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Die neue Welt · 1935-12-03 · Heft 518 (3.12.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 518 (3.12.1935)
Date
1935-12-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 518 den versprach. Aber auch dort, gibt es ganz besonders gescheite und ganz besonders tüchtige Juden, denen eine Sache zu klein scheint, wenn sie nur jüdisch ist. Durch die antihitlerische Haltung gewisser nichtjüdischer Persönlichkeiten und Gruppen ermutigt, glaubten die besonders gescheiten Macher das jüdische Unternehmen durch Umstellung auf „allgemein" ganz kolossal erweitern zu können. Sie ersetzten die Parole: ..Kein Jude nach Berlin!" durch: „Kein Amerikaner nach Berlin!" Sic wandelten das jüdische Anti-Hitler-Komitee in ein „all-amerikanisches" um und verbreiteten „gemischte" Aufrufe und veranstalteten Riesenkundgebungen mit „gemischten" Rednerlisten. (In ihrem Eifer übersahen sie den vielsagenden Umstand, daß das Publikum weniger gemischt war.) Jetzt ist die fein ausgesonnene, kühne Rechnung zu einem bösen P^nde gediehen. Die Hitler-Propaganda hat die nichtjüdischen Mitkämpfer aufs Korn genommen und diese sind umgefallen, allen voran der Präsident des all-amerikanischen Olympischen Komitees, Mister Avery Brundaye. Dieser Mann, auf welchen die Macher in „All-Amerikanismus" und .,Gemischtheit" besonders stolz waren, läßt, wie einen Blitz aus heiterem Himmel, einen Aufruf f ü r H i 11 e r und seine Olympiade auf die Köpfe seiner Freunde von gestern niedersausen. In der Einleitung heißt es: „Nicht alle Amerikaner sind gewillt, Hitler vor den Kopf zu stoßen! ... Soll das Olympische Komitee wegen eines oder zweier aussichtsreichen Kandidaten einer fremden Nation (gemeint sind die jüdischen Sportler) die Hunderte amerikanischer Athleten daran hindern, nach Berlin zu fahren?" Das sagt derselbe Mi3ter Brudaye, unter dessen Vorsitz und mit dessen Zustimmung der Verband amerikanischer Amateur-Athleten vor wenigen Monaten den Beschluß gefaßt hatte, die Teilnahme an der Berliner Olympiade abzulehnen, weil Deutschland seine jüdischen Sportler ächtet. wie er sein soll kußfest — dauerhaft Und Mister Brundaye läßt es nicht bei der unverschämten Drehung bewenden. Er präsentiert sich als von den jüdischen Freunden irregeführt und beschimpft diese als gekaufte und im Dienste der Kommunisten stehende Geschäftemacher. Nach dem Rezept Hitlers und Goebbels', seiner neuen Lehrmeister. Schließlich setzt er der Frechheit die Krone auf und appelliert an die „anständigen und patriotischen" Juden, welche immer dagegen waren, daß man Hitler-Deutschland boykottiere. Er reicht die schmutzige Bruderhand den unsauberen Juden — solche gibt es auch in Amerika —, welche immer bereit sind, mit Hitler Geschäfte zu machen, wenn zwei und drei Prozent Profit dabei herauskommen. Die „all-amerikanische" Aktion gegen die Berliner Olympiade ist damit wahrscheinlich so gut wie erledigt. Viele Nichtjuden.. welche die antisemitische Barbarei Hitlers und seiner Gesellen tief verabscheuen und die Niedertracht des umgefallenen Mister Brundaye richtig zu werten wissen, werden sich von einer Sache fernhalten, um welche ein solch kompromittierendes Geheul tobt. Die jüdischamerikanische Bewegung gegen die Schande in Hitler-Deutschland hat schön und würdig begonnen. Aber Leichtsinn, Taktlosigkeit und Aufdringlichkeit haben einige Führer, die der Zusammenbruch der Assimilation und ihrer Methoden nicht belehrt hat, dazu verführt, aus der jüdischen eine amerikanische Bewegung