Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 516 (26.11.1935)
- Date
- 1935-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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^rto 2 DIE NEUE WELT Nr. 510 Weif polifiSc der Woche Die Unterredung des Berliner französischen Botfehafters P o w t e t. mit Hit! o r hat im ersten Augenblick allerorts Nervosität hervorgerufen. Die Presse reagierte mit einem Meer von Kommentaren, in Mopkau und in London knüpfte man für Frankreich r.idrt sehr wohlwollende Betrachtungen an diese Unterredung, während die deutschen Zeitungen, denen ja nicht einmr.l ein Minimum von Gedankenfreiheit zugemessen ist, Genugtuung ausdrückten — über die Methode eines zweiseitigen Meinungsaustausches. Das erste Mißbehagen ist vorüber. Man weiß bereits, daß keinerlei Ergebnisse erzielt wurden und daß — was noch wichtiger ist — Frankreich für Extratouren nicht zu haben ist, sondern jede Regelung nur im Rahmen des Völkerbundes und der kollektiven Pakte anstrebt. Die Berliner Rakete ist verpufft, denn Deutschland kann Frankreich absolut , nichts bieten, das einer Entsagung oder Lockerung gewisser Bindungen wert wäre. Frankreich ist ein ehrlicher Bündnispartner, für Deutschland ist nach wie vor jeder unangenehm gewordene Vertrag ein Fetzen Papier. Die Verhimmelung von List und Tücke ist heute im deutschen Nationalsozialismus gang und gäbe. Während also das Berliner Gespräch keinerlei Konsequenzen erwarten läßt, kann die Fortsetzung der italienisch-englischen Spannung im Zusammenhang mit Mussolinis abessinischem Feldzug die größten Gefahren heraufbeschwören. Für Italien ist es heute schwer, die militärischen Handlungen abzustoppen, um etwa auf Grund der Erfolge auf dem Kriegsschauplatz an den Verhandlungstisch zu schreiten. Weder militärisch noch moralisch sind die Erfolge bis jetzt derart, daß sie die Möglichkeit einer friedlichen Regelung zuließen. Abessiniens Widerstand verstärkt sich, nach Ansicht von Sachverständigen, und moralisch hat Italien trotz seiner unerhörten Opferbereitschaft und von der ganzen Welt anerkannten patriotischen Haltung nicht die nötige Durchschlagskraft gegenüber den Sanktionstendenzen des Völkerbundes erzielt. England will ohne Rücksicht auf eine etwaige Verdüsterung der Weltlage die Sanktionen gegen Italien verschärfen, wobei es sich vornehmlich auf Amerika als den „Neutralen" stützt, im Glauben, daß ein allgemeines Ausfuhrverbot für Petroleum und für Kohle, Eisen und Erze Italiens Widerstandskraft sehr erheblich schwächen würde. Englands Haltung ist angeblich von der Absicht diktiert, das Ende des italienischen Feldzuges und damit des Konflikts zu beschleunigen. Andere Mächte hingegen, die ebenfalls an der Liquidierung dieses Streites interessiert sind, halten die Sanktionenverschärfung für nicht opportun, da ja der Völkerbund England und Frankreich den Auftrag erteüt habe, die Basis eines Kompromisses zwecks friedlicher Regelung des Konflikts zu suchen. Italien fühlt sich durch die angekündigte Verschärfung der Sanktionen noch mehr verletzt als bisher, wenn es auch die Behauptung der letzten englischen und französischen Noten, wonach der Angreifer alle Prozeduren des Völkerbundes über sich ergehen lassen muß, nicht widerlegen kann. Die Folgen der Sanktionenverschärfung, mögen sie sich auch praktisch nicht so sehr auswirken, sind zur Zeit nicht abzusehen. Englands Absichten erscheinen hier nicht klar, es sei denn, es wolle um jeden Preis verhindern, daß sich Italien in der Nähe der Quellen des Nils festsetze. Aber man kann in Kenntnis der britischen imperialen Geschichte nicht annehmen, daß England