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Die neue Welt · 1936-01-21 · Heft 530 (21.1.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 530 (21.1.1936)
Date
1936-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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??r. 530 vom 21. Jänfter 1936 DÖJ NfitTfi WELT Seite 3 RUNDSCHAU Spinoza — ein Hakenkreuzler Armer Spinoza! Als du vor 300 Jahren in Amsterdam geboren wurdest, dachten weder deine Familie, noch die jüdische Gemeinde daran, daß dein Geist einmal der Stein des Anstoßes für viele Juden sein werde. Du bist der große Ethiker, der größte vielleicht unter den Philosophen aller Völker geworden, dein kündender Glaube von der Einheit Gott und Natur hat spätere Geister tief ergriffen. Deutsche Dichterphilosophen wie Lessing, Herder und Goethe, unbestreitbare Deutsche, haben sich zu dir bekannt. Und nun? ... Der Berliner nationalsozialistische „Judenkenncr" hat eine Entdeckung gemacht. Das Blatt gibt vor, die Juden zu kennen, genau zu kennen, sie zu entlarven, hinter die „Kulissen" des Judentums geschaut zu haben. Es weiß natürlich nicht, daß du eben wegen deiner Gedanken, die nicht im Einklang stehen mit der religiösen jüdischen Uebcrlieferung, aus der — Synagoge ausgestoßen wurdest... Aber das war ein „Schlich" der Juden. Denn in Wirklichkeit... Aber überlassen wir lieber dem „Judenkenner" das Wort. Er schreibt nämlich in seiner Ausgabe vom 16. Jänner 1936: „Spinoza dürfte kein Jude gewesen sein. Sein Einfluß auf das Geistesleben ist zu nachhaltig dazu. Wenn ihn gekaufte .Wissenschaftler' Baruch genannt haben, so können wir, die wir die Schliche der Juden kennen, uns schon einen Vers daraus machen.. Baruch Spinoza ist also kein Jude gewesen. Vielleicht gar Nationalsozialist, weshalb sich die Juden von ihm distanziert haben. Der „Judenkenner" folgt hier dem Beispiel des anglodeutschen Chamberlain, der in seinem Buch „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" erklärte, daß Jesus nicht Jude, sondern — Germane, Arier sei. So sind sie eben, die Herren Antisemiten: Wenn ein Jude eine Lumperei begeht, dann ist er ein semitischer Untermensch. Ist er aber edel, ein Genie, eine Leuchte in der Welt, dann ist er auch schon kein Jude mehr. Siehe Jesus, Spinoza u. a. m.... Unangebrachte Vorwürfe Als der Flüchtlingskommissär James MacDonald sein Amt niederlegte, bzw. als sein Kommissariat liquidiert wurde,, machte er die Mitteilung, daß fast das ganze Geld, das für die jüdischen Flüchtlinge aufgebracht wurde, aus jüdischen Taschen stamme. Diese Tatsache ist nicht weiter auffallend. Denn die Welt wußte und weiß, daß von den Menschen, welche Deutschland verließen, die Juden am meisten zu leiden hatten, da es für sie ja keine „Umstellung" gab, und die Folge davon war die spontan eingetretene Hilfsbereitschaft der Juden überall für ihre unglücklichen Brüder. 