Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 515 (22.11.1935)
- Date
- 1935-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712139--5451-2719070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 ME NEUE WELT Nr. 515 toHna - das litamtfa Jimatm Von Jakob Joscfsberg, Haifa (z. Zt. Polen) Wilna, die alte jüdische Kulturstadt, die den Ehrennamen ..das litauische Jerusalem" mit Recht trägt, kann nur mit Ehrfurcht und Respekt erwähnt werden. Es ist das, was Sura und Fumpadia in Babylonien im Altertum, was Toledo und Cordoba in Spanien, Troyes in Frankreich, Frag in Böhmen und Worms am Rhein in Deutschland im Mittelalter für die Judenheit des weiten Galuth waren: ein Zentrum der Thora, des Wissens, der Ethik und der Aristokratie. Voll spannender Erwartung nähert sich der jüdische Reisende der Stadt in einer achtstündigen Nachtfahrt von Warschau. Während für den jüdischen Reisenden in fast allen Städten, denen sein Herz entgegeneilt, die Illusion von Kultur und Schönheit grausam zerstört wird, ist es bei Wilna nicht der Fall. Man wird angenehm enttäuscht. Man findet mehr, als man erwartet hat. In Wilna wurde schon im Jahre 1487 jenseits des Wiljafiusses der jüdische Friedhof angelegt, woraus man schließen kann, daß dort schon damals eine ansehnliche jüdische Gemeinschaft bestand. Im Jahre 1527 verlieh der Polenkönig Sigismund I. den christlichen Bürgern ein Privileg, das den Juden verbot, in Wilna zu wohnen und Handel zu treiben. Die Juden mußten nach anderen Städten übersiedeln. In der Mitte des 16. Jahrhunderts bauten einige polnische Adelige in Wilna Häuser, die der Rechtsprechung der städtischen Behörden nicht unterworfen waren, so daß sich die Juden dort niederlassen konnten. Im Jahre 1573 wurde die berühmte große Synagoge auf dem „Schulhof" erbaut, 1592 vom Pöbel zerstört. Im Jahre 1633 wurden die Rechte der Juden in Wilna festgelegt; es wurde ihnen gestattet, mit Edelmetall, Manufakturwaren, Vieh und Fleisch zu handeln und den Handwerksberuf auszuüben. Ein Pogrom im Jahre 1635 vernichtete fast die Judengemeinde, 1635 kamen die Kosaken unter Hetman Chmielnicki, der aus der Ukraine über Tarnopol, Lemberg, Lublin sengend und mordend hereinbrach und die Juden zur Flucht zwang. Im nordischen Krieg (1700 bis 1721) hat Wilna durch Russen und Schweden viel gelitten, besonders durch eine alles verheerende und vernichtende Feuersbrunst und durch Hungersnot. Eis zum 5. September 1915 war Wilna die Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements des russischen Nordwcstgebictcs. An diesem Tage wurde es von den Deutschen besetzt und bis Ende 191S okkupiert gehalten. Es kam beim Friedensschluß an Litauen, dessen zeitweilige Hauptstadt es (wie einst im späten Mittelalter) geworden ist, bis Polen im Jahre 1920 es sich angliederte. Im heutigen Wilna leben — unter 197.000 Einwohnern — 56.000 Juden. Der Rest besteht aus Polen, Litauern, Russen und einer kleinen Anzahl von Karaiten, die in Luck in Wolhynien und in Halicz (Galizien) kleinere Gemeinden bilden und im Städtchen T r o k i bei Wilna ihr geistiges Zentrum haben. Unmittelbar am Bahn- Ii o f in Wilna merkt man, daß die Juden in jeder Hinsicht dieser Stadt das Gepräge geben. Unzählige jüdische Droschkenkutscher und jüdische Gepäckträger bieten in schönem litauischem Jiddisch ihre Dienste an. Die meisten Hotels sind in jüdischem Besitz, in Hebräisch und Jiddisch werden auf Geschäftskarten die Vorzüge der Hotels angepriesen. Ein Spaziergang durch die Altstadt bestätigt die beim Verlassen des Bahnhofes und im Hotel gemachten Wahrnehmungen aufs neue. Die meisten Geschäfte, Cafes, Restaurants, Friseurläden sind in jüdischen Händen. Ueberall gibt es neben polnischen hebräische Aufschriften, in den Kiosken sind fast 80 Prozent aller Zeitungen jiddisch, und manchen Augenblick glaubt man, daß man sich in der Jaffastraße in Jerusalem befindet. Auf den Straßen geschäftiges Treiben, Menschen von außergewöhnlicher Höflichkeit, bereitwillig jede gewünschte Auskunft gebend; wodurch der Aufenthalt in dieser Stadt außerordentlich angenehm wird. Erzählen wir kurz von den verschiedenen kulturellen Institutionen. Zunächst das „Iwo" (das jiddische wissenschaftliche Institut): Hier laufen täglich fast 90 Prozent aller in jiddischer Sprache und V0 Prozent in hebräischer