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Die neue Welt · 1935-11-29 · Heft 517 (29.11.1935) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 517 (29.11.1935)
Date
1935-11-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 51T Prager Brief Von innen heraus Von Fritz K o h n - Gedal, Prag. Das zionistische Lager zerfällt in zahlreiche Fronten. Jede Gruppe hat Ihre Sondergegner. Manchmal ist der Kampf mit dem ..freien Auge" kaum zu bemerken. Vor Kongreß- oder sonatigen Wahlen flammt er plötzlich auf. um dann wieder abzuflauen, weiterzuglimmen. Diese Tatsache an sich müßte nicht Schaden stiften. Sie. könnte als ein Symptom erhöhten Interesses gedeutet werden. In Prag leben zirka 40.000 Juden. Zahllose zionistische Vereine, Parteien und Jugendbünde haben hier ihre Ortsgruppen. Zionistische Volkshochschulen, Vortragszyklen, drei zionistische Wochenzeitungen, Studentenkundgebungen, Manifestationsversammlungen in bunter Folge. Und trotzdem sind es immer dieselben Leute, die in den Vortragssälco und Vereinszimmern sitzen. Höchstens 300 bis 300 Menschen. Sie kennen einander, grüßen freundlich und hassen einander mit einer erstaunlichen Intensität. Jeder ..führende" Kopf hat seine Privatclique in einem der vielen Vereine etabliert. Von diesen ,.Leibgarden" umgeben, dünken sie sich wie chinesische Generale. Wenn irgendwo ein Obmann gewählt wird, sind sie da. Da werden Intrigen gesponnen, Allianzen abgeschlossen, da wird aus- und eingeschaltet, frisch und fröhlich geschoben und so lang hinter der Kulisse gehandelt, bis man sich auf einen harmlosen „Nieman d" geeinigt hat, der keinem Menschen wehtut". Wenn aber gearbeitet werden soll, gesammelt, geworben, sind sie nicht da, diese Helden des Stellungskampfes und der Kulisse. Dann 3ind sie alle beschäftigt und indigniert, daß man sie überhaupt belästigt. An Abenden, an welchen zionistische Meetings abgehalten werden, in Stunden, da wichtige Konferenzen und Tagungen stattfinden, sitzen sie in Kaffeehäusern, im Kreise erlesenster Freunde (keiner kann keinem erlesen genug sein), traulich beisammen. Ohne Interesse. Als ob sie nicht dazu gehörten. Während sich in unmittelbarer Nähe eine Tragödie abrollt, welche der Assimilation einen grausamen, fast tödlichen Schlag versetzt, während der jüdische Mensch über den Begriff von „Rassenschande" und „Untermensch" allmählich doch den Weg zum früher nie beachteten Judentum findet oder doch bereit ist, diesen Weg zu suchen, können wir in Prag keinerle: Auftrieb im zionistischen Leben verzeichnen. Im Gegenteil, die tschechischen Assimilanten sind rühriger denn je und gewinnen täglich mehr und mehr an Boden. Und die Gegner dieser bürgerlichen Assimilanten, die allmählich rosarot werden, sind nicht wir Zionisten, sondern jüdische Kommunisten, rote Assimilanten. Man findet diesen Zustand der Ohnmacht, der personifizierten „Irapotenz" auch in der Kultusgemeinde vor. Die Assimilanten arbeiten und bemühen sich, in der Arbeit objektiv zu sein. Die Zionisten arbeiten, opponieren auch. Aber in Arbeitssitzu igen, in sozialen, politischen, kulturellen Kommissionen sucht man sie vergeblich. Sie entdecken ihren Zionismus, ihr jüdisches Herz erst knapp vor den Wahlen. Plötzlich erscheinen sie in Sitzungen und Versammlungen, leutselig und bereit, jedem auch zweimal auf die Schultern zu klopfen. Nach den Wahlen geht jeder als kleiner Cäsar nach Hause. Er kam, sah und siegte. Und dann kommen Jahre des Schweigens und des Nichtstuns. Radio Lehrerr$Tso «0,.