Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 536 (11.2.1936)
- Date
- 1936-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 3$$ töltt Ü. Februar DIE NEUE WELT «eltrS Zum Attentat auf tiusfloff Das Attentat, welches der jüdische Student David Frankfurter auf den Lande3f Uhrer der Hakenkreuzler in der Schweiz, Wilhelm Gustloff, verübte, hat, wie vorauszusehen, im Dritten Reich Anlaß zu groPer Erregung gegeben. Aus Berlin wird gemeldet: Reichskanzler Hitler telegraphierte an Frau Gustloff: „Zu dem schweren Verlust, der Sie betroffen, spreche Ich Ihnen im Namen des ganzen deutschen Volkes meine aufrichtige Teilnahme aus. Das ruchlose Verbrechen, das dem blühenden Leben eines wahrhaft deutschen Mannes ein Ende setzte, hat in der ganzen Nation tiefe Bewegung und Empörung hervorgerufen." Der Leiter der Auslandsorg'anisatlon der NSDAP., Gauleiter Bohle, ordnete für alle Auslandsgruppen der NSDAP. Trauer an. Die gesamte reichsdeutsche Presse bringt die Nachricht über den Mord an Gustloff in großer Aufmachung und erklärt, daß alle antijüdischen Kurse in Deutschland hierdurch ihre Berechtigung erfahren, wenn überhaupt noch irgend eine Berechtigung notwendig gewesen wäre. Ganz offen deuten die Zeitungen an, daß in dem antijüdischen Kurs in Deutschland nunmehr verschärft fortgefahren werden wird. Der Reichspropaganda-Minister Dr. Goebbels hat unter Hinweis auf die Ermordung Gustloffs durch Frankfurter in Davos sämtliche Veranstaltungen des Reichsverbandes' jüdischer Kulturbünde in Deutschland bis auf weiteres verboten. Begründet wird diese Maßnahme damit, daß „etwaigen Zwischenfällen vorgebeugt" werden soll. Durch das Verbot der Veranataltungen der Kulturbünde sind viele Hunderte jüdischer Künstler, denen der Kulturbund das einzige Betätigungsfeld bot, In ihrer Existenz betroffen worden. Die Veranstaltungen der Kulturbünde waren für die halbe Million Juden in Deutschland die einzige Zerstreuung, nachdem die Juden die nichtjüdischen Theateruttd Filmveranstaltungen aus Gründen der Selbstwürde und auch des Selbstschutzes meiden müssen. Das Blatt Hitlers, „Völkischer Beobachter", schreibt im Leitartikel: Die Ermordung Gustloffs durch Juden wirft ein Licht auf die destruktive Tätigkeit der Juden in der ganzen Wftlt. „Deutsche Allgemeine Zeitung." .wundert sich, daß' jugoslawische Zeit u n g o n Frankfurter zu verteidigen suchen, und schreibt, Frankfurter habe das Verbrechen nicht als Jugoslawe, sondern als Jude begangen. Streichers „Fränkische Tageszeitung" erklärt, der Mord sei ein weiteres Glied in der Kette „jüdischer Ritual m or d e"; alljährlich zu Furim werde ja die vor Jahrtausenden erfolgte „Abschlachtung von Ariern durch Juden" gefeiert. Gustloff Aus Bern: Der getütete Wilhelm Gustloff hat als Chef der NSDAP, in der Schweiz eine ausgebreitete politische und militärische Organisation geleitet und mit großpn Geldmitteln gearbeitet, die ihm aus Deutschland zur Verfügung gestellt wurden. In allen Städten unterhielt er Nachrichtenstellen. Die Tatsache, daß die deutschen Konsulate in der Schweiz die Flagge auf Halbmast setzten, beweist, daß Gustloff eine amtliche polltische Person war. Frankfurter Aus Belgrad: Die Familie des. Davoser Attentäters David Franlifurter stammt aus Vinkovci, wo der Vater des Attentäters Rabbiner war■ und jetzt im Ruhestande lebt. Ein Bruder David Frankfurters, Dr. Alfons Frankfurter, lebt als Arzt in Subotica. In einer Erklärung an die Presse teilte Alfons Frankfurter mit, sein Bruder sei immer geradezu krankhaft furchtsam gewesen, er sei sehr leidend und in den letzten zwei Jahren mehrmals operiert worden. Mit Politik habe