nur dieses negative Ziel verfolge und nur mit den Mitteln einer Wirtschaftsblokade. Zweifellos hat England noch andere, vorläufig noch nicht erkennbare Absichten. * Das Engagement im Mittelmeer und im Nahen Osten hindert England nicht, die Vorgänge im Fernen Osten genau zu kontrollieren. Vorläufig besitzt Japan dort die Oberhand. Die Zertrümmerung des chinesischen Riesenreiches macht Fortschritte. Die „legale" Nanking-Regierung muß zugeben, daß sich fünf Nordprovinzen losgelöst und eine unabhängige Regierung ausgerufen haben. Japan wartet darauf, die Verwaltung dieser losgelösten Provinzen zu übernehmen. Das sind große, für uns an europäische Verhältnisse gefesselte Menschen unverständliche Dinge. Die Machtverschiebungen im Fernen Osten bringen neue weltpolitische Tendenzen auf den Plan. England und Amerika fühlen sich nebst dem chinesischen Nachbar, Sowjetrußland, tangiert. Es ist ein langsames, zum Teil unterirdisches, aber kolossale Umwälzungen bedingendes Ringen. In Asien reifen gewaltige Entscheidungen, während unsere Aufmerksamkeit von den Gefechten bei Harrar okkupiert ist. o. r. Billiger Weihnacht»urlaub in Polen. Wenn Sie billigst Ihre Weihnachtsferien in Polen verbringen wollen, wenden Sie sich an Herrn Dr. S. Tocker, IX., Liechtensteinatraße 2, Telephon A-14-504. Dortselbst erhalten Sie auch alle näheren Auskünfte über ReisernÖgüchkeiten »ach Palästina. Pfarrer in den Tod und an den Pranger als „Indenknedife' Das ,.Pariser Tagblatt" meldet aus Bremen: In dem Dorfe Rh r d s t. e d t bei Delmenhorst hat sich der evangelische Pfarrer Schulz. Vater von vier Kindern, durch Erschießen das Leben genommen. Seit Monaten hatten die Nazi gegen den Pfarrer in der üblichen zügellosen Weise gehetzt, weil Schulz sich weigerte, das von den „Deutschen Christen" den Pastoren vorgeschriebene Gebet für Hitler in der Kirche zu verrichten. Die Nazi versuchten, den Pfarrer durch eine ihm zur Last gelegte Sittlichkeitsaffäre zu erledigen; sie drangen damit nicht durch. Die Schuldlosigkeit des Pfarrers wurde erwiesen. Jetzt hatte die Nazileitung ihn aufgefordert, den Namen eines Juden von der an der Kirche angebrachten Kriegsgefallenentafel zu entfernen. Pfarrer Schultz lehnte ab. Grund zur neuen Hetze. Schließlich sollte er mit einem Prangerschild durch den Ort geführt griff er in seiner werden, und als er davon erfuhr, Verzweiflung zum Revolver. In Stade halte ein evangelischer Pfarrer im Konfirmandenunterricht erklärt, ein anständiger J u d e sei ihm lieber als ein Christ, der ein Lump sei. Die Kinder erzählten davon, und die von der Nazileitung aufgehetzte „Volksmenge" führte den Pfarrer mit dem Schild „Ich bin ein Juderfknecht" durch den Ort. Mittlere? Konzerthaussaal Montag, den 2. Dezember, um 8 Uhr abends, Vortrag Dr. Sarnimy Groncrcmnn, Berlin, über Das jüdische Volk und Palästina Veranstaltet vom Keren Hajessod aus Anlaß seiner Fünrzehn-Jahr-Feier. Karten a S 2.-, 1.50, 1.- und -.50. Vorverkauf: Jüdische Kulturstelle. I., Franz-Josefs-Kai 3 (Ii-28-2-36): M. Rath, Tl.. TaborstralJc 20a (R-15-305): R. Lüwit. I., Wollzoile 6 (R-25-4-53); Wizo, I., Schottenring 25 (A-ll-6-26). Ein Ratualmordsfück in Tirol Das angesehene katholische „Salzburger V o 1 k s b 1 a 11" bringt in seiner Ausgabe vom 22. November 1935 unter dem bezeichnenden Titel „Politik im Theatersaal" einen Bericht über eine TheaterauffUhrung, worin es heißt: . „In dem kleinen Orte Rinn, der Heimat Speckbachers, wird von dem dortigen Theaterverein ein Volksstück, benannt „DasAnderle von Rin n", aufgeführt. Eine der volkstümlichsten Tiroler Legenden rankt sich um das „Anderle von Rinn", ein Knäbleln, das