Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1935-12-03 · Heft 518 (3.12.1935) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 518 (3.12.1935)
Date
1935-12-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2711613-2712049-2712142--5469-2719091
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Preis 10 Groschen Jahrgang o Dienstag, den 3« Dezember 1935 186 Nr« 518 V. b« b* Zeitung vom Verleger versendet „Journal expSdie par Tediteur" «»• Vm Vem^»<»Uothek REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig ö 4.—, ganzjährig S lt>.~ , Polen monatlich Zloty L60. vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.~; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich, Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8f Tel, A-20-2-78 — Erscheint Dienst at? u. Freitag .«K <V •■ ^DJ> Gefährliche Illusionen Projekte zur deutschen Judenhilfe Durch die Weltpresse ging in der letzten Zeit die Nachricht, daß etwas Entscheidendes für die deutschen Juden in Vorbereitung sei, sozusagen eine Lösung der deutschen Judenfrage. Auch war von einer speziellen Aktion des Völkerbundes die Rede, der eine Konferenz für deutsche Fluchtlingsfragen einberufen habe und entschlossen sei, das Problem der zum Hungertod verurteilten deutschen Juden raschest in Angriff zu nehmen. Da die. Aktionen des großen Flüchtlingskomitees unter Führung des Hochkommissärs James Mac- Donald unfruchtbar waren und schließlich eingestellt wurden, betrachteten wir diese neuen Pläne skeptisch, zweifelnd (in unserer Ausgabe vom 22. November), ob der Völkerbund in der Lage sein werde, „Deutschland gegenüber — das nicht mehr Mitglied des Völkerbundes ist — mit dem nötigen Nachdruck aufzutreten und für die Juden einen Rechtszustand zu erwirken, der ihnen teils eine freie Auswanderung, teils ein ,.friedliches Nebeneinanderleben" in bezug auf das deutsche Volk ermöglicht." Die jüngsten Projekte beziehen sich auf eben diesen zu erstrebenden Rechtszustand, vornehmlich auf eine freie Auswanderung und unbehinderte Liquidierung der jüdi|c^en^(^irtschaftspositionen. Nach einer J. T. Ä.-Meldung soll in London eine internationale jüdische Bank gegründet weraen mit dem Zweck, den deutschen; Juden zu ermöglichen, „ohne allzu große (!) Einbuße an Vermögen auch in außerpalästinensi- . sehe Länder — auf Grund eines neuen Transfer-; abkommens mit der deutschen Regierung — auszuwandern". Der zweite Plan -— er stammt von der Jewish Agency — sieht die An Siedlung von 2 0 0.000 deutschen Juden in Palästina innerhalb der nächsten sechs Jahre vor. Der Völkerbund soll die Pläne der Agency prüfen und deren Durchführung befürworten. Was das neue Transferabkommen mit der Hitler-Regierung betrifft, weiß man bereits, welche Folgen es haben könnte: Propagierung der H i 11 e r-W a r e n in den Ländern, in welche die deutschen Juden jetzt übersiedeln sollen, wobei die größten Einbußen an Vermögen unvermeidlich wären. Ein neues Transferabkommen heißt eine neue Schande an die andere fügen, die sich absolut nicht bezahlt gemacht hat! penn Verkauf hitleristischer Transferwaren durch Judea und deutscher Warenboykott durch dieselben Juden ist purer Unsinn, verhängnisvoller Widerspruch. Nicht minder vage ist der Plan, 200.000 deutsche Juden innerhalb sechs Jahren nach Palästina zu bringen. Das würde bedeuten, daß die Agency allein für Deutschland 34.000 Zertifikate jährlich von der englischen Regierung erhalten müßte. