Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 546 (17.3.1936)
- Date
- 1936-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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wfeftd t DU? STEtJE WßtB Kr. m vm tt tmi im °ilii;s^:ä •r,a *±x&is^JitäSBa n^h POlJN und CZIRNOWITZ „Marl«* und Gegner — bis zur letarten silbernen Kugel — mürbe zu machen. Dieser Taktik haben die britischen Politiker sehr viele und große Erfolge su verdank«!. Aber etwa« muß endlich gesagt werden: Der traditionelle Respekt vor Englands politischem Genie ist ins Wanken geraten. Der Glaubet an Englands Un f ©hlbarkeit begegnet allenthalben Widerspruch, bis Fehler der «ngliscben Politik sind sichtbar geworden. Man erkennt, daß England an dem gegenwärtigen Zu« stand in Europa mitschuldig ist England hat nach der vertragswidrigen Aufrüstung Deutschlands mit diesem Reich einen Flottenvertrag geschlossen und macht sich jetzt selbst eines Vertragsbruches schuldig, wenn es die Verletzung des tiOcarrio-Paktes durch Deutschland nicht sofort mit den vorgesehenen Maßnahmen ahndet. Herr Eden und seine Umgebung glaubt eben, daß es auch so gehen wird. England ist eben England. Es ist nicht zu erwarten, daß die verantwortlichen englischen Staatsmänner eine neue Form des Völkerlebens prägen werden. Sie sind nicht originell. Sie sind nicht schöpferisch. Zwar erklärte einer von ihnen, Sanktionen könnten dem Nazi- Regime den Gnadenstoß .versetzen, aber es ist bloß eine Formel, ein Bonmot. Bei solcher Gesinnung wird der englische Konservativismus einmal Schiffbruch erleiden, besonders einem Partner gegenüber, der keinerlei volkerrechtliche und 'traditionell-sittliche Bindungen anerkennt. Wie soll das enden?, fragt mit Recht in* allen Ländern der „einfache Bürger", der sich nicht im Dickicht der britischen Machtinteressen verlieren "will. Was soll geschehen?, fragt er mit Recht, wenn England Gewalttaten und Vertragsbrüche -,mit symbolischen Gesten gutgemacht sehen will? Vor einigen Tagen sagte Eden, der englische Außenminister: „Die Zukunft hängt von der Weisheit unserer Beschlüsse ab." Er vergißt allerdings, daß diese Beschlüsse —: mögen sie von Weisheit triefen — einem Regime.zu gelten haben, daß bloß zwei Prozent valutarische und kaum soviel moralische Deckung hat. '-' o. r. RUNDSCHAU Ausschreitungen in Cxernowi^ Aus Czernowitz wird berichtet: An der Universität Cernauti (Czernowitz) kam es zu antisemitischen Unruhen.1 Der jüdische Mathematikstudent Norbert Preminger sprach im Korridor Prof. Niculescu an und sagte ihm, er behandle ihn ungerecht, da er ihn mehrere. Male, ohne ihn recht zu prüfen, habe durchfallen lassen. Die im Korridor anwesenden nichtjüdischen Studenten stürzten sich auf Preminger, schlugen auf ihn ein und machten Anstalten, ihn durch ein Fenster aus dem zweiten Stockwerk auf das Straßenpflaster zu werfen. Dem Administrator der Universität gelang es, Preminger zu retten und ihn in schwerverletztem Zustande der Polizei zu übergeben. Preminger erlitt eine Fraktur der Schädelbasis und verlor ein Auge, doch hofft man, ihn am Leben zu erhalten. Als Preminger auf diese Weise erleditg war, begaben sich seine Angreifer auf die Straße und attackierten jüdische Passanten. Am Nachmittag und am Vorabend drangen Trupps expedierender Studenten,. denen sich rumänische, deutsche und ukrainische Vorstädtelemente zugesellt hatten, in die die-Universität umgebenden Straßen, wo sie zahlreiche Juden brutal mißhandelten und zum Teü schwer verletzten. Zahlreiche Fensterscheiben jüdischer Wohnungen wurden eingeschlagen. Erheblich verletzt wurden die jüdischen Studenten Ernst Katz, Schönberg, Isak Kurzberg, Hugo Steinfeld, Sigmund Rammler und W. Dadz, die jüdischen Advokaten Dr. Laxer und Surkis, die Kaufleute Salomon Rauchwerger, Emanuel Neufeld, Vogel, Winter, Baruch