er sich niemals beschäftigt. In der letzten Zeit habe er sich mit Selbstmordgedanken getragen. Pressestimmen Aus Genf: Die „Schweizerische Depeschen-Agentur" teilt u. a. mit: In den internationalen Kreisen Genfs, in denen die politischen Ereignisse in Deutschland und ihre Rückwirkungen auf das Ausland mit lebhaftem Interesse verfolgt werden, wird die Ermordung Wilhelm Gustloffs allgemein verurteilt. Man bemerkt jedoch, daß die antisemitischen Maßnahmen, welche das Dritte Reich ergriffen hat, eine derartige Erregung bei den Juden der ganzen Welt hervorgerufen haben, daß die gewaltsamen Reaktionen seit langem zu befürchten waren. Hauptsächlich wird darauf verwiesen, daß Gustloff das Opfer der Praktiken seiner eigenen Partei geworden ist. Wenn die schweizerische Regierung Gustloff früher ausgewiesen hätte, wäre sein Leben gerettet gewesen. Londoner Zeitungen schildern die Stimmung in Deutschland wie folgt: Der Mord in Davos hat alles andere von der ersten Seite der deutschen Zeitungen zum Verschwinden gebracht. Der Ton ist derart, daß antisemitische Zwischenfälle nicht unmöglich scheinen. Die Regierungspolitik ist freilich augenblicklich eine solche, daß in England vor Beendigung der Olympiade Schlimmes nicht erwartet wird. Aber die extremen Parteikreise könnten unautorisierte Ueberfälle arrangieren. Af 11 b i s he f i g ei* Vörst e 11 ü tt g e ft ä u § v e f fe a u f tI //Golf sdiufse das arme geheizte Volk" Berlin, 9. Februar. (Z. T. A.) Der frühere evangelische Pfarrer Georg Alt haus hatte sich vor dem Sonder Bericht in Braunschweig zu verantworten, well er seine Konfirmanden aufgefordert hatte» sich nioht an dem Geschrei gegen die Juden zu beteiligen. Er schloß seine Rede mit den Worten: „Gott schütze das arme, gehetzte Volk!" Der Angeklagte wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. In der Urteilsbegründung wird hervorgehoben, daß es zwar Sache der Kirche sei» ob sie dulden wolle, daß ein Geistlicher den Schöpfer anrufe, der selbst dieses Volk wegen seiner Untugenden heimatlos gemacht habe. Es sei jedoch auf das schärfste zu vorwerfen, daß ein Geistlicher das Judenvolk als schutzbedürftig und gehetzt hinstelle, wenn Partei, Staat und Volk yon ihrer Notwehr (!) rechten Gebrauch machen. 13100 Juden im Jänner 1936 Aus Jerusalem: Es sind im Jänner 1036 2100 Juden als Einwanderer nach Palästina gekommen. Im Jänner des Jahres 1935 wären laut amtlicher Feststellung 4336 Juden zu ständigem Aufenthalt nach Palästina gekommen, Nächste Aufführung: Sonntag,!<*♦ Februar, 11 Uhr vormittags KolOSSCMItlgKlIiO NÜBdorferstraKe Karten bei: Jüdisches Vö.kfheim, XVI». Weimarerstraße 1, Tel. A-20-1-54-L, (täglich 18 bis 20 Ünri / frau Baumeister Berber. XV1H, (leisihofersträße 131, Tel ß-4l-5*t3 und B41-5-39 / Frau Dr. Tcntakowar, XIX, Silbergasse 23, Jüdische Kulturstelle, I, Franz-Josets-Kai 3, Tel. R-28-2-36 und an der Kino-Kassa A-12-5-20 Judi§chc Tragödie In Deutschland Zum Selbstmord des Dt« Fließ Aus Prag wird gemeldet: Die jüdischen Leitungen bringen im Inseratenteil eine Traueranzeige von Else Fließ, geb. Kanzler, die mitteilt, daß ihr Mann, Rechtsanwalt Ernst Fließ, in Magdeburg „am 29. Jänner nach einem Leben der Arbeit, Liebe und Güte" verschied. Hinter dieser schlichten Anzeige verbirgt sich eine jüdische Tragödie, wie sie im heutigen Deutschland nicht selten ist, und die Atmosphäre eines geistigen Pogroms kennzeichnet, der oft grausamer als ein physischer Pogrom sein kann. Dr. Ernst Fließ vertrat am 22. Mai 1935 vor dem Magdeburger Arbeitsgericht eine Prozeßpartei, der Magdeburger Rechtsanwalt Dr. Kuhlmey, langjähriges Mitglied der NSDAP, und