Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 519 (6.12.1935)
- Date
- 1935-12-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 519 vom 6. Dezember 1935 IUDISCHE KUNST - HEBRÄISCHE MUSIK im jüdischen Heim! Klänge aus dem „Land der Verheißung" Musikhaut EXCELSIOR I, Franz-Josefs-Kai Nr. 15 Tel R-2I -4-46 längst daran vergessen habe, daß sie Juden sind." Auch eine Bedingung, doch eine etwas schwerer zu erfüllende. Herr Vohryzek verlangt, daß die Juden nichtzionistisch sein sollen, Herr Klima aber fordert von den Juden, daß sie nichtjüdisch sein sollen. Hiezu kommt der böse Umstand, daß der strengere Herr Klima im Lande etwas mehr zu sagen hat als der mildere Herr Vohryzek. Judenboyko$f im deutschen Teil der €♦ §♦ R* Der ..Prager Mittag" veröffentlicht ein Stimmungsbild aus den deutschsprachigen Randgebieten der Tschechoslowakei: „In den kleinen Städten und Dörfern der sudetendeutschen Provinz haben in der letzten Zeit Nationalismus und Antisemitismus erschreckende Dimensionen angenommen und es sieht da und dort nicht mehr viel anders aus als im benachbarten Reiche Hitlers. Aeußeres Merkmal der Zustände ist das Ueberhandnehmen der politischen Schmiertätigkeit auf Wänden, Planken, Wegsteinen, Straßen. Vom einfachen Hakenkreuz bis zum feierlichen Bekenntnis ,.M i t Hitler in den Tod" kann man alles lesen, was ein sudetendeutsches Herz bewegt, und auch hier überwiegen die antisemitischen Ergüsse: „Kauft nicht beim Juden" — „Juda verrecke" — ,.Der Jude ist unser Unglück". Schlimmer und folgenschwerer ist, daß die verhinderten Hitler-Leute im sudetendeutschen Gebiet vom Dritten Reich jene grausame Methode der Bekämpfung von Gegnern übernommen haben, die dort den Juden gegenüber offiziell angewendet wird: die Methode des kalten Boykotts. Sie richtet sich im gleichen Maße gegen Juden und Tschechen. Der antisemitische Boykott im besonderen beschränkt sich nicht nur auf die jüdischen Geschäfte selbst, die man nicht betritt, sondern er erstreckt sich auf alle, die in ihnen kaufen, und jüdische Geschäftsleute wundern sich nicht, wenn sie von alten Stammkunden auf die Frage, warum sie sich so lange nicht hätten sehen lassen, die Antwort hören, man könne es um der Mitbürger willen, von denen man doch schließlich abhängig sei, nicht riskieren, anderswo als „beim Volksgenossen" einzukaufen. Zu Weihnachten nach Polen und Czernowitz Abfahrt: 9., 19. und 22. Dezember Rückfahrt: 22. Dezember und 7. Jänner 193& „F R A N C 0 P 0 L", Wian IX, Rennwcg l Tel. In unmittelbarer Nähe jüdischer Läden weiden arische Konkurrenzgeschäfte aufgemacht, die keine andere Bestimmung haben, als die, den jüdischen Geschäftsleuten die Kunden wegzunehmen; und dieses Ziel wird auch in den meisten Fällen erreicht. In manchen kleineren Gemeinden nimmt der gesellschaftliche Boykott jüdischer Mitbürger beunruhigende Formen an, die jüdischen Einwohner werden gemieden und sogar in den Schulen lassen es Lehrer und Kinder verschiedentlich den jüdischen Mitschüler fühlen, daß er kein vollgültiges Mitglied der „reinrassigen" Gesellschaft ist. Aehnliche Formen hat der antitschechische Boykott angenommen. Der Boykott geht in manchen Orten so weit, daß an Juden und Tschechen