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Die neue Welt · 1936-01-14 · Heft 528 (14.1.1936) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
10 (1936)
Issue
Heft 528 (14.1.1936)
Date
1936-01-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 528, vom 14. Jänner 1936 DIE NEUE WEIA Seite 3 Sonderbarer Vorstoß gegen Wiener Judengemeinde In ihrer Ausgabe vom 9. Jänner bringt die Wiener „Reichspost" unter der Aufschrift „Die letzte Insel der Parteipolitik" einen Artikel, der eine Aufforderung an die österreichische Regierung bedeutet, den Wiener Juden das freie Wahlrecht in ihrer Gemeinde zu nehmen und die Autonomie der Judengemeinde, insbesondere hinsichtlich der Zusammensetzung ihrer Leitung, wesentlich einzuschränken. Anders kann der Artikel nicht gedeutet werden, denn sein Anfang lautet: „Wiihrend der neue österreichische Staatsgedanke sich allenthalben durchgesetzt hat und weithin verwirklicht Ist, hat der Geist des alten Partelstaate» in der Wiener israelitischen Kultusgemeinde sich eine Zufluchtsstätte, eine Insel, eine Art „Ausnahm" gesichert, die wie eine Trutzburg der Vergangenheit in die neue Zelt hineinragt. Man wird daran wieder einmal erinnert durch die publizistische Erörterung gewisser Vogänge im Vostand der Kultusgemeinde..." Zum Schlüsse heißt es, nach Zitierung gehässiger Aeußerungen des Blattes der jüdischen Trennungs- Orthodoxie: „Es besteht somit auch in jüdischen Kreisen der Wunsch nach der Beseitigung eines Anachronismus, der dem neuen österreichiscen Staatsgedanken widerspricht. Bei einer Liquidierung dieser letzten Insel der sonst überall verfemten und verpönten Parteipolitik wird eine gleichzeitige eingehende Beschäftigung mit den bekannten Forderungen der orthodoxen Judenschaft nicht zu umgehen sein .. So schreibt ein katholisches Blatt. Die Regierung Dollfuß hatte anläßlich der vor zwei Jahren erfolgten Aenderung der österreichischen Verfassung zwei Maßnahmen getroffen. Sie hat den Juden verfassungsmäßig Gleichberechtigung und Mandatsrecht garantiert und hat die Konstitution der Judengemeinden, ihr freies Wahlrecht und ihre innere Autonomie unangetastet gelassen. Sie hat damit Anerkennung in der ganzen Welt gefunden. Und dagegen läuft jetzt die „Reichsposf* Sturm! Welch „gefährliche" Entdeckungen hat sie im Wirkungskreise des jüdischen Gemeindevorstandes gemacht, die zu einer „Liquidierung der Trutzburg*' führen sollten? Hat die Judengemeinde kommunistische oder nationalsozialistische Vorstöße gegen den Staat unternommen öder gar Attentate gegen seine sittlich-religiösen Grund- Jagen und die katholische Kirche vorbereitet? Nichts von alledem, was der katholischen „Reichspost" plausiblen Vorwand zur Einmischung geben könnte. Zwei interne Konfliktsfälle nimmt die „Reichspost" zum Anlasse, den Kopf der Judengemeinde zu fordern. Die ordnungsgemäße und öffentliche Ausschreibung der Stelle eines Sekretärs, um welche sieh ein hochverdienter Funktionär der Gemeinde nach Niederlegung seines Mandats aussichtsreich bewirbt, hat die uniottistische Minderheit in Rage versetzt. Sie schreit „Korruption" und droht mit Niederlegung ihrer Mandate. Dann liegt bei der Regierung ein Gesuch der trennungsorthodoxen Agudah (die Gruppe umfaßt kaum 2 oder 3 Prozent der Judenschaft), ein Gesuch wegen Aenderung des Gemeindegeaetzes und Erlaubnis zur Gründung einer zweiten Gemeinde. Das ist alles. Beide Fälle sind der Regierung als Aufsichtsbehörde längst und genügend bekannt. Es Sind gar keine Anzeichen dafür vorhanden, daß sie diese Fälle als Anlaß ansehen würde, die Autonomie der Judengemeinde zu vernichten oder einzuschränken, wie das die „Reichsposf anscheinend will und wonach