Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 528 (14.1.1936)
- Date
- 1936-01-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sea» <i DIE NEUE WELT Nr. 528, vom 14. Jänner 1936 Beratung ab, in welcher nach Aussprache über wichtige Arbeitsfragen, Herr Heinrich Barber (Mor. Ostrava) zum Präsidenten der Tschechoslowakischen Judenstaatspartei gewählt wurde. Der neugewählte Präsident hat als oberster Landesführer des „Brith Hakanaini" Herrn Doktor I. Z. Kanner zum Mefaked Arzi der Tschechoslowakei ernannt. Herr Dr. I. Z. Kanner hat in dieser Eigenschaft den Ken Brünn des „Brith Hakanaim" inspiziert. Am aller Welt Worte und Talen Aus Saloniki (J. T. A.); Das griechische Arbeitsministerium hat die Verfügung der Stadtgemeinde Saloniki, den dortigen historischen Judenfriedhof aufzulassen und das Terrain für den Bau von Straßen und die Anlage eines Sportplatzes zu verwenden," bestätigt. Die Maßnahme der Regierung wurde in einer Sitzung des Vorstandes der jüdischen Gemeinde besprochen. Eine Abordnung unter Führung des Oberrabbiners Dr. Koretz wird beim Gouverneur von Mazedonien Rhallis gegen diese das Religionsgesetz und die archäologischen Interessen verletzende Entscheidung protestieren und darauf hinweisen, daß auch im Weichbild anderer europäischer Städte, wie Prag und Nizza, alte Judenfriedhöfe von historischem Interesse erhalten geblieben sind. Sie wird von dem Gouverneur verlangen, daß er die Aufhebung des Enteignungsentwurfes verfüge. 4 Anm. der Red.: Nach Wiedererrichtung der Monarchie haben sich alle Minister und der König in Beteuerungen erschöpft, daß sie die Rechte und Gefühle der Juden vollauf achten werden. Jetzt verletzen sie die Juden in ihrem Heiligsten und machen aus dem Friedhof einen Sportplatz. Eine antisemitische Terror-Organisation aufgelöst Aus' Sofia (J. T. A.): Der bulgarische Innenminister General Spow veröffentlicht, daß die bulgarische Regierung die beiden nationalistischen Organisationen „Narodna Zaschtita" (Heimwehr) und „Nationalistische Liga" aufgelöst hat. Die beiden Organisationen waren bereits einmal aufgelöst, aber im Vorjahr abermals zugelassen worden. Sie haben von je neben ihren nationalistischen Zielen eine scharfe antisemitische Terror-Politik getrieben. Das Konsistorium der bulgarischen Juden hatte unter Hinweis auf diese Terrorpolitik gegen die Wiederzulassung dieser Organisationen Einspruch erhoben, doch wurde ihm. seitens der Regierung erklärt, daß die Leiter beider Bünde versprochen hätten, sich lediglich nationaler Politik zuzuwenden und dem Terror zu entsagen. Dieses Versprechen wurde nicht gehalten, sondern es zeigte sich, daß die Bünde sich ideologisch und taktisch nach dem Hitler-Regime in Deutschland richten. In der Mitteilung des Innenministers ' wird auf die nazideutsche Orientierung der aufgelösten Bünde hingewiesen. Zionisten im Lemberger Stadtrat boykottiert Im Lemberger Stadtrat erklärte Professor Bino im Namen der polnischen Stadträte den „politischen Boykott" gegen die zionistischen Stadträte, der darin bestehen wird, daß jedesmal, wenn ein Zionist das Wort ergreift, die polnischen Räte demonstrativ den Saal verlassen werden, wodurch Schluß der Sitzung erzwungen wird. Der Boykott ist der Vergeltungsakt dafür, daß die Zionisten gegen den Antrag, eine Gasse in Lemberg auf den Namen des kürzlich verstorbenen Brigadiers Manczynski, Eroberers von Lemberg während der polnisch-ukrainischen Kämpfe, zu benennen, gestimmt haben. Die Zionisten motivierten ihre Gegnerschaft damit, daß Manczynski während der Kämpfe den antijüdischen