«„u, * II. Karmeliterplatz 1 UÄ'Ä ModerneMarkenempf Ungar Wochenraten Tau«ohl Kommenden Mai gibt es wieder Wahlen. Noch ist es den Herren zu früh, sich zu „zeigen". Aber bald wird das schöne Spiel wieder beginnen. Einige zionistische Mandate werden „erobert" werden. Und das wird ein Erfolg sein? Diese a 11 - n e u e n Mandatare werden eine Bewegung repräsentieren, die die jüdische Renaissance zum Ziele hat? Wir brauchen uns vor unseren Feinden nicht zu fürchten. Gott schütze uns nur vor solchen Freunden. Denkt man an den hohen sittlichen Ernst der zionistischen Führer in der Vorkriegszeit ixnd zieht eine Parallele zu den Menschen, welche jetzt an führender Stelle stehen, (beschränken wir uns vorsichtshalber auf Prag), so wendet man sich angewidert ab vom Mikrokosmos des Prager Zionismus. So klein die zionistische Bewegung in Prag ist, so lächerlich bedeutungslos, so häßlich wirkt sie. Wir können die Jugend niemals aus fremden Lagern zu uns herüberziehen, wenn fast alle zionistischen Organisationen von Menschen nach erwähntem chinesischen Muster beherrscht werden und nur e I n Interesse da ist, nämlich, diesen oder jenen Zionisten nicht hochkommen zu lassen. Erneuerung wolen wir bringen! Erneuern wir uns selbst! Gewiß, es wird schwer sein. Sogar sehr schwer. Denn diese sogenannten „Führer" werden mch an ihre Positionen klammern, werden sich wehren mit Händen und Füßen. Aber der Reinigungsprozeß ist notwendig! Es ist conditio sine qua noo. Wir haben kein Recht, vom Hause, des Nachbarn zu sprechen, wenn bei uns nicht „aufgeräumt" ist. Judenstaatipartei Oesterreichs Veranstaltungskalender Sektion P r a t e r, II., Kleine Zufahrtstraße 166. Samstag, den 30. d.. halb f) Uhr abends im Heim Akademie und Tanz. Mitwirkend J. Segal-Rosenbach, Kantor Josef Feuer, Simon Fostel u. v. a. ^^■%^%^%^^%^*^'^*^^'*^^%^^^^%^%--»^^ Die Bezirksgruppe Favoriten veranstaltet am Montag, den 2. Dezember, im Wiener Volksbildungsvercin, X., Hasengasse 38, eine Sondervorstellung des Palästina- Films „Das ist das Land". Wenige restliche Karten an der Abendkassa. ■>»^^v»^v%»%^v»%^v»v»%vv»%^»» Sektion XIV./XV., Schanzstraße 32. Dienstag, den 3. Dezember, halb 9 Uhr abends Vortrag Dr. Oskar Teller: Neue jüdische Dichtkunst. Sektion XX. Dienstag, den 3. Dezember im provisorischen Helm, II., Untere Augartenstraße 38, um lA9 Uhr abends Vortrag Fritz Richter: Zionistische Gegenwartsfragen. Judenstaatsjugend. Dienstag, den 3. Dezember, halb 9 Uhr abends, Plenarversammlung im Zentralheim, I., Werdertorgasse 14. Vortrag. Mittwoch, den 4. Dezember, Vortrag im Heim, I., Werdertorgasse 14. Juden staatsjugend. Samstag, den 7. Dezember, im Festsaal des Hotel Continental Gesellschaftsabend. Mitternachtsakademie unter Mitwirkung von Sevilla Pastor, Max Lichtegg u. a. Jazz: Max und Isi Geiger. Karten a S 2.— in allen Sektionen erhältlich. * Judenstaatspartei Gruppe XII I./X V. Am 19. d. fand in Anwesenheit von über 100 Mitgliedern die diesjährige Generalversammlung statt. Nachstehende Herren wurden in die Leitung gewählt: Hermann Halpern (Obmann), Karl Schönberg und Karl Bergmann (Obmannstellvertreter), Moses Wachsmann (Schriftführer), Emst Steiner (2. Schriftführer), ferner die Herren Berl Kümmel, Josef Kümmel, Jakob I wani er, Abraham Drechsler, Max Regenbogen, Fritz Neuländer, Chaim Strauber, Klemens C z e c h, Israel Granierer, A. Drucker, Schnabl, Baum, und als Vertreter der Jugendgruppe die Ch. Adolf Schloßbeutel und Max Ruda. Unter großem Beifall wurde Herr Georg Freud zum Ehrenpräsidenten gewählt. Die Judenstaatsjugend spricht ihrem Mitglied Ch. Paul Kellner, der durch das Ableben seines Vaters einen unersetzlichen Verlust erlitten hat, ihr tiefgefühltes Beileid aus. Praktische Neuheit! Sporthemd mit Reserve-Kragen aus feinstem Seiden - Poplin in allen Modefarben sowie alle Artikel in Wäsche u. Wirkwaren billigst bei BERGMANN, I Rabenstoig 3, Tal. U-20-7Q8 Himmelpfortg. 