Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 514 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 514 Weltpolitik der Woche Der Ausgang der englischen Parlamentswahlen hat eine Umbildung des bisherigen Kabinetts Baldwin zur Folge. Da die konservative Regierung über eine Mehrheit von mindestens 250 Sitzen verfügt, wird sie ein homogene-; Kabinett zusammenstellen können, zumal MacDonald als Führer der nationalen Arbeiterpartei und Herbert Samuel als Führer der liberalen Op-; osiuoa unterlegen sind. In der neuen Regierung wird zweifellos Winston Churchill als Minister für natiorale Verteidigung sitzen, ein erbitterter Gegner des hitleristischen Deutschland, ein Mann, der Englands Flottenaufrüstung forcieren, aber kein umstürzlerischer Staatsmann, kein Diplomat, der sich in Abenteuer stürzen wird, ebensowenig wie etwa Antony Eden, der kommende Minister für die Dominions und Sir Austin Chamberlain, dessen Ressort noch nicht feststeht. Wer das Amt des Kolonien min isters übernehmen, also für das weitere Schicksal des z i on i s t i s c h e n Aufbauwerkes in Palästina verantwortlich sein wird, ist zur Stunde noch nicht gewiß. Der junge Malcolm MacDonald, der als begabt gilt, soll trotz seiner Wahlniederlage durch eine künstlich herbeigeführte Ersatzwahl ins Unterhaus kommen und wieder die Leitung eines Ressorts übernehmen, d. h. vielleicht wieder Chef dort Colonial Office werden. Die neue Regierung wird nebst den chronischen Problemen der Rüstung, der Mittelmeerpolitik und der Völkerbundpakte eine schwere Sorge übernehmen: die Beruhigung Aegyptens. Im Zusammenhang mit dem italienisch-abessinischen Konflikt hat England bekanntlich im Mittelmeer und im Nahen Osten militärische Vorkehrungen getroffen, in die auch Aegypten einbezogen wurde — weit über den Rahmen der Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1923 hinaus, wonach Aegypten nicht verpflichtet ist, britische Maßnahmen militärischer Natur gegen andere Staaten zu dulden. Die gegenwärtige ägyptische Regierung setzte sich durch die Duldung solcher Maßnahmen den Angriffen der stai'ken nationalistischen Wafd-Partei aus, welche ihrerseits durch das Auftreten der radikalen Studentenschaft sich gezwungen sah, sowohl gegen die ägyptische Regierung als auch gegen England beim Völkerbund zu protestieren. Die extremnationalistischen Elemente in Aegypten, mit den Studenten an der Spitze, benützen die englischitalienische Spannung zu einer Demonstration für die völlige Unabhängigkeit ihres Vaterlandes vom „alten britischen Feind", in der Hoffnung, daß der Augenblick zufolge der gespannten internationalen Lage günstig sei. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß Hitler- Deutschland seine Hand mit im Spiel hat, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Hitler-Agenten schon seit Beginn des Hakenkreuzregirnes Kairo und Alexandrien mit antibritischen Flugzetteln und Propagandaschriften überschwemmen und Reichsmark rollen lassen. Die neue englische Regierung wird mit Frankreich die italienische Protestnote (in Sachen der Sanktionen) zum Ausgangspunkt wichtiger Verhandlungen machen, die schließlich zur Regelung des Konflikts im Rahmen des Völkerbundes führen werden. Gleichzeitig mit dieser Aufgabe wird England auch darangehen, seine Weltwirtschaftspolitik zu stabilisieren und den Prosperit y-P r o z e ß weiterzuführen, der neben der internationalen Wirtschaftsdepression sich geradezu wie ein Wunder