Pogrom in Lemberg organisiert hat, der einer der blutigsten und grausamsten Pogrome in der Geschichte ist. Amerikanische Poale Zion für eine zionistische Einheitsorganisation Aus New York (J. T. A.): In der Schlußsitzung der in Detroit abgehaltenen Jahreskonferenz der amerikanischen Poale Zion wurde der Plan Ben Gurions, in den Vereinigten Staaten■ eine zionistische Einheitsorganisätion zur Förderung der gemeine samen zionistischen Arbeit aller zionistischen Gruppen zu schaffen, einstimmig angenommen. Gleich* zeitig wurde jedoch das Zentralkomitee der Poale Zion beauftragt, für die vollkommene Autonomie der zionisti- J>hle)\ <fer bilficpkn Prtift? 3m äiesjäfitigen 3nrjentur43erfauf rooUen mit robifal räumen. 3111e Sßaicu müffen um jeben cm* neljmBaren Sßrets hinaus. 3)ie 5löteüun$cn unfercs Kaufes Bringen jefct (oott ÜÖZontctQ, 13., bis Samss tag, 18. Jänner) grojje Serien aftueller 33e* baifsmarcn für bie 2)ome, ben $errn unb bas Ätnb... 311 Sßreifen, bie unü&ertreffKd) bUlia. finb! Stefe einmalige ©etegenfieit, ßleibung, 2Bäfd)e, Sdjulje, Strick unb Wixtwann jeher 2Trt au Sdjleuberpreifen gu faufen, barf niemanb nerjäumen. ißeftdjtigen Sie unferc Sdjaufenfter, röeldjc Sutten ötel ^ntereffantes unb Heoerrafäjenbcs aeigen rö erben.. Sie große „Seiben*Senjaiu>n" Ijaoen mir für noä) eine 2Boä>e (Bis Samstag, 18. 3«™tßt) »erlängert! sehen Parteien Sorge zu tragen. Ueber die Form der endgültigen organisatorischen Verbindung der Poale Zion Amerikas mit den übrigen zionistischen Parteien soll durch eine Urabstimmung der Mitglieder entschieden werden. Jüdisches Kulturtheater. I., Franz-Josefs-Kai 3, T,el. R-28-2-36. Donnerstag, den 16. Jänner, 1/48 Uhr, Vorlesung Ernst Lissauer aus teilweise noch unveröffentlichen biblischen Dichtungen. Einleitende Worte Dr. Alfred Werner. — Karten in der Jüdischen Kulturstelle (I., Franz-Iosefs-Kai 3), erhältlich. * Ab Montag, den 13^ d. M., „Lopes Erbschaft", Komödie in drei Akten von A. Slonimski. .Deutsches Volkstheater. „Kleines Ringelspiel", von Antoine und Lery, ist ein feines Lustspiel, das wohl nicht wirblig-amüsant, aber angenehm plätschernd vergnügliche Stunden schafft. Die Schwierigkeiten in einer Ehe werden, durch die kluge, taktvolle Art der Schwiegermutter behoben. Wie ausgezeichnet Frieda iRi c.h' a/r;d eine solch gütige' Frau auf die Bühne zu stellen vermag, wie charmant Oskar Karlweis in der Rolle eines Ehemannes in Nöten sein kann; ist bekannt. Ein wenig fehl am Platze Gusti Hub er, die zu ernst und zu-schwer für die Rolle einer mondänen Frau ist. Sehr gut Josef Rehberger und Annemarie He gen er. e. Kr. Talmud-Tliora-Verein für den 4. und 5. Bezirk, Wiedner Hauptstraße 83. Mitte Jänner beginnt in unserer Sprach- , und Bibelschule, bei genügender Teilnehmerzahl, ein spezieller Chumasch-Raschi- und Talmudkurs für Jugendliche. — Anmeldungen' aar Montag, Mittwoch und Donnerstag zwischen 19 und 20 Uhr,- V„ Siebenbrunnengasse 1 a (Tempelgebäude) entgegen. äT<*£ Von S 2 Wochanratan arhalten «a all« a«9«nst&nde In gröBtar Auswahl und baatar Qualität bis 20 Monata Kradlt SCHLESINGER VII, Burggatse 122-124 Telephon B-32-2-34, B-35-63? Die zettisseue fahue I oii Aron Bresinsky (Bialystok) Wegen einer kleinen papierenen Fahne, einer Simchath-T hör a-F ahne, die in der Gasse bei einem abgerissenen Burschen um zehn Groschen gekauft nxmlen mar, iveinten sowohl der Großvater Reb Schumi als auch das Enkelkind Julik, und in der prächtigen Wohnung gab es trübe Stunden. Sukkolh mar es, als Reb Schumi, der weißbärtige Großvater, im allgemeinen kein allzu