Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 530 (21.1.1936)
- Date
- 1936-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE! NEUE WELf Nr. 530 vom 21. J&nner 1936 «hrung auch ein wenig auf das lebende Volk Gottes übertragen, das doch nicht weniger ilst als der Staub des Bodens ihrer Vorfahren. Was aber den mir ganz begreifliehen Wunach betrifft, daß die Katholiken, die numerisch eine verhältnismäßig kleine Gemeinde in Palästina bilden, nicht als „geduldete Gäste" dort gelten wollen, so beruht meines Ärachtens die Vorstellung, daß sie nur als solche gelten könnten, nur auf einer Ideologie, welche die er leuchteten Geister jener großen Religionsgemeinschaft in unserer Zei* endlich zu Uberwinden Veranlassung hätten, Was nämlich in den finsteren Jahrhunderten des Mittelalters das Verhältnis jener um die Verbreitung der biblischen Lehren in der Welt so hochverdienten Religionsgemeinschaft tu uns Juden am meisten vergiftete, war die irrige Vorstellung, daß die Jaden ein von Gott für immer verworfenes und verdammtes Volk seien, dessen kehren die Katholiken als die einzig berechtigten Erben zu übernehmen sich berufen fühlten. Daher stammten auch die Bemühungen, die Juden mit allen Mitteln zu bekehren, und die treue Anhänglichkeit an Ihren angestammten Glauben wurde als Starrsinn betrachtet. Als wenn ein Strom, der von der Quelle fließt, um sich in das große Meer zu ergießen, auf seinem Wege umkehrte, um mit seiner Flut die unversiegbare Quelle zu speisen, der er seinen Ursprung verdankt. Diese irrige Vorstellung entnahmen jene Gelehrten zahlreichen Strafandrohungen in prophetischen Reden, wobei sie aber jene Reden zu Ende zu lesen unterließen, und nicht bemerkten, daß die Propheten ihre Reden immer mit Trost- und Ermutigungsworten an Israel schließen und dessen dereinstige Zurückführung in das Heilige Land als eine sichere Tatsache in Aussicht stellen. Ich brauche den katholischen Theologen doch nicht erst zu sagen, daß, wie wir es an jedem Sabbat nach der Vorlesung eines Abschnittes aus den Propheten in unserer Synagoge hervorheben, „kein Wort der göttlichen Verheißung unerfüllt bleiben wird". Der Prophet Zephania sagt es am Schlüsse seines Buches: „Die Zeit wird kommen, da' ich euch heimführen und wieder vereinigen und euch zu Achtung und zum Ruhme erheben werde unter allen Völkern der Erde, da ich eure Verbannten wieder in die Heimat bringen werde." Jene von so inniger Verehrung für die alttestamentlichen Weissagungen erfüllten katholischen Gelehrten kennen ja auch die Worte Zacharias (2, 15): „Es werden' sich viele Völker anschließen an Gott den Herrn an jenem Tage und werden zu meinem Volke gehören. Juda aber wird seinen Besitz wieder haben auf dem heiligen Boden, da Gott Jerusalem wieder erwählen wird/' Wenn nun die führenden Geister der auf dem ganzen Erdenrunde so ruhmvoll für das Reich Gottes wirkenden katholischen Kirche einmal ernstlich die irrige Vorstellung von der Verworfenheit Israels aufgeben und sich statt dessen im Sinne der wahren biblischen Verheißungen mit uns in aufrichtiger Freude — ohne Aergerund Mißgunst — an der Wiederherstellung Israels und am Aufbau seines Landes beteiligen würden," dann wären sie doch nur unsere geliebten Brüder und Freunde, nicht bloß Gäste. Ich kann mir dabei ganz gut denken, daß sie mit uns religiösen Juden zusammen für die Verbreitung einer wahrhaft religiösen Gesinnung und gegen die Veirächter der Worte Gottes und Feinde der Religion wirken würden. Freilich müßten alle maßgebenden