Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 514 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 514 DIE NEUE WELT Seite 3 als v on p a 1;i s t i n «*. n s i s c h - p o 1 f t i s e, h e n Gesichtspunkten leiten laßt." Vielleicht ist das „keinerlei Vorwurf", aber bestimmt eine Angeberei ärgster Sorte, welche geeignet ist, von den böswilligsten Feinden des Judentums aufgegriffen und zu Attentaten auf die gesamte Judenschaft benutzt xu werden. So arg, wie die bei einer anderen Gelegenheit von Führern der Union aufgestellte Behauptung, daß ein Z i o n i s t kein vollwertiger, treuer Frontsoldat sein kann. Die Grenze ist überschritten! Was die ,.Union" jetzt tut, ist kein Kampf um die Judengemeinde, sondern ein Kampf g c g e n die Judengenieindc. Die „Union" scheint den Glauben verloren zu haben, daß sie die Judengemeinde jemals wieder erobern könnte, so will sie sie zertrü m m e r n. Sic verzweifelt an den Mitteln politischer Anständigkeit und rennt in politische Felonie und Verrat an der gesamten Judenschaft hinein. Damit hat die „Union" darauf verzichtet, nur von der politischen Seite her bekämpft zu werden. Sie hat es dahin gebracht, daß man im Kampfe gegen sie nicht nur die politische Einsicht der Juden, .sondern auch die staatsbürgerliche Anständigkeit der Juden aufrufen muß. Der Fofit/rotteKdienst aus Anlaß des Geburtstages S. M. des Kaisers Otto findet am Mittwoch, dem 20. ris., um präzise 18 Uhr :ir> im Stadttempel, I., Scitenstettengassc 2/1, statt. Rabbiner Dr. Rosenmann hält die Fcstpredigt. UHMt'AWWMBBUMU WLIIWMITOWJÜr'UWUlJiJUülJtfMIll I Witt fc'^ilMBIllillMMMMBBBiBBBBMMBBBMi Mwmmm PI«9§dfofces qestmhezz Wieder ist. einer der Besten aus der alten Garde der jüdisch-nationalen Bewegung von uns gegangen. Heremann Plaschkes ist 78 Jahre alt gestorben und wurde am Sonntag zu Grabe getragen, tief betrauert von seinen Söhnen, die er zu Kämpfern für die jüdische Sache erzogen hatte, begleitet von einer überaus großen Zahl von Voiksgenossen, die herbeigeströmt waren, um vom alten Streiter für Ehre und Recht Abschied zu nehmen. Noch in vorherzl'scher Zeit trat Hermann Plaschkcs gegen die damals allmächtige assirmlatorifiche Plutokraüe auf. Alt*, es noch persönliche Gefahr, Verfolgung und Boykott nach sich zog, wenn man gegen die herrschende Richtung im Judentume sich zu stellen wagte, ragte die Gestalt des reifen Volksmannes aus der Schar ganz junger Kämpfer hervor. Wo es am heißesten zuging, da war Hermann Plaschkes zu finden. Treu ging er den Weg des tapferen, ehrlichen und warmherzigen Juden, bis an sein Ende. Für FVi&s-aler — Aalest bedang* Aus Warschau (J. T. A.): In dem Prozeß gegen die Teilnehmer an dem Pogrom in Grodrio am 7. Juni d. J. ist folgendes Urteil gesprochen worden: Hauptangeklagter Panasiuk ein Jahr Gefängnis; Kosiowski, Murtinczuk und Zygmanski neun Monate, sieben weitere Angeklagte sechs Monate Gefängnis. Panasiuk und Zygmanski, denen zwei Morde nachgewiesen wurden, wurde die Untersuchungshaft in die Gefängnisstrafe eingerechnet, .sie wurden gegen eine Geldbürgschaft von je 200 Zloty auf freien Fuß gesetzt, für die übrigen Verurteilten wurde die Strafe auf fünf Jahre ausgesetzt, sie werden dieselbe bei Wohlverhaltcn nicht abzubüßen haben. Dies die Sühne für einen Pogromexzeß, der die gesamte jüdische Bevölkerung von Grodno in Schrecken versetzte, zwei jüdische Tote, zahlreicher jüdische Schwerverletzte und einen unermeßlichen materiellen Schaden durch Zerstörung hunderte!