ausnimmt. Die Lage der neuen Regierung kann optimistisch angesehen werden. Dann auch im Fernen Osten ... Die europäischen Spannungen rings um den Konflikt Italiens mit den Völkerbundstaaten haben in den letzten Wochen den Blick nach dem Fernen Osten als inaktuell empfinden lassen. Zu Unrecht. Japans Hunger nach chinesischem Gebiet ist so groß, daß es selbst vor schweren Zusammenstößen nicht zurückschreckt. Aber nicht das angegriffene Qhina und nicht das benachbarte Sowjetrußland sind die Anwärter auf solch einen Zusammenstoß, sondern England, das nach Aussage der japanischen Staatsmänner in China seinen Einfluß ständig erweitere und daher für den Widerstand Chinas verantwortlich sei. Japan geht vorsichtig ans Werk. Es stellt keine ultimativen Forderungen, sondern führt eine penetration paeifique, eine friedliche Durchdringung durch. Aber England ist vorläufig den japanischen Manövern gewachsen. Die Frage ist nur, ob ein ernster wirtschaftlicher Zusammenstoß nicht auch zu einem militärischen führen könnte. Denn in diesem Fall würde auch Sowjetrußland auf den Plan treten. Im Fernen Osten, in den unermeßlich großen Räumen, reifen die Dinge sehr langsam. Aber das kann kein Grund für Europa sein,, sie zu vernachlässigen. Die großen weltpolitischen Entscheidungen werden dort fallen. Der italienisch-abessinische Konflikt ist nur ein kurzes und leichtes Vorspiel, o. r, Durdifülirutig der Nürnberger Judengesetze Aurh die Frontkämpfer entrechtet Das Ileiehsgesrtzblatt publizierte am 15. Noveril) r die erste D u nii f U h r u n g s b e s t i m mii n g zum Reichsbiirgergcset/ und zum Gesotz „zum Schutze, des deutschen Blutes und der deutschen Ehre". Nach dieser Verordnung sind die Juden vom Erwerb des R o i c h s b ii r scrroclttos ausgeschlossen, können in Zukunft wed-r in den Reichstag wählen noch gewählt; werden oder sich an Volksabstimmungen beteiligen. Ehrenämter in Staat und Gemeinden bleiben ihnen verschlossen. Alle jüdischen Beamten scheiden daher mit dem 31. Dezember unter Gewährung des gesetzlichen Ruhegehaltes aus ihren Stellungen aus. Soweit es sich dab«'i um Frontkämpfer handelt, werden sie mit ihrem vollen Dienstgehalt in den Ruhestand versetzt. Die Reiehsbiirgersehnlt steht den in Deutsehland lebenden M i n d r h o i t e n, w ie Pole n, D u n e u usw. offen. Dem Judentum wird die Y c r m i s c h u n g mit dem deutschen Volkstum und die Beteiligung an der staatlichen und kulturpolitischen Gestaltung Deutschlands verwehrt. § 5 der Verordnung zum Reichsbürgergesetz, legt endgültig den Judenbegriff fest: Ob jemand Jude ist oder nicht, entscheidet die überwiegende Erbmasse einer Person oder Bekenntnis zum Judentum. Jude ist nach diesem $ 5, wer dreiviertel oder mehr jüdische Erbmasse hat. Maßgebend ist die Abstammung von drei oder vier G r o ß e. 11 e r n t e i I e n, die der Rasse nach Volljuden sind oder gewesen sind. Als Juden werden ferner Personen mit / w e i volljüdischen Großeltern behandelt, sofern sie der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören oder künftig in sie Die nächsten billigen Reisen nach Abfahrt: 12. u. 22. Bez. 1935 Rückfahrt: 5. Dezember, 7. jänner Auskünfte bei Dr. S. Tocker, IX, Liechtensteinstraße 2 Telephon A-M-504 aufgenommen werben oder einen jüdischen Ehegatten gewählt haben oder welche nach dem Inkrafttreten de» „Gesetzes zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" Juden sind. Schließlich auch Juden, die aus einer Ehe oder