Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 519 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 519 vom 6. Dezember 1935 Im Hönde det Otualen Im Süden Arabiens befinden sich zwei Reiche, in welchen mehr als f00.000 Juden leben. Das selbständige lernen, oum Imam W a h y a despotisch beherrscht, und D a h 1 e. unter e n g 1 i s c h e m Protektorat stehend und von dem von England eingesetzten Emir \ asser ebenso grausam und eigenmächtig regiert. Die yemenitischen Juden, von deren Existenz man bis zur Entstehung der zionistischen Bewegung, also bis vor zirka 40 Jahren, keine Ahnung hatte, dürften nach der Zerstörung des jüdischen Reiche* nach Arabien abgewandert sein. Sic lebten völlig abgesondert von den anderen Juden, haben ihre jüdische Eigenart in geschlossener Form erhalten und sprechen ein reines Hebräisch. Sie sind vorwiegend Waffen-. Gold- und Silberschmiede und Kleinhandwerker, sehr arm und von den herrschenden mohammedanischen Fanatikern entsetzlich bedrückt. U as Bedrückung im Yemen und in Dahle heißt, wird klar, wenn man die dort herrschenden allgemeinen Bedingungen kennenlernt. Vor kurzem ist der Bericht eines Reisenden im Wiener ..Echo" erschienen. Darin heißt es: ..Ich hatte gedacht, daß das meiste, ivas man mir von der Stadt Hodeida im Yemen erzählt hatte, arg übertrieben sei, daß es eine solche Stadl nur in der Phantasie eines Edgar Allan Poe geben könne. Ich sollte eines Besseren belehrt werden. Sonderbare Menschenexemplare hatten sich am Pier angesammelt, um die Ankunft der ..Dhau" mit dem weißen Mann an Bord zu beobachten. Menschenruinen, Leprakranke. Blinde, Männer mit weggehackten Gliedmaßen waren unter ihnen, mehrere zerlumpte Gestalten, denen man das erste Stadium der Blattern ansah. Auch Frauen, nur wenige davon verschleiert, fast alle zerlumpt und mit verwüsteten Gesichtern, standen am Landungskai. Ein Mann schlug mit einer Peitsche auf einen schwarzen afrikanischen Sklaven ein. Der Sklave beugte schicksalsergeben seinen Rücken. Niemand beachtele diese Tortur in der glühend heißen Sonne. Durch diese merkwürdige Menschenansammlung hindurch schritt ich in die Ruinenstraße der Stadt. Von einem heißen Wind aufgewehter Sund drang mir in die Augen, Ohren, Nase und Poren. Nach fünf Minuten klebten meine Kleider an meiner schiueißüberströmten Haut. Ich kam auf den Marktplatz. Junge arabische Bravados schritten mit der Würde römischer Patrizier einher. An ihren Gürteln waren Krummesser und Patronenhülsen befestigt In Hodeida herrscht noch- Blu t f e Ii d e. Messer und Pistolen sitzen locker im Gurt. Schließlich erreichte ich ein Kaffeehaus. Es befand sich gegenüber den ausgezackten Ueberrn%t(>n eines steinernen Tortoeges. .Das Tor der Sünder', sagte man mir. Durch diesen Torweg schritt schon so mancher Mann zum Tode oder zu etwas, was schlimmer als der Tod ist. Die Tortur ist noch immer eine im Yemen gepflegte Kunst. Ich saß in der Mitte kaffeetrinkender Männer, von denen mir einer die Martern schilderte, denen Verbrecher auf Befehl, des Im am }' ah y u unterworfen werden: Dem falschen Zeugen oder Verräter wird die Zunge ausgeschnitten. Die alte Sitte der Bas ton ade steht hier noch immer in Blüte. Die Araber des Yemen haben es verstanden, die Qualen des Delinquenten noch zu vergrößern, indem sie seine entzündeten Sohlen mit rauhen Bürsten, reiben. Sie haben ein wirksames Mittel, einen Angeklagten zum Sprechen zu bringen, gefunden, indem sie sein Haar langsam bis zur Kopfhaut abbrenne n lassen. Da steht der Baumstumpf, an den Männeer gebunden und mit verknoteten Lederriemen gepeitscht werden. Eine beliebte Tortur besteht schließlich darin, den Verurteilten an jenen Baumstumpf zu binden, nachdem man ihm die A u g c n 1 i d e r u b g e s c h n i t t e n hat. Die unbarmherzige Sonne Arabiens besorgt den Rest. Der glühende W üstensand hinter der Stadt wird noch immer als Lagerstätte für Ierbrecher verwendet, ftackt müssen sie im Sand liegen, dem glühenden Sonnenbrand ausgesetzt. In jüngster Zeit fehlte bei nur wenigen Marierungen die photographische Kamera. Die Opfer werden, wenn die Folterung ihren Höhepunkt erreicht, photographiert; die Aufnahmen werden in großer Menge kopiert und überall im Lande verbreitet, als Warnung für die anderen. Ein