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo man dieser jedes halbe Jahr ein paar tausend Zertifikate für 16 Millionen Juden abpressen und abbetteln muß, ist an solch eine gigantische Ziffer nicht einmal zu denken. Welch gefährliche und unmoralische Illusion! Welch sträflicher, die Tatsachen verleugnender Optimismus! Gewiß gibt es Möglichkeiten, den deutschen Juden zu helfen. Der Völkerbund müßte die Mandatarmacht England veranlassen, die Tore Palästinas den drängenden jüdischen Massen zu öffnen und die Kulturmächte müßten auf Hitler- Deutschland einen Druck ausüben, damit es den auswandernden Juden ihr Vermögen freigebe und nicht raube! Auf diese zwei Möglichkeiten müßten alle Bestrebungen gerichtet sein. Alle anderen Projekte züchten bloß Hoffnungen, welche nach ihrem Zusammenbruch die Verzweiflung der deutschen Juden nur noch steigern würden. Zu Weihnachten nach Polen und Czernowitz Abfahrt: 9., 19. und 22. Dezember Rückfahrt: 22. Dezember und 7. Jänner 1936 MF R A N C 0 P 0 L". Wien III, Rennwcs 1 Tel. U.16.4-90 EMI Weltpolitik der Woche Die jüngsten Nachrichten aus Genf besagen, daß im Schoß des Völkerbundes diedeutscheFlüchtlingsfrage und das Schicksal der noch in Deutschland verbliebenen Juden behandelt werden wird. Vertreter jüdischer Hilfskomitees haben bereits ihre Referate erstattet, die Experten arbeiten, aber plötzlich fällt das Wort von einer „sozialen" Lösung, einer Lösung außerhalb jeder Politik. Praktisch bedeutet diese Tendenz nichts anderes als den Rückfall in die bisherige Methode des Geldsammelns (unter Juden) und Geldverteilens, abgesehen von der Absicht, die $rmen, vaterlandslosen Emigranten mit sogenannten „Nansen-Pässen" zu beschenken. Scheinbar befinden sich die Experten des Völkerbundes wieder auf einem. Irrweg, wenn sie glauben, daß man ohne — Politik, ohne „Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates" bei der Lösung der Flüchtlingsfrage auskommen kann. Wird sich die Spannung zwischen Italien und Eugland weiter verschärfen? Oder vermag ein Ausgleich ' und in weiterem Sinne eine Schlichtung des italienisch-abessinisch-englischen Streitfalles gefunden zu werden? Diese beiden Möglichkeiten beherrschen die politische Diskussion. Das Verlangen Englands, über Italien die Petroleumsperre zu verhängen, hat überall in der Welt Nervosität erzeugt, da solch eine Maßnahme eine bedeutende Verschärfung der Sanktionen bedeuten würde. Italiens Widerstand gegen die Petroleumsperre hat die Atmosphäre zwischen den sanktionsübenden Staaten eher verdichtet und gibt es «ich bezüglich weiterer Konflikte keinerlei Illusionen hin. Will England, daß Italien unter dem wirtschaftlichen Druck seinen abessinischen Feldzug einstelle und sich an den Verhandlungstisch setze? Galubt es ernstlich, daß solch eine Expedition, die alle Kräfte des raumbedürftigen italienischen Volkes in Anspruch nimmt, plötzlich — technisch und moralisch — liquidiert werden könne? Manchmal hat man das Gefühl, daß England als Exponent des Völkerbundes nur mehr dessen Prestige zur Geltung bringen will, um im geeigneten Augenblick praktische, reale Maßnahmen zu ergreifen. Wie dem auch sei — wir stehen noch weit von der Lösung entfernt. Wir haben leider keinerlei Anhaltspunkte für eine optimistische Betrachtung. Auch sind die militärischen Ereignisse nicht zu überblicken. Die nächsten Tage und Wochen verbleiben weiter in düsterer Spannung. Das Schicksal des gigantischen chinesischen Reiches scheint sich unter dem Druck des Eroberers Japan zu erfüllen. Große Teile lösen sich los und geraten unter japanischen Einfluß, der schließlich bis zu dem Punkt führt, wo die Selbständigkeit dieses Teiles zu bestehen aufhört. Die Entfernung fut lidtH ZßfuUtkkäuftt MK^etWicriitkeU! Um wirklich wenig üeld sind jetzt die schönsten u. prachtvollsten echten Persertepplche (gesunde, ausgesucht« Qualitätsware) bei uns zu haben. Bekannt reelle Bedienung Gelegenheitskäufe u.Zahlungserleiciiterungen fürjedermann PERSER- U. ORIENTTEPPICHE lt €01180, lf Parkring 12 Eingang Welhburggawe, Oartenbau-Obj. JUDENSTAATSPARTEI ÖSTERREICHS Mittwoch, den 4. d. M., halb 9 Uhr abends, im Heim, I, Werdertorgasse 14 VORTRAG Referent: Oberbaurat Ing. Robert Stricker Thema: Die Assimilation rührt sich t — Was geht im _österreichischen Judentum vor?