nichts mehr verkauft wird, und daß die Betroffenen in die nächste Stadt fahren müssen, um ihren Bedarf an Lebensmitteln zu decken. Die Sudetendeutsche Partei und ihr Führer, Konrad H e n 1 e i n, wollen mit all dem nichts zu tun haben. Sic lehnen die Verantwortung ab. Aber schuldig sind sie doch. Sie machen mit, indem sie sich auf die Frage nach ihrer Einstellung zum Antisemitismus in Schweigen hüllen, aber doch keinen Zweifel daran lassen, daß .sie Antisemiten im Sinne der hitlerdeutschen Rassenge.se tzgebung sind. Sie machen mit, indem sie z. B. den Inseratenteil ihrer Zeitungen jüdischen und tschechischen Inserenten verschließen. Die Herren von der „Rundschau" und von der „Zeit" würden sicherlich gerne jüdisches und tschechisches Geld nehmen. Aber sie dürfen es nicht. Die Aufnahme von jüdischen und tschechischen Inseraten wird abgelehnt, es sei denn, daß die jüdische Firma über einen harmlosen Firmennamen verfügt. Was von jenen nichtarischen Firmeninhabern zu halten ist, die sich — gestützt auf solche Tarnung — freudig und dankbar Eingang in die Inseratenteile der Henlein-Presse verschaffen, das allerjdings braucht wohl nicht näher ausgeführt zu werden." Judenstaatspartei Oesterreichs Voranstaltiiiigska lender Judenstaatsjugend. Samstag, den 7. ds., halb 9 Uhr abends, in den Festsälen des Hotel Continental, IT.. Taborstraße Gesellschaftsabend. Mitternachtsakademie unter Mitwirkung von Sevilla Pastor, Max Lichtegg, Viktor Claudius u. a. Jazz: Max und Isi Geiger. Karten zu S 2.— in allen Sektionen und an der Abendkasse erhältlich. Sektion X 111/X V. Schanzstraße 32. Dienstag, den 10. ds., halb 9 Uhr abends, Vortrag Prof. A. Schwertfinger: Zur Spaltung in der Z. O. Sektion X X. Dienstag, den 10 ds., halb 9 Uhr abends, im provisorischen Heim, IT.. Untere Augartenstraße 38, Vortrag Josef Frankel: Geistes-, Rellgions- und Geldjuden. Sektion VI/V II. Mittwoch, den 11. ds.. Vortragsabend im Hotel Kummer, V.T., Mariahilferstraße 71. Thema: Die Lage in Palästina. Referenten: Oberbaurat Robert Stricker und Dr. Salomon Wolf. Mittwoch, den 11. ds., halb 9 Uhr abends, Vortrag im Zentralheim, I., Werdertorgasse 3 4. Sektion Pratcr, IT., Kleine Zufahrtsstraße 166. Donnerstag, den 12. ds., halb 9 Uhr abends, Vortrag Professor Dr. K. Kupfer: Gegenwartsfragen. Sektion Leopoldstadt, II., Taborstr. 21 a. Donnerstag, den 12. ds., halb 9 Uhr abends, Vortrag. Ein arischer Komponist wird boykottiert Aus Prag: (J. T. A.) Der bekannte Ostrauer Komponist Anton Aich, ein Arier, dessen Kompositionen von den reichsdeutschen Sendern bisher fleißig gespielt wurden, erhielt plötzlich von der Reichsendeleitung eine Generalabsage, die damit begründet wird, man habe in Erfahrung gebracht, daß Aich Dirigent des j ü d i s c h e n Gesangvereins und Chordirigent des jüdischen Tempels in Ostrau (CSR.) sei. Eine Pressestimme Die Schweiz hat sich, wie aus verschiedenen Momenten ersichtlich, den ruhigen und gewissenhaften Blick für die Dinge im Dritten Reich bewahrt. Der größte Teil der Schweizer Presse lehnt nicht nur die hitleristisehen Anbiederungen ab, sondern zeichnet das Gesicht Hitler-Deutschlands — auch hinsichtlich der Judenfrage — mit unbarmherzigen Strichen. So