Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 522 (17.12.1935)
- Date
- 1935-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 522 vom 17. Dezember 1935 Weltpolitik der Woche Ein Mann vom Format Thomas G. Masaryks wirkt fort, auch wenn er von der öffentlichen Tribüne abgetreten ist. Die siebzehn Jahre seiner Präsidentschaft bedeuten mehr als die Führung eines repräsentativen Amtes. Was Masaryk als Abgeordneter, Professor, Propagator forderte — höchste Sittlichkeit und Veranwortungsb e \v u ß t s e i n im politischen und staatsmännischen Bereich —, hat er als Präsident der von ihm gegründeten und zur Weltachtung emporgehobenen tschechoslowakischen Republik realisiert. Der edle Begriff „Humanität" hat ihn in seiner Staatsführung begleitet, die Erkenntnis, daß der Ausgleich nationaler Gegensätze eine Sache höchster Moral sei, den Nationalitätenstaat Tschechoslowakei möglich gemacht. Jetzt, nach seiner Resignation, wird die Wahl des neuen Präsidenten als politischer Kampf geführt, in welchem die hitleristische Henlein- Partei zufolge ihrer Mandatsanzahl ein entscheidenes Wort zu reden hat. Die Situation stellt ein Absurdum dar, das hoffentlich nicht die Struktur der Masaryk-Republik bestimmen wird. Masaryks Nachfolger wird der Hüter einer hohen Tradition sein. Nächste Woche ist Ratssitzung in G e n f. Welche Lage werden die vertretenen Mächte vorfinden? Zunächst muß festgehalten werden, daß die im ersten Augenblick mit übertriebenem Optimismus aufgenommenen englisch-französischen Friedensvorschläge nunmehr auf unverkennbare Ablehnung »toßen: sowohl bei den streitenden Parteien Italien und Abessinien wie auch bei Engländern und Franzosen selbst Italien sieht sich bei Annahme der von Laval und Hoare gemachten „Anregungen" um die Früchte seiner Anstrengungen betrogen, während der Negus sich an die seinerseits in Genf ausgesprochene Formel „Gegen den Angreifer" hält und von einem verlustbringenden Frieden nichts wissen will. Die Länder Lavais und Hoares wiederum verhehlen nicht ihre Mißstimmung darüber, daß unmittelbar vor der so oft schon angekündigten Verschärfung der Sanktionen überhaupt Friedensvorschläge gemacht werden, die dem Italien Mussolinis alle Vorteüe einer kolonisierenden Macht sichern. Man muß tatsächlich darüber staunen, daß — insbesondere — England, welches sich bisher als Vollstrecker des Genfer Völkerbundwillens fühlte und als solcher auch die praktischen Maßnahmen zu den Genfer Beschlüssen in Szene setzte, plötzlich eine Versöhnungsaktion beginnt und die Beilegung des ostafrikanischen Streitfalls forciert. Warum dieser Umschwung? Warum anstatt der seit Wochen Verkündeten Oelsperre ein scheinbares Einlenken, warum jetzt der Versuch, den abessinischen Krieg Hals über Kopf zu liquidieren? Hiebei darf auch nicht vergessen werden, daß der englisch-französische Vermittlungsvorschlag — er spricht von Gebietsabtretungen, Kontrolle, Sicherheit und militärischer Okkupation — weder mit den Grundsätzen des Völkerbundpaktes noch mit den seinerzeit dem Negus gemachten Versprechungen vereinbar ist. Es taucht daher, wie wir bereits in unserer vorwöchigen weltpolitischen Betrachtung angedeutet haben, zwangsläufig die Vermutung auf, daß England mit der Aenderung seiner Taktik im gegebenen Konflikt ein bisnun nicht durchschautes Ziel verfolge und Ueberraschungen daher