um die Mitte des 15. Jahrhunderts von Juden aus rituellen Gründen ermordet worden sein soll. Nicht die Mordtat, die geschichtlich nie aufgeklärt worden ist, sondern die Gestalt des unglücklichen Kindes hat das Herz des Volkes gewonnen, das dem Anderle in der Wallfahrtskirche am „Judenstein" seine Verehrung bezeugt und das Bild des kleinen Märtyrers auf Brunnensäulen und über den Haustüren im Innsbrucker Mittelgebirge mit Vorliebe anbringt. Der Verfasser des Legendenspieles, der Kooperat o r Gottfried Schöpf, hatte in der ersten Bearbeitung etwas stark aufgetragen, so daß gegen seinen Willen das Stück eine deutlich antisemitische Tendenz erhielt. Dadurch fühlte sich die tirolische Judenschaft verletzt und ihre Vertreter ersuchten tfei den zuständigen Stellen um Abhilfe. Die Landesregierung sah die Berechtigung dieses Ersuchens auch ein und über ihre Aufforderung wurden vom Verfasser, der übrigens für sein Werk von der kirchlichen Obrigkeit die Zustimmung erhalten hatte, alle anstößigen Stellen aus dem Text gestrichen, wodurch das Stück nur gewarm. Die Kunde von dem „antisemitischen" Volksstück in Rinn war aber in nationalsozialistische Kreise gedrungen und den „Parteigenossen" war nahegelegt worden, bei dieser Gelegenheit durch starken Beifall bei bestimmten Stellen gegen das Judentum zu demonstrieren. So setzte am letzten Sonntag, für die Rinner Theatergemeinde ganz unerwartet, ein Ansturm von Besuchern ein und der kleine Theatersaal war bald überfüllt." Dieser Bericht beweist, daß der Gedanke des christlichen Ständestaates draußen in der Provinz nicht gerade fanatisch favorisiert wird. Ein Ritualmordstück scheint uns keineswegs geeignet, vaterländische Gesinnung und die so oft zur Forderung erhobene Versöhnung zu betätigen und zu verwirklichen. Mit einer Streichung „anstößiger" Stellen ist da natürlich nicht gedient, insbesondere nachdem das Stück von der kirchlichen Obrigkeit die Zustimmung zur Aufführung erhalten hatte. Das antisemitische Volksstück eines katholischen Priesters hat, wie das „Salzburger Volksblatt" selbst zugibt, die Tiroler Nationalsozialisten angelockt und diesen Gelegenheit gegeben, sich „legal" zu versammeln. Die Aufführung eines von einem katholischen Priester verfaßten Ritualmordstückes (welches das „Salzburger Volksblatt" ein „gutes Tiroler Volksstück" nennt) scheint uns, wie gesagt, kein geeignetes Mittel zur Befriedung und zur Erziehung des Volkes. Derlei Hetze ruft die bösen Instinkte der Massen wach und alarmiert die Nazi. Also eine doppelte Gefahr für den Frieden in Oesterreich. Judenitu§§Bon in Oesterreich Protestantische Mission Etwas verspätet ist der Bericht über eine im August 1935 in Wien abgehaltene Besprechung der Leiter der großen Gesellschaften für die Bekehrung der Juden zum Protestantismus herausgekommen. Die Konferenz beschäftigte sich vorwiegend mit den Problemen, welche durch die seitens der Hitler-Regierung erzwungene Auflösung des deutsch-lutherischen Zentralvereines in Leipzig entstanden sind. Auch der Bestand des nach dem protestantischen Religionsphiloflophen Deutsch genannten Zentralinstitutes „Delitschianum", welches von Leipzig aus die Judenmissionen der ganzen Welt mit wissenschaftlichem Propagandamaterial versorgte, ist nicht mehr gesichert. Nach längerer Aussprache einigte sich die Konferenz dahin, das Zentrum der Judenmission in den deutschen Gebieten nach Wien zu verlegen und gleichzeitig auch das Zentralinstitut „Üeütschianum", Die materielle Mithilfe der „Schwedischen Gesellschaft für Israel" und der „Britischen Gesellschaft zur Verbreitung des Evangeliums unter den Juden" scheint