der litauischen Judenstaatspartei statt, an welcher zirka 100 Delegierte aus der Hauptstadt und der Provinz und die Vertreter der „Jordania", „Gusch-Haavoda", „Berith-Hakanajim" und der „Jehuda" teügenommen haben. Die Konferenz der Partei, welche hier zu den stärksten und einflußreichsten zählt, hat ein großes Interesse in der jüdischen Öffentlichkeit hervorgerufen. Der Präsident der Partei, Dr. Dubrowitsch, erstattete einen Tätigkeitsbericht über . die letzten zwei Jahre. Er schilderte die machtige Entwicklung der Bewegung im Lande, welche noch vor kurzem eine kleine Anzahl Chaverim zählte, beute schon in den weitesten Volksschichten großen Anhang und viel Verständnis findet. Bei den Wahlen zum letzten Zionistenkongreß hat die Partei zwei Mandate errungen, und sich als die drittstärkste jüdische Partei des Landes erwiesen. Die Partei verfügt über ein eigenes Pyesseorgan, den „J u d e n s t a a t", der zweiwöchentlich erscheint. Die zahlreichen Zweigorganisationen der Partei entwickeln eine fruchtbare Tätigkeit. Auch auf dem Gebiete der Hachschara und Ali ja ist viel geleistet worden. Im Laufe der Kadenz veranstaltete die Leitung an 200 Vorträge und Propagandaversammlungen in der Provinz. Nach dem Vorsitzenden referiert das Mitglied des Weltej?ekutivkomitees Baruch Weinstein, Tel-Aviv, über die Lage der Judenstaatsbewegung in der Welt. Er schildert den schweren Kampf, den die junge Partei zu f(Ihren hat, welcher bei der heutigen ernsten Lage des Zionismus von besonderer Wichtigkeit ist. Das Exekutivkomitee arbeitet unter sehr schweren Bedingungen. Es fehlt an Geldmittelp, und man wird von allen Seiten bekämpft. Und doch gelang es der Partei, bei den Kongreßwahlen rund 28.000 Stimmen auf sich zu vereinigen. Danach sprachen Dr. G o 1 d b e r g und Dr. Heselsohn über die Hachschara und Ali ja Probleme des Mittelstandes, welcher noch immer von der zionistischen Leitung stiefmütterlich behandelt wird, und legten der Konferenz ein konkretes Organisation»* Programm vor. Bp folgten Berichte über die Jugend? Organisationen, Hachschara und Allja, özar Hanoar Und Presse. Der zweite Konferenztag war der Generaldebatte und den Kommissionsslbsungen gewidmet. Die Konferenz nahm eine Anzahl Resolutionen an, welche die Stellung der Judenstaatspartei Litauens zu den Fragen der Parteipolitik, Arbeitsorganisation, Hachschara und Allja dar ChaluzJm und des Mittelstandes betreffen. Der kriegerische Antisemitismus in Polen Die Behandlung der Judenfrage in Polen gehl gleichzeitig mit unerhörten blutigen Angriffen auf dü Juden vor sich. Trotz der in der Verfassung gewährleisteten Gleichstellung aller Bürger sind die Juden in Polen zu Bürgern niedriger Kategorie herabgestoßen worden und nicht einmal in ihrer physische* Existenz sicher. Der kriegerische Antisemitismus erhebt sein Haupt. Im Warschauer Senat entwarf Rabb. Prof. Schorr ein Bild die*« Lage. Er klagte die Regierung an, daß sie gegen die blutrünstige antisemitische Agitation nicht reagiere, die Exzesse an den Hochschulen dulde, die Grundlagen der jüdischen Religion und der polhischen Verfassung ignoriere. Schließlich befaßte sich Prof. Schorr auch mit einer Proposition zur „Lösung der Judenfrage", indem et ausführte: „In der Budgetkommission des Senats haben hochstehende Herren f Fürst Radziwil und Graf Rostworowski) dos Rezept gegeben: die Juden aus Polen maasenweise nach Palästina oder anderswohin zu bringen; erst eine Million, dann mehr. Die Stelle der Juden sollen dann die landlosen Bauern einnehmen. Diese neue Doktrin sei an sich nicht so ernst und gefährlich. Aber