Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 536 (11.2.1936)
- Date
- 1936-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 ME NEUE WEI/t Nr. 536 vom 11. Februar 1936 ' SCHLUSS am Samstag, den 15. Februar Bemk in Bedfo Kurftirsfendamm - Orenadi'erslraße — „Unter den Linden" Von Tunkeier Wir gehen über den Kurfürstendamm spazieren. „Spazieren", das hört sich gar pinfach an. Einmal — erinnere ich mich — gingen wir hier wirklich spazieren. Heute schaut man, daß man weiterkommt, und blickt sich scheu um. Und mir schien es, daß der Kurfürstendamm einmal breiter, schöner, lebendiger gewesen ist und der Himmel weiter und offener. Heute ist der Kurfürstendamm tot, auch wenn die Leuchtschilder sich entzündet haben, Autos rasen, Sirenen heulen, Schaufenster glänzen. Aber über allem liegt etwas Schauerliches. Und Menschen gibt es hier auch weniger. „Sie sehen" — macht mich einer meiner Begleiter aufmerksam — „man kann die Menschen auf der Gasse zählen. Wäre das seinerzeit möglich gewesen?" Und denen man begegnet, sind nicht mehr so selbstsicher wie einst. Irgendwie sind sie alle ernstbesorgt, die Gesichter streng und mit einem Fragezeichen versehen: Was wird geschehen? Man begegnet auch öfter einem jüdischen Gesicht, aber das jüdische Gesicht ist vergrämt, beleidigt. Eine schwere Sorge blickt von den herabgelassenen Armen, aus den irrenden Augen blickt bitteres Verhängnis, die Erwartung, Bettelbrot essen zu müssen, und ein Fragezeichen: „Wohin? Bei welchem Flüchtlingskomitee kann ich unterkommen?" Wir gehen an dem bekannten „Romanischen CafS" vorbei, dem einstigen Stammsitz unserer Intelligenz, der Künstler und Wissenschafter. Ich stehle mich hinein, blicke mich um — fremd und unheimlich. Noch nicht so lange' her, daß hier Leben und Geistigkeit herrschte. Bei diesem Tisch hier deklamierte der Schauspieler Alexander Granach seinen „Mephisto". Und bei jenem Tisch dort erzählte der jüdische Schriftsteller Nomberg seine klugen Geschichten, und daneben zeigte ein großer Regisseur Szenenbilder und ein großer Musiker, wie man Beethoven dirigiert. Hier wurde das Schicksal von Völkern und Bewegungen gedeutet. Hier wurden Parteien gegründet, Zirkel geschaffen, Strömungen kristallisiert und liquidiert. Hier/war die Durchgangsstation für die, welche zu und von Kongressen fuhren. Hier gab es Stimmung, Farbe, Begeisterung, und jetzt sitzen hier Deutsche aus der Provinz mit sauren Mienen und trinken Bier. Wir gehen am Scholem-Alechem-Klub vorbei... geben einen gemeinsamen Seufzer von uns und schreiten weiter. Ich verabschiede mich von meinen zwei Freunden und'gehe allein zur Grenadierstraße. Wie wohl die Gasse der „niedrigen, gemeinen Rasse" aussehen mag.' Welche Ueberraschung: sie hat ihren eigentlichen CHärakter bekommen, sie ist zu sich gekommen. Ein wahres Ghetto, so wie die Nazi es sich gewünscht haben — entsprechend der letzten Theorie des antisemitischen HÄlerismus und seiner Wissenschaft... Man kann tatsächlich' in ■ der Grenadierstraße die wiedererwachte charakteristische Ghettostimmung bemerken. Ich betrete ein jüdisches Restaurant. Da sitzen Juden und nehmen ihre Mahlzeit ein und sprechen mit dumpfer Stimme. Ich warte, bis die Gäste von dannen gehen, um mit dem Gastwirt zu sprechen. Minuten vergehen. Der Gastwirt tritt an meinen Tisch heran und wir geraten in ein Gespräch. In ein ausgedehntes Gespräch.^ Der Wirt ist sehr redselig. 