Schärf, Jakob Brauner u. v. a. Tags darauf wiederholten sich die Angriffe auf Juden und jüdisch Aussehende in den Straßen. Antisemitische Studenten besetzten die Eingänge zur Universität und ließen keinen Juden passieren. Im Laufe des Tages wurden mehrere Juden brutal mißhandelt. Etwa 20 Burschen stürzten sich auf den 15jährigen Mittelschüler Benjamin Rottmann und brachten Ihm sehr schwere Verletzungen bei. Er wurde ins jüdische Hospital geschafft. _ Besserung auf dem palästinensischen Arbeitsmatkt Aus Jerusalem (Palcor): In den letzten zwei Wochen ist eine bedeutsame Wendung zum Besseren in den Arbeltsverhältnissen in den Kolonien eingetreten.. Im größten Teil der Kolonien, besonders in den Kolonien, in denen das Prinzip der rein jüdischen Arbeit gewahrt wird, sind alle Arbeiter beim Pflücken und bei den anderen Arbeiten beschäftigt. In diesen Kolonien ist die Arbeitslosigkeit verschwunden, und an manchen Tagen fehlen sogar Arbeitskräfte. In-die Kolonie Herzlia z. B. hat man jetzt eine neue Gruppe vön Arbeitern infolge der großen Nachfrage nach Arbeltskräften gebracht. Auch in Kfar-Saba, wo es bis vor kurzem eine große Anzahl von Arbeitslosen gab, sind heute bereits alle Arbeiter infolge der erhöhten Arbelt in den Pflanzungen beschäftigt.-In Magdiel und Ramatajim war in den letzten Tagen ein Mangel an Arbeitern zu spüren. Das gleiche meldet eine ganze Reihe anderer Kolonien in Judaea und Samaria. Aus Petach-Tikwa, Kerkur, Benjamin a und Gedera ging die Bitte ein, weitere Arbeiterhinzuschicken. Eine bedeutende Besserung ist auch in der letzten SJeit in den größeren Kolonien, wie: Rechpbot, Rischon-. Lezion, Chedera und Petach-Tikwa zu spüren. Fast alle dortiger. Arbeiter sind in den Pflanzungen beschäftigt. furfwängletfolbfSsc auf Amerika Als die amerifcanische Oefftntttchfeett erfuhr, daß Wilhelm FurtwÄn*ler, der deiittohe Dirigent, Ja New York einig« philharmonisch« Konzert« dirigieren solle, entstand gant spontan eine Propaganda gegen Furt* wanglers Auftreten. Diese Propaganda wendete «Ich zu allererst gegen die Betätigung eines Deutschen aus dem Dritten Reich, in zweiter Linie gegen die Person Furtwängler. Der berühmte Dirigent war wahrscheinlich Uber rascht darüber, daß die Aversion gegen Hitler-Deutschland den Respekt vor seiner Künstlerschaft verdrängt habe. Und er zog die Konsequenz tdaraus, indem er seine Mitwirkung absagte. „Politische Kontroversen", teilte er dem philharmonischen Orchester New Yorks in einem Telegramm mit, „sind mir unangenehm. Ich bin kein Politiker, sondern Exponent der deutschen Musik, die ein Erbteil der Menschheit ist, fern aller Politik. Ich empfehle, meine Konzertreise im Interesse der Sache der Musik auf eine Zeit zu verschieben, da das Publikum er kennt, daß Musik und Politik verschiedene Dinge sind." Auch er selbst, Furtwängler, e»;kannto einmal — es war in den ersten Monaten des nationalsozialistischen Regimes — daß Musik und Politik verschiedene Dinge sind, und beantwortete die Zumutung, sich in künstleri sehen Dingen von den Nazapolitikern dreinreden zu lassen, mit seiner Demission. Aber diese Charakterstärke dauerte nicht lange. Furtwängler kroch zu Hakenkreuze und anerkannte damit die Vereinbarkeit der Musik und Politik. Allerdinga nur für Deutschland. In Amerika soll es anders sein, wünscht Herr Furtwängler. Es geht dort aber nicht nach seinem Wunsch. Darum sagt er ab. Wir glauben jedoch, daß die Amerikaner nicht früher anderes Sinnes sein werden, bevor nicht auch in Deutsch* land eine Scheidung von Kunst und Politik eingetreten ist. Der große Rezitator LUDWIG HARDT «*« Höhtet det luden Sonntag, den 22 März, 20 Uhr, im Saale des Ingenieur- und Architektenvereins, Wien I, Eschenbacbgasse. Karten von S 1.