gesichert, so daß die Uebersiedlung in der nächsten Zeit erfolgen dürfte. Ein Exekutivkomitee, welchem Pastor F. Forell, Wien, der Engländer Pastor A. F. K n i g h t und die Proselyten Dr. Fritz N e u m a n n, Jugoslawien, und Isaak Feinstein, Rumänien, angehören, wurde eingesetzt. Zu bemerken ist, daß die Judenmission in Oesterreich bisher von der Schwedischen Gesellschaft für Israel betrieben' wurde. Katholischo Mission In der Vorwoche hielt der Innsbrucker Uhiversitätsprofessor Jesuitenpater Dr. Mitzita einen Vortrag über die Judenfrage. Er wandte sich einleitend gegen das Schlagwort „Die Kirche hält es mit den Jude n", unter welchem der Hitlerismus seinen Kampf gegen die Kirche führt. Wohl ist der R-assenkampf gegen die Juden abzulehnen. Die katholische Kirche wird die Rassenlehre Hitlers und Rosenbergs, wonach es Menschen erster und zweiter Güte gibt, nie akzeptieren. Wohl haben die Päpste immer betont, daß auch den Juden gegenüber Gerechtigkeit und Liebe walten müsse. Aber das bedeutet nicht, daß man es „m i t den Juden" hält. Vom katholischen Standpunkte aus, behauptet Professor» Mitzka, ist die Erhaltung des Judentums nicht anzustreben. Aber nicht mit Gewalt und Grausamkeit ist die Frage zu lösen. „Unter den Lösungsversuchen ist liberalistische Angleichung an den jüdischen Geist ebenso* abzulehnen wie das ungerechte Mittel des Boykotts. Auch der Zionismus berechtigt nicht zu hohen Erwartungen, schon wegen des langsamen Tempos, in welchem seine Ziele zu verwirklichen sind." Man muß das Judentum durch Assimilation auflösen. Es ist unrichtig zu sagen, daß die Juden nicht assimilierbar sind. „Man hat den Juden vielfach die Assimilation unmöglich gemacht. Die Behauptung von der Nichtassimilierbarkeit ist falsch, sonst brauchte man jetzt im Dritten Reiche nicht so komplizierte Stammbaumforschungen, vorzuschreiben, um Judenstämmlinge zu entdecken ..Die ideale und einzige Lösung der Judenfragc» sagt Professor Mitzka, ist die Annäherung der Juden an das Christentum. Der Mangel an einer einheitlichen religiösen Weltanschauung, das Fehlen der Einheit in den fundamentalen Dingen des menschlichen Lebens macht die Juden wurzellos. Das einzige Mittel, sie zu verwurzeln, erblickt Professor Mitzka in der Taufe. Der Vortragende verfolgte offensichtlich den Zweck, der katholischen Judenmission in Oesterreich neuen Impuls zu geben. Die nächsten billigen Reisen nach DA1 BMAbfahrt: af^^cf InKfilnl 12. u. 22. Dez. 1935 Rückfahrt: 7. Jänner, 12. Februar Auskünfte bei Dr. S. Tocker, IX, LiechiensteinstraDe 2 Telephon A-14-504 Judenstaatfspattei Oesterreichs Sektion XIV-XV, Schanzstraße 32, Dienstag, den 26. d., halb 9 Uhr abends, Vortrag Dr. Abraham Schmerler: Berufsumschichtung. Sektion XX. Dienstag, den 26. d., halb 9 Uhr abends, Zusammenkunft im provisorischen Heim, IL, Untere Augartenstraße 38. Mittwoch, den 27. d., halb 9 Uhr abends, im Heim,, I., Werdertorgasse 14, Vortrag Dr. Oskar Rosenfcld „Rom und Juda". Sektion Leopoldstadt, II., Taborstraße 21a,, Donerstag, den 28. d., halb 9 Uhr abends, Vortrag Doktor Salomon Wolf „Völkerbund und Palästina". Sektion Prater, II., Kleine Zufahrtstraße 166j, Donnerstag, den 28. d., halb 9 Uhr abends, Vortrag. Die Bezirksgruppe Favoriten veranstaltet am Montag, den 2. Dezember, im Wiener Volksbildungsverein, X., Hasengasse 38, eine Sondexvorstellung des Palästina- Films „Das ist das Land". Judcnstaatajugend. Samstag, den 7. Dezember, im Featsual des Hotel Continental Gesellschaftsabend. Mitternachtsakademie unter Mitwirkung von Sevilla Pastor, Max Lichtegg u. a. Jazz: Max und Iäi Geiger. Karten ä S 2.— in allen Sektionen erhältlich.