Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 523 (20.12.1935)
- Date
- 1935-12-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 523 vom 20. Dezember 1935 im im tcutgyutmMU* thttouv* | | | t i l.L k.i&£ i - i * i v't^i... . . i mmvmwmm^ JEAN PARKER 1! b e n d c n nicht vergißt. Rednor erinnert an seine Verliandlunp-er.. die er in der Angelegenheit der jüdischen Angestellten mit den maßgebenden Personen geführt hat, und ersucht um Durchführung der in Aussicht genommenen Maßregeln. In einem Gemeinwesen, das nach den Grundsätzen des christlichen Ständestaates aufgebaut sei, das eine Verfassung, der die monumentalen Worte vorausgehen: „Im Namen Gottes des Allmächtigen, von dem alles Recht, ausgeht!" könnten derartige Fragen leicht nach gerechten Grundsätzen gelöst werden. Der Appetit gewisser Kreise wird nicht dadurch gestillt werden, daß man ihnen einige armselige jüdische Existenzen hinwirft. Es müsse festgestellt werden, daß sich unter den 22.472 aktiv Angestellten und 12.637 Pensionsparteien der Stadt Wien nur 154 Juden befinden, das sei also weniger als ein halbes Prozent. Unter den 5274 städtischen' Lehrern seien bloß acht Juden. Diese Ziffern müßten im Kreise der Bürgerschaft eine beredte Sprache führen und die Forderungen des Redners als billig erscheinen lassen. Die Fersonalpolit.fk der Stadtgemeinde habe sich insoweit geändert,'als man pensionsreife Kräfte abgebaut und für junge Menschen Raum geschaffen habe. Rednev bitte, daß ein Teil dieses Segens auch jungen jüdischen Menschen zugute kommen möge. zu Weihnachten nach Hit der „Czernowlizer Allgemeinen Zeltung" Pol@nu.Ci@riiowifi am 22. Dezember und 2. [iinner. Rückfahrt 5. Jänner. Auskünfte; Oest. Verkehrsbüro B-27-500, U-29-0-35, Reisebüro Orbis R-21-5-78 u. Reisebüro Marienbrücke R-24-2-86, R-24-2-87 Er kam dann auf die Investitionstätigkeit der Stadtgemeinde zu sprechen, welche ein erfreuliches Kapitel darstelle. Auch im heurigen Jahre werden große Summen der notleidenden Wirtschaft zufließen. Die Stadt Wien sei der größte Auftraggeber und die Existenz großer Gruppen von Gewerbetreibenden hänge von der Art der Verteilung der Aufträge ab. Es könne nur ein solcher Gewerbetreibender einen Auftrag bekommen, der Mitglied des Gewerbebundes sei. Man spreche oft davon, daß nur anständige Gewerbetreibende dort Aufnahme finden könnten. Gegen diesen Grundsatz sei wohl nichts einzuwenden. Redner sei aber überrascht von der Rede eines hohen Gemeindefunktionärs, welche die „Oesterreichische Gewerbezeitung" jüngst berichtet habe. Wenn darin gsagt wurde, daß der Gewerbebund keine oder wenig Juden aufnimmt, und dies auch damit begründet worden sei, daß „gewisse Namen" in den alten Zunftbüchern nicht zu finden sind, könne jeder Kenner der Geschichte Wiens erklären, warum dort gewisse Namen nicht vorkommen. Aber die Geschichte des österreichischen Gewerbes und Handels höre bei den alten Zunftbüchern nicht auf, Gewerbe, Handel und Industrie hätten vielmehr erst einen ungeahnten Aufschwung zu einer Zeit genommen, als di3 alten Zunftbücher schon der Geschichte angehört haben. An den großen Erfolgen der Wiener Bevölkerung auf dem Gebiete der gewerblichen und industriellen Betätigung haben Fleiß, Schaffensfreude, Tüchtigkeit und ständische Ehrenhaftigkeit des jüdischen Kaufmanns, Gewerbetreibenden und Industriellen einen bedeutenden Anteil. Eine gerechte Lösung der vom Redner berührten Fragen sei nur in einer Atmosphäre des