machen zu wollen. Statt die Juden zu führen und ruhig abzuwarten, wie die gesittete nichtjüdische Umwelt sich dazu stellt, hat man es unternommen, die anderen zu führen. Statt mit jüdischer Hand die jüdische Fahne zu schwingen, hat man sie eingerollt und mit Reklamegeschrei das Sternenbanner entfaltet. Das Ende ist kläglich. Wie immer, wenn man den geraden und reinen jüdischen Weg verläßt und sich auf einen krummen begibt, von dem man glaubt, daß er ins Paradies der „Gemeinsamkeit" führt. Er endet irn Sumpf. * Robert Stricker. Juden§taat§parteB Oesterreichs Veranstaltungskalcndor Sektion XIV/X V., Schanzstraße 32. Dienstag, den?>. ds., halb 9 Uhr abends, Vortrag Josef Frankel: Geistes-, Religions- und Geldjuden. Sektion Brigittenau. Dien3tag, den 3. ds., halb 9 Uhr abends, Vortrag im provisorischen Heim, II., Untere Augartenstraßo 38, Kultus Vorsteher Ing. Eugen Buchbinder: Wie ich Palästina sah. Juden staatsjugend. Dienstag, den 3. d.s.," Vollversammlung halb 9 Uhr abends im Heim, I., Werdertorgasse 14. Vortrag Dr. Sanel Beer: Gibt es spezifische Krankheiten bei den Juden? Mittwoch, den 4. ds., halb 9 Uhr abends, im Heim. I.. Werdertorgasse 14. Vortrag Oberbaurat Robert Stricker: Die Assimilation rührt sich. — Was geht im österreichischen Judentum vor? Sektion Leopold Stadt, II., T aborstraße 21a, halb 9 Uhr abends, zweiter Vortrag Ing. Buchbinders: Wie ich Palästina sah. Sektion Prater, TT., Kleine Zufahrtsstraße 1G6, halb 9 Uhr abends. Vortrag Rabbiner Dr. M. Ziecker: JUdiscbe Kulturgeschichte. Jiidi'sdie Schwimmer in Berlin? Von Professor Ernst Vogel (Brünn) Ich habe schon bei der Besprechung der Olympiade- Resolution dos Makkabi-Wcltverbandskongresses darauf hingewiesen, daß sie kein striktes Verbot der Teilnahme jüdischer Sportler an der Berliner Olympiade ausspricht, sondern nur die Olympischen Komitees in den einzelnen Ländern ersucht, die jüdischen Sportler von dieser Teilnahme zu dispensieren. Ich hatte schon damals befürchtet, daß diese Fassung die Möglichkeit einer Beteiligung frei zuläßt, und konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß man sich hier für alle Fälle eine Hintertür offengelassen hat. Meine Befürchtungen haben sich als richtig erwiesen: Die tschechoslowakische Tagespresse veröffentlicht am 24. November eine Verlautbarung, in welcher die Namen jener Schwimmer mitgeteilt werden, die der Tschechoslowakische Schwimmverband dem Training für die Berliner Olympiade zu unterziehen gedenkt Die Entscheidung, welche Schwimmer nach Berlin zu reisen hätten, werde bei einem am 8. Dezember stattfindenden Meeting des jüdischen ,,H agibor" in Prag fallen. Zur Schande des jüdischen Sports muß konstatiert werden, daß folgende jüdische Schwimmer auf dieser Liste erscheinen: Dr. Steiner, Baderle, Frucht (Bar Kochba, Freßburg). Getrencr (Hagibor, Prag), Abcles (Bar Kochba, Preßburg), Beck, Fischer, Schulz (Hagibor, Prag), Frl. Karpeles (Bar Kochba, Brünn). De» „Hagibor" in Prag hat also nicht nur nicht verhindert, daß einige seiner Mitglieder diese schmachvolle Einladung erhalten haben, sondern er gibt sich sogar dazu her. daß die bezüglichen Konkurrenzen auf einem Meeting seines Schwimmklubs ausgetragen werden. Während jeder Tag die scheinbar nicht mehr zu übertreffenden Grausamkeiten, welche Hitler-Deutschland an den Juden verübt, ins Ungemessene steigert, lassen es jüdische Menschen soweit kommen, daß man es wagt, ihnen mit einer solchen Einladung einen moralischen Faustschlag zu versetzen. Die Herren haben nur eine Entschuldigung: das