hoher Funktionär der NSDAP., vertrat die andere Partei. Kuhlmey erklärte, er müsse es ablehnen, neben einem Juden vor Gericht als Anwalt zu erscheinen. Fließ vernahm aus dem Mund Kuhlmeys den Satz: „Ich verhandle lieber mit einem Neger, als mit einem Juden." Er erhob Beschwerde gegen Kuhlmey bei der Anwaltskammer, die jedoch die Beschwerde zurückwies, offenbar, weil keine Instanz es wagen durfte, gegen Kuhlmey zu verhandeln. Damit nicht genug, erhob die Staatsanwaltschaft gegen Fließ Anklage wegen wissentlich falscher Anschuldigung. In der Verhandlung vor der Großen Strafkammer erklärten der Vorsitzende und die beiden Beisitzer des Arbeitsgerichtes als Zeugen,'sie' erinnern sich wohl aus dem Muhde Kuhlmeys die Wörtt „Neger" und „Jude" gehört zu haben, sie faßten abeir seiiM Ausführungen als „grundsätzlich" und nicht all „beleidigend" auf. Die Kammer Verurteilte daraufhin Fließ Wögen „wissentlich falscher Anschuldigung" zu neun Monaten Gefängnis, wobei sie bei der Strafbemeasurig „berücksichtigte", daß sich der Vorwurf von Fließ gegen einen „verdienten Vorkämpfer der natiohalsdziälistischäÄ Bewegung gerichtet Habe, den in Schutz zu nehmen die Aufgabe des Gerichtes gewesen sei". Allen Magdeburger juristischen Kreisen « war es Idar, daß Fließ im Rechte war und daß Kuhlmey .die Worte „Jude" und „Neger" in keinem anderen Zusammenhang gebraucht , als wie sie Fließ wiedergegeben hatte; Doch war es ihnen ebenso klar, daß keine Gerichts- oder andere juristische Person es wagen könne, auch wenn sie es wolle, was in diesem Falle nicht zutraf, gegen Kuhlmey auszusagen. Dr. Ernst Fließ zog die Konsequenzen aus dieser geistigen Pogromstimmung in der Magdeburger Juristischen Atmosphäre, indem er sich am 29. Jänner im Korridor des Magdeburger Gerichtshauses eine Kugel iri die Schläfe jagte. Er verstarb kürz darauf. (J. T. A.) Neue antajüdisdie Maßnahmen in Palästina Aus London meldet die J. T. A.: Aus autoritativer Quelle erfährt die Jüdische Telegraphen-Agentur, daß das Colonial Office in London im Prinzip zwei neue Maßnahmen bestätigt hat,, die eine wesentliche Aenderung der britischen Politik gegenüber dem jüdischen Aufbauwerk in Palästina bedeuten. Beide Maßnahmen sind einschränkende; die erste betrifft jüdische Einwanderung, die .zweite jüdischen Boden kauf aus Händen von Arabern; sie zeigen eine Richtung an, die auf dl« Befriedigung der Forderungen der arabischen Opposition gegen das Jüdische National" heim hinausgeht. Initiator der neuen Maßnahmen ist der High Commlssloner General Sir Arthur Wauchope; seinem Gutdünken wurden die Ausarbeitung der Einzelheiten und die Zeit des Inkrafttretens der' neuen Beschränkungen/ überlassen. (Wir werden über diese Maßnahmen ausführlich berichten.) Arabers§(reRk in Palästina Aus Jerusalem (J. T. A.): Arabische Jugendliche versuchten am 4. Februar die Durchführung des zürn Zeichen der-Sympathie mit den arabischen Nationalisten in Syrien: proklamierten Streiks zuerzwingen. Hierbei wurden mehrere von der Polizei festgenommen. Versuche, Straßendemonstrationen von Schülern und Studenten zu organisieren, wurden an drei. Stellen Von der1 Polizei verhindert. In Jaffa hat das arabische Streikkomitee einen Aufruf zur Solidarität mit den Syrern erlassen.