schreibt beispielsweise die demokratische Tageszeitung „Der B u n d" (Bern) in einem „Ehre und Gewissen" betitelten Leitaufsatz: „Hitler ruft die ganze Welt gegen Litauen auf wegen schlechter Behandlung der dort lebenden deutschen Minderheit, indem er pathetisch ausruft, ihr einziges Verbrechen sei nur, daß sie Deutsche seien. Gilt das gleiche nicht von den deutschen Juden im Dritten Reich? Ihr einziges Verbrechen Ist ja nur, daß sie Juden sind und es bleiben wollen. Rührt sich da nicht das Gewissen des Führers? Rührt das nicht an die Ehre des deutschen Volkes? Wo bleiben hier Ehre und Gewissen? Gibt es eine krassere Doppelzüngigkeit? Kann man es wagen, vor eine Welt hinzutreten und zu sagen, man wolle in Frieden leben, und nur das Judentum wühle und verhetze die Völker? Geben etwa die Juden den „Stürmer" heraus? Geben etwa Juden Hetzblätter heraus wie den „Judenkenner", den „Völkischen Beobachter", den „Angriff" und ungezählte andere Blätter voll Gift und Haß gegen die Juden der ganzen Welt? Wer läßt den „Weltdienst" in drei Sprachen erscheinen, baut mit ihm unterirdische Kanäle in allen Ländern der Welt? Wer gibt das Hetzorgan „Der Weltkampf" heraus, „Monatsschrift für Weltpolitik, völkische Kultur und die Judenfrage aller Länder?" Sind es die Juden oder dieNazis, diedieWeltmeinungvergiften? Wer hat Lenin und T r o t z k i im plombierten Wagen via Deutschland nach Rußland gebracht und mit reichen Geldsummen ausgestattet, damit sie die Kerensky-Regiorung stürzen und den Bolschewismus aufrichten? Waren es die Juden oder war es nicht Generalvertretung der Palestine Shipping Co« Ltd« (Dampfer „Tel Aviv") ULLMANN, HINK & Co« WIEN/ l„ JUDENPLATZ S Telephon U-22-2-5 4 Gütertransporte und Uebersiedtuiigen Repräsentanz der! ATID Navigation Co* i General Ludendorff? Erhebt sich im ganzen Dritten Reich keine Stimme des Gewissens, keine Stimme der Gerechtigkeit gegen solche Gesc nichts fälsch« ng e n und Tatsachenverdrehungen?" Nein. Sie schweigen alle: Die Professoren, Schriftsteller, Gelehrten, Humanitätsphilosophen und wie sonst die Träger des Geistes heißen mögen. Die einen sitzen im Konzentrationslager, die anderen sonnen sich im Licht des Dritten Reiches. „Ehre" und „Gewissen" sind leere Begriffe geworden. Kampf um die Budapester Judengemeinde (Von unserem Korrespondenten) Die Budapester Zionisten haben vor einigen Tagen eine Jüdische Volkspartei ins Leben gerufen, um bei den demnächst stattfindenden Gemeindewahlen eine Umgestaltung der Gemeinde der ungarischen Hauptstadt in jüdischem und demokratischem Sinne zu erkämpfen. Das Programm dieser Partei knüpft an das Gemeindeprogramm der Zionisten in der ganzen Welt an und zeichnet sich eher durch eine gewisse Mäßigung aus, wobei allerdings die Demokratisierung des Wahlrechtes (von 200.000 Juden haben bloß 9000 Personen das Wahlrecht) und die Beteiligung der Gemeinde an dem Palästinawerk sowie Ausbau des hebräischen Unterrichtes gefordert -wird. Nun hat bei einem Bankett der Präsident der Gemeinde, Hofrat Samuel Stern, gegen die Jüdische Volkspartei in einer selbst in Ungarn ungewohnt scharfen Rede Stellung genommen. Er beschuldigte die Führer der Partei, „die Interessen der Konfession