Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 514 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 514 Die Moral im Sport Von Dr. Willy M e i s 1 (New York) Es ist vielleicht nur eine Sportmoral, doch auch diese ist schon bedeutend und bezeichnend genug. Außerdem soll vom Berufsboxen die Rede sein, und das ist weit mehr business als Sport, es kommt also auch die Gcschäftsmoral in Frage. Jedenfalls ist die Moral etwas Abstraktes, wichtig und entscheidend, weit über den Rahmen dieser kurzen Sportglosse hinaus. Die Welt liebt zu generalisieren. Man sagt „der" Engländer, „der" Soldat, „der" Fremde und vergißt gern und jedenfalls leicht, daß dieser Sammelbegriff oft aus einer Millionenzahl Individuen besteht, die abgrundtief oder nuancenschwach voneinander verschieden sind. Besonders Minderheiten gegenüber ist Generalisierung bequem, und da „des" Menschen Natur nicht immer gut ist, werden vorwiegend sogenannte schwarze Schafe als repräsentativ gewertet, während positiv hervorragende Persönlichkeiten höchstens als weiße Raben in Betracht gezogen werden. Das Vorurteil wird beinahe bewußt gefüttert. Es will nicht korrigiert sein. Wir hatten den Neger Jack Johnson. Er wurde Schwergewichts-Weltmeister. Er war der beste Boxer seiner Zeit und einer der besten aller Zeiten. Er war im Grunde kein übler Junge, nur ein großes unerzogenes Kind. Er hätte alle seine Fehler haben dürfen, wenn ihm nicht zufällig auch die weiße Hautfarbe gefehlt hätte. Als Schwarzer war er ein Schandfleck für seine und für die andere Rasse. Er benahm sich wirklich schlecht. Er lebte sehr unsportlich. Sein Name verschwand kaum aus den Zeitungen, in denen er meist im Zusammenhang mit irgend welchen Skandalgeschichten genannt war. Als er endlich — und auch das ging nicht mit rechten Dingen, sondern mit Bestechung zu — seinen Weltmeistertitel verloren hatte, zog man in Amerika die strikteste colour-line. Nie mehr würde man einem Neger eine Chance geben, Weltmeister im Schwergewicht zu werden. Dafür waren die Schwarzen offenbar noch nicht „moralisch" reif. Es war widersinnig. Es war ungerecht. In den leichteren Gewichtsklassen gab es viele farbige Weltmeister. War die Moral im Schwergewicht besonders schwer? Es war idiotisch. Es war vollkommen begreiflich. Fast 25 Jahre später hatten wir einen jüdischen Weltmeister, Max Baer. Seine Rasse war in seiner amerikanischen Heimat kein Hindernis, doch anderswo in der Welt wurde sie verächtlich gemacht. Ueberall war sie in einer schwierigen bedrängten Lage. Nun überschätze ich den Rekordmann und erst recht den Professional-Weltmeister als nationale Propaganda nicht. Doch ein jüdischer Dempsey oder N u r m i kann eben dieser Welt, wie sie heute nun einmal ist, mehr Verständnis und höhere Wertschätzung für das Judentum beibringen, als Einstein, Jehuda Menuhin und Re ading. Max Bae r wurde Schwergewichts-Weltmeister und hatte offenbar alle Mittel, es lange zu bleiben, ein zweiter Dempsey zu werden. Er fühlte sich aber nur als freier, sehr freier Amerikaner, gar nicht als Vertreter verfolgter Juden. Das soll durchaus kein Vorwurf sein. Er lebte ja in einem freien toleranten Lande und lebte folglich dessen, beziehungsweise sein Leben. Doch es ist schade, auch für ihn schade, um diese schnell verlorene, verspielte Möglichkeit. Immerhin hat Max Baer der judenfeindlichen Welt eine Zeitlang gezeigt, daß auch, was Körperkraft und Kampfgeist anlangt, der Jude nie der verächtliche Schwächling und Feigling war, zu dem man ihm in vielen Ländern erst gemacht hat, um ihm dann die an ihm begangene Schandtat als eigenes Verbrechen vorzuwerfen. Doch die Moral, die Moral!! Die Moral heißt J o e L o u i s. Ein junger Neger von 21 Jahren. Er kommt, er schlägt, er siegt. Er „Das Land der Verheißung", der von der Fox hergestellte große Palästina-Tonfilm, der soeben gelegentlich einer Aufführung vor den Mitgliedern des Genfer Völkerbundes einen geradezu sensationellen Erfolg hatte und beim diesjährigen Filmbiennale in Venedig in Anerkennung seiner künstlerischen und technischen Eigenschaften mit einem Diplom ausgezeichnet wurde, wird in einer F.estvorstellung, die am Sonntag, den 24. ds., vormittags 11 Uhr, im Apollotheater stattfindet, zum ersten Male in Wien gezeigt werden. Compagnla Adrlatica dl Navigazione. Die Venezianer Schiffahrtsgesellschaft, welche, wie wir kürzlich berichteten, eine Generalrepräsentanz für Oesterreich errichtete, hat nunmehr ihr Büro am Kohlmarkt Nr. 1 eröffnet. Die „A d r i a t i c a" verfügt über ein