sie jetzt so laut ruft. Es muß daran erinnert werden, daß es immer die „Reichspost" war, welche jede Einmischung Außenstehender in Angelegenheiten der christlichen Gemeinschaft mit Recht und großer Entschiedenheit verdammt hat Die Drohungen der in diesem Falle gleichgerichteten „Reichspost", „Union" und „Agudah" sind nicht geeignet, die von ihrem Rechte überzeugte Judenschaft zu erschrecken. Aber die unbefugte Einmischung der „Reichspost" erfordert Feststellung und Ablehnung. Gegen das PaläslänasParlamenl Aus London: Das politische Büro der Judenstaatspartei teilt mit, daß sofort, nachdem bekannt wurde, daß die Frage der Einsetzung eines Legislative Council in Palästina wieder akut geworden sei, auf Anregung der Judenstaatspartei in London eine Beratung der Zentralkomitees aller zionistischen Organisationen Englands stattfand. An der Beratung nahmen Vertreter der Allgemeinen Zionisten, des Misrachi, der Poale Zion und der Judenstaatspartei teil. Es wurde beschlossen, eine ständige Kommission zum Kampf gegen den Legislative Council einzusetzen. Seitens der Judenstaatspartei wurden in diese Kommission die Herren Dr. Machower und M. Gorowitsch entsandt. Aus Warschau: In einer von der Judenstaatspartei in Polen veranstalteten Pressekonferenz erklärte das Mitglied der Weltexekutive der Judenstaatspartei Baruch Weinstein aus Tel-Aviv, auch Mitglied des Waad Leumi, er habe sichere Informationen, daß sogar in den Kreisen des Kolonialamts in London keine Einstimmigkeit hinsichtlich des Legislative Council geherrscht hat; im Gegenteil, als der High Commissioner während seines letzten Besuches in London seinen Plan entwickelt hatte, zeigten. sich die dezidierenden Faktoren in London uninteressiert. Erst als der High Commissioner kategorisch erklärt hatte, daß, falls das Colonial Office seinem Vorschlag nicht zustimme, er für eine normale administrative Tätigkeit in Palästina nicht mehr verantwortlich sein könne, haben sich die maßgebenden Kreise des Colonial Office umstimmen lassen. In den Kreisen der englischen Beamtenschaft in Jerusalem gibt mau offen zu, daß der Legislative Council sich negativ für das jüdische Volk und den Zionismus auswirken werde. Eine bestimmte Gruppe englischer Beamten, deren antizionistischer Standpunkt bekannt ist, unterstreicht dabei, daß die Schaffung des Gesetzgebenden Rates in Palästina den Mandatsstatus im Lande fundamental ändern werde. Diese Beamten erklären, daß gemäß dem Mandat die Jewish Agency gegenwärtig die einzige repräsentative Institution sei, mit der sich die Regierung in allen den Aufbauprozeß in Palästina berührenden Angelegenheiten zu beraten habe. Mit der Schaffung des „Parlaments" werde die Rolle der Jewish Agency ausgespielt sein. Der Vorsitzende der Konferenz, Dr. Feldschuh, erklärte, eine einheitliche zionistische Front tue heute mehr als je not, die Zionistische Organisation müsse große jüdische Schichten in allen Ländern mobilisieren und alle politischen Faktoren in den einzelnen Ländern ausnützen, um das Palästina-Judentum in seiner Aktion zum Boykott des Legislative Council zu unterstützen. Der frühere KolowleumUiister Amery gegen den Legislative Council Aua London: Der ehemalige konservative Kolonienminister L. S. Araery nimmt ia etaer Zuschrift an die „Times" in aufsehenerregender Weise gegen den Plan der Regierung, in Palästina einen Legislative Council einzusetzen, Stellung. Der frühere Kolonlenmtnister wendet sich gegen diesen Plan in den schärfsten Ausdrücken und erklärt, durch seine Verwirklichung würde England sich selbst zum Narren machen und an denjenigen, die ihm ihr Vertrauen geschenkt haben, Verrat begehen. Amery tritt für die