5, Tel. R-25-8-84 / Köllnarhofg. 1, Tel. R-26-8-99 Vortrag Er. Santmy Gronemam» Wie bereits berichtet, trifft Dr. Sammy Gronemaun dieser Tage in Wien ein. Dr. Gronemann wird Montag, den 2. Dezember, um 8 Uhr abends Im Mittleren Konzerthaussaale ebnen Vortrag über das Thema „Das jüdische Volk in der Geschichte" halten. Der Vortrag wird vom Keren Hajeasod aus Anlaß seiner 15-Jahr-Feier veranstaltet. Dem Vortrag Doktor Gronemanns, des führenden Zionisten und geistreichen Schriftstellei-s, wird in den weitesten Kreisen da» größte Interesse entgegengebracht. Die jüdische Auswanderung nach Palästina über Itaifen In den interessierten Kreisen ist vielfach die unbegründete Meinung verbreitet, daß infolge der politischen Ereignisse und vor allem der Sanktionen die Regelmäßigkeit des italienischen Schiffsverkehrs gelitten habe und die Benützung italienischer Schiffe mit Gefahren verbunden sei. Es wurde bereits wiederholt von Seiten der italienischen Schiffahrtsgesellschaften festgestellt, daß alle Linien Im uneingeschränkten Betrieb stehen und die Landung, auch in englischen Häfen, ohne die geringsten Erschwernisse vor sich geht. Nunmehr sind wir in der Lage, eine bemerkenswerte Erklärung eines hervorragenden Mitgliedes der Exekutive der Jewish Agency, die die berufenste Stelle ist, sich hierüber zu äußern, und in erster Linie das Wohl der jüdischen Auswanderer im Auge behält, vx veröffentlichen. Dieses Mitglied, Herr Professor Doktor Selig Brodetsky, gab Journalisten gegenüber folgende Erklärung ab: ,,Es muß allen klar werden: Wir (die Jewish Agency) haben uns in dieser Sache an die englische Regierung gewandt u»d erhielten die Antwort, daß die Präge der jüdischen Auswanderung na.;h Palästina über Italien durch die Sanktionen, die auf Grund eines Beschlusses des Völkerbundes am 18. d. M. in Kraft traten, in keiner Weise berührt wird. Die Juden können also auch in der Folge wie bisher auf italienischen Schiffen über Italien reisen und ihr Gepäck und ihre Habe transportieren lassen, Dies habe ich bereits in London erklärt und wiederhole es noch einmal, damit es allen klar werde." Dänemark und Streicher Aus Kopenhagen (J. T. A.): Der „Stürmer'* brachte einen „Brief aus Dänemark", der zu scharfen Protesten in der Presse aller Parteirichtungen gegen Julius Streicher geführt hat. Der Artikel brachte betvußt entstellte Tatsachen zum Beweise der fürchterlichen Judenherrschaft, unter der Dänemark zu leiden hat. Als Verfasser war eine junge Kopenhagener Darae angegeben. Ermittlungen verschiedener KopenJbagener Tageszeitungen haben zu dem Ergebnis geführt, daß dieser Brief eine Fälschung ist. Die angebliche Verfasserin ist ein 16jähriges junges Mädchen, das niemals mit dem „Stürmer" in Verbindung gestanden ist. Das konservative Blatt „Dagens Ryheder" weist darauf hin, daß Streicher demonstrativ mit der Freundschaft des Reichskanzlers Adolf Hitler geehrt wird. „Die Verantwortung dafür, Dänemark mit schnöden Verdrehungen und gemeinen LUgenhistorien bespritzt zu haben", fährt das Blatt fort, „ruht also auf einer der hervorragendsten Persönlichkeiten des Dritten Reiches, welche sich hierbei hlnfcor ein junges Mädchen zu stecken sucht, ohne Rücksicht auf die Wirkung, die ein derartiger Ueberfall aus dem Hinterhalt für ihr Schicksal haben kann. Immer wieder verbreite sich die staatliche kontrollierte deutsche Presse in Klagen über bösartige Artikel und „Greuelnachrichten" über Deutschland in ausländischen Zeitungen, und