Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 10 (1936)
- Issue
- Heft 526 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2712150-2712151--5532-2719161- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 5× ep/2781475
- Chełm 1× ep/1002403
- overcoat 1× ep/2413564
OCR text
rtr. d26 vom 3. Jänner 1936 DES JfEÜE WfiLl Seite 5 ftee $60#t wie leismm* ♦.. Von Scholem Ale che m Zu Mendelc Mocher S'forims 100. Geburtstag. Personen: Mendelc S'forim: ein schöner Grete, spricht zuckersüß. Bialik: ein Poet, ein Denker. Ben-Ami: ein Jude, in dem es kocht. Schalom-Alechem: ein alter Bekannter, der zuhört und alles niederschreibt. Langsam, wie es seine Art ist, mit einem halb komischen, halb ernsten Ton beginnt der Sejde *) (Mendelc Mocher S'forim) seine Geschichte: „Es war, wie ich euch gesagt habe, vor einigen Jahren in Odessa, das heißt, nicht direkt in Odessa, sondern einige Stationen vor Odessa. Ich fuhr damals heim nach Odessa. Draußen goß es, der Wind heulte, die Erde trauerte, sehnte sich nach der lieben, warmen Sonne icie eine Witwe nach ihrem Mann. Die Bäume hatten schon längst die gelben Blätter abgeschüttelt, die Vögel ihre Nester verlassen und versprochen, übers Jahr — so Gott will — zurückzukommen, wenn der Allmächtige das Leben schenken wird... Der Regen seufzte unaufhörlich und von Zeit zu Zeit erzürnte er und warf sich gegen die Fenster unseres Waggons, in welchem xoir, eine ganze Gruppe, bequem saßen und in der Wärme über allerlei Angelegenheiten und Gegejistände sprachen. Mir gegenüber saß ein Passagier, ein gebildeter, belesener, prachtvoller Mensch, wie es sich später zeigte — ein Christ —, ein seltener Judenfreund. Ihr wißt, ich hasse die Schmeichler mehr als die Täuflinge, und mich überrascht es nicht, wenn ein Christ über uns ein gutes Wort sagt. Aber zu diesem Menschen zog mich eine persönliche Sympathie infolge einer verborgenen Anziehungskraft, die tiefer liegt als unser Verstand. Was soll ich euch sagen? Ich fühlte mich so wohl, will sagen, heimisch, daß ich mit ihm drei Tage lang fahren könnte. Und so empfand ich den Wunsch, ihm irgendwie nützlich, behilflich, gefällig zu sein. Stellt euch vor: die Gelegenheit bot sich dar, ganz von selbst. Was war es? Da er zum erstenmal nach Qdessa fahre, wolle er ein anständiges Hotel erfragen, und ich — der ich langjähriger Einwohner von Odessa sei — möge so gut sein, ihm das schönste und beste Hotel, nach meiner Ansicht, zu empfehlen... „Ein Hotel? oh!..." Mit beiden Händen ergriff ich diesen Zufall und begann, das meiner Meinung nach größte und schönste Hotel Odessas in den wunderbarsten Farben zu malen. Vor allem das Panorama. Das Haus war so kunstvoll gebaut, daß alle Fenster einen Ausblick auf das Meer hatten. Dann: die breiten, hohen und Höhten Zimmer, der 'prächtige Wintergarten, die Orangerie, das Lesezimmer, die Bedienung, schließlich: das Restaurant, die Musik — kurz, ich habe mich so begeistert, als ob ich das Paradies malte, nicht ein Hotel. Ein Uchtes, warmes und fröhliches Absteigquartier in einer fremden Stadt ist — wenn es draußen so unfreundlich und kalt ist — zehnmal so wertvoll wie zu einer anderen Zeit. Mein Gegenüber hörte mich mit leuchtenden, dankbaren Augen ans einem strahlend-glücklichen Gesicht an. Ich bemerkte, wie er ein Notizbuch aus seiner Tasche zog und wartete, bis ich zu Ende sein werde, um