ausgedehntes Liniennetz: Nicht weniger als 23 Linien verkehren in der Adria, und zwar sowohl an der Ostwie an der Westküste; die bekannteste ist die Eillinie Venedig— T r i e s t—R aguaa, auf welcher das Luxusschiff „Francesco Morosini" eingestellt ist. Motorschiffe ähnlicher Bauart vermitteln den dichten und überaus schnellen Verkehr nach Albanien, nach Griechenland (Corfu, Patras, Piräus), nach dem italienischen Inselbesitz im Aegäischen Meer — darunter nach dem Inselparadies Rhodos — ferner nach Smyrna und Alexandrien. Die Generalrepräsentanz der „Adriatica" gibt schriftlich, mündlich und telephonisch (R-22-1-33) gerne jede gewünschte Auskunft über ihren Passage- und Frachtendienst. kämpft erst seit l1 Jahren, er ist bereits unerhört beliebt. Die amerikanischen Neger feiern ihn wie einen Freiheitsheros, jedenfalls als einen Volkshelden. Joe Louis wird keine geistige Leuchte sein, doch er verliert seinen Kopf nicht. Er kennt die Geschichte Jack Johnsons. Er verachtet diesen „Vorfahren". Er kennt die Geschichte seines Volkes. Er fühlt sich als dessen Repräsentant. Das alte Vorurteil wackelt. Diecolourline ist bereits so gut wie gestrichen. Joe Louis dürfte kaum Widerstand begegnen, wenn er sich um den Titel eines Schwergewichts-Weltmeisters bewerben will. Er ist ernst. Er lebt mustergültig. Er kämpft anständig. Er geht nicht in Nachtlokale, er macht keine Skandale. Und es ereignet sich der seltene Fall, daß ein Vorurteil eine Korrektur zur Kenntnis nimmt, daß ein ,,weißer Rabe" so hoch gewertet wird, wie das „schwarze Schaf", daß die ganze Herde davon profitiert, daß eine Leistung allen Volksgenossen irgendwie zugute kommt. Das ist die-Moral: einer für alle, alle für einen. Sie mag manchmal töricht sein, im Falle der extremen Minderheit. Im Falle der oder des Juden gilt sie, wie im Falle der oder des Negers in U. S. A. Es kann einer viel nützen, es kann jeder enorm schaden. Jüdisdiffamerikamsdie Sportler In den Vereinigten Staaten gibt es zahlreiche jüdische Sportmeister. Der Werfer L c v y ist der dritte in der amerikanischen Rangliste. Grcenbaum ist einer der bekanntesten Baseballspieler im Lande, und auch unter den Fußballern findet man Juden, wenngleich noch kein neuer Benny Fried mann aufgetaucht ist. Friedmann ist übrigens Universitäts-Sportlehrer, auch Rush Cohen und Lou Oshins haben die gleiche Stellung. Amerikanische Blätter führen die Tennisspielerinnen Helen Jacobs und Sarah Palfrey-Fabian, die besten der Vereinigten Staaten nach Helen Wills, als Jüdinnen an, ebenso den Weltrekordmann im Rückenschwimmen Kiefer. Mary Hirsch erhielt als erste Frau von American Von tfi? dSo Wochenraten erhalten Sie alle Gegenstände in größfar Auswahl und bester Qualität bis 20 Monate Kredit SCHLESINGER VII, Burggasse 122-124 Telephon B-32-2-24, B-35-6-55 Jockey Club eine Trainerlizcnz. Außer den E i släuf cm waren aber die Fechter am erfolgreichsten. J. C. Lcvi s-Boston gewann die Florettmeisterschaft, N. C. A r m i t a g c wurde Säbelmeister, und für eine eventuelle Teilnahme in der Nationalmannschaft 1936 wurden außer den beiden Genannten noch Irving C a n t e r und Max Kapner ausersehen. Der bekannteste jüdische Athlet — abgesehen von den Berufsboxern, wie Baer, Barney Roß u. a. — ist wohl Izzy Weinstock, der Fullback der Universität Pittsburg, der von vielen für einen der elf besten amerikanischen Fußballer erklärt wird, wenn auch nicht so einstimmig, wie das seinerzeit mit Benny Friedmann und Harry Mewman der Fall war. Der neue Oberrabbiner von Mailand Aus Mailand: Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde Mailand hat einstimmig beschlossen, den ehemaligen Oberrabbiner von Padua, Dr. Gustavo Castelbologncsi, der eine Zeit lang auch das Amt des Oberrabbiners von Tripolitanien innc hatte, als Oberrabbiner nach Mailand zu berufen. Dr. Castelbolognesi ist eine der angesehensten jüdischen Persönlichkeiten Italiens. Die österreichisch-palästinensische Wirtschaft»- und Handelskammer hat ihre Büros von Wien, IX., Aiserplatz Nr. 3, nach Wien, I., Schellinggassc 1 (Weihburggasse28), verlegt. Die Telephonnummer ist R-27-4-12 und die Geschäftszeit von 10 bis 1 Uhr und von 16 bis 18 Uhr. kostet dieser hochelegante, leine Jersey-Boutie-Mantel mit reicher, doppelter Verbrämung au« Silberfuchs-Opossum (laut Bild) TABO RITRASS E 48 Eigentümer. Verleger. Herausgeber und verantwortliches EeaaÜteur: Oberbaurat Robert Stricker. — Druck: Druckerei- und Verlags-As-G, Ignas Steinmann, bette Wien, IX., Universitätsstraße 6—8. *