_ Gäste willkommen 1 vom „Tatort" enthebt uns nicht der Pflicht, die ostasiatischen Ereignisse mit Interesse zu verfolgen. Denn es werden dort Entscheidungen fallen, die auch das Gesicht Europas zu verändern vermögen. Vor einigen Tagen ist in Berlin eine japanische Delegation eingetroffen, um mit dem Dritten Reich Bündnisverhandlungen zu pflegen. Nachdem die deutschen Anbiederungsversuche an England gescheitert sind, wendet sich Hitler-Deutschland, das ohnehin der westlichen Zivilisation feindlich ist, nach Japan hin, mit dem es gegenüber Sowjetrußland die gleichen Aspirationen hat. Japan wird keinesfalls Komplikationen in Ostasien wagen, ohne sich eines Helfers gegen den sowjetrussischen Rivalen zu versichern. Amerika betrachtet Japans Vorgehen mit Mißtrauen. Es baut seine Flotte aus. England hat ein riesiges Flottenbauprogramm aufgestellt. Das japanische Budget dient zu 47 Prozent Rüstungszwecken. Im Fernen Osten reifen Entscheidungen. Man muß das immer wieder feststellen. Drüben gibt es andere, größere Dimensionen. Aber wir dürfen die ostasiatischen Geschehnisse nicht aus den Augen verlieren, weil sie unser Interesse nicht gerade unmittelbar berühren. Die Weltpolitik hört weder beim Brenner noch beim Mittelmeer noch bei Addis Abeba auf. o. r. Wieder eme sdimerzladie Lektion Viele Juden glauben, daß man eine jüdische Sache in jedem Falle aussichtsreicher macht, wenn man ihr den jüdischen Charakter nimmt und einen allgemeinen verleiht. Geschieht den Juden ein Unrecht, so spricht man nicht von einer Versündigung am jüdischen Volke, sondern von einer Versündigung an der Menschheit, und ist glücklich, wenn es gelingt, eine nichtjüdische Partei oder einige Nichtjuden mit klingenden Namen vorschieben zu können. Man redet dann den anderen und schließlich auch sich selbst ein, daß es gar nicht um eine jüdische, sondern um eine Angelegenheit aller geht. Die Resultate dieser Strategie sind in der Regel traurig. Die Nichtjuden fühlen sich eines Tages in der Führerrolle, die man ihnen aufgeredet hat, unbehaglich, fallen um und gehen nicht selten, um den Umfall zu rechtfertigen, zum Feinde über. Im politischen Leben Europas hat sich dieser Fall nur zu oft ereignet. Jetzt ist er in Amerika eingetreten, und zwar in Verbindung mit der Olympiade 1936, welche vor der Machtergreifung durch Hitler nach Berlin einberufen wurde und im kommenden Jahre viele tausend Sportsleute und Gäste aus aller Welt unterm Hakenkreuz versammeln soll. Wenn die Berliner Olympiade nicht knapp vor Torschluß abgesagt werden wird, bietet sie Hitler- Deutschland unbegrenzte Möglichkeiten der Propaganda für den Nationalsozialismus. Man wird den Gästen zeigen, was gut und schön und mächtig ist. Man wird sie nicht zu den Gräbern der Erschossenen und der totgeprügelten Häftlinge führen und keine Elendsparade der ausgehungerten jüdischen Kinder, Frauen und Greise veranstalten. Gewiß nicht. Aus den Reihen der anständigen Juden erscholl der Ruf, daß kein Jude freiwillig das Land, dessen Regierung in der Judenfrage mit unerhörter Schuld und Schande beladen ist, betreten und gar an Sportkämpfen als Gast Adolf Hitlers und Julius Streichers teilnehmen dürfe. Eine natürliche Reaktion, deren Ausbleiben krankhaft und ekelhaft wäre. Auch in Amerika setzte eine jüdische Aktion gegen die Berliner Olympiade ein, die mächtig und würdig zu wer»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.