und anderen Sprachen in der ganzen Welt erscheinenden Tageszeitungen, Wochenschriften, Monatsschriften und Zeitschriften ein. Die wichtigsten Artikel werden ausgeschnitten und in spezielle Albums eingeklebt. Im Museum sind Dokumente aus dem Jahre 1860 vorhanden, die die Anfänge des jiddischen Theaters unter Goldfaden und der berühmten jiddischen Schauspielerin Esther K a m i n s k a schildern; ferner 138 Briefe vom hebräischen Schriftsteller Abraham Mapu, die ein erschütterndes Bild seines Lebens- und Leidenswege» geben. Ein Glanzstück des Museums ist ein Tagebuch von Theodor Hcrzl aus den Jahren 1881 bis 1889. aus einer Zeit also, da Herzl in Wien Jus studierte und noch dem nationalen Judentum fernstand. Dieses bis jetzt unveröffentlichte Tagebuch erwarb ein Freund des „Iwo" in London aus dem Nachlaß von Hans Herzl. Ergriffen steht der Zionist vor diesem Dokument, in dem der jung* Student Hcrzl über Menschen und Dinge so sichere und reife Urteile fällt. (Wir haben seinerzeit die Aufzeichnungen des Londoner Publizisten Josef Lentwich über sein» Beziehungen zu Hans Herzl veröffentlicht und hiebei auch die Geschichte des hier erwähnten Tagebuches dargestellt. Anm. der Red.) In Wilna, der Stadt der jüdischen Bücher, wo der „Schass" (Talmud) der Brüder Rom gedruckt wurde, gibt es die berühmte „Straschun-Bibliothek" (von Matitjahu .Straschun gestiftet) mit etwa 40.000 kostbaren jüdischen Büchern, darunter mehrere, alte Schass-Exemplare und Inkunabeln. Die Bibliothek befindet sich auf dem „Schulhof", in der unmittelbaren Nachbarschaft der alten „Schul", und wird von dem ausgezeichneten hebräischen Schriftsteller Chejkcl Lunsky vorzüglich geleitet. Der Privatgelehrte Matijahu Straschun, ein strengreligiöser Jude, schenkte vor mehr als dreißig Jahren dem jüdischen Wilna seine kostbare Btichersammlung. In Wüna gibt es fünf Tageszeitungen in j i d d ischer Sprache, zwei von ihnen, die „Z a j t" und „D e r T u g", stehen auf hohem Niveau. „Zajt" ist ein unparteiisches zionistisches Organ, die älteste und bedeutendste jüdische Zeitung in Wilna. „Der Tug" ist ein Organ des sozialdemokratischen, antizionistischen „Bund" (von Salman Reiser redigiert); es folgen „Abendkurier", ein Blatt der jiddischen Masse, „Radio" und der revisionistische „Frimorjen". Das Organ der Aguda in Wilna ist das Wochenblatt „Dus Wort". Alles in Wilna liest jiddische Zeitungen: der Intellektuelle, der Kaufmann, der Handwerker, „Bai Agule," (Kutscher), der Wasserträger, die Marktfrau. In Wilna gibt es ein jüdisches Technikum (das einzige in Europa), zwei jüdische Gymnasien, eines mit jiddischer und eines mit hebräischer Unterrichtssprache, ein jüdisches Lehrerseminar und eine Anzahl jüdischer Kindergärten; es gibt ein Anski-Museum, ein Arbeitsinstitut, wo deklassierte jüdische Jugend beiderlei Geschlechts Tischlerei, Weberei, Schneiderei, Schlosserei und andere Fächer erlernt. Wilna besitzt zwei jiddische Theater, eines für Drama und eines für Operette. Man kann daran erinnern, Met ans dm "£wtd äet V&Aeifkuif Diener Film schmeichelt nicht. Er oerlangt nicht das IVohlwollen des Publikums „um Palästinas willen". Wir, die wir uns oor allem, was mit Erez Israel, dem jüdischen Land, in Zusammenhang steht, zu Anerkennung und Begeisterung oerpflichtet fühlen, werden plötzlich stolz. Keine Sentiments, keine Rührszenen, keine Ergüsse mitleidiger Herzen . , . Hart ist das Land, aber schön und stark in seinem Aufbau undJ.i seinem Willen. Wer wissen will, was unser Palästina ist, muß diesen Film sehen — dann wird ihm die große Freude zuteil, die Kontinuität des jüdischen Wesens im Ablauf der Geschichte zu empfinden. Altes Jerusalem Dorf und Stadt, Mensch und Tier, Arbeit und Uuhe, Lärm und Stille sind hier zauberhaft fest" gehalten. Man sieht den Juden, den altneuen Judent in seiner ungebrochenen Vitalität, man sieht das Land, das den Kindern Israels oerheißen wurde. Es hat keinen Sinn, eine Film-„Kritik" zu, schreiben. Der Film „Land der Verheißung" bedarf keiner ästhetisch-kritischen Analyse. Er ist ein Stück unserer eigenen Sehnsucht. Und er gibt uns das, was wir in diesen trüben Tagen unserer Geschichte benöligen: Zuversicht! Wir glauben an das jüdische Palästina, wenn wir diesen dokumentarischen Film gesehen haben. o. r. Jugend im Giwath Brenner Ernte