dann den Namen des Hotels zu notieren. Ich war aber noch immer begeistert von meiner Beschreibimg und hörte gar nicht auf, die Vorteile meines wunderbaren Hotels aufzuzählen. Es entging mir, daß wir uns Odessa näherten und bald an Ort und Stelle sein werden. Als sich aber die Passagiere von ihren Plätzen erhoben und nach ihrem Gepäck sahen, wandte sich mein Freund vorsichtig mit einem sehr *) Großvater (von Schalom-Alechem so benannt, weil er der „Großvater" [Schöpfer] der jüdischen Literatur war. Sie, Schalom-Alechem, Bialik, Ben-Ami u. a., sind seine ,,Enkel" [Schüler]). fr |EM$I0N$-VEREIN Versicherungs-A.-G. WIEN l9 SCHELLINGG. 1 Telephon R-22-1-10 Invaliditäfs-, Altersu. Hinterbliebenen- Renten freundlichen Gesicht an mich und fragte sehr höflich nach dem Namen des Hotels. „Ach! Ja, der Name? ... ah... Gleich werde ich ihn Ihnen nennen!.. /' Eine Weile dachte ich nach — mein Gott! Wie ist der Name? Gerade habe ich ihn gewußt ... Schmarm! Er ist nicht da! Davongelaufen! Weggeflogen ... Umsonst rieb ich mir die Stime, umsonst suchte ich in allen Taschen — nicht da! Meint ihr etwa, es war ein schwieriger Name, ein komplizierter, an dem man sicJi nicht leicht erinnern kann? Sogleich werdet ihr ihn hören. Es kann kernen einfacheren auf der Welt geben! Noch mehr: es ist ein Name, den man nicht vergessen kann, selbst wenn man wollte! Ihr werdet es zugeben! Kurz, ich meinte, mir etwas antun zu müssen! Der Name lag mir, wie man sagt, auf der Zunge... da... da! Aber aussprechen — unmöglich! Ich will euch nicht weiter erzählen. Mein guter Freund sah meine traurige Lage und wollte mir helfen, mich, soweit es möglich ist, aus der Grube retten, in die ich durch eigenen Willen gefallen war. Er wandte alle Kräfte an. Er begann mir alle Hotelnamen der ganzen Welt vorzusagen: „Grand Hotel", „Imperial", „Metropol", „Continental", Rational", „International"; „Bristol"; „Pans"; „Madrid"; „St. Petersburg", „San Remo", „London", ,JIamburg", ,JKonstantinopel" — nein; nein und nein! Kurz: er sah ein, Städtenamen helfen nicht. Er warf sich auf Ländernamen: vielleicht „Montenegro"? „Frankreich"? „England"? „Rußland"? „Oesterreich-Ungarn"? ,ßelgien"? „Holland"? „Brasilien"? „Argentinien"? . . . wie? . , . nein, nein . . . vielleicht „Hotel Post"? „Hotel Royal"? „Hotel Europa"? „Hotel Louvre"? — kurz: ich sah, wie mein guter Freund das Notizbuch einsteckte, sich sehr höflich empfahl, dankte und bat, ich möge mich nicht weiter bemühen, er werde sich schon allein bemühen,- ins beste Hotel zu kommen ... F- ~* |||| Bikher^ Schwedenbrücke! BUCHHANDLUNG SCHNEIDER & CO., WIEN I, Franz-Josefs-Kai 7 Reichste Auswahl ne'u erBücher bester Autoren zu billigsten Preisen! Katalog gralis Und ich? Ein Grab, wenn es sich vor mir öffnete, ich würde mich lebend hineingelegt haben. So eine Schande! So ein Skandal! Sich abohrfeigen! Schläge bin ich wert . . .! Und ich begann mir Silber su predigen — eine Strafpredigt: Du alter Narr! Du selbst sagst jeden Tag: Es ist besser, ein Lebenlang ein Bösewicht als eine Stunde ein Narr zu sein . . ..' Solch eine Dummheit begehen! Wer hat dich darum gebeten, dich als Wohltäter zu produzieren? Wer lutt dich gebeten, einem unbekannten Menschen ein Hotel in Odessa zu empfehlen? Und schließlich: wie kann man mir eine Sache vergessen, die man jeden Tag sieht, an die man jede Minute denkt??? . . . Ich kam