Friedens und der allgemeinen Beruhigung möglich. Heute sei eine große Machtfülle in die Hände der Mehrheit gelegt und diese verpflichte sie auch der Minderheit gegenüber. Man habe erst jüngst aus dem Munde eines berufenen Führers gehört, daß in Oesterreich nur eine Politik gemacht werden dürfe. Er hoffe, daß dies jene Politik sein wird, der es nach den bekannten Aussprüchen des Bundeskanzlers und Bürgermeisters fernliegt, die Rechte und Lebensnotwendigkeiten der Minderheiten zu verletzen. Redner schloß seine Rede, die von der ganzen Bürgerschaft mit großer Aufmerksamkeit angehört wurde und Beifall fand, mit den Worten: Er sei überzeugt, daß diese Politik allen Bewohnern der Stadt Wien Gerechtigkeit und Frieden bringen werde, den wir zum Aufbau unseres schwergeprüften Landes dringend henötigen. Die Antwort des Bürgermeisters auf die Rede Dr. Ehrlichs ist aus den Tageszeitungen bekannt. Er verwies auf die großo Anzahl der jüdischen Aerzte in den städtischen Diensten, unterließ aber, darauf zurückzukommen, daß in den sonstigen Zweigen der städtischen Verwaltung die Juden so gut wie ausgeschlossen sind. P&itsim tdtäm - Smmemf Die ö$ferreidu§die Ca§sno A« G« Die österreichische Casino A. G. stellt den größten Spielbetrieb der Welt vor. Dieser Betrieb wirkt sich im Budget unseres Staates erheblich aus und fügt sich organisch in die Frcmdenwerhungszyklen ein. Besonders in Salzburg trug er bedeutend zur Erhöhung des Fremdenstromes zu den Festspielen bei. Die enorme Leistungsfähigkeit des Generaldirektors Fehringer erzielte eine Stetige pausenlose Erhöhung des Spielbetriebes. Franz Werfel wird verbrannt Die im Fahrwasser des Hakenkreuzes segelnde Präger Tageszeitung ,.Die Zeit" des Herrn Konrad Henlein meldet mit Behagen und aus Konstantinopel folgendes: „Die armenische Studentensehaft in Istanbul hat auf dem-Vorhof der armenischen Kirche ein Bildnis des jüdh-chen Schriftstellers Fran?, Werfel verbrannt. Den Anlaß zu dieser Tat gab das von Werfel geschriebene Buch „Die 4 0 Tage des Musa Dagh", das jetzt sogar trotz mehrfachen türkischen Einspruches in Amerika verfilmt werden soll. Da dieses Buch die Behandlung der Armenier in einer für die Türken ungünstigen Form geschildert hat, so hat sich in der Türkei eine Wel'e dos Protestes erhoben, von der auch die Armenier erfaßt wurden. Um zu beweisen, daß die in der Türkei lebenden Armenier mit dem j ü d isch en Literaten und seinem Werke nichts zu tun haben, wurden dessen Bild und ein Exemplar des Buches auf einem mit Benzin übergossenen Scheiterhaufen verbrannt. In den bei dieser Gelegenheit gehaltenen Ansprachen kam die Verachtung des armenischen Ein neues Buch Dir; GESCHICHTE EINES! FREMDEN KÖNIGS 380 Seiten / S 12.G0 Zu den bisherigen Werken von Josef Kastein tritt, der Merodes" als eine neue Spitzenleistung seines historischen und psychologischen Könnens hinzu. Alte Geschichte und alte kulturelle Auseinandersetzungen werden mit einer erstaunlichen Kraft und Meisterschaft zum aktuellen Leben der Gegenwart in Be/.iehunft gesetzt. Ein Werk voll Spannung. Vertiefung und glanzvoller Diktion. 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DER MESSIAS VON IS.MIR 3S5 Seiten mit 12 Bildtafeln; S 12.G0 Kastein hat hier ein Werk geschaffen, in dem die Dämonie des siebzehnten Jahrhunderts Gestalt angenommen hat in dieser seltsam bezwingenden, hinreißenden und hingerissenen Gestalt des großen falschen, des großen wahren Propheten. 