1 Ich: „Wie geht es Ihnen in letzter Zeit?" Er: „Nun ... ja..." Ich: „Wie fühlt sich die Grenadierstraße unter dem neuen Regime?" ' ' Er: „Was anbelangt... hm..." Ich: „Haben Sie vielleicht auch Nazibesuch?" Er: „Beh, hm.,." Ich: „Macht man Ihnen Schwierigkeiten?" Er: „Beh, hm .. Nach diesem lebhaften wechselseitigen Interview mache' ich mich auf die Beine. Verlasse die Grenadierstraße — Ghettomauern und Ghettotore gibt's hier bis jetzt noch nicht. Aber in der Seele tief hat man das Gefühl,-, durch eine dicke, schwere, beklemmende Luftwand zu gehen. Ich will noch rasch einen Blick auf ,,U n t e r den Linden" machen. Ein kalter, stechender Regen, der herabtrieft. Kein Getriebe. Alles düster und finster. In trübem' Grau zeichnen sich die Silhouetten der Gebäude und "der Denkmäler ab. Geschäftsläden gibt es hier nicht, nur Denkmäler der großen Geister. Hier Alexander Hi^mbpldt, dort Goethe, Schiller... Sie stehen wie von aller Welt verlassen da, grau und traurig, als würden sie vor. Wehmut flüstern. Man sollte sie mit schwarzen Tüchern bedecken bis zur Stunde, die wohl kommen wird. zu Preisen wie noch nie Chlffone, Weben, Gradel Wäsche-Webe, 80 cm breit, per Meter . . . S Wäsche-Chlffone, gute Qualität, 80 cm . . | Atlas-Gradel od. Spitzköper, 120 cm 1.75, 80 cm /S Mollino, gebleicht, 80 cm breit S —.69 . . . S Seiden-Weben, für Leibu. 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Porzellan-Mokka-Servlce, dekoriert, f. 6 Pers. Kaffee-Service für 6 Personen, dekoriert . . S -.49 g S -.25 * S -.49 S 4.90 S 6.90 i Echt Japan-Service, löteil., Kaffee 9.50, Mokka S 5.90 Steingutwaren Suppenod. Fleischteller, Dekore S —.39, weiß S —.33; Gasthaus-Teller, gerippt, flach und tief . . . S —.40 Schüssel-Garnitur, gerippt, öteil. S 2.79, 4teil. S 1.49 Große Teekanne, englische Art . . . . . , . S 1.98 Brotdose m. vernickeltem Rand 9.50, Glasdeckel S 6.50 Emall-Geschlrr (weiß, 2. Wahl) Gemüse-Schüssel, 24 cm S 1.98, Lavoir, 36 cm . S 1.90 Milchkanne, IV, 1 . . . S 2.49, Weitling, 26 cm S 2.40 Abwaschschaff, 35 cm . S 5.50, Eimer, 28 cm . S 2.90 7.«und viele andere Okkasionen! So ging es mir durch den Sinn. Wer kann es wissen?. Vielleicht hätte Humbold sich heute die Rassentheorie zueigen gemacht und Schiller wahrscheinlich das Schauspiel „Kabale, Liebe... und Rassenschande" geschrieben- Und Goethe hätte sicher seinen „Faust" in der Mentalität der Nazi geschrieben: Faust, ein rassenreiner Arier, der — o über den Unglückseligen — in die Hände des Juden Mephisto geraten ist und dem er seine Seele verkauft hat! Der Jude Mephisto verschachert ihm das Judenmädel Gretchen, die an dem armen Faust das Verbrechen der Rassenschande begeht, wofür er ins Konzentrationslager gebracht wird... Somit ist der Nazigerechtigkeit Genüge getan. Höchstwahrscheinlich hätte die Sache heute eo ausgesehen. Das ist möglich. Siehe: Knut Hamsun! Ich eüe zum Bahnhof. Glücklich, dem Tal der Tränen entrinnen zu können. Wieviele Juden würden jetzt gerne im Eisenbahnwaggon sitzen und hinaus... Im Waggon Stille. Man spricht nicht. Die wenigen Juden, die darin sind, haben Angst zu reden, und die wenigen Deutschen, die reden könnten, dürfen mit mir, dem Juden, nicht reden... nach dem Hitlerschen Geseta — weil „der Rebbe Feindschaft geheißen hat..." SO sitzt man nun und flüstert und begnügt sich mit „unschuldigen", neutralen Gesprächsthemen: Haßfeldzug,*. Brotschlangen... Teuerung... Hunger... Wir fahren über die Grenze — Dänemark. Wie eine schwere