wie wollen die ^Erfinder" derselben ihre Bestrebungen in Einklang bringen mit der Konstitution? Besteht die bürgerliche Gleichberechtigung darin, daß man einen Teil der Bürger aus dem Lande schickt, um andere an mre Stelle zu setzen? Und wie kann man durch Hinausschickung einer Million Juden dem landlosen Bauerntum helfen? Wird dieses in die Kleinstädte kommen und die jüdischen Werkstätten und Kleinläden besetzen? Die Bauern wollen Land, das sie bearbeiten können. Wollen die Herren Aristokraten wirklich den landlosen Bauern helfen, so könnten sie dies auf eigene Rechnung tun und den Bauern etwas von ihrem Boden abgeben. Der Zionismus ist «4ne große moralische Idee des Judentums In der ganzen Welt und kein Geschäftsobjekt, »er Zionismus ist der Strom Jüdischer Wiedergeburt, aber nicht «in Mittel, uro Juden au» ihrer Heimat zu verdrängen. Der Zionismus ist nicht ein Mitte! mechanischer Transferierung de» ganzen jüdischen Volkes nach Palästina, und Palästina ist gewiß nicht ein Asyl für panisch Flüchtende Oer Zionismus ist eine Befreiungsbewegung. Sein Grundinhalt ist: Aufbau Palästinas als Nationalheim des jüdischen Volke«. Durch seinen belebenden Atem wird sich die geistige Renaissance de« jüdischen Volkes vollziehe«. So versteht djsn Zionismus der Präsident der franzosischen Republik, Lebrun, so verstehen Um die größten Staatsmänner und Kulturkämpfer in Europa und in Amerika und so sollte er auch in Polen verstanden werden." Der schauerliche Pogrom in Przytik : In Pr zytik--(Kreis#?ladom> kam es; gleichsam als Bestätigung de? jüdischen Anklagen im: polnischen Senat, zu unerhörten Exzessen gegen die jüdische Bevölkerung. Der Umfang des Pogroms war so groß, daß die Regierung verbot, Einzelheiten über die Ereignisse zu veröffentlichen. Die J. T. A. gibt eine Schilderung der Ueberfälle, bei denen fast alle jüdischen Häuser demollert, Wohnungen zerstört, Geschäfte geplündert und die Geräte der kleinen Handwerker unbrauchbar gemacht wurden. Es gab hunderte Schwerverletzte und einen Toten. Der aus dein zaristischen Rußland bekannte Ruf ,,Krieg den Juden! Tötet die Juden!" war hier wieder zu hören. Es stellt fest, daß die Radomer Distriktebehörden von jüdischer Seite gewarnt und nm Sicherheitsmaßnahmen gebeten worden waren. Trotzdem geschah nichts. Nach dem Pogrom erschien der Kommissär von Radom in Przytik und erklärte, bevor noch die Untersuchung begonnen hatte: „Eine unparteiische Untersuchung hat bereits ergeben, daß der Pogrom auf jüdische Provokation zurückKuführen ist." Die Judenschaft von Przytik ist vollkommen ruiniert. Hilfsmaßnahmen seitens des Joint sind im Gange. SeutHf, 22. Htäeu 19H vmttMstqs 11 iÜu IMPERIAL-Kl NO I, Rotenturmstraße Das Land derUerheiBans Ansprache« Irene Harand Karten bei: jüd. Kulturstelle, I, Franr, Josefe -Käf 3, Tel. R-28-2-36, Bücherstube Lö wit, I, Wollxelle 6, Tel-R-25'4-53, Buchhandlung Lanyi, I, Kärntnerstraße 44, Tel. B-26-3-33, und an der Kinokasse, Telephon U-22-1-12, Abg. Rabbiner Rubiristein ist in Przytik eingetroffen, um eine Untersuchung der Vorgänge einzuleiten. Alle An* zeichen sprechen dafür, daß die antisemitische Agitation von nationalsozialistischer deutscher Seite geführt und finanziert wird. Bestallung des Opfers Aas Radom: Die Bestattung des während de« Pogroms in Przytik er mordeten 40 jährigen Josef Minkowski fand. laut: Anordnung der Behörden in später Nachtstunde statt, damit kein Aufsehen erregt wird. Trotzdem hat sich die gesamte jüdische Bevölkerung von Przytik am Grabe versammelt. Trauerreden durften nicht gehalten werden. Die Bestattung