154 Seiten / Leinen S 7.35, kartoniert S G.— Das Schicksal der deutschen Juden wird hier mit aller Entschlossenheit in die allgemeine Geschichte der Juden eingefügt. , Durch jede gu.te, Buchhandlung FLEISCHMARKT 1 und WOLLZEBLE 6 Volkes für die Juden zum Ausdruck, die von jeher versucht hätten, zwischen Türken und Armeniern Zwietracht zu säen. Das armenische Volk wolle heute in der Türkei mit den Türken in Frieden leben und lasse es nicht zu, daß ein jüdischer Schriftsteller diesen Frieden störe." Es soll hier nicht über den Wert des Schriftstellers Werfel gesprochen werden. Aber sein Buch, den Leiden des armenischen Volkes, von welchem über eine Million, Männer, Greise, Frauen und Kinder, in grausamster Weise auf Befehl von Ministern und Generalen durch Schwert und Hunger vertilgt wurden, gewidmet, schildert in erschütternder Weise das himmelschreiende Unglück einer Nation. Es ruft das Gewissen der Menschheit auf. Wenn der Bericht des Hakenkreuzblattes auf Wahrheit beruht, wenn wirklich die armenischen Studenten in der Türkei das Bild des jüdischen Freundes ihres Volkes verbrannt haben, dann liegt ein Akt der Selbstpeinigung vor, dessen Gründe unerörtert bleiben sollen. Es ist nur eines zu wünschen: Möge der hier geäußerte armenische Antisemitismus ebenso „aufrichtig" sein wie die Demonstration. Dann wird er den Juden wenig wehtun. In aller Welt haben die Armenier dem Schriftsteller Werfel überschwenglich gedankt. In der Türkei, und gerade in der Türkei, in welcher Werfeis Roman sich abspielt, haben sie sein Bild verbrannt! Das muß Gründe haben, die jenseits von Jüdisch und Armenisch zu suchen sind. bei der Bücher Schwedenbrücke! BUCHHANDLUNG SCHNEIDER & CO., WIEN I, Franz-Josefs-Kai 7 Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren zu billigsten Preisen! Katalog gratis Seit MeiiKcliengedeiikcn wird Myrrhe-Extrakt gegen Lockerung der Zähne und Blutung des Zahnfleisches wirksam verwendet. O d o 1 ■ M ii n (I w a s s e r enthält aulier dem Odol- Antiaeptikum den Myrrhe-Extrakt. toa&ettsfäefd Das internationale Judenproblem ..Das jüdische Problem in Deutschland kann nicht ali rein interne Angelegenheit angesehen werden. Tausende von Juden, die mau ihre,- Rechte, ihrer Existenzmöglich* keif, beraubt hat. flüchten in wachsender Zahl aus Deutschland. Sic bilden naturgemäß ein Problem für alle Länder, dir ihnot ein Asyl geboten haben. Man kann nicht, erwarten, daß diese Staaten Lasten tragen sollen, die durch die Politik eines einzclen Staaten verursacht imrdeu. Dennoch glaulw ich, daß sich die Situation .zum Bessern wenden wird. Antisemitismus ist nichts Neues.« Thomas G. Mas a r y k im Jahre 1933. Das führet lose amerikanische Judentum ,J?nst fünf Millionen Juden leben heute in den Vereinigten Staaten und in dem ihm nahe verbundenen Kanada. Gemessen an östlichen Verhältnissen, geht. d ihnen trotz Verlusten und Depression materiell nicht schlecht. Materiell! — Geistig, seelisch sind die wenigsten in. guter Verfassung. Sic sind nicht ausgeglichen; sie sind atomisiert. Wo ist der Führer, der diesen Menschen das Gemeinsame, die Harmonie, die großen Ziele gibt?'( Ernst Kahn (New York). Die Siege der fVfaMcabäer .