zu erwarten seien. Ob England einen Rückzug in der Sanktionsfrage angetreten habe oder auf einem anderen Weg den abessinisch-italienischen Konflikt beigelegt sehen will, ist undurchsichtig. Der Ministerpräsident Baldwin scheint nach einer Unterredung mit Eden, der für die seinerzeitigen Maßnahmen Genfs verantwortlich ist, etwas völlig Neues vorzubereiten. Während die britische Regierung in London das Parlament vor einer Verschärfung der Situation warnt, erklären Englands Vertreter in Genf (bisher unter Führung von Eden!), daß man das Sanktionsverfahren nicht ruhen lassen dürfe. Die Weltmeinung ist geteilt. Diejenigen Staaten, welche durch die Sanktionsbeschlüsse gebunden und vor wirtschaftliche Gefahren gestellt sind, wünschen die rascheste Beseitigung des Konflikts, gleichgültig, ob dies durch Genf oder ohne Genf geschieht. Man ist der ewigen Spannungen müde. Man wünscht nicht, daß der Weltfriede von mehr oder minder anfechtbaren Dogmen abhängig gemacht werde. o. r. •^WK|k0: ' fCzSwtiS W: vyP \j> Von S 2 Wochtitraten «rhalfen II« all« a«g«n«tande in irdBtnr Autwahl uno batlar Qualität bis 20 Monat* Krodit SCHLESINGER Vit, Burggaiit 132-124 Telephon B-32^-24, B-35-6-55 RUNDSCHAU Hai sidi bezahlt gemacht Die Stadt Nürnberg' galt noch vor zweieinhalb Jahren als die Stätte der deutschen Renaissance und Gotik, als die Heimat Albrecht Dürers und Hans Sachsens, als der deutscheste Winkel des alten Deutschlands. Des alten? Nein, auch des neuen, des Deutschlands Hitlers, Goerings und vor allem Streichers. Julius Streicher hat Nürnberg in der Welt berühmt gemacht. Darum revanchiert sich diese alte deutsche Stadt beim Herausgeber des „Stürmer" und schenkt ihm, wie. soeben gemeldet wird, den altertümlichen Cramer-Klett- Palast mit 50 Wohnräumen, die in größter Eile mit den letzten Errungenschaften des Komforts bei hohen Kosten adaptiert wertler In der offiziellen Ankündigung wird gesagt, das Geschenk erfolge „in Anerkennung der Verdienste Streichers namentlich um die Verbreitung des Antisemitismus". Und nun sage noch jemand, daß der Antisemitismus kein einträgliches Geschäft sei! Anders steht es um die geistigen, künstlerischen Dinge in Nazideutschland. Da lesen wir z. B. in der „Allgemeinen Musikzeitung" (Berlin), daß Kataloge mehrerer Musikverlage, welche Kompositionen von Meyerbcer, Mendelssohn, Offenbach u. a. enthielten, beanstandet wurden. Auf die Anfrage des Deutschen Musikalienverleger-V.ereins, ob die Einstellung der Werbung von jüdischen Komponisten geboten sei, entschied der Präsident der Reichsmusikkammer, daß „wegen der eventuellen wirtschaftlichen Schädigung der Verlage ein sofortiges Verbot nicht ausgesprochen wird, daß aber in Zukunft jedes Anbieten von Werken nicht gewünschter Komponisten zu unterbleiben hat". Zuerst sollen die Exemplare von Meyerbeer, Mendelssohn, Offenbach bei den Verlegern ausverkauft werden, dann wird man diese Kompositionen nicht mehr verbreiten. Auch nicht notwendig, wenn man den „Stürmer" und das Horst-Wessel-Lied auf Lager hat ... Das alle Spiel Vor kurzem konnten wir von der unerhörten Beleidigung des zur Amtseinsetzung des rumänischen Metropoliten eingeladenen Oberrabbiners Senator Dr. J. Niemirower berichten, der am Eingang zum fürsterzbischöflichen Palais von einem antisemitischen Abgeordneten beleidigt und am Eintritt gehindert worden