führende Männer der Reicbsregierung nähmen die ausländischen Pressevertreter deswegen ins Gebet. Gleichzeitig aber erlaube dieselbe Regierung das Erscheinen eines Blattes wie der „Stürmer", das nicht nur in Obszönitäten schwelge, sondern ohne den Schatten eines Beweises, unter dem „Schutze" einer 16- bis 17jährigen Kontoristin, dänische Bürger, darunter Beamte und Aerzte, mit groben Beleidigungen und Mordbeschuldigungen überhäufe." Iu den Wahnsinn getrieben Aus Paris: Dem „Pariser Tageblatt" wird aus Halle gemeldet: Der jUdische Seifenhändler S. aus Ketschen bei Merseburg wurde vor drei Monaten „wegen Rassenschande" verhaftet und nach Halle ins Polizeipräsidium überführt. Er wurde von der SA. zahllose Mala durch die Straßen der Stadt geschleift. Tagelang mißhandelten ihn SA.-Leute aufs grausamste. Er wurde mit den Füßen nach oben an die Decke gehängt und es wurden ihm die Körperhaare ausgerissen. Jetzt wurde er kürzlich entlassen, Aerzte ordneten seine sofortige Ueberführung ins Irrenhaus Scherbitz an. Entlassen wurde er übrigens, als sich herausstellte, daß er niemals „Rassenschande" begangen hat. Ein Jude darf keinen Boden kaufen Aus Berlin: Da« Landgericht Rostock hatte sich mit der Entscheidung eines Vormundschaftsgerichtes zu befassen, das den Verkauf eines Grundstückes an eine» jüdischen Käufer mit der Begründung verweigert hatte, daß es den nationalsozialistischen Grundsätzen widerspreche, wenn ein Jude deutschen Grund und Boden erwirbt. Das Landgericht Rostock entschied, daß es auch, verbindliches Recht außerhalb der geschriebenen Gesetze gebe. Die Quellen dieses Rechtes seien die Grundsätze und Ziele des nationalsozialistischen Staates. Wenn der Beschwerdeführer behaupte, daß er dadurch Nachteile erleide, so müssen die wirtschaftlichen Interessen des einzelnen hinter den hier in Frage kommenden völkischen Grundsätzen zurücktreten. mmmmmmmmmmmmmmmmtmmmmmmmm^mmi^mm^^m^m aus Lastex od. Stoff, schlank machend, SS,Ä PEXA, m-MM I, 6»ttw«lh«r|HM« 1, T«l R«f1-8.t7 Bernard S. Deutsch gestorben Aus New York: 25. November. (J. T. A-) Der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von New York Bernhard S. Deutsch, bis vor kurzem Präsident des American Jewish Congress, erlag im Alter von 51 Jahren einem Herzschlag. Der Präsident der Vereinigten Staaten, der Gouverneur des Staates New York und der Bürgermeister von New York La Guardla sandten an die Familie Deutschs Kondolenzen. Bürgermeistor La Guardia ordnete an, daß die New-Yorker städtischen Gebäude zum Zeichen der Trauer zahn Tag« lang halbmast flaggen. Im jüdischen öffentlichen Leben entwickelte Bernard S. Deutsch eine intensive Tätigkeit Inabesondere auf dem Gebiete der Wahrung der Rechtsstellung der jüdischen Bevölkerung. Er war einer der Führer der Anti.Nazi»Bewegung in Amerika. 1934 besuchte er Mexiko, um die Lage der religiösen Minderheiten dort zu studieren. Für den kommenden Sommer plante Deutsch eine Reise nach Polen, um die Lage der polnischen Juden, ssu studieren und politische Schritte zu Ihren Gunsten zu unternehmen. Als vor m«hr als einem Jahre der Begründer des jüdischnationalen American Jewish Congress, Rabbi Dr. Stephen S. Wise, von der öffentlichen Leitung des Congress zurücktrat und zum Ehrenpräsidenten gewählt wurde, wurde Bernard S. Deutsch einstimmig zum Präsidenten des Congress gewählt. Vor wenigen Monaten trat Deutsch vom Präsidium' zurück, um Stephen Wlse wieder Platz zu machen, er nahm aber unbeschadet seiner vielfachen anderen Amtspflichten mit unvermindertem Interesse an den Aktionen bis auletzt intensiven Anteil,

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