„Bald nach der Rückkehr der Juden ans der babylonischen Gefangenschaft begann wieder die Nicht' achtung der mosaischen Gesetze, die Land und Menschen in. Knechtshaft zu bringen drohte. Da war es Nehemia, der mit fester Entschlossenheit die soziale Ordnung auf eine gesunde Basis stellte, .Ich brachte eine große Gemeinde wider sie--. So gebet ihnen nun heutigen Tages wieder ihre Aecker, Weinberge, Oelgärten und Häuser und den. Hundertsten am Oelde, am Getreide, am Most und am Oel. — Da sprachen sie: Wir wollen es wiedergeben undwollen nichts von. ihnen fordern und icollen tun, wie Du gesagt hast. Und ich rief den Priestern und nahm, einen Eid von ihnen, daß sie also tun sollten.' Dieser neue Aufbau der alten sozialen Ordnung schuf wieder einen lebenskräftigen jüdischen Bauorns t a n d, der die Sic g c der M ak kab äc r ermöglichte, der noch einmal ein jüdisches Reich aufrichtete." Dr. A. Damaschke in „Bibel und Bodenreform". " tfn«9 die Süden? „Die Lage der nationalen Minderheiten in Deutschland ist seit. Kriegsende noch nie so kritisch gewesen wie zur gegenwärtigen Zeit. Die kulturelle und wirtschaftliche Zukunft von 1,750.000 deutschen Reichsangehörigen polnischer, dänischer, serbischer, litauischer, friesischer und tschechischer Volkszugehörigkeit steht auf dem Spiel. Von diesen sechs in Deutschland vertretenen nationalen Minderheiten sind nur zwei, die polnische und die dänische, offiziell anerkannt, sie allein besitzen seit .1926 eine staatlich geregelte Minderheitsschulordnung." Prager Presse", Dez. 1935. Julius Streichers Schule „Wir sind der Meinung, daß jedes Mittel im Kampf gegen die Juden gut ist. Da wir danach streben, sie vor allem materiell zu vernichten, so haben wir n. a. beschlossen, ihre Waren zu vergif ten. Morgen werden in einer Reihe jüdischer Geschäfte die Waren mit Arsenik überschüttet werden. Wir warnen die Polen, in ihrem eigenen Interesse und zulieb ihren Kindern, welche noch zu tüchtigen Antisemiten heranwachsen können, noch weiterhin bei Juden zu kaufen. — Die Anhänger für den rücksichtslosen Kampf gegen die Juden." Antisemitisches Flugblatt in Lemberg, 1935. Neudeutsche Ehre „Die jüdische Minderheit in Deutschland ist viel kleiner als die der Deutschen in Memei. Sie machen nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung aus. Und dennoch schießt man hier mit Kanonen uuf Spatzen und tut so, als ob es in Deutschland nichts anderes gäbe als nur Juden. Und gerade hier zeigt man, wie man den Frieden liebt und als Edelrasse handelt. Man spricht im Namen des Volkes und meint nur die Partei. Soll das der neuo Begriff von neudeutscher Ehre sei«»"' „Der Bund" (Bern), 1935, Ministerpräsident Hodxa Aus Prag: Ministerpräsident Dr. Milan Hodfca erklärte einer jüdischen Abordnung, er lehne den Rassenantisemitismus ab und stehe auf dem Standpunkt der Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz und der strengen Einhaltung der Minderheitenrechte; dies sei ganz im Sinne der Demokratie des tschsl. Staates und im friedlichen Geiste des tschsl. Volkes sowie der internationalen rechtlichen Verpflichtungen. Er glaube an die Loyalität der jüdischen Bevölkerung und begrüße die Mitarbeit der Jüdischen Partei an der Koalition. Die Friedensverträge und der Völkerbundpakt garantieren die Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina. Die C. S. R., die diese Pakte mitunterzeichnet hat, setzte sich zugunsten der Lösung dieser Frage ein; an dieser Politik hat sich nichts geändert und wird sich auch ini Zukunft nichts ändern. Er schätze die Renaissancebewegung des jüdischen Volkes und die zionistischen Bestrebungen; eine Rückkehr zum Boden schaffe allein die Grundlage flir eine nationale Existenzx und eine nationale kulturelle Schöpfung.