99 Prozent der Spenden wurden von jüdischen Händen gegeben! Das Londoner Blatt „Church Times" beklagt sich nun, daß die jüdischen Flüchtlingskomitees, die ausschließlich von Juden erhalten werden, den christlichen Flüchtlingen jüdischer Abkunft, also Getauften und Mischlingen, Hilfe verweigert hätten. Diesen Vorwurf weist der Präsident der Anglo Jewish Association, L. G. Montefiore, zurück. Er stellt einwandfrei fest, daß etwa 20 Prozent der vom Jüdischen Zentralfonds für Flüchtlingshilfe aufgebrachten Gelder an christliche „Nichtarier" verteilt wurden, ja daß auch Menschen nichtjüdischer Herkunft, die sich durch „Judenfreundschaft" den Zorn des Hakenkreuzes zugezogen hatten, sich unter den Unterstützten befinden. Die aufgebrachten Gelder sind knapp. Sehr vielen Juden muß die erbetene Hilfe verweigert werden. Es ist also ungerecht, den jüdischen Hilfskomitees Vorwürfe zu machen, wie sie die christliche Zeitung „Church Times" ausspricht. Deut§che Zwirnten verlangen die Fuhrung Vom 2. bis 4. Februar 1936 findet in Berlin der XXV. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt. Der Geschäftsführende Ausschuß der Z. V. f. D. veröffentlicht eine Programm-Erklärung, in welcher es u. a. heißt: Die Z. V. f. D. betrachtet in dieser Stunde als das Ziel ihrer Tätigkeit: die Judenheit in Deutschland zu einem g eschlossenen und bewußten Teil des jüdischen Volkes umzuformen; sie zu freudiger Bejahung des jüdisch-nationalen Gedankens zu erziehen, in ihr das Gefühl der Verantwortung für das Schicksal des jüdischen Volkes zu wecken, nach langer Entfremdung ihr den Weg zu jüdischer Kultur zu weisen, sie aus dem Zustande der Zersplitterung herauszuführen und als geschlossene Volksgruppe, die ihre eigenen Angelegenheiten selbständig regelt, für den Aufbau ihres eigenen Lebens in der G a 1 u t h und der nationalen Heimstätte in Palästina mit ganzer Kraft einzusetzen; die nach Beruf, Alter und Vermögen auswanderungsfähigen und für Palästina geigneten Teile der Judenheit in geordneter Form Schritt für Schritt nach Erez Israel zu überführen, durch entsprechende berufliche und geistige Vorbereitung diese Auswanderung im wahren Sinne des Wortes zu einer Alijah zu gestalten, die von lebendiger Verantwortung für die Volksgemeinschaft und das Land des Nationalheims beseelt ist, und dadurch den Prozeß der fortschreitenden Auflösung in der Gola in eine Macht der nationalen Erneuerung des Judentums im Lande seiner Väter umzuwandeln. In diesem Prozeß der Umformung war der Zionismus von Anfang an die stärkste Kraft. Es ist notwendig, daß alle wesentlichen Instanzen, vorzüglich die Reichsvertretung und die G eme Inden, von zionistischem Geist durchdrungen werden. Die Z. V. f. D. ist von der Ueberzeugung erfüllt, daß sie die gesamtjüdischen Notwendigkeiten unserer Tage am klarsten erkennt und die Kraft besitzt, die sich aus ihnen ergebenden Aufgaben zu bewältigen. Weniger als je kann sie sich heute auf die Betreuung einzelner Sachgebiete der jüdischen Arbeit in Deutschland beschränken; es ist unerläßlich, daß sie in allen zentralen und örtlichen Körperschaften, die den Gesamtplan dieser Arbeit bestimmen, die Führung hat. Die nächsten Aufführungen des großen Palästina- Tonfilms der Fox im IMPERIAL-KINO Wien I, Rotenfurmsfraße ANSPRACHE: DR. MAX BROD (PRAG) Sonntag, 26 Jänner, vorm. 1A11 Uhr Karten bei: Jüd.Ktilturstelle, I, Fr.-Joseis-Kai 3, Tel.R-28-3-H6; Bücherstube Rath, II,Tabof8tr.20a, let. R-45-3(5; Juwelier Ledeter, IV. Schleifmüiilgasse 12; Installateur Jos. Weiß, II, Rotenstetngaase' 22 und Sonnlag, 26 Jänner, vorm. 3A12 Uhr Karten nur bei: Buchhandlung Richard Lanyi, I, Kätntnerstr. 