- bis 4 - bei der Jüdischen Kulturstelle, in Buchhandlung Lanyi, Meystrik, Gronner .und Rath In Feigheit sterben Die, Freimaurer haben im Dritten Reich nichts zu lachen. Auch ihre Ausrottung ist im Tilgungsplan Hitlers vorgesehen. Man zerstampft sie. Aber sie wollen nicht ruhig sterben. Sie raffen ihre letzten Kräfte zusammen und heben ihr Haupt vom Boden. Um noch einmal anzuklagen und gegen die Vergewaltigung zu protestieren? Nein! Um den schmutzigblutigen Stiefel zu lecken, der sie zertritt. In Deutschland ist vor einigen Wochen ein Buch über die Freimaurer erschienen, in welchem sie als der Abschaum der menschlichen Gesellschaft und als verlogene Verbrecherbande hingestellt werden. Nebenher wird! auch erwähnt, daß der Gründer der Großen Lahdesloge der Freimaurer Deutschlands ein Jude namens Johann Wilhelm Ellenberg, später Edler von Zinnendorf, gewesen sei. Dann wird erzählt, daß einer der letzten höchsten Würdenträger der Großloge ein Mann jüdischer Abstammung gewesen sei.'Nun ist die Leitung der Großloge zu Gericht gegangen und hat den Verfasser des von Beleidigungen strotzenden Buches geklagt. Aber nicht wegen der unflätigen Beschimpfungen, sondern nur wegen der Behauptung, daß h o b e W ü r d e n t r ä g e r der Großloge Juden gewesen seien. Das — so lautet die Klage — wird von der Großloge der Freimaurer als schwere Beleidigung empfunden. Hinzugefügt wird noch, daß die Loge die Aufnahme un getaufter Juden stets abgelehnt hat. Wie man sieht, ist diese Klage nicht darauf berechnet gewesen, Genugtuung für angetanen Schimpf zu fordern, sondern darauf berechnet, der Denkart $er braunen Herrschaft im Dritten Reich eine Reveren« J5U erweisen. Man will beweisen, daß man ebenso strammer Antisemit ist und mit den verfluchten Juden nichts zu tun haben will. Man katzenbuckelt vor dem Hakenkreuz und spuckt auf die jüdischen Brüder von gestern. Nichts als ekelhafte Liebedienerei. Sie war übrigens nutzlos, denn sie fand keine Gnade bei Hit« lers und Streichers Justizbeamten. Das Landgericht Berlin hat die Klage mit der Begründung abgewiesen, daß/jiker Vereinigung, welche getaufte Juden aufgenomjSm.hat, sich nicht beleidigt fühlen dürfe, wenn man ihren Gründer als Juden bezeichnet. Da gingen die wackeren Leute von der Freimaurerei zum höheren Gericht, um sich dort den Judenfleck vom Rock pnt««n zu lassen. Aber umsonst Auch das Kammergericht Berlin hat ihnen das Recht, beleidigt zu sein, nicht zuerkannt. Es war übrigens die letzte Heldentat der Loge, der letzte Versuch, mit dem braunen Strom zu schwimmen, Wenige Wochen nach dem glorreichen Prozeß haben sie ihr uraltes Zeichen, Zirkel vnd fticht* rj»ß, VOn der Uhrkette hmbgenöiamen tt&d ein fuftv kelnagßlneues Hakenkreuz ins Knopfloch gesteckt. Dl* Loge hat sich aufgelöst Friede ihrer Asche! * Es gibt noch Immer eine ganz erkleckliche gattl von Juden, welche glauben, daß in gewissen großen internationalen Vereinigungen Gerechtigkeit auch für Juden und die zionistische Sache su finden sei, weil stt im Bsiehen der Alhnensehlichkeit gegründet wurde»« Zu diesen Vereinigungen zählt auch die Freimaurerei Die nichtjüdischen Logenbrüder scheinen aber einer be* quemeren Auffassung zu huldigen. Solange alles ruhfyf ist, sind sie für allumfassende Brüderlichkeit zu haben* Kommt aber ein politisches Gewitter, dann drehen Öl« die Maurerschürze nach dem Wind, auch wenn et antisemitisch ist, und lassen den Judenbruder allein auf weiter Flur. Wie in Berlin. Zu Tode gemartert Ein 79jähriger Jude Die Wiener Tageszeitung „Das Echo" berichtet: Vor einigen Tagen wurde der Münchner Kunsthändler Siegfried G r e y, jahrzehntelang Vorsitzender des Verbandes der Kunsthändler Deutschlands, von Kriminalbeamten zur Polizeidirektion München gebracht, wo man ihm eröffnete, daß gegen ihn ein Verfahren wegen Devisenhintersriehung laufe. Der Kunsthändler, ein 79jäfariger jllann, wurde in die „untere n" Verhörräume