war. Dieser Skandal erregte die Oeffentlichkeit und man sprach von einer Satisfaktion, die dem beleidigten religiösen Oberhaupt der Juden gegeben werden müsse. Nun erfahren wir, daß der Metropolit sich nicht mit einem das Vorgehen des antisemitischen Abgeordneten verurteilenden Telegramm begnügte, sondern diesen nicht mehr zu den Sitzungen des Kirchenrates einlud. Ja, der Beleidiger wurde sogar, als er das Palais des Metropoliten uneingeladen betreten wollte, festgenommen. Vor nicht langer Zeit erklärte der Metropolit, gewiß ein Mensch mit Autorität und Kenntnis der Sachlage, daß die jüdische Bevölkerung Rumäniens dem Land unschätzbaren Nutzen bringe und zu dessen Blüte beitrage. Ein schönes Lob aus legitimem Mund! Und nun die Wirklichkeit; In den letzten Tagen sind nach einer Meldung der Bukarester Zeitung „Dimineatza" mehr als 400 jüdische Beamte und Angestellte des rumänischen Postwesens zum 1. Jänner 1936 gekündigt worden. Auf der einen Seite die Juden als Nutzbringer einzuschätzen, auf der andern Seite sie aufs Pflaster zu werfen — entspricht nicht dem Gesetz der Logik, abgesehen davon, daß hier die Meinung des Metropoliten ad absurdum geführt wird. Das alte Spiel mit der jüdischen Minorität! Ja/ dort In Budapest Eine für Wiener Ohren unglaubliche Meldung kommt aus Budapest: Der deutschsprachige Film „Donauliebchen", der unter der Regie von Willy Reiher im Budapester Huunia-Atelier gedreht wird, hat eine zeitweilige Unterbrechung erfahren. Der Regisseur Reiber hatte nämlich verlangt, daß die „nichtarischen" Atelierarbeiter während dieses Films ausgeschaltet werden, worauf sich die arische Belegschaft mit ihren nichtarischen Kollegen solidarisch erklärte und die Arbelt niederlegte. Wahrlich, ein Beispiel selbstverständlicher Berufssolidarität in — Budapest. In den Wiener Filmateliers geht es allerdings anders zu. Dort sitzt gleich bei der Eingangstür eine Bauftragter der reichsdeutschen Filmprüfkammer, ein Vertrauensmann daß Herrn Dr. Goebbels, und prüft jeden Statisten auf die arische Echtheit seiner Großmama. Die Budapester Atelierarbeiter haben den Beweis erbracht, daß man sich gegen die hakenkreuzlerische Filmproduktionsdiktatur wehren kann. Jüdisches Geld im Ueberau» Der Palästina-Regierung geht es gut. Juden kommen ins Land, bringen Kapital und Energie mit, schaffen, baueu und lassen Millionen Pfund in die Kassen des Oberkommisaäre Sir Arthur Wauchope fließen. Die Reserven sind schon so groß, daß die Regierung nicht weiß, was sie mit Ihnen anfangen soll, und aus dieser Verlegenheit heraus das einzige „Vernünftige" tut: Sie läßt die Reserven liegen ... Allerdings nicht völlig. Etwas weiß sie doch mit ihnen anzufangen. Sie ist zwar taub jüdischen Beschwerden gegenüber — bezüglich der Ausgestaltung des Schul- und Gesundheitswesens, bezüglich Förderung der Industrie, bezüglich aller jüdischen, den Aufbau dos Landes sichernden Wünsche, aber sie hat ein allzu weiches Herz und eine überraschend freigebige Hand, wenn es sich um arabische Interessen handelt. Niemand wird den arabischen Be». wohnern Palästinas eine Erhöhung des Lebens-, Wissens¬ und Gesundheitsstandards mißgönnen. Im Gegenteil. Ejln zufriedenes arabisches Element ist auch als Element des Friedens und der Friedensbereitschaft zu werten. Aber das eine darf nicht auf Kosten des anderen geschehen1. Eine Nachricht