44, Tel. B-25-6-75, und an der Kinokassa Gelehrige §ehuler Wie jüdische Anwälte in Palästina behandelt werden In manchen Ländern halten die antisemitischen Behörden die Juden durch den Numerus clausus vom Studium ferne. In anderen Ländern wieder läßt man die Juden wohl zum Studium zu, prüft sie aber so streng, daß sie durchfallen müssen. In Palästina bedient sich jetzt die Unterrichtsbehörde der zweiten Methode. Das Mitteilungsblatt der „Hitachduth Olej Germania" (Deutschjüdische Einwanderer) berichtet; „Am 5. Dezember wurden die Resultate der Anwaltsexamina bekanntgegeben; reichlich sieben Monate, nachdem die Prüfungen selbst stattgefunden hatten. Von 97 Kandidaten sind 84 durchgefallen, nur 13 haben bestanden. Von den Examenskandidaten dürften etwa 60 bis 70 Olej Germania gewesen sein. Man könnte sich mit der Bekanntgabe dieses unerfreulichen Ergebnisses begnügen, wenn nicht die Umstände, unter denen es. zustande .kam, besondere Aufmerksamkeit verdienten. Der Legal Board, der über die Examensbedingungen entscheidet, hat nämlich in diesem Jahr, ohne den Kandidaten davon Kenntnis zu geben, ohne sich bisher überhaupt dazu öffentlich.zu äußern, die Examenserfordernisse erheblich verschärft. Nach den Regeln, nach denen das vorjährige und überhaupt die vorangehenden Examina entschieden wurden, hätte ein großer Teil der Kandidaten, die jetzt Monate und Jahre Vörbereitungszeit umsonst aufgewendet haben, glatt bestariden. Sämtliche Kandidaten sind qualifizierte Juristen, die bereits eine vollendete Universitätsausbildung in Europa hinter sich haben; wenn von ihnen 84 unter 97 die Prüfung nicht bestanden haben, so ist das ein eindeutiger Beweis, daß überschwere Anforderungen an sie gestellt worden sind. Man kann die Gründe für dieses Vorgehen mit ziemlicher Sicherheit vermuten ■ der Legal Board hatte vor einiger Zeit eine Verordnung ausgeai'beitet, die eine Sperre für die Zulassung zur Anwaltschaft vorsah, ähnlich der, die jetzt für die Arztlizenzen durchgeführt worden ist. Die Durchführung dieser Verordnung ist jedoch infolge des Protests der jüdischen Anwaltschaft durch die vorgesetzte englische Behörde, das Colonial Office in London, untersagt worden, und zwar mit gutem Grund: denn während die Zulassung der Aerzte ohneweiters auf Grund ihrer europäischen Lizenzen erfolgte und hier eine Beschränkung unvermeidbar wurde, haben die Anwälte eine außerordentlich schwere Prüfung zu bestehen, die weitere Schranken überflüssig und schädlich machen. Man begreift nun, was die plötzliche Verschärfung' der Examensbedingungen bedeutet: den Versuch, die Zu-; lassung sbeschränkung, die am Widerstand der jüdischen Anwaltschaft und des Colonial Office gescheitert ist, durch administrative Maßnahmen zu ersetzen. Es ist offenbar, daß eine derartige Politik höchst bedenklich ist: eine Verwaltungsbehörde usurpiert auf diese Weise gesetzgeberische Funktionen, die ihr nicht ^zustehen und deren Folgen sie nicht zu übersehen vermag. In der Tat läßt sich schon jetzt sagen, daß der vom Legal Board geduldete Zuwachs der Anwaltszahl um dreizehn Personen im Jahr bei einem gleichzeitigen Bevölkerungszuwachs