arabischer Straßenhändler breitete, um meine Kauflust zu erregen, eine Serie solcher Eil d e r d es Gr a u e n s auf meinem Kaffeehaustisch aus. Da gab es Kameraporlrüts von Männern mit abgeschnittenen Nasen und Ohren oder von den Augen abgetrennten. Eidern, von Dieben mit abgehackten Händen oder Füßen ..." >■? End in dieser Hölle für alle gibt es noch eine besondere Hölle für J u d e n. Der Spagniole Herr Abraham Levy bereist jetzt in der Sache der unglücklichen yemenitischen Juden die ganze Welt, um Hilfskomitees zu gründen. Er hielt auch vor kurzem einen Vortrag in Wien, in welchem er über die Lage der Juden, die er zwei Jahre lang an Ort und Stelle geprüft hat, folgendes berichtete: aus Lastex od. Stoff, schlank machend, ^rSPEXftJien-Portidiatti I, cattwalhergaite 1, T«l. JM1-8-S7 ..Als ich 193> nach Yemen kam, überzeugte ich mich, daß HO Prozent der jüdischen Bevölkerung in grauenerregenden. Verhältnissen leben. Die Bedingungen haben Formen angenommen, die in Worten zu schildern b e i n a h e u n m ö g 1 i c h erscheint. Während die Juden in anderen Ländern von Zeit zu Zeit die Aufmerksamkeit ihrer Brüder auf sich lenken können, ist diese Judenschaft in V ergessen geraten. Kein. Wunder, daß die Verzweiflung immer größer wird. Dem. yemenitischen Juden sind höhere Lebensbedürfnisse unbekannt. Sein, ganzes Sinnen und Trachten ist darauf gerichtet, durch schwere Fron ein Stück trockenes Brot, zu verdienen. llalbn u c k i wandert er durch, die Siraßen und bereitet, sich in der Nacht ein Lager auf der n ack l e n Erde. Die sanitären Verhältnisse spotten jeder Beschreibung. Im Yemen gibt es keine Spitäler und alle Kränklichen werden mit einem Universalsich alles ins Unbegreifliche — ob Fluch oder Segen — wandelt. ..Sclima Jisroel" wird zu einem Symbol, dessen Erfiubenheit unaussprechlich ist . . E. Jubal, der artistische Leiter des Kulturtheaters und verantwortliche Regisseur des Stückes, betonte das ostjüdische Milieu nur, soweit es im realen Geschehen erforderlich war. Behutsam weitete er die Fabel ins Metaphysische, ließ eine unhörb'are und hörbare Musik anschlagen, die eine dybukhafte Stimmung schuf und eine Ausdruckstiefe erreichte, ivelche mit anderen Mitteln des Theaters nicht zu erreichen ist. Schauspielerisch, gab es reifste Leistungen. Der Vater Aron wurde in der Gestaltung Rudolf Weiß' eine unvergeßliche Figur, Alice K o c Ii als jüdische Mutter, Berti E i s e nbe r g als jüdische Tochter Ilannuh, Frank Herr in a n n als die Gabe der Magie besitzender Rabbi Elijahu, Joachim La atz in der undankbaren Rolle des jungen Verlobten schlössen sich zu einer respektablen Leistung zusammen. Das Bühnenbild Martin Eislers (die jüdische Stube) verstärkte die Illusion der Geschlossentieit. Ein ernater. würdiger, Anerkennung erzwingender Abend. Ina Marc leitete ihn mit einem phrasenlosen und dock lyrisch kraftvollen Prolog Ur iel B i rn b uu m s ein. Die Hauptsache nun: die Leiter des Kulturthealers mögen sich nicht zu billigen Publikumsstücken verführen lassen. Je strenger, desto sittlicher! Je härter, desto berechtigter! Es gibt gute Schauspieler, gute Stücke und sogar ein gutes Publikum! Man muff nur den Willen haben, zu wählen und zu erziehen. o, t. Ean deutscher Didiler über luden Rainer M ar i a R il k e, der am 4. Dezember 60 Jahre alt geworden wäre, schrieb an Ilse Blumenthal-Weiß (erschienen in den jetzt, von. Ruth Sieber- Rilke und Karl Sieber im. Insel-Verlag herausgegebenen. „Briefen aus Muzol") über das Schicksa1 derJuden: ..Sie wissen aus einem meiner früheren Briefe (dem vom. „Glauben"), wie sehr mir der Jude bevorzugt scheint durch die ihm eingeborene E i tili eil von :\ a t i o n a I i i ä l un d R el i gion, die ihm einen immer wieder offenbaren. Vorsprung sichert. Daß er unter sich den Boden verloren hatte und auf einem. Stück Leih-Erde sich, halten mußte, hat sein Gutes und sein yirges; er hat, von wenigen großen Ausnahmen abgesehen, seine avantages mißbrauchen müssen, um im Bestrittenen und Bodenlosen zu überstehen . . Wo aber der gleiche Vorgang, das gleiche dem Schicksal abgewonnene Ueberslchen in einem groß entschlossenen Wesen sich vollzog, da ist aus denselben Unerbittlichkeilen eine Herrlichkeil entstanden, für die Spinoza ein berühmtes Beispiel märe . . . Der eigentlich transportable Geist ist durch das Schicksal des Juden in die Welt gekommen: eine unerhörte Gefahr und eine unerhörte Freiheit der Bewegung. Und je nachdem man die eine oder andere Seite dieses jüdischen Ausweges betont, wird man ihn fürchten oder rühmen müssen; mobti btstehltl bleibt, daß das durch ihn Bewirkte uns allen schließlich unentbehrlich ist, nicht wegzudenken und nicht wegzuwollen," SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX., Berggasse 19. Tel A-17-5-99 n. A-16-9-54 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für «^.Fleisch ^■■■■■■■HaHimMBHnaiai unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinafs der Isr Kultusgemeinde Wien Autozusteilung kostenlos IX. Berggasse 15 / XVIII., Währingerstr. 97 mittel kuriert, mit Feuer. Die schmerzende Stelle um kranken Leibe wird mit einer g l ü h. c n den, gebogenen Metallröhre ausgebrannt. Im Yemen gibt es k eine S c Ii u 1 e n. Die jüdischen Kinder sind außerdem einer besonders großen Gefahr ausgesetzt. Jüdische Waisenkinder werden im Auftrage der Behörden geraubt, um sie im Geiste des Korans zu erziehen. Die yemenitischen Juden hängen mit uner* s c h ü 11 e rli ch c r T reu e a m G l a u b e n der V ä t c r und erfüllen aufs genaueste die Gebote der Thora und die überlieferten Vorschriften; von weltlichen Dingen und Vergnügungen wissen sie nichts. Wenn es einem yemenitischen Juden gelingt, nach Aden zu flüchten, oder Waisenkinder vor Verschleppung und Abtrünnigkeit zu bewahren, und die Behörde erfährt davon, so wird sein Vermög en k o nf i s z i e r Vor zwei Jahren erließ der I m a m ein V erbot der A u s w a n d e r u n g für Juden. Jetzt werden ■bewaffnete Patrouillen an die Grenzen, entsendet und es geschah bereits sehr oft, daß ganze Gruppen von Juden, die das Land verlassen wollten, unter militärischer Bewachung in ihren Wohnort zurück geschleppt wurden und ihr Wagnis mit. G e f ii n gniss l r a f e n büßen mußten. Die Entlohnungsgelder für die Soldaten, die die blüchtlinge zurückbringen, müssen von den jeweils Betroffenen bezahlt werden. Den Anlaß zur Verhinderung j ü d i s c h e r A b w a n d e r u n g nach. Erez Israel gab der Besuch, des p a I ä s / /' n c n s i s c h e n M u fl i im Yemen zur Zeit, als er dorthin kam, um zwischen dem Imam und Ihn Saud zu vermitteln, als zwischen den beiden arabischen Königen vor ungefähr zwei Jahren ein Krieg ausbrach. Die Juden werden von den Behörden gezioungen, täglich schwere körperliche Arbeit, unentgeltlich zu leisten und die Gefängnisse sind immer von Juden überfüllt, die ohne das geringste Verschulden sind. Die Juden müssen Aborte und Straßen säubern und es wird hiebei kein Unterschied gemacht zwischen G r e i s e n und. K i n d e r n. Die Juden müssen S l r a ß e n k o i. und T i e rleichen aus dem Bannkreis der Stadl wegschleppen. Mit V orliebe werden die angesehenen Juden, besonders „Rabbiner", hiezu befohlen. Ein Jude, der sich weigert, wird unbarmherzig ms Gefängnis geworfen. Als ich im August 1935 nach Aden zurückkehrte, wurde ich ersucht, in die P r o v i n /. Dahle zu reisen, 90 Meilen von Aden entfernt. Diese Provinz stand bis 192? unter der Herrschaft des Imams und befindet sich seither unter b r i (. i sehe r M a nd als gemalt. Die britischen. Behörden haben dort als Regenten den E m i r A a s s c r eingesetzt, der ihnen scheinbar zur Eroberung dieses Landstriches im Jahre 192? verholfen hatte. Emir Nasser hat seit dem Tage, an dem er die Regierung übernahm, die jüdischen Untertanen unbarmherzig unterdrückt und beraubt, ohne daß bisher dagegen Protest, erhoben wurde. Die Verfolgungen, denen die Juden unter seiner Herrscliaft ausgesetzt KINO*PROGRAMME KREUZ-KINO 1, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstellungen: «», '/<•*, V«8, 'AlO GANGSTER Loretta Young * Ricardo Cortez - Franchot Tone ROTENTURM I, Fleisch markt 1 Telephon R-29-1-59 Beginn: *, V18 ttIO Der Mlllicnenprlnz mit Jack Buchanan und Lily Damila SCHIFFER VI, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 Ueginn: %», Vm9, 'AIP Neues Programm STAFA, VII Mariahilferstraße 120 Telephon 3-33-0.68 Wochentags: 9, 7, 9 Ulli VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn: 4, %6, Vit, KIO Sturm Ober Gran Chaco Jack Holt Mona Pary