katholischen Stellen mit Nachdruck dahin wirken, daß jede offene oder versteckte Feindseligkeit den Juden gegenüber aus den Kreisen jener Religionsgemeinschaft ausgemerzt werde. Es würde sich dann von selbst der Friede der Konfessionen Im Sinne der Jesaianischen Weissagungen ergeben. Mit tiefer. Dankbarkeit anerkennen wir es, daß in diesem Sinne Se. Eminenz der Kardinal in jener Versammlung in seinem Schlußworte gesagt hat: „Wir wollen niema4i<V^eunruhigen, wir wollen niemand angreifen oder verletzen d." das klingt beinahe wörtlichübereinstimmend mit den Worten Jesaias (10, 9): „Sie werden nichts Böses tun und nichts Verderbliches auf meinem Heiligen Berge, denn voll wird die Erde sein der Erkenntnis des Ewigen." Gegen die Berliner Olympiade Aua London wird berichtet: „Manchester Guardian" nimmt im Leitartikel sehr scharf gegen das britische Mitglied dea Internationalen Olympischen Komitees, Sir Noel C u r t i a B e n e 11, Stellung, der in einer öffentlichen Erklärung behauptet hat, daß „eine Schar wohlmeinender Betriebsamer Sport mit Politik verquickt". „Manchester Guardian" fordert die British Amateur Athletic Association dezidiert auf, die Berliner Olympiade zu boykottieren, und achreibt: Wer war es, der zuerst Politik mit Sport verquickt hat? Wer war es, der erklärte, der Jude in Deutschland habe nicht Anspruch auf Bürgerrechte? Wer außer den Nazis verbietet es Deutschen, mit Juden Sportkämpfe auszutragen und verbietet den Juden die Benützung der Sportplätze? Sind es die , „Betriebsamen" oder die Nazis? „Manchester Guardian" berichtet, daß große englische Klubs »ich bemühen, die Amateur Athletic Association zu bewegen, ihre Mitglieder nicht nach Berlin, zu schicken. Diese Stellungnahme aei die allein richtige und dem Geist des britischen Fair Play und der britischen Loyalität gemäß,' tt, 3F« AH Gewi'$senlo§e Treibereien Um die Wiener JudeBgemeinde „Radikale Antisemiten können Uber Juden nicht anders sprechen »1s die Herren, die bei mir waren, es getan haben!" Dieser Satz findet sich im Bericht, den einer der höchsten Funktionäre einer mächtigen Organisation Oesterreichs einer amtlichen Stelle hat zukommen lassen, nachdem eine Deputation bei ihm vorgespro eben hatte, um die Judenfrage in Oesterreich zu erörtern. Man könnte annehmen, daß es sich um die Abordnung irgend einer „arischen" Gruppe gehandelt hat, welche die damals in Oesterreich stattfindenden Umwälzungen und herrschenden Spannungen benützen wollte, um der österreichischen Judenschaft einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Aber diese Annahme wäre irrig. Die Herren, deren Ausführungen den Eindruck feindseligster Einstellung gegen Juden erweckte, waren die Vertreter der „Union österreichischer Juden". Der Vorfall in allen seinen Details ist uns seit langem bekannt, aber wir haben darüber geschwiegen, auch wenn wir die schärfsten Fehden mit der „Union" auszutragen hatten, weü wir die Schande jüdischer Verirrung nicht öffentlich behandeln wollten. Wir glaubten, den innerjüdischen Kampf auch ohne diese peinlichen Erörterungen bestehen zu können. Aber jetzt haben wir nicht mehr das Recht, über diese Dinge schweigend hinwegzugehen, denn jetzt geht es nicht mehr um gegnerische jüdische Gruppen, denen man tückisch den Boden unter den Füßen abgraben Will. Jetzt darf man nicht mehr schweigen, denn jetzt geht es denselben Dunkelmännern darum, mit Hilfe falschzüngiger Angeberei die Wiener. Judengemeinde und mit ihr. alle ös terreichischen Judengemeinden ihrer Selbstständigkeit zu