um 6 0.0 0 0 Menschen unzureichend ist. Die durchgefallenen Examenskandidaten haben in einer Versammlung, die kürzlich in Jerusalem stattfand, beschlossen, mit allen nür möglichen Mitteln gegen das Verfahren des Legal Board vorzugehen. Ob sie,'wie die Dinge nun einmal Hegen, Erfolg haben werden, ist zweifelhaft. Auf jeden Fall' verdient ihre Aktion die Unterstützung der öffentlichen Meinung und der zionistischen; Instanzen." * Die englischen Verwaltungsbeamten erweisen sich also als gelehrige Schüler der europäischen Antisemiten. Sonst sind sie geneigt, von Asien und Afrika zu lernen, besonders wenn es sich um Behandlung der Juden handelt. Im Bedarfsfalle sind sie aber auch, wie dieses Beispiel lehrt, „europäische" Methoden zu akzeptieren. Verband des* Judenslaafszfloni§fen Oesterreichs Veranstaltungskalender: Sektion Leop-o 1 dstadt, IL, Tabprstraße 21 al Donnerstag, den 23. d. M., halb 9 Uhr abends, Vortrag Dr. Felix Klug: „Zionistische'Tagesfragen." Sektion IX/XVIII, Semperstraße 19: Donnerstag, den 23. d. M., halb 9 Uhr abends: Vortrag Fritz Richten Sektion XIV/X V, Schanzstraße 32: Dienstag, den 21, d. M., halb 9 Uhr; abends,' Vorlesung Martin. Berpssi: „Neujüdische Dichtung." Sektion Brigit.t enau: Dienstag,, den 21. d. ,M., ha'lb 9 Uhr abends, im ■ provisorischen Heim, II., Unter© Augartenstraße 38, Aussehußsitzung. 1 . . Mittwoch, den 22. d. M., halb 9 Uhr abends, int Zentralheim, I., Werdertdrgässe 14, Vortrag Dr. Oskar Rosenfeld: „Hilfe für die deutschen Juden." * '' Voranzeige! Sektion XIII/XV. Samstag, ' den 8. Februar, im Gambrinüssaal, XIII., Scharizstraße 31, Ge-* sellschaftsabend (Akademie, Tanz und Tombola); Erstklassige Jazz. Entree. S .1.50. Verband der Judensfaatszionisten Oesterreichs Mittwoch, den 22. Jänner, halb 9 Uhr abends, im Zentralheim, I, Werdertorgasse 14 VORTRAG Referent: Dr. Oskar Rosenfeld Thema: Hilfe für die deutschen Juden Gäste willkommen! Zulassung ausländischer Juden nadi Biro*Bidsdian Aus Wien.(J. T. Ä.): Das Oesterreichische W a n d e r u n g s a m t teilt mit: Im Jahre 1936 nimmt die Sowjetregierung eine'Einwanderung von 1000 jüdische n^F a m i 1 i e n aus dem Auslande nach B i r o - B i dschan in Aussicht. Den größten Teil dieser Auswanderen werden Polen und Litauen beistellen, ein kleineren Teil entfällt auf andere Länder. Zur Einwanderung sollen zugelassen werden gesunde" Arbeiter und A n g e* stellte sowie Handwerker und Bauern, die keine Lohnarbeiter beschäftigen, dann Bauarbeiter, Stukkateure, Waldarbeiter u. dgl. . Die Einwanderer werden bereits in der Heimat die Sowjet-Bürgerschaft annehmen müssen und sich außerdem verpflichten, mindestens drei Jahre inj Biro-Bidschan zu bleiben. Die Kosten der Reisevorbereitungen und der Reise bis zur Sowjetgrenze müs.s,en die* Jüdische Volkshochschule — Jüdische Kullurstelle Karten von S l.~ bis S 4.- bei der Jüd. Kullurstelle, I, Kai 3 (Telephon R 28-2-36), bei Lanyi, I, Kärntnerstraße 44, Mejstrlk, 1, Wollzeile, Kartenzentrale Oronner, 1, Graben 14 VORLESUNG MAX BROD aus neuen, teilweise noch unveröffentlichten Werken Donnerstag, 23. Jänner, 20 Uhr, Ingenieur- und Architektenverein, l, Eschenbachg. 9 ' ■H«HBHHHI

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