* jüdischer Geschäfte im Gefolge hatte. Das Urteil hat um so mehr Aufsehen erregt, als erst vor einigen Tagen j ü d i s c he Angek! a g t e, die in Notwehr den Tod eines sie angreifenden Antisemiten verursacht hatten, zu m e h r j äh r ig e n schweren Kerkerstrafen verurteilt worden waren und die Strafe gleich antreten mußten. Der Angeklagte im Grodnoer Prozeß bezeichnete im offenen Gcrichtssaal die Juden als Parasiten und Feinde Polens und erklärte, seine Tat nicht zu bedauern. Der Staatsanwalt hat gegen das zu geringe Strafausmaß Berufung eingelegt. Wi»v AussdoSuß tlcr U na den aus fflandeB und Gewerbe Aus K auniis: Auf dem in Ponicwcsch abgehaltenen Kongreß der Organisation litauischer Handels¬ und Gewerbetreibender ,,Versüninki" wurde die Forderung nach A u s s c h 1 u ß der Juden aus Handel, Gewerbe und Industrie in Litauen erhoben. Es wurden mehrere antisemitische Ansprachen, darunter auch von dem B ü r g e rlii u i s t e r von Poniewesch und von einem Vertreter der Regierungspartei, gehalten. Obwohl das Innenministerium einer jüdischen Abordnung versprochen hatte, die Verbreitung der auf dem Kongreß gehaltenen Reden im Rundfunk z u verbinde r n oder diese Ansprachen vorher mindestens einer Zensur zu unterwerfen, wurden alle Reden in Originalfassung, sowie die antisemitischen Resolutionen im Rundfunk verbreitet. Dizengoff gegen die PaläslinasRegierung Er will nicht mehr Bürgermeister sein Aus Jerusalc m (J. T. A.): Der Gründe r- Biirgcrmeister von Tel-Aviv, M c i r DizeiiRof f, hat er abgelehnt, sich hei der bevorstehenden iNeuwalil dos Tel-Aviver Stadtrates als Kandidat aufstellen zu lassen. In einem Interview erklärte der Bürgermeister, die n cg a t i v e Haltung der K e g i e r u n g gegenüber den Bedürfnissen von Tel-Aviv, insbesondere im Zusammenhang mit dem städtischen Budget und den in letzter Zeit geführten A n 1 e i h c v c r h a n d 1 u n g e n, habe, ihn bestimmt, die Wiederwahl nicht anzustreben. Er fasse diese Haltung der Regierung als Mißtraue n für i h n und sein Lebens w erk auf. Die der Regierung sonst nahestehende „Palentine Ein Fox-Moviefone-Film der Urim Palestine Company Lfd. / Jerusalem Darsteller Das jüdische Volk Wiederaufbau Palästinas am Sonntag, 24. Novembe^1935. 11 Uhr vormittags, im Apollo-Theater / Wien VI. KarftenvorverkaufssteSlen: M. Ncuniann, Wien, I., KUrntneivstruße 1-', TO. R-28-1-81; Jüdische Kulturstelle, I.. Frau/.-Josefs-Kai 3, Tel. R-28-2-3G; Buchhandlung R. Lüwit, 1., Wollzelle ü, Tel. R-25-1-53: Bücherstube M. Rath, II., Tuboratraße 20 a, Tel. R-45-305; Buchhandlung Rieh. Lanyi, I,, Kärntnerstraße 44, Tel. B-26-3-33; Keren Hajessud, L, Marc-Aurel-Slvaße 5, Tel .U-22-2-17; Buchhandlung Vienna, I., Bognergasse 4; und an der Tageskasse des Apollo, Wien, VI., Uunipendorferstraße 63, Tel. A-31-5-50. Tost" bemerkt zu diesem Interview, da« im Laufe de* letzten Verhandlungen mit der Hegionjng über die Tel- Avlver Anleihe eine ernste BnlrnhniiR .i ° ff" lichor Unabhängigkeit, deren sich die Stadtverwaltung gegenwärtig erfreut, offenbar ff «»worden sei. Das Blatt spielt hiebei auf di<- Abscha f f u n g der. Polizciautnnomiii d<»r jüdischen Stadt an. Ktne Abordnung unter der Führung <!