gebracht. Nach mehreren Stunden wurde seinen Angehörigen mitgeteilt, daß er einem Schlaganfall erlegen sei. Bis zur Stunde konnten die Verwandten des Kunsthändlers Grey — eines der größten Kunsthändler Deutschlands — die AuSfolgung des Leichnams nicht erreichen. Was mit dem alten Mann in den Verhörkellern der Münchner Polizeidirektion geschehen ist, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Bei den Methoden, di« dort angewendet werden, ist es nicht verwunderlich, datt allgemein von den entsetzlichen Martern gesprochen wird* die der Greis über sich ergehen lassen mußte. Während in den Anfängen des nationalsozialistischen Regimes die jüdischen Kunsthändler in ihren Ge« Schäften nicht eingeschränkt waren, hat sich die Praxis im letzten Jahr radikal geändert. Die Kunsthändler wurden systematisch wirtschaftlich abgewürgt — Siegfried. Grey allein hatte angesichts seiner überragenden Stellung; im taternationalen Kunsthandel eine Ausnahmesteüung* Der alte Mann war von Jugend an im Kunst* geschärt tätig gewesen und galt unter Sammlern und Kunsthistorikern als gründlichster Kenner von tiefet Bildung. Ein //wohlwollender^ Vorschlag In Polen hat sich eine antisemitische Bewegung; entwickelt, die an der Form wohl noch hinter der Hitler* sehen Barbarel zurücksteht, aber in der Wirkung ffiü schon ganz nahe ist. Pläne, welche dahin gehen, die Juden einfach auszurotten, werden offen angekündigt. Ifur üben die Methoden der Austilgung wird diskutiert. Vor kurzem haben die Vertreter der konservativen Hocharistokratla im Parlament dafür plädiert, von den %Y3 Millionen Juden „vorderhand" eine Million außer Landes zu schaffen« Ihnen antwortet jetzt das antisemitische Spezialblatt des! Nationaldemokraten „Warta" mit folgendem Vorschlag« „Die Juden müssen isoliert werden, man muß für slo in Polen ein Reservat schaffen. Als ein der* artiges Isollerangsgcbiet wäre der Osten der Republik mit Pinsle und Brest Lltowsk geeignet. Eine vollständige Absonderung der Juden von der ganzen polnischen Gesellschaft wird die Judenfrage ein für allemal lösen* Das Gebiet muß für die Juden durch den Staat gegen den aus dem Verkauf ihrer beweglichen und unbeweglichen Güter erzielten Erlös abgetreten werden. Handelstrans* aktionen zwischen den a r i s o h e u Polen und der jüdischen Kolonie dürften nur durch einen organi«* slerten Handel unter der Aufsicht einer dazu berufenen Kommission durchgeführt werden. Das Isolieningsgebiet muß durch eine besondere Wache und Grenzschranken abgeriegelt werden." Der „Warta" antwortet die große konservative Tageszeitung „Czas", aber nicht in ablehnendem Sinne, Im Gegenteil. „Czas" hält die Lösung für nicht radikal genug, besteht auf dem oben erwähnten Plane der Entfernung der Juden aus Polen und schreibt: „Nein, der Antisemitismus der Natioqaldemokraten ist scheinbar gar nicht so schrecklich, wie wir bisher gedacht haben. Auch der Laie weiß ja, daß vojl niemandem anders als von jüdischer Seite selbst wiederholt vorgeschlagen wurde, tn gewissen Teilen von Polosien eine Judische Kolonisation durchzuführen. Charakteristisch für unseren Antisemitismus ist es, daß er die Schwierigkeiten des jüdischen Problems immer wieder auf andere Schultern abwälzt. Die Intellektuellen wollen keine Jüdischen Aerzte und Advokaten, die Industriellen wollen keine jüdischen Fabrikanten und darum sollen nach der Ansieht der „Warta" diePoleschukeu (die Bauern im fraglichen Gebiete) Polesien verlassen." Legi tünis tische jüdische Frontkämpfer im „Eisernen Ring", Bezirksgruppen VI,. VTI, XH—XV, Dienstag, den 17. März, präzise Uhr abends Jm Cafe „Mariahilf \ VT., Mariahilf erstrata 89 a, Kameradschaftsabend. Referenten: Dr. Wolfgang v. Weisl: „Strömungen im Judentum 1036". Chefredakteur Hans Kandl: „Die weltpolitische Lage und der österreichische Legitimismus". .