auszunützen. Wir verurteilen es, wenn die jetzigen schworen Zeiten zu niederträchtigen Handlungen mißbraucht werden, mögen dies Privatpersonen, Parteien oder Zeitungen sein." Er führte weiter aus, daß die jüdische Gemeinde bereits eine Spende der hebräischen Universität zukommen ließ, daß sie sich auch der Unterstützung von A u swanderem nicht verschließe und daß sie bereit sei, noch mehr für Palästina zu leisten, unter der Bedingung, daß die Zionisten auf das zionistische Programm endlich verzichten, da dieses in Ungarn keine Wurzeln habe. Sollte die Volkspartei erstarken, so würde sie mehr schaden als eine antisemitische Partei. Wir wollen uns nicht unter den Schutz des Völkerbundes stellen. In ruhigeren Zeiten werde es möglich sein, das Wahlrecht auch breiteren Schichten zugänglich zu machen, aber „unverantwortliche Elemente werden wir in die Kultusgemeinde nicht hereinlassen". Hofrat Stern schloß seine Ausführungen mit den Worten, daß alle ausgemerzt werden müssen, die das jüdische Leben stören, wie die Jüdische Volkspartei. Hoffenden Frauen, jungen Müttern und Frauen nach mehrmaliger Schwangerschaft verhilft das natürliche „Franz-Josef'-Bitterwasser — meistens schon in kleinen Mengen — zu geregelter Magen- und Darmtätigkeit. Aerztlich bestens empfohlen! Der nächste Redner betonte sein Magyarent u m und zitierte den Abgeordneten Sandor, wonach die ungarischen Juden, wenn sie vertrieben werden sollten, mit dem Wanderstab in der Hand und mit der magyarischen Nationalhymne auf den Lippen das Land verlassen würden. Ein weiterer Redner, Vertreter der Frontkämpfer, drohte damit, daß sie die Gemeinde mit der Feder, aber auch mit der Faust verleidigen würden. Die Jüdische Volkspartei bereitet eine großzügige Gegenkundgebung vor. Ministerpräsident Gömbös und die christlichen Studenten Aus Budapest (J. T. A.): An der Technischen und an der Wirtschaftswissenschaftlichen Hochschule in Budapest werden die jüdischen Hörer immer noch daran gehindert, den Studien zu obliegen; es hat sich an diesen Hochschulen ein System des sogenannten „A bratens" eingebürgert, das heißt, es wird auf die Juden ein terroristischer Zwang geübt, den Vorlesungen fernzubleiben. Unterrlchtsminister H o m a n hat hinsichtlich der Besorgnisse der jüdischen Technik-Studenten, sie könnten uneinbringbare Versäumnisse in ihrem Studium erleiden, erklärt, daß ihnen wegen ihres Fernbleibens keinerlei Nachteile erwachsen werden. Ministerpräsident Julius Gömbös hielt in der Stadt Väc (Waitzen) eine Rede, in der er auf die ungarische christliche Studentenschaft zu sprechen kam und für deren Recht, in wirtschaftlichen Berufen unterzukommen, eintrat. Man muß, sagte der Ministerpräsident, der ungarischen christlichen Studentenschart die Möglichkeit geben, auch die großzügige Wirtschaftspolitik kennenzulernen. Es ist unsittlich, wenn Großkapitalisten den jungen Leuten bedeuten, sie könnten sich 80 Pengö abholen, brauchten aber nicht zur Arbeit zu kommen. * Die Erklärungen der beiden Minister, inabesondere aber die des Ministerpräsidenten, erhalten dadurch, daß sie im Zeitpunkte antisemitischer. Studentenkrawalle abgegeben wurden, einen für die jüdische Bevölkerung fatalen Beigeschmack.