- In der. Proklamation wird auch auf die als heroisch bezeichnete Haltung der Araber bei den Unruhen anläßlich des Begräbnisses der .Gefallenen von Dschenin hingewiesen. Der Streik in der Stadt wurde voll durch-; geführt. : Polizei bewachte die Straßen und den Hafen. Auch in Nablus ist die Streikparole streng eingehalten worden. Hier kam es zu Unruhen, die Fenster des Gebäudes der P o 1 i z e i s t. a t i ö.n wurden durch Steinwürfe zertrümmert. Die Trennungs-Orthodoxie protestiert Aus London: Eine Abordnung der Ägudas Jisroei erschien im. Colonial Office und wurde vom Unterstaatssekretär Sir- John Shuckburgh im Namen des abwesenden Koiönienministers Thomas empfangen. Die^^Abordnung Überreichte die von der Londoner Konferenz der Agudas Jisroel angenommene Resolution, in welcher, die tiefe Beunruhigung . der jüdischen Orthodoxie über den Plan der Seh a f f u n g eines Legislative Council in Palästina zum Ausdruck gebracht wird. Amerikanische Zionisten beim englischen Botschafter Aus Washington: Eine Abordnung der amerikanischen Zionisten stattete dem englischen Botschafter in den Vereinigten Staaten, Sir Ronald Lindsay, einen Besuch ab und überreichte ihm, die von;der Konferenz der amerikanischen Zionisten angenommene. Resolution, in der gegen die Errichtung des Legislative Council in Palästina sowie gegen die Einschränkung der jüdischen?$iä-, Wanderung und der Bodentransaktionen in Palästina protestiert wird. Botschafter Sir ^Ronald Lindsay versprach, die Resolution an die Regierung in London weiterzuleiten. Eine großartige Reisegelegenheit nach Polen und Czernowitk bringen die billigen.und bequemen Francopol- Reisegesellschaften. Abfahrt: 12. und 19. Februar, Rückfahrt: 15. März. „Fraacopol", m.„ Rennweg ^Telephon U.-I6-4-ÖÖ/ Budget der Prager Judengeniei'nde; , Aus Prag: Der Vorstand der Prager Judehgemeinde hat das- Budget für 1936 verabschiedet. Das Erfordernis beträgt 2,193.600 Kö, um etwa ,29.ÖÖÖ;K$ mehr als im Vorjahre. Das Defizit (ungedeckter- AtK gang, der durch außerordentliche Einnahmen .wettzumachen ist) beträgt 1^49.700 Kö gegenüber 1,300 7,00 KÖ pro 1935. Auf einen jüdischen Bürger Prags-entfallen bei dem Gesamterfordernis 130 Kö.(in Brünn, wo die Budgetsumme von 'i?36 1,826.000 Kö beträgt, .166, Kc). Der Abgang soll durch die Kultussteuer gedeckt werden, wobei auf ein Kultusmitglied in Prag 80.40 Kö (in Brünn 101.70 Kö bei einem Defizit von 1,118.000 Kö) entfallen. In Prag zählt die Gemeinde ohne die Außenbezirke 16.785, in.Brünn 11.003 Mitglieder. In Prag erfordern: Kujtüs, Religionsunterricht und Ritus 792,007 Kö .bei 456.910 Kö Eümahmen». Defizit 335.097 Kö, Kuiturinstitütlonen Einnahmen 4500 kö, Ausgaben 88.700 KÖ, De,Özit 84.200 Kö, soziale Institutionen Ausgaben 504.458; Kö, Einnahmen 112.458 Kö, Defizit 482.470 Kö, außer^rdentlicjie Ausgaben .25.000 Kö, Einnahmen 01.700 Kö,. lieber- Schuß 66.700 Kö. In das Budget ist wie im Vorjahr eine Summe von tsch. K 8000 für palästinensische Institutionen eingestellt. Verband der Judemfaatsxionfsfen Oesterreichs S e k t i bn XIV/X V, XV., Schanzstraßö 32; Dienstag, 11. d., i/29 Uhr abends, Vortrag Josef Frähkel: „40 Jahre .JudenstaaV." Z e n t r a 1 h e i m, I., Werdertorgasse 14, Va9 Uhr abends, Vortrag Dr. Salamon Wolf. P r a t er, It., Kleine Zufahrtsstraße 166. Am Donnerstag, 13. d., findet in den Jüdischen Künstlerspielen eine Sondervorstellung Statt, welche von 4er..- Sektion Prater veranstaltet wird. Zur Aufführung gelangt „D e r letzte Tanz", Restliche Karten in der Sektion und bei den Ausschußmitgliedern zu haben. Dienstag, IL d., 8 Uhr abends, in der Toynbeehalle, XX., Denisgasse 33* Vortrag. Thema: „Juden; in der Weltpolitik.'* Referent: Oberbaurat Robert Stricker. Sektion Ii, Taborstraße 21 a. Dienstag, 11. d.| i/a9 Uhr abends, dringende Ausschußsitzung. : , ... - Hechaluz Haleumi. XV. Sammlung der Frau .Doktor Friederike Rtfczes im Altersheim des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft. Ergebnis S 34.—. Allen Spendern .herzlichste» Öanlc!