heim, nervös, aufgeregt. Ich rannte durch das Zimmer, rieb mir die Stime: vielleicht fällt mir der Name da ein? —Nein! „Weißt du nicht" — sage.ich zu meiner Frau — „wie das Hotel heißt?" Magen-, Darm-, Nieren-, Leber- und Gallenkranke nehmen gern früh nüchtern ein Glas natürliches „Franz-Josef'-Bitterwasser, da es, frei von unangenehmen Empfindungen, sehr prompt abführt.und den. Stoffwechsel nachhaltig anregt. Aerztl. empfohlen. „Welches Hotel?" ,Jfa, hörst du'. . .! Ich soll ihr sagen, welches Hotel! Ich frage doch dich!" „Sage mir den Namen", wendet sie sich an mich . . . Nun? Geh' und red' zu deiner Frau! Kurz: man muß sioh selbst bemühen und sofort hingehen! Wie es aber schon ist, wenn man nach Hause kommt, sind achtzehnhundert dringende Sachen, Angelegenheiten, Briefe zu erledigen. Und ich werde noch aufgeregter, nervöser, wütend auf die ganze Welt und lasse meinen Zorn gegen Unschuldige aus. Mittlerweile wurde es Naoht, man hatte schön lang das Abendessen verzehrt — und mich plaf/t noch immer der Name! Schon legte man sich schlafen: da nahm ich mir vor morgen ganz früh, hinzugehen, ohne Ausrede, ohne Aufschub . . . Zu dumm: Ich kann nicht scJilafen! Unmöglich! Ich möchte schon den morgigen Tag erleben, mich anziehen, früher als sonst, hingehen zum Hotel und einen Blick auf das Schild werfen und sehen, wie es lieißt . . .! Ich halte es aber nicht länger ans, springe ans dem Bett und ziehe mich an . . . „Gott sei mit dir"p sagt meine Alte, zu Tode erschrocken, „wohin . . .9" „Ich werde das nicht aushalten", sage ich. „Ich muß hingehen und einen Blick hinaufwerfen!" „Wohin gehen . . .?" ,JSfimm eine Laterne", sage ich zu meinem Weib, „und.komm mit mir!" „Wohin . . .?" „Frag' mich nicht, komm!" Mein Gott,, die. Lage, meines. Weite« tuefe #<?M!< dem, icill ich mir ersparen. Ihr könnt es selber verstehen, die Lage einer Frau, deren Mann von zu Hause wegfulir, wie es schien, gesund und stark, und nach Hause kommt — nervös, auf gereget, durch* Zimmer rennt, nicht redet, sich die Stime reibt wie ein Verrückter und plötzlich nachts aus dem Bett springt, eine Laterne anzünden heißt und sagt: „Komm!" . . .. Aber: was tut nicht alles ein Weib ihrem Mann zuliebe . . .? Man sagt ihr: „Komm!" — geht siil Kurz: Was soll ich euch sagen, ich gehe, mein Weib hinter mir, mir nach. Ich stapfe durch den tiefen Kot, mein Weib stapft mir nach. Gott hat geholfen. Wir sind angekommen. Angelangt beim Hotel, auf' gehoben die Laterne, einen Blick auf das SchM geworfen — nanu, erratet den Namen? Wenn ihr auch achtzehn Köpfe hättet, könntet ihr ihn nicht erraten! Das Hotel trägt den Namen: „Odessa"!!! ... Ins Deutsche übertragen von M. S. Brafmann. „Große Liebe" — Theater in der Josef Stadt. In diesem feinpsychologischen Stücke sieht man einen Modesalon auf der Bühne, in dem nicht bloß an den Mannequins, sondern namentlich an den Darstellerinnen exquisite Toiletten gezeigt werden, von denen manche, insbesondere die Komplets, schon Merkmale der kommenden Frühjahrsmode in vorbildlicher Weise aufweisen. Frau Lily Dar« vas erscheint in einem lilafarbenen, kunstvoll geschnittenen, mit weichen Aermeln gearbeiteten Kleid. Zierlich und duftig ist das rosa Seidenorgandinkleidchen mit Goldgürtel des Schwesterchens Hortense Raky. Das schwarze Komplet mit Weste und Paletot und das englische, doppelblaue Kostüm mit kurzärmeligem