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Die neue Welt · 1935-12-20 · Heft 523 (20.12.1935) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 523 (20.12.1935)
Date
1935-12-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 523 vom 20. Dezember 1935 * DIE NEUE WELT Seite 3 Kasinos in Oesterreich Roulette / Baccara — Ghemin de fer / Trente et Quarcmte den SEMMERING Eröffnung HTZBUHEL?2. DOTltfr 1935 Kur-Kasino bei Wien Ganzjährig geöffnet! führende Wintersportorte Zum Rücktritt Th. G. Masaryks '^V' fttZAQf^. Der neugewählte tschechische Staatspräsident Dr. Eduard Bencsch wird es nicht leicht haben, neben dem Glanz des zurückgetretenen Thomas G, Masaryk zu bestehen. . Denn obwohl das neue Oberhaupt der tschechoslowakischen Republik schon fast zwanzig Jahre für und in dem Staat wirkt, den es aufzurichten mithalf, also ein Stück Geschichte schies Vaterlandes bedeutet, haftet ihm nicht die Patina der Aitersweisheit und Lebensphilosophie an, wie sie Masaryk in so hohem Maße besitzt. Wir Juden verehren in Masaryk den Mann mit clon ungebrochenen und unantastbaren sittlichen Prinzipien auch im Bereich der praktischen Politik; den Staatsmann, der als erster das jüdische Volk als nationale Minderheit anerkannte und mit den Rechten dieser Minorität ausstattete; der den Zionismus als den stärksten Faktor für die Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes und seiner Heimstätte in Palästina erkannte. Möge der große Mann, dem die Verehrung aller Kulturvölker gilt, seinen Lebensabend in stiller Beschaulichkeit und philosophischer Heiterkeit, fern von den Stürmen der täglichen Politik, verbringen! Masaryks harter Lebensweg Masaryks Leben rollt wie ein ernster Roman ab. Nicht viel Heiterkeit, nicht viel überschäumende Freude ist ihm beschieden gewesen. Sein asketischer Charakter war nicht auf Salon, Leichtlebigkeit, Erfolghascherei eingestellt. Aus hartem Holz mußte ein Mensch geschnitzt sein, der solch einen Weg zurücklegen konnte wie Masaryk — aus kleinem, engem Verhältnis zum Oberhaupt und Führer eines großen Volkes, zum „Präsidenten Europas". (Masaryk wurde 1850 in Göding als Sohn eines herrschaftlichen Dieners geboren.) Jugendemdrüdke In fast allen Phasen des Lebens dieses Mannes spielten Juden und spielte die jüdische Frage eine Rolle. Er selbst erzählt in seinen Kindheitserinncrungen, daß er unter dem Einfluß der Volkslegenden und Kindergeschichten, in denen die Juden eine teils häßliche, teils furchterweckende Rolle spielten, von heftiger Abneigung und Furcht gegen Juden ergriffen war. Aber einmal, als er Zeuge war, wie Gassenjungen einen jüdischen Hausierer hetzten und beschimpften, und er kurz darauf in diesem Juden nicht etwa ein Scheusal, sondern einen gütigen Menschen kennenlernen durfte, wurde er zum Teil von seinen antisemitischen Wahnvorstellungen geheilt. In der Volksschule .r-flog er gute Kameradschaft mit jüdischen Jßitschülcrn und empfand sie durchaus nicht als schlechter jftäer .minderwertiger als die anderen, Aber noch in seinen Jünglings- und späteren Mannesjahren konnte er sich, weil noch im Banne der ersten Jugcndcindrückc, nicht ganz vor einem antijüdischen Vorurteil bewahren, und er mußte seine ganze Logik und Denkkraft zusammennehmen, um es zu überwinden. Im Jahre 1878 heiratete Masaryk die Amerikanerin Charlotte Garriguc, die er in seiner Studienzeit in Leipzig kennengelernt hatte. Die Neuvermählten hatten mit schweren materiellen Sorgen zu kämpfen. Sic zogen nach Wien, wo sich Masaryk als Dozent der Philosophie habilitierte. Einer seiner Lieblingsschüler war Isidor Flesch, Sohn eines Brünncr jüdischen Industriellen, Ger sich seinem Lehrer Masaryk besonders eng anschloß. Als er sich später von Masaryk trennte, um seine Studien in Berlin fortzusetzen, erlag er seiner Schwermut und beging Selbstmord. Sein Vermögen im Betrage von 62.000 Gulden vermachte Flesch seinem geliebten Lehrer, der dadurch von den drückendsten wirtschaftlichen Sorgen befreit wurde. Zu den Lieblingsschülern Masaryks gehörte auch der Jude Siegmund Münz, der spätere erfolgreiche Schriftsteller und Redakteur der „Neuen Freien Presse", der vor etwa einem Jahre verstarb. Münz war es, der Masaryk im Jahre 1899 veranlaßte, in die „Hilsner- Affäre" einzugreifen. Das war schon in der Zeit, da Masaryk als Universitätsprofessor in Prag wirkte und die Affäre der Königin h ofer Handschrift, die er als Fälschung entlarvte und damit den nationalen Romantikern unter den Tschechen eine schwere Enttäuschung bereitete, hinter sich hatte. Kampf sesen die Ralualmordlüge Im Juli 1899 erhebt der Staatsanwalt die Anklage gegen Leopold Hilsner, daß er am 29. März 1899 im Walde Beresina bei Polna in Böhmen „in Gemeinschaft