berauben und sie von außenher zu zerschlagen, weil man sie von innen her nicht erobern kann. Der Verlauf der eingangs erwähnten Vorsprache war im wesentlichen folgender: Die Herren von der „Union" beteuerten ihren Patriotismus im Gegensatze zu den leider so zahlreichen wurzellosen und nicht bodenständigen, zu radikalen und zerstörenden Tendenzen neigenden jüdischen Elementen. Diese Elemente beherrschen jetzt das öffentliche jüdische Leben, und die jetzigen höchsten Funktionäre der Judengemeinde danken diesen Elementen ihre Stellung und werden von ihnen unter Druck gestellt, sind ihre gefügigen Werkzeuge. Die Angeber benützten auch die Gelegenheit, um die ungeheuerlic he Lüge vorzubringen, daß die Zionisten keine guten Staatsbürger und Patrioten sein können, und daß deshalb beispielsweise der Zionismus in vielen Staaten, darunter Italien, verboten sei. Der perfide Schlag, den damals die dunklen Ehrenmänner führten, hat dem österreichischen Judentum gewiß geschadet, aber die Wahrheit hat schließlich gesiegt. Jetzt haben sie das schnöde Spiel von neuem begonnen und wieder überlaufen sie "die Behörden und setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um auf den Trümmern der Judehgemeinde ihrer Schadenfreude zu frönen. Führer der „Union", vor allem ihr Präsident Dr. Oppenheim, arbeiten bei der Regierung und beim Magistrat auf Auflösung der Judengemeinde, Einsetzung eines Regierungskommissärs, Abschaffung der Autonomie und der freien Wahlen hin. Sie verlangen die Zertrümmerung eines Instruments, das sich jetzt in den Zeiten schwerster Not als für die Juden unentbehrlich erwiesen hat, als Bollwerk gegen unsagbares Elend. Der Anlaß, den sie benutzten, beweist Frivolität, Gewissenlosigkeit und Mangel jedes Empfindens für den Bestand des Judentums. Um die Verleihung einer Beamtenstelle geht es. Der Amtsdirektor der Gemeinde ist gestorben. Der Posten wurde öffentlich ausgeschrieben und unter den Männern, die sich bewerben, befindet sich einer, der länger als zehn Jahre der Gemeinde mit größter Hingebung ehrenamtlich gedient hat. Auch die „Union" weiß nicht ein Wort gegen seine hervorragende Eignung und seinen Charakter zu sagen. Nicht ein Wort. Aber, er ist Zionist! Das ist den Herren Grund genug, mit Niederlegung ihrer Mandate zu drohen und auf die Preisgabe der selbständigen Judengemeinde bei den Behörden hinzuarbeiten. Aber es ist. ja eben nur ein Vorwand. Die Seele dieses Treibens ist der derzeitige „Union"-Präsident Dr. Oppenheim. Als er gewählt wurde, wu^te man bereits, was von diesem Mann zu erwarten ist. Er hat schon vor Jahren, als er im Vorstande saß, frank und frei erklärt, daß ihm an def tJemeinde nur so lange etwas gelegen sei, al« nicht die Zionisten die Majorität haben. Falls die Zionisten die Majorität erlangen sollten, werde er auf die Auflösung der einheitlichen Gemeinde hinarbeiten. Nun will er sein Wort einlösen. Er ist in den Vorzimmern aller amtlichen Stellen zu finden, er ist rastlos bemüht, die Behörden zu Gewalt* maßnahmen aufzufordern. Wir sind dessen gewiß, daß sein Plan mißlingen wird, mißlingen muß, denn die Aufrechterhaltung einer geordneten jüdischen Gemeindeverwaltung, dla vom Vertrauen der jüdischen Majorität getragen ist,, liegt ebenso im Interesse des Staates wie der Juden* schaft. Wir wissen, daß die österreichischen Behörden nicht dahin zu bringen sein werden, die von ihnen anerkannte und erprobte Autonomie der Juden« gemeinde auf Grund haltloser Angeberei zu beeinträchtigen. Trotzdem geht es nicht länger