Last fällt es von den Schultern. Wir haben Pech und Schwefel hinter uns. Auch die Deutschen tauen auf. Jetzt kann man reden, aufatmen. Es gibt also noch ein Stück Welt außer Deutschland, noch Länder, wo man Mensch sein darf und keine Angst zu haben braucht... Mit denselben Gefühlen pflegte man einst die Grenzen des zaristischen Rußland zu passieren. Und die Menschen, sobald sie jenseits der Grenze waren, konnten den Segensspruch sprechen: Boruch schepotrani., <, Gelobt seist du dafür, daß ich's losgeworden bin , « und noch ein „In Tatens Taten herein" hinzufügen. Wir recken unsere Glieder wie aus einem bösen: Traum. Der Alpdruck ist vorbei. Wir sind wieder in einer menschlichen Gesellschaft. „Das Land der Verheißung." Die Aufführung des großen Palästina-Tonfilms „Das Land der Verheißung", die im Imperial-Kino am vorigen Sonntag stattfand, war wieder gänzlich ausverkauft. Die geradezu sensationelle Ansprache des Herrn Oberrabbiners Dr. Feuchtwang fand begeisterte Aufnahme. Die nächste Aufführung des Films findet Sonntag, den 16. d., um 11 Uhr vormittags im Kolosseum-Kino, IX., Nußdorferstraße, statt. Auch für diese Vorstellung ist mit der Mitwirkung eines hervorragenden Redners zu rechnen. Es empfiehlt sich, Karten im Vorverkauf zu besorgen. „Das Land der Verheißung" im Rembrandt-Kino Um dem Publikum des II. Bezirkes Gelegenheit zu geben, den Palästina-FÜm „Das Land der Verheißung" auch im regulären Programm eines Tonfilmtheaters zu sehen, wurde mit dem Rembrandt-Kino eine Abmachung getroffen, wonach dieser Film vom 11. bis inklusive 13. Februar in diesem Theater täglich aufgeführt wird. Als Beiprogramm wird die hochinteressante Tonfilmreportage „Rund um den Luzerner Zionistenkongreß" gespielt. Die palästinensische Pianistin Nadja Eitingon veranstaltet Donnerstag, den 13. Februar, halb 8 Uhr, im Kleinen Musik-* vereinssaal einen Klavierabend, auf dessen Programm Meisterwerke der pianistischen Literatur (Beethoven, Chopin, Debussy, Rachmaninoff u. a.) stehen. Das Konzert der anerkannten Künstlerin Nadja Eitingon ist schon dadurch von besonderem Interesse, daß eine Komposition des modernen hebräischen Komponisten B. W. Sternberg zur Uraufführung gelangt. Jüdisches Volksbildungshelm „Blalik", VII., Kaiserstraße Nr. 30. Wochenprogramm: Donnerstag, den 13. Februar, 7.30 Uhr abends: Talmudvortrag Traktat Bawa Mezla. Vortragender: Dr. Benjamin Klar. — Donnerstag, den 13. Februar, 7.30 Uhr abends: Vortrag über „Die heutige Lage des Judentums". Referent : Dr. Salomon Wolf. — Hebräischkurse. — Samstag, den 15. Februar; 8 Uhr abends: Unterhaltungsabend der Jugend. —> Aviso: Englisch- und Französischkurs in Vorbereitung. Nach Palästina, Syrien und Aegypten. Verlangen Sie Auskünfte über unsere nächsten Gesellschaftsreisen. Mäßige Preise, bewährte Führung, reservierte Plätze. Die Reisen führen über Triest oder Constantza. Alles Näher© bei Dr. S. Tocker, IX., Liechtensteinstraße 2, Tel. A-14-504, iU| kSim, S II..TABORSTR. 48 «■ t<^£V sfar*\. V .>;^»> . (r^tt'fr^S ... t , ' - I I ■ \ 1 /*? v«5 vJ ,) dl W Von S 2 Wochenrofen er« halten Sie alle Gegenstände In gröBter Auswahl und bester Qualität bis 20 Monate Kredit SCHLESINGER VII, Burggaasa 122-124 Telephon B-32-2T24, B-35-6-§!5 Eigentümer, Verleger, Herausgeber und yerantworiaicIiejr: .Be<iakteuii^/Oberbaurat Robert Stricker. — Druck; £rudjerjtf«» jmd ^ilaga»AyK3, Jgoajg Steinmann, beide Jöfin* JX»tIJjJiVWSität8StrAßö ß—8, .j| — -