mit bisher unbekannten Tätern" die Agnes Hruza ,,in tückischer Weise" getötet hat. Im Volksmund bezeichnete IVirkliclftcBi der Haut ist die schnelle, sanft-scharfe man als den wirklichen Mörder den Bruder der Hruza, einen finsteren, gewalttätigen Menschen, der sich durch diesen Mord in den uneingeschränkten Besitz des väterlichen Erbteils setzen wollte. Aber der Umstand, daß die Leiche einen Halsschnitt aufwies, wurde von antisemitischen Agitatoren und der antisemitischen Presse in Böhmen und in Wien zur Verbreitung des Gerüchtes, die Hruza sei einem jüdischen Ritualmord zum Opfer gefallen, ausgenützt. Durch eine unaufhörliche Haßpropaganda, die die Phantasie des Volkes mit immer neuen Schauer- Lästige l Gesichtshaare Würzen, entfernen 9arant. bleibend, narbenfrei, schmerzlos, Radiostöme, Kostenlose Beratung! „HEUA" l, Fleischmarkt Nr. 7 märchen nährte, wurde eine antisemitische Psychose erzeugt. Das ganze Gerichtsverfahren, der Aufmarsch der „Zeugen" war eine Farce. Unter allgemeinem Jubel sprach das Gericht Hilsner schuldig und verurteilte ihn zum Tode. Die Presse spendete Beifall. Nur ein Blatt, die von Professor Masaryk in Prag herausgegebene „Gas" (Zeit), sprach das Bedauern darüber aus, daß just das tschechische Volk und Land der Welt dieses beschämende Zeugnis von Unkultur geben. „Wehe euch", rief Professor Masaryk den Ritualmord-Agitatoren zu, „daß ihr das Volk in einen solchen Sumpf zieht! Ein abergläubisches Volk wird sich nie aus der Knechtschaft befreien." Mehr hörte man vorläufig von Masaryk nicht. Eines Tages unterhielt er sich mit einem Universitätsprofessor, einem extremen jüdischen Assimilanten, und der Kollege erteilte ihm einen gutgemeinten Verweis: ,,Du hättest dich doch nicht so prononciert aussprechen sollen: Weißt, ich bin selber Jude und bin überzeugt, daß der Ritualmordaberglaube eben nur ein Aberglaube ist. Aber es könnte doch eine geheime Sekte geben, die so etwas in ihren Statuten hat..." Masaryk war von dieser Aussage eines Juden erschüttert. Nun ließ es ihm, dem Forscher, keine Ruhe. Er mußte der Sache auf den Grund kommen. Er besorgte sich das stenographische Protokoll der Kuttenberger Verhandlung, er studierte es und fühlte sich zutiefst getroffen und — beleidigt. Alle diese Prozeßakten erschienen ihm als ein einziges Dokumentder Unwissenheit, Lüge und Bosheit, Und nun widmete er dem Fall Hilsner die ganze Konzentration seines Geistes. Er ging exakt und kritisch ans Werk. Jede mit dem Mord zusammenhängende Tatsache sprach gegen Ritualmord. Alle von Masaryk gesammelten Anzeichen wiesen auf eine einzige Spur hin: auf den wegen Eigentunis- Kleine Tube S — J90\ Große Tube S 1.40^ ■ i.,1lP.l.i..mi|||H um MIHI Ml HIHI IIIIII mmi II Ulli imiF' — 'THVM "■«mfniMlll— delikteh mehrfach vorbestraften Bruder der Ermordeten. Andererseits ergab sich aus den Aussagen der Entlastungszeugen, daß Hilsner sein Alibi in der Zeit des Mordes beweiskräftig nachweisen konnte. Masaryk beschloß, zu handeln. Er vereinigte sich mit einer Reihe kultivierter Menschen, zu denen Männer des Adels und bedeutende Geister aus Wien gehörten. Doch die Agitatoren suchen dieser neuen Bewegung mit verdoppeltcr Judenhetze zu begegnen. Die Kleinstädte von Böhmen und Mähren sind in Aufruhr, es kommt zu antisemitischen Ausschreitungen. Die katholische Kirche übernimmt offiziell die Blutbeschuldigung. Drei tschechische Pfarrer verfassen Schriften über „Das jüdische Verbrechen von Polna" und der Bischof Brynych von Königgrätz hält einen Vortrag ,,D a s Blu t". der eine einzige Rechtfertigung des Glaubens an den Ritualmord ist. Da die obere Kirchenbehörde solcherweise in den Kampf eingreift, betrachtet es der niedere Klerus als seine Pflicht, auf dio Seele des Volkes im Sinne der R. i t u a 1 m 0 r d 1 ü g e einzuwirken. Man stellte Forderungen auf, die Juden aus dem bürgerlichen und politischen Leben, ja aus dem Lande zu verbannen. Masaryks Broschüre „Die Notwendigkeit der Revision des Polnaer Prozesses" wirkt aber auf das Gewissen der verantwortlichen Wiener Kreise« Sie gibt Anlaß zu stürmischen Debatten im österreichischen R e i c h s r a t, in dem Fortschrittler und Antisemiten scharf aufeinanderprallen. Die von Masaryk J>ie großen, vorzüglichen Sakm.seliü'f'e ..liaiilca", „Oerusalemnie" und „l'alestiiia" der direkten Eillinie TRIEST—JAFFA—HAIFA des LLOYD TRIESTINO verkehren jeden Mittwoch und jeden zweiten Freitag / Fahrpreis in der ausgezeichneten Touristenklus.se sumt vier vorzüglichen Mahlzeiten täglich bloß ca. <">. S 250.— / Certifikat- Inhaber genießen weitestgehende Ermäßigungen / Auskünfte: Generalagentur Wien 1, Kürntnerring 6 und alle Reisebüros

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