an, üben solche Umtriebe schweigend hinwegzugehen. Die österreichische Judenschaft muß wissen, daß in ihr; zersetzende Kräfte am Werke sind, denen entschieden, entgegengewirkt werden muß. Und auch die Mitglieder der „Union", die Gefühl für jüdische Ehre haben, sollen erfahren, daß ihre Namen und ihre Stimmen dazu mißbraucht werden, das Judentum in, den Augen der Nichtjuden schnöde herabzusetzen. Sie müssen es wissen. Hungerpeitfsdie für die füdi'sdien Handelsreisenden in Berlin Aus Berlin: Nachdem das Reichsinnenministerium die Polizeistellen angewiesen hat, jüdischen Handelsreisenden die Lizenzen für das Jahr 1936 nicht zu erneuern, während das Reichswirtschaftsministerium die Anweisung gab, den jüdischen reisenden Kaufleutenj in der Erneuerung der Lizenzen keine Schwierigkeiten zu machen, helfen sich die Polizeistellen mit einem Kompromiß» Wie der J.-T.-A.-Vertreter feststellen konnte, werden Lizenzen für 1936 nur jenen jüdischen Handelsreisenden ausgefolgt, die niemals in ihrem Leben irgendeine Strafe davongetragen haben, verweigern sie aber; solchen Juden, die, sei es auch vor vielen Jahren, irgend eine Strafe, mag es sich auch nur um eine ganz geringe Geldstrafe wegen Ueberschreltung der Fahrvorschriften^ handeln, abzubüßen hatten. Bisher wurden allein in Berlin aus solchen nichtigen Gründen etwa tausend jüdischen Handelsreisenden Lizenzen verweigert. In der Provinz wird die gleiche Kompromißtaktik befolgt. In Franken aber, dem Reich Streichers, werden Juden die Lizenzen ganz und gar verweigert, (J. T. A0; Misvadii und «Neue Ziom Organisation" Aus Warschau (J. T. A.): Die Tagung dea Misrachi-Parteirates Polens hat alle Sektionen im Land beauftragt, diejenigen Mitglieder, die auch der N. Z. O. (Jabotinsky-Partei) angehören, aus der Misrachi- Organisation auszuschließen. Herzl-Literatur wird nicht ins Dritte Reich gelassen Aus Wien (J. T. A.): Wie dem J.-T.-A.-Vertreter, mitgeteilt wird, wurde eine Sendung von zirka 120 Kilogramm Büchern, bestehend aus der neuen Herzl-Biographio von Alexander Bein und dem Buche Josef Frankel,« „Theodor Herzl, des Schöpfers erstes Wollen", die defc Fiba-Verlag, Wien, vor Weihnachten nach Deutschland expediert hatte, an der Grenze aufgehalten und bis jetzt nicht nach Deutschland gelassen. Der Verlag wandte sich an verschiedene Persönlichkeiten um Intervention, docK ohne Erfolg. Anti-Nazi-Liga gegen neuen Transfer Aus New York (J. T. A.): Die Exekutive de« Unparteiischen Anti-Nazi-Liga, deren Prä« sident Samuel U n t e rm y e r ist, erließ eine Erklärung* daß sich die Liga gegen jeden neuen Plan zur Transferie« rung deutsch-jüdischen Kapitals in der Form deut« scher Waren wenden wird; insbesondere wird im Zu* sammenhang mit dem Besuch der englisch-jüdischen Führer Sir Herbert Samuel, Viscount Bearsted und] Simon Marks in Amerika davor gewarnt, Pläne eines Warentransfers zu erörtern und so dem antideutschen Boykott entgegenzuarbeiten. Das Entstehen eines solchen, Plans auf deutscher Seite — heißt es in der Erklärung —• beweise nur, wie wirksam der Boykott ge« vtorden ist. Todesfall. Jakob Brandes, Kaufmann aus Trem-* bowla, ist in Januw bei Trembowla im 89, IyebensjahB gestorben, E HUFSKOMITEE PESCHAJES-REA1GYHH AS I U H S Samstag, den 25« Jänner 1936, in sämtlichen Sälen des Militärkasinos, I, Schwarzenbergplatz 1 GESELLSCHAFTSABEND mitTANZ Erstklassige Kunstkräfte / Beginn 20 Uhr Karten im Chajes-Realgymnaslum, XX, Staud/ngergasse 4/6, Wizo, I, Schottenring 25, und Bücherstube Rath, II, Taborstraße 20a, erhältlich