<»« Vorsitzen« den des Verbandes jüdischer Landw irt«*, Mosehe S rn i- I n n s k y, hat bei Bürgermeister DizengoJ'f vorgesprochen, um ihn zu bewegen, bei den bevorstehenden Wahlen doch wieder zu kandidieren. Der Mufti hetzt Aus Jerusalem: Die jüdischen Institutionen haben unter Führung von Vertretern des Oberrabbinats bei der Palästina-Regierung Einspruch gegen gewisse Anordnungen des Großmufti erhoben, in denen sie eine Verletzung des von einer Völkerbundskommission 1930 festgelegten Status quo in den religiösen Besitzverhältnissen erblicken. So hat z. B. der Mufti angeordnet, daß aus dem Vorraum bei dem Rachel- G r a b, das zwischen Jerusalem und Bethlehem liegt, die Bänke entfernt werden. Er hat diese Anordnung damit begründet, daß auch der Vorraum des Rachel-Grabes als mohammedanische heilige Stätte zu gelten habe, weil einst dort eine Moschee stand. Ferner hat der Mufti in einem Haus in der Nähe der Klagemauer eine Schule eröffnen lassen. Die jüdischen Beter werden durch die lärmenden Kinder in ihrer Andacht empfindlich gestört. Es ist kaum anzunehmen, daß die Forderung des Rabbinats nach Entfernung dieser Schule berücksichtigt werden wird, da die Vereinbarung über den Status quo den Religionsgemeinschaften freie Hand bei der Verwendung der in ihrem Besitze befindlichen Baulichkeiten läßt. In Zusammenhang mit diesen Vorstößen des Mufti wird auch bekannt, daß er vor kurzem bei einer Besprechung mit dem Stellvertreter des High Commissioncr, dem Chefsekretär der Palästina-Regierung, John Hathorne Hall, wieder von der angeblichen Furcht der mohammedanischen Kreise gesprochen hat, die Juden könnten sich der auf dem Platze des ehemaligen Tempels errichteten Omar -Moschee bemächtigen. In dieser Unterredung, der auch Distriktskommissär Campbell beiwohnte, brachte der Mufti diese Befürchtungen erstaunlicherweise mit. dem Bau der neuen Wasserleitung für Jerusalem in Zusammenhang. Wenn Jerusalem mit Wasser versorgt sein werde, meinte der Mufti, dann würden Hunderttausende Juden nach Jerusalem kommen, und das wäre eine ernste Gefahr für die Erhaltung der Omar-Moschee. Als der Mufti über das „Attentat" des Gerer Rebbe auf die Höhle Machpela in Hebron Klage führte, bemerkte Chefsekretär Hall, bei einer Inspektionsreise durch das Land hätten ihm die Scheichs der arabischen Ortschaften erklärt, sie seien davon überzeugt, daß die heiligen Stätten im sicheren Schutz der Regierung stehen. Wenn sie Protest gegen die Gefährdung dieser Stätten erhoben hätten, so sei dies nur auf Anordnung des Mufti von Hebron geschehen. Der Großmufti von Jerusalem mußte zugeben, daß der Mufti von Hebron hierbei seine, des Großmufti, Instruktionen befolgt hat. Auf die Bedenken des Großmufti bezüglich des Baues der Wasserleitung gingen Chefsekretär Hall und Distriktskommissär Campbell niclit weiter ein. Neue Vorschriften für die Kapitalistenkategorie Aus Jerusalem IJ. T. A.): Juden, die als Touristen nach Palästina gekommen sind, und sich, um die Bewilligung der dauernden Niederlassung als Einwanderer der Kapitalistenkategorie, für die ein Mindest-» kapital von 1000 Pfund vorgeschrieben ist, bewerben* werden in Zukunft in ihre Herkunftsländer zurückkehren und sich dort das Einwanderungsvisum beschaffen müssen. Auf Juden aus Deutschland und der Türkei findet diese Vorschrift keine Anwendung. Die zionistische Exekutive Aus Jerusalem: Die Palästina-Exekutive hat nunmehr ihre konstituierende Sitzung abgehalten und cliö Verteilung der Ressorts vorgenommen. Zum Vorsitzenden wurde David Ben Gurion gen wählt. Das politische Department wird von Ben Gurion und Mosche Shertok geleitet werden, Elieser Kaplan! behält das Amt des Schatzmeisters. Der frühere Leiter des Immigrationsdepartments, Jizchak Grünbaura, hat das Arbeitsdepartment übernommen, während die Einwanderungsabteilung Dr. Werner Senator: unterstellt worden ist. Ihm wurden als Amtsleiter Elijahu Dobkin (linker Arbeiter) und als Repräsentant dec religiösen Arbeiterschaft Mosche Schapiro beigegeben, Das Industriedepartment wird gemeinsam von Dr. Fischel Rottenstreich und Rabbi J. L. F i s c hmann, das Organisationsdepartment von Ben Gurion und [ Jizchak Grünbaum geleitet werden. Der Vorsitzende der \ Exekutive Ben Gurion wird somit an der Leitung voä zwei Departments, des politischen und des Organisationsdepartments, beteiligt sein, ebenso Grünbaum an der. Leitung des Arbeits- und des OrganisationsdepartmentSj Neuwahl des Oberrabbiners von Palästina Aus Jerusalem (J. T. A.): Die Wahlkommissioa für die Wahl eines neuen Oberrabbiners von Palästina als Nachfolger des verewigten Rabbiners Abraham Jizchak K o o k wurde konstituiert. Die Wahl dürfte in nächster Zeit vorgenommen wei'den. Die Komi mission besteht aus 70 Mitgliedern, und zwar 42 Vertretern des Rabbinats und 28 Vertretern der welt-i liehen jüdischen Institutionen, des Waad Leumi, der Gemeinden usw. Die Wahl wird geheim durchgeführt. Ihr Ergebnis bedarf der Bestätigung durch die Palästin a-R e g i e r u n g. Die Liste der Kandidaten für das Amt des Oberrabbiners ist noch nicht veröffentlicht; worden. Kultuswahlen in Budapest — Zionisten kandidieren zum erstenmal selbständig Aus Budapest: Aus Anlaß der bevorstehenden Gemeindewahlen bei der Pester Israelitischen Kultusgemeinde hat sich die zionistisch eingestellte Wählerschaft in der Jüdischen Gemeinde-Volkspartei zusammengeschlossen. Die Hauptprogrammpunkte der Partei, die soeben ihre erste Massenversammlung abhielt, sind: 1. Die Gemeinde sei Körperschaft der jüdischen Ethik. 2. Die Gemeinde sei die Trägerin der jüdischen Religiosität. 3. Die Gemeinde sei die Vertreterin der jüdischen Kultur. In jedem Tempeldistrikt soll eine jüdische Volksschule errichtet werden; in den jüdischen Schulen muß der Unterricht in der modernen hebräischen Sprache dominieren. 4. Die Gemeinde sei die. Leiterin der jüdischen sozialen Tätigkeit (wirtschaftliche Umschichtung, Berufsberatungsstelle, jüdischd Geselligkeitsklub usw.). 5. Die Gemeinde sei die Interessenvertretung der Judenhcit (Organisierung dea Rechtsschutzes, Schaffung einer Verbindung mit dem Weltjudentum durch-die Jewish Agency). 6. Die jüdische Gemeinde sei die Gemeinschaft jedes Juden. Jedes steuerzahlende Gemcindemitglied soll wahlberechtigt und w ä h 1 b a r sein. Jahrzehntelang war die zionistische Bewegung in Ungarn als ,,unpatriotisch" verboten. Dieser Zustand entsprach nicht so sehr dem Willen der ungarischen Regierung, als demjenigen ihrer jüdischen, assimilatorischen und trennungsorthodoxen Ratgeber, welcher gegenüber dem Zionismus vor keiner Denunziation zurückschreckten. Nun ist dieser Zustand überwunden und die Zionisten können als organisierte Körperschaft in den Kampf um die Gemeinde eintreten.