ist der laue Beschluß des Makkabi-Weltverbandes bei seinem Brünner Kongreß. Ueber diesem Kongreß steht aber etwas Höheres: die jüdische Ehre. Und wenn ich es auch gewohnt bin, daß Ehre häufig dort zurücktritt, wo „Sportinteressen" es verlangen, so glaube ich trotzdem: Die Entrüstung jüdischer Menschen auf der ganzen Welt wird verhindern, daß dieser Einladung Folge geleistet wird. Ich fordere alle jüdischen Korporationen und Einzelpersonen, die meinen Standpunkt teilen, auf, gegen diese drohende Gefahr einer unerhörten jüdischen Würdelosigkeit sofort Protest einzulegen, um zu verhindern, daß durch Sportfanatismus der jüdischen Ehre in schändlicher Weise Abbruch getan werde. Feuerkreuz und Antiseniili§niu§ In der Pariser Zeitung „Le Journal" nimmt der populär gewordene Führer der „Feuerkreuzler", Oberst La Roque, zur Judenfrage Stellung. Er bezeichnet die Gerüchte, daß er sich in seiner Stellung zu den Juden durch den Hitler ismus beeinflussen lasse, als unsinnig. Er schreibt: „Ich will die Dinge in Deutschland weder kritisieren noch tadeln, aber ich kann sagen, daß sie mit den Gesetzen der Menschlichkeit nichts zu t u n h a b e n. In Frankreich wäre der Rassismus nichts weiter als eine leere Nachajimung, die gänzlich unnatürlich ist. Ich selbst betrachte den Rassismus als einen verbrecherischen Unsinn und eine unzulässige Ungerechtigkcit." KREUZ-KINO DAS LAND I, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstellungen: 4,3A6, V»8, V*10 DES LACHENS mit Stein Laurel & Oliver Hardy ROTENTURM I, Fleischmarkt 1 Telephon R-29-1-59 Beginn: *, SA6, V»8, 'A10 Der Millionenprinz mit Jack Buchanan und Uly Damita SCH'AFF E R VI, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 deginn: VhH, Vit, Vn9, V<ilO Neues Programm STAFA, VII Mariahilferstraße 120 Telephon B-38-0-68 Wochentags: 3, 7, 9 Uht VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn: *, Vh6, Vi8, '/MO Stan Laurel & Oliver Hardy in dem grandiosen Film Dos Und des Lachens Das Blatt fügt hinzu, daß sich auch in der Leitung dos „Feuerkreuz" einige Juden befinden. Die Erklärung des Obersten ist gewiß aufrichtig und begrüßenswert. Aber es ist gut, eine fast gleichlautende in Erinnerung zu bringen, männlich die Erklärung dos Führers der englischen „Schwarzhemden", Sir M o s 1 c y. Vor zwei Jahren hatte Mosloy ebenso bestimmt erklärt, den Antisemitismus abzulehnen, und als Beweis darauf vorwiesen, daß seiner Partei Juden angehören. Bald aber ist Mosley ins radikal-antisemitische Lager gegangen. Als Grund der Wandlung gab er den Umstand an, daß er bei seinem Kampfe mit dem Kommunismus und der Sozialdemokratie ständig an jüdische Führer geraten und daher zur Ueberzeugung gelangt sei, daß Judentum und Bolschewismus identisch sind. Wenn man nun in Betracht zieht, daß heute in Frankreich gerade der Jude Leon Blum, der exponierteste Führer der sozialistisch-kommunistischen Volksfront und tonangebend im Kampfe gegen das ..Feuorkrcuz" ist, so drängt sich die fatale Aehnlichkeit der heutigen Lage in Frankreich und der reinerzeitigen Lage in England auf. Juden müssen auf alles gefaßt sein, auch in Frankreich. Eine zarte Frauenhand ♦ ♦ ♦ Ehret die Frauen, sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben. Schiller. Ueber die antisemitischen Krawalle an den Bukarester Hochschulen schreibt die „Allg. Zeitung" (Czernowitz) unter dem Titel „Eine zarte Frauenhand..." wiefolgt: „Ein Student hielt eine jüdische Studentin an den Händen fest, während eine antisemitische Kollegin ihr mit der Faust mehrere Hiebe ins