Jäckchen der Frau Darvas zeigen schon die Note vom Frühjahr. Parant und aristokratisch wirkt das Silberspitzenkleid der Exzellenz (Frau Geßner). Die TaUeä&t dec fifasttedHnm iH,„#co(k JüeU": von Ida Reich & Bruder MarlahHtersfr„ 39, Tel. B-25-4-99 J AUS PALÄSTINA Kampf um jüdische Arbeit Aus Jerusalem (J. T. A.): Der Rat der jüdischen Kolonie Raanana hat am 26. Dezember die Beziehungen zur Zionistischen Exekutive und zu den zionistischen Institutionen für 48 Stunden zum Protest dagegen abgebrochen, daß die Exekutive es abgelehnt hatte, in einem Konflikt zwischen den jüdischen Arbeitern und den Landwirten der Kolonie zu vermitteln. Seit längerer Zeit protestieren die jüdischen Arbeiter gegen die Beschäftigung arabischer Arbeiter durch die Landwirte der Kolonie. Vor etwa einem Monat sind 70 jüdische Arbeiter v e rh a ft e t und zur Hinterlegung einer Kaution verpflichtet worden, weil sie vor der Pflanzung eines jüdischen. Landwirtes, der die Ernte an einen arabischen Händler verkauft und diesem das Recht zur Beschäftigung arabischer Erntearbeiter gegeben hatte, Posten standen. Mtfdiwi'rtsdtaft Aus J e r u s a 1 e m (J. T. A.): Auf dem Gebiet der Milchwirtschaft sind in Palästina im letzten Jahre beträchtliche Fortschritte erzielt worden. Zu Beginn dieses Jahres gab es in den jüdischen Wirtschaften Palästinas 4418 Milchkühe und -Ziegen. Der Absatzgenossenschaft. T'nuwa wurden im Verlaufe des Jahres 289.000 Liter Milch abgeführt; davon wurden 92.000 Liter für Käseerzeugung verwertet. Die Milchproduktion ist gegenüber dem Vorjahre um 213% gestiegen. Nähsei'den-Fabra'k Aus Tel-Aviv (Palnews): Ende November 1935 hat die erste palästinensische Nähseidenfabrik mit einer Reihe von Maschinen zu arbeiten begonnen. Das Unternehmen firmiert: A. Ben Adam, Nachlath Ganim. Der Inhaber der Firma war in Deutschland in der gleichen Fabrikation 25 Jahre tätig. Die Firma stellt vor allem Nähseiden für den Hausgebrauch in einem großen Färbensortiment und Seiden für Fabrikation, Schneiderei und Konfektion her. Später sollen auch Seidenersatzgarne für Fabrikation und Export produziert werden. Der Verkauf beginnt um die Jahreswende. Sämtliche Fabrikate werden unter der Marke „C h u t e Arie h" vertrieben. Im Verlaufe des Jahres 1936 sollen weitere Produktionszweige' aufgenommen werden. .-■■.< Eine Reisinühle in Palästina Haifa (Palnews). Die Palestine Milling & Trading Co. Ltd., die mit einem Anfangskapital von 35.000 pal. Pf. St. arbeitet, hat in Haifa neben der Mantacheff Oil Co. ein Fabriksgelände erworben. Mit den Vorarbeiten für den Fabriksbau ist bereits begonnen. Die Reismühle wird maschinell auf das modernste ausgestattet. Die Nebenprodukte sollen industi-iell weiter verwertet werden, wodurch das Unternehmen in die Lage versetzt wird, konkurrenzlos preiswert zu arbeiten. Die Kapazität der Reismühle reicht aus, den gesamten Inlandsbedarf zu decken, auch die Aufnahme des Exportes in die Nachbarländer ist von dem Unternehmen in Aussicht genommen. Die Palestine Milling & Trading Co. Ltd. ist unter Führung der Steel Booth & Co. Ltd., Lpndon, des größten englischen Reismühlen- und Verladerkonzerns, gegründet. Beteiligt sind ferner die Palestine Corporation Ltd. und Alfred Hirsch, Haifa. Leitender Direktor ist Alfred Hirsch, Haifa. Die Produkte der Reismühle sollen bereits in der nächsten Saison auf d«l Markt kommen,