der ermordeten Gattin von Josef Minkowski, der 4?j&hrigen Chaja Minkowski, fand in Radom statt Die Behörden hatten die Ueberführung der Leiche der Chaja Minkowski nach Przytik zwecks gleichzeitiger Bestattung mit Ihrem Gatten verboten, Die Uber SOjährigen intern der Frau Minkowski nahmen an der Bestattung teiL Die Polizei konf iszierte die von d*' Jüdischen Gemeinde herausgegebene Beerdigungsanzeige. Die jüdische Gemeinde von Radom beschloß, in das von ihr verwaltete Waisenhaus die vier Kinder der Pogrom- Opfer, von Przytik aufzunehmen. Verb« dt Judenftaatexionisten Oesterreichs Sektion XTV/XV, Schanzstr. 32, Dienstag, den 17. ds.( halb 9 Uhr abends, Vortrag Rabb. Dr. I. Z. Kanner. Thema: Josef Tntmpeldor. — Zentralheim, I., Werderthorgasse 14, Mittwoch, den 18. ds., halb 9 Uhr abends: Rabb. Dr. B. Murmelstein: Abravanel, ein jüdischer Staatsmann. — Sektion XX., Donnerstag, den 19. da., um halb 9 Uhr abends, dringende Leitxmgssitzurig im Heim, H., Untere Augartenstraße 38. — Sektloh II, IL, Taborstraße 21a, Donnerstag, den 19. ds., um halb 9 Uhr abends, Vortrag Josef Frankel. — Am 21. da. findet die Eröffnung des neuen Heimes der Bezirksgruppe Prater statt. Das neue Heim befindet sich II., Erlafstraße 5. _■ v Jüdische Schüler h» Deutschland Aus Berlin: Die Zahl der jüdischen Schüler beträgt, wie Doktor Leschnitzer, der Schulreferent der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, mitteilt, 40.000 bis 45.000. In Berlin allein gibt es etwa 18.0 0 0 jüdische Schüler. Diese Zahlen beziehen sich auf Knaben und Mädchen, die gegenwärtig schulpflichtig sind. Der Anteil der Schüler, welche «jüdische Schulen geben, ist etwa auf die knappe Hälfte festzusetzen. Genaue Zahlen können hier nicht genannt werden. Durch Auswanderung und Umschulung sind aller Wahrscheinlichkeit nach in den letzten Monaten starke Veränderungen in der Verteilung jüdischer Schüler auf allgemeine und jüdische Schulen erfolgt. Dazu kommt, daß die jüdischen Eltern ihre Kinder in vielen Fällen in der letzten Zeit bereits in jüdische Schulen gegeben haben. Es i«t anzunehmen, daß im Laufe dem kommenden Schuljahres alle jüdischen Volksechüler in jüdische Schulen kommen werden. Daher müssen zahh'elche jüdische Volksschulen neu geschaffen werden. 15 0 jüdisches c h u 1 e n gibt es gegenwärtig m Deutschland. Davon sind zehn höhere Schulen, nämlich das Realgymnasium der Gemeinde Adass Jisroel (Berlin)* das Jüdische Reform-Realgymnasium (Breslau), die Israelitische Schule Haecharath Z'wi (Halberstadt), das Raform-Realgymnasium Phiiantbropin, die Samson-Raphael- Hirsch-Oberrealschule in Frankfurt a. M., das Jawne- Realgymnasium (Köln), die Höhere Israelitische Schule (Leipzig), die Talmud-Thora-OberrealsebUje und die Höhere Mädchenschule der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, beide in Hamburg. In Bayern besteht die Israelitische Real- und Handelsschule in Fürth und in Württemberg das Landschulheim Herrlingen bei Ulm a. d. Donau, Obwohl die Zahl der jüdischen Schüler In Deutschland dem nicht sachkundigen Leser recht hoch erschein an mag, besteht bei der grundlegenden Veränderung der schulischen Ordnung die Notwendigkeit, in Kürze noch eine Reihe jüdischer Unterrichtsstätten im Reich zu schaffen. Vor allem wird ea «ich dabei um die Einrichtung vo» jüdischen Schulen in kleineren Gemeinden fcas» dein, um sogenannte Kleinschulen. Diese Schulen werden oft nur aus einer oder zwei Klassen bestehen, in denen Kinder der verschiedensten Altersstufen zusammen unterrichtet werden.

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