liäufiger Gast bei Sohn und Schwiegertochter, plötzlich mit einem Geschenk für den kleinen Julik hereingefallen kam, mit einer Fahne für Simchath Thora, und der vierjiilirige Krabbler freute sich damit wie mit dem schönsten Ding von der Welt. Der Schmiegertochier, der jungen Frau, gefiel die Sache sofort, nicht. Ist ihr Kind vielleicht ein Junge vom Cheder, daß man ihm eine Fahne für Simchath Thora bringt?... Sie will keine Fahne und sie will nicht, daß der Alle mit dem Kind in dem greulichen Pojlisch-Jiddisch rede. — „Da, siehst du, ist Mojsesch" (Mosche Rabenu) — er zeigt auf einen auf der Fahne dargestellten Juden, „da ist Aron (Hohepriester Aaron) und unten ganz einfach Juden, Jidkes, Jidalech, die sich mit der .Thora' freuen!"... Das Kind quillt vor Freude, tanzt toll vor Begeisterung mit der Fahne in den Händen und nachher wirft es sich dem Alten um den Hals und küßt ihn in den langen, mildgemachsenen Bart. Worauf der Alte den günstigen Augenblick benützt und dem Jungen gegenüber ein paar jiddiscJie Worte fallen läßt. „Sei ein Jude, Julik", flüstert er in der Stille zu ihm, „sei ein Jude!" Die Mutter aber hört. Die Lippen beben und in ihren dunklen, mandelförmigen Augen flammt es. Wie oft schon hat sie den Alten gebeten, Julik den Kopf nicht mit Jiddisch vollzumachen, ihm nicht den polnischen Akzent zu verderben. „Pana Irena", schreit die Frau aus dem Nachbarzimmer, soll so gut sein und mit Julik ein wenig in der Allee Spazierengehen... Die „Pana Irena", Juliks Gouvernante, eine hohe Person mit dunkelroten Backen, genau so wie die Aepfel auf Juliks Fahne, ist im Begriff, den Auftrag auszuführen. Ein paar Minuten später ist auch Julik zum Ausgehen bereit, bepackt mit Bananen und Weintrauben. Nur die Fahne— die verursacht Schwierigkeiten. Der Junge will sich um keinen Preis von ihr trennen, hält sie fest in seiner Hand, und die „Pana Irena" erklärt scharf und streng: sie werde mit dem jüdischen Fahndet nicht Über die Gasse gehen. Sie müßte sich vor ihren Freundinnen schämen... „Julik, die Fahne muß zu Hause bleiben", unterstützt die Mutter mit harter Stimme Irenas Standpunkt. Aber der Kleine läßt nicht locker. Sein kindisches Hirn denkt: Man gibt mir in allem nach, so werde icli's also auch hier durchsetzen. Man darf sich nur nicht einschüchtern lassen, muß sich auf die Erde legen, tvenn notwendig, ein Weinen loslassen... Aber Julik irrte sich in seiner Berechnung. Alles andere ja, aber das — nein! Und als er sich zu Boden warf, bereit, mit allen Kräften die Fahne gegen der Mutter und Irenas Händen zu verteidigen, griff die Mutler und Irenas Hände zu verteidigen, griff die Fetzen. Erst jetzt brach Julik in Weinen aus, ernst und erschütternd. Und je böser die Mutter lvurde, desto lauter schrillte seine Stimme durch die Zimmer. Das Kind hatte noch nie in seinem Leben so aufrichtig und innig geweint. Später nahm der Alle den Kleinen auf die Knie und bemühte sich, ihn mit den Fahnenfetzen, div er aufgeklaubt hatte, mit Mosche fiabenus hulbgeflicktem Barl, mit Aron des Hohepriesters hohem Hut und mit der knapp geretteten Bundeslade, zu beruhigen... Er bröckelte. auch inmitten des Tummeis wieder ein paar jiddische Worte ein, erzählte Julik, daß er so nach dem Onkel Julik heiße, der ein großer Gelehrter gewesen sei. Und inzwischen mischte er sich, der Großvater, einq träne aus dein Bart.., Eigentümer. Verleger, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Oberbaurat Robert Stricker. ■— Druck; Druckerei- und Verlags.A.-G, Ignazi Stemmana, beide Wien, . IX,, Polvereitätsstraße 6—8, , *