vollkommene Gleichstellung von Juden und Arabern in Palästina ein. Verband der englischen Synagogengemeinden Aus London: In einer Sitzung des Generalrats des Synagogenverbandes Englands wurde folgende Resolution einstimmig angenommen: „Diese Versammlung der 66 Synagogengemeinden (60.000 jüdische Seelen) erklärt ihre Opposition gegenüber der Einsetzung eines Legislative Council in Palästina im gegenwärtigen Augenblick. Ein Legislative Council würde die Juden Palästinas auf den Status einer Minderheit herabdrücken und wäre infolgedessen unvereinbar mit den Bestimmungen des Palästina-Mandats und der primären Pflicht, in Palästina ein Nationalheim für das jüdische Volk ZU errichten.'* Der Wortlaut dieser Resolution wurde dem Ministerpräsidenten, dem Minister für die Kolonien, dem High. Commissioner für Palästina, der Jewish Agency und Mitgliedern des Parlaments übersandt. Verband der Judenstaatsiionlsten Dienstag, den 14. Jänner 1936, halb 9 Uhr abends, Sektion XIII-XV, XV., Schanzstraße 32 VORTRAG Thema: Das Palästina-Parlament Referent: Inj. Robert Stricker Mittwoch den 15. Jänner 1936, halb 9 Uhi abends* im Zentralheim, 1, Werdertorgasse 14 VORTRAG Thema. Die Et8iik des Judentums Referent: Prof. Aron Schwertfinger Verband der Judensfaatfszi'onisten Oesterreichs Veranstaltungskalcnder: Sektion XIV/XV, Schanzstraße 32. Dienstag, den 14. d. M., ^9 Uhr abends, Vortrag Oberbaurat Robert Stricker: „Das Palästina-Parlament". SektionBrigittenau. Dienstag, den 14. d. M., y39 Uhr abends, irn. provisorischen Heim, IL, Untere Augartenstraße 38, Mitgliederversammlung. Mittwoch, den 15. d. M„ im Z e n t r a 1 h e i m, I., Werdertorgasse 14* \4d Uhr abends, Vortrag Professor A. Schwertfinger: „Ethik im Judentum". Sektion Leopoldstadt, IL, Taborstraße Nr. 21a. Judenstaatsjugend. Mittwoch, den 15. d. M., Mitgliederversammlung. — Donnerstag, den 16. d. M., Ausschußsitzung. Beginn jeweils ys$ Uhr abends. . * Voranzeige! Sektion XIII/XV. Samstag, den 8. Februar, im Gambrinussaal, XIII.. Schanzsträße 31, Gesellschaftsabend (Akademie, Tanz und Tombola). Erstklassige Jazz. Entree S 1.50. Judfensfaa&spai'tei der €♦§♦!!♦ Am 4. Jänner fand In Brünn ein von der Judentaatsparstei veranstalteter Vortragsasbend tatt, bei dem der. Vorsitzende Dr. F. Huller ein zahlreiches Publikum begrüßen konnte. Als erster Redner sprach Rabbiner Dr. I. Z. kanner (Wien) über das Thema: „Zionismus heute" und wies in eindrucksvoller Rede auf die Gefahren hin, in die die zionistische Bewegung durch das Abweichen vom Wege Theodor Herzls geraten sei. Er befaßte sich besonders mit dem Problem zionistischer Jugenderziehung und entwickelte die Ideologie, die der Jugendorganisation der Judenstaatspartei, dem „Brith Hakanaim" zugrunde liegt. Nach ihm sprach Herr Fritz Richter (Wien) über „Das Parlament in Erez Israel". Ausgehend von dem schweren Kampf, den die Judenstaatspartei auf dem XLX. Kongreß gegenüber einer überwältigenden Mehrheit zu bestehen, hatte, bevor es ihr gelang, eine einmütige Ablehnung des Parlaments zu erzwingen, analysierte der Redner die ganze politische Linie der derzeitigen Exekutive. Unter, großem Beifall schloß Herr Richter seinen Vortrag mit der Feststellung, daß die zionistische Bewegung nur dann der Gefahr des Parlaments wirklichen Widerstand entgegensetzen wird können, wenn sie sich einmütig und geschlossen zum Judenstaatszionismus bekennen wird. * Am 5. Jänner hielt Herr Frite Richter vor der Gruppe .des „Brith Hakanaim" in Brünn einen Vortrag über die „Ideologie des Berak". * Der Parteirät der Tschechoslowakischen Judenstaatspartei hielt am 29. Dezember in Proßnitz eine

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