Gesicht versetzte. So geschehen in einer Zeit, da die Wissenschaft und Technik zur höchsten Entfaltung gelangte, aber auch geschehen in einer Zeit, da die seelische Verrohung einen Grad erreicht hat, wie vielleicht nie vorher in der Weltgeschichte. Man stelle sich vor: Ein junges Mädchen, das die Mittelschule absolviert hat, das in der Kirche zu Menschlichkeit erzogen wurde, das humanistisches Wissen in sich aufgenommen, die Schönheiten der griechischen Kunst erfahren, in Kunst und Literatur seines eigenen Landes so viel Edles und Veredelndes gefunden und sich zu eigen gemacht hat, ein junges Mädchen, das Schönheit, Zartheit, Edelsinn und Edelmut verkörpern soll, das den Dichtern, Malern und Bildhauern durch die Verkörperung idealer Weiblichkeit Anregung und Idol sein soll, dieses junge Mädchen wird nun zur Furie und schlägt ihrer Kollegin ihre zarte Frauenhand mitten ins Gesicht, daß diese blutüberströmt zusammenfällt. Und wa3 hat diese Kollegin verbrochen? Nichts anderes, als daß sie einer anderen Konfession angehört. Das ist die große Sünde, die ihr nicht verziehen werden kann und die zu solcher Roheit veranlaßt. Ist das das Fazit des ErziehungsWerkes, das man der Jugend zuteil werden läßt? Hat man deshalb für die Gleichheit der Geschlechter gekämpft, hat Barrikaden gestürmt, um den jungen Mädchen den Zutritt zur Universität zu ermöglichen und ihnen den gleichen Lebensraum im sozialen und kultureilen Leben einzuräumen, damit einzelne Repräsentantinnen von ihnen es den Männern an Roheit gleichtun? Wir glauben, es war schade um das Ganze..." Todesursachen im Drillen Reich Aus den Konzentrationslagern und Gefängnissen Hitler-Deutschlands dringen nur wenig Nachrichten an die Außenwelt. Hie und da erfährt man, ein Insasse sei „auf der Flucht erschossen" worden oder habe „Selbstmord" verübt. Die Leiche des Unglücklichen wird irgendwo vergraben, verbrannt, vernichtet... und niemand erfährt mehr vom Schicksal dieses Opfers. In der gesitteten Welt ist es Brauch, daß die Todesursache konstatiert und in einem Protokoll — durch den Arzt — festgelegt wird. Denn es geht nicht nur ura krimininalistische, sondern auch privatrechtliche Fragen. So können beispielsweise bei normalem Todesfall die Angehörigen eine etwa bestehende Versicherungspolizzo einkassieren, während andererseits manchmal eine Selbstmordklauscl verhindert, daßs die Versicherungssumme bei vorliegendem Selbstmord des Vorsiehe-« rungsnehmers ausbezahlt werde. Wenn man sich das vor Augen führt, fällt einem das Absonderliche eines Erlasses, den der Rcichsinnenminister Dr. F r i c k kürzlich herausgegeben hat, nicht weiter auf. Dieser Erlaß lautet: „Ich ersuche die Standesbeamten, bei der Mitteilung von Todesursachen von Privatpersonen die größte Zurückhaltung zu üben. Insbesondere werden Mitteilungen an V e r s 1 c h e r u n g s- Gesellschaften und sonstige Stellen, die wich ihrer im gewerblichen Interesse bedienen wollen, nicht in Frage kommen." Der „auf der Flucht Erschossene" oder „Selbstmörder" ist ein häufiger Fall, man kann fast sagen: Betriebsunfall im Dritten Reich. Solche Todesursachen dürfen nicht weitergegeben werden, weder an Versicherungsgesellschaften, die zur Auszahlung von Lebens- und Unfallsversicherungen verpflichtet sind, noch an gewerbliche Stellen, die einem verstümmelten Opfer Urlaubsgeld zu zahlen haben. Ja, das Dritte Reich kümmert sich nicht nur um das Wohlergehen seiner Brüder, sondern auch um di« Geschäfte gewisser Branchen.

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