des chauvinistischen Mufti-Organ« „El Sirat al Mustakim": „Das Schatzamt der Palästina-Regierung stellt 32.000 Pfund für die Errichtung der technischen Schule für Araber in Haifa bei, die entsprechend einem Beschluß der Palästina-Regierung gebaut weredn soll." Wir werden mit angespanntestem Interesse die Bemühungen der Zionistischen Exekutive um Erhöhung der Regierungsbeiträge verfolgen. Oder verlassen sich die verantwortlichen zionistischen Minister auf die politisch* Einsicht der Palästina-Regierung? Jüdisches Ferienheim »Atid« 14 Taee Wintersport in den ^chladmiriRor Ta ern (12V tn) Riitialla Verpflegung, ärztliche und pädagogische Aufsicht VetufleRBkosten inki. eenv insamer Hin- und Rückfahrt S 85.- für 1* Tag«, 8 Tag« S 60.- InoiNng: ttrstiriat, iX,Marzspanieistr.12/l( Ä-26-3-73 Gegen Assimilation und Kommunismus Aus Jerusalem: In einer von der zionistischen Palästina-Exekutive veranstalteten Pressekonferenz; äußerten sich die Mitglieder der Exekutive David Ben Gurion, Rabbi Fishman und J. Grünbaum Über die Auf* gaben des Organisationsdepartements der Exekutive und die Bedeutung seiner Verlegung nach jerusalem. Der Arbeiterführer Ben Gurion befaßte sich mit der Situation der zionistischen Bewegung in der ganzen Welt und kennzeichnete den Zionismus als Bollwerk gegen Assimilation und Kommunismus. Die Auf gäbe der zionistischen Bewegung sei es, das jüdische Volk für den zionistischen Gedanken zu gewinnen und die Innere Einigkeit zu sichern. Es gelte, den Geist zionistischer Kameradschaft wachzuhalten. Rabbi Fishman und J. Grünbaum heben die Notwendigkeit zionistischer Erziehung hervor, welche Grundlage für zionistische Arbeit und Palästina-Aufbau sei. Opfer der ftdlieiiisdien luden Aus Rom (J. T. A.): Der Verband der JÜdisohen Gemeinden Italiens hat an die italienischen Juden den Appell gerichtet, Gold, Silber und andere Edel» m e t a 11 e dem Staat in schwerer Zeit zur Verfügung zu stellen. Der Oberrabbiner von Rom, Dr. Aldo Lattes, wurde in Begleitung anderer Mitglieder des rabbinischen Rates vom Generalsekretär der Faschistischen Partei empfangen und übergab ihm den goldenen Schlüsse 1 zu dem Thoraschrein der Synagoge von Rom sowie einen großen Synagogenleuchter zum Zeichen der Opferbereitschaft des italienischen Judentums für das Vaterland, Antisemitischer Verein in Belgien legalisiert Aus Brüssel: (J.T.A.) „Moniteur Beige", daa belgische Amtsblatt, publiziert die gesetzliche Eintragung einer neuen Gesellschaft „Le P<§ril Juif" („Die Jüdische Gefahr"), die die „Verteidigung der arischen Rasse" als Ziel angibt. Gründer sind einige Handwerker und ein Rechtsanwalt. Es ist dies das erstemal, daß eine derartige Eintragung erfolgt Von jüdischer Seite wurde dagegen an zuständiger Stelle interveniert, KINO'PROGRAMME KREUZ-KINO J, Wolizeile 17 Telephon K-24- 2-16 Vorstellungen: t», %6, V*9. V*10 GANGSTER Loretta Young * Ricardo Cortez * Franchot Tone ROTENTURM I, Fleischmarkt 1 Telephon R-29-1-59 Beginn: 4, V*B 'A10 Welt ohne Geld SCHKFFER VI, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 deglnn: Vtt, %8, 'Aio Hack Biitoscktufi mit CLARK QA8LE und CONSTANZE BENETT STAFA, VII Marlahiif erstrafle 120 Telephon B-33-0-68 Wochentags: i, 7, Uhi VOTIVPARK IX, Wänrinsersiraße 12 Telephon A- I8-3-Ü6 Besinn: 4, «»6, Vt9, V*10 Ehe um jeden Preis mit Kay Francis u. George Brent