außerehelichen Verbindung stammen, die seit.!5. September 15>:>5 verboten ist. . Als j ü (lischt' Mischling e sind deutsche Staatsangehörige anzusehen, die einen oder zwei der Rasse nach vollblütige Großeltern!eile haben. Die deutseh-Jüdischen Mischlinge können Keiehsbiirgcr werden, sie unterliegen jedoch auch weiterhin den in anderen Reichsgesetzen aufgestellten Anforderungen an die Reinheit d es Blut e s. Durch das Gesetz sind E h e n zwischen Juden im Sinne des fc$ "> und Ariern sowie Staatsangehörigen mit einem Viertel jüdischer Erbmasse verboten und unter Strafe gestellt. Staatsangehörigen mit zur Hälfte jüdischer Erbmasse, ist es freigestellt, ebensolche Staatsangehörige oder auch Juden zu heiraten, in welch letzterem Falle sie als J u d e n behandelt, werden. Dagegen ist die. Ehe eines Staatsangehörigen nicht zur Hälfte jüdischer Erbmasse mit einer arischen Person an die Genehmigung des Reichsinnenministers und des Stellvertreters Hitlers geknüpft. Bei der Entscheidung hierüber spielen die körperlichen und seelischen Eigenschaften des Antragstellers, seine oder seines Vaters Teilnahme am Weltkrieg und seine sonstige Familiengeschichte eine Rolle. Ehen unter Mischlingen mit einviertel jüdischer Erbmasse sollen überhaupt nicht geschlossen werden. Soweit in anderen Reichsgesetzen oder in Anordnungen der NSDAP, und ihrer Gliederungen Anforderungen an die Reinheit des Blutes gestellt werden, die über den im 5 dargelegten JudenbcgrUf hinausgehen* bleiben sie u n b e r ü h r t. Dagegen fallen alle anderen Arierbestimmungen von Organisationen und Vereinen mit dem 1. Jänner 193(5 fort, sofern sie nicht vom Reichsminister des Innern und vom Stellvertreter Hitlers ausdrücklich genehmigt werden. — Schließlich trifft die Verordnung Vorsorge dafür, daß die Belange der a u s I ä nd i s c h e n Staatsangehörigen, soweit, sie durch die Gesetze: und Durchführungsbestimmungen etwa berührt sind, ge* wahrt werden. . JMOTMiiaiwitMifcMqgffi^ Esn Icraetisk^'n^es* Sude Aus Prag: „Sozialdemokrat" meldet aus Berlin: ,,In den Straßen des Berliner Westens konnte man dieser Tage einen Mann in den mittleren Jahren beobachten, der ein Pappschild um den Hals trug, auf dem nichts weiter als die Worte .Kriegsblinder Jude' zu lesen waren ... Tappend, auf seinen weißen Blindenstock gestützt, ging er mit erloschenen Augen mitten durch den Trubel des Großstadtverkehrs. Mancher sehr nachdenkliche Elick begleitete diese einzigartige Demonstration, die offensichtlich von tiefer, erschütternder Wirkung war . . . Mancher wendete schnell den Blick ab, so, als ob er sich schäme; Die braune Polizei aber arretierte den Mann von der Straße weg und nahm ihn mit zur Wache. Was aus ihm geworden ist, weiß niemand. Vielleicht büßt er zur Zeit in einem Konzentrationslager die Anmaßung, daß er sich als Jude für Deutschland die Augen ausschießen ließ." R«BSse§diaside und po3n$jst$ie BJadae Aus Köln: Der frühere Kölner Korrespondent des „Berliner Tageblattes" Dr. Krüger wurde wegen ,,F.assenschändung" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Er lebte seit 1932 mit eüier Arierin in einer — wie er vor Gericht sagte — „Gewissensehe". Nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze wollte er seine Gefährtin nicht vor die Tür setzen, sondern suchte für sie eine andere Wohnung, die zu finden ihm nicht gleich gelang. Am 3. Oktober wurde er verhaftet. Er und seine Gefährtin bestritten, nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze miteinander verkehrt zu haben. Ein Gegenbeweis wurde nicht erbracht. Dennoch wurde Dr. Krüger verurteilt. Dieses Urteil begleitete der „Westdeutsche Beobachter" mit der folgenden Aeußerang der Genugtuung: „Als Journalist ist er (Dr. Krüger) für die Hetze verantwortlich, der die Kölner SA. und NSDAP, während ihrer schwersten Kampfjahre in den großen Judenblättern ausgesetzt waren. Es sei höchste Zeit gewesen, daß dieser Jude endlich hinter die schwedischen Gardinen kam." Sudemt&&t§$a*$ei ©e§feawidfe§ Veranstaltungskalender S e k t i o n XIV/XV, Schanzstraße 32, Dienstag, den 19. d., halb 9 Uhr abends, Generalversammlung. Referenten: Dr. Sal. Wolf, Fritz Richter. Sektion Brigittenau. Dienstag, den 19. d., halb 9 Uhr, Zusammenkunft im Heim, 1., Werdertorgasse Nr. 14. ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦*♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦*♦♦*♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦< Mittwoch, den 20. d., präzise halb 9 Uhr abends, im Heim, I., Werdertorgas.se 14, Vortrag Prof. Dr. Karl Kupfer: Unsere Gegenwartsfragen. Bczirks.sektion L e o p o 1 d s t a d t, II., Taborstraße Nr. 21 a, Donnerstag, den 21. d., halb 9 Uhr abends, Vortrag Ing. Eugen Buchbinder: „Von meiner letzten P a 1 ä s t i n u - R e i s e". Sektion Prater, II., Kleine Zufahrtsstraße 166, Donnerstag, den 21. d., halb 9 Uhr abends, Vortrag Josef Frankel: Geistes-, Religions¬ und Geldjuden. .1 u d e n s t a a t s j u g o n d Sektion L e opol d- .Stadt. Der Hcbräischkur.s (Leitung: Dr. I. Z. Kanner) findet Donnerstag, den 21. d., im Heim, II., Untere Augartenstraße 38, statt. Beginn 8 Uhr abends. 14. Sammlung durch Frau Ida R i f r: z i s im Altersheim der Wr. Kaufrnann.whaft S 30....... für den Hechaluz Halcumi. Allen Spendern herzlichster Dank. Kampf in der Wiener Judengemciude Daß die „Union österreichischer Juden", die sich; einmal konservativ und dann wieder assimilatorisch nennt es nur schwer verschmerzen kann, daß sie die viele Jahrzehnte hindurch innegehabte Leitung der Gemeinde den Zionisten überlassen mußte, ist begreiflich. Ebenso begreiflich ist, daß sie mit scharfen Worten gegen die. Zionisten ankämpft. Aber es gibt eine Grenze, die man auch im heißesten innerjüdischen Kampfe nicht überschreiten darf, weil jenseits dieser Grenze der ehrliche Kampf aufhört und die heimtückische Angeberei beginnt. Die „Union" hat diese Grenze überschritten. Sie begnügt sich nicht mehr damit zu sagen, daß die Zionisten der jüdischen Sache schaden (was falsch, aber ihr Recht ist) — sie stellt die Behauptung auf, daß der Zionismus und sein Anhang dem Vaterlande Oesterreich gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen. In Versammlungen und Zeitungsartikeln wird fortwährend das ,bodenständige, vaterlandstrcuc" Union-Judentum dem vaterlandslosen Zionismus gegenüber gestellt. Es wird mehr oder minder offen bestritten, daß einer, der zionistisch ist oder zionistisch wählt, ein guter Patriot sein kann. Diese giftige, an die Behörden und die nichtjüdische Oeffentlichkeit gerichtete Angeberei läuft versteckt schon seit Jahren. Jetzt zeigt sie sich offen. Eine Probe. Die „Wahrheit", das Blatt der ..Union" schreibt in der Vorwoche: ,,\Vie sollte sich also zum Beispiel der gegenwärtige Vorstand der Wiener Kultusgemeinde, der mit zirka 8000 bis 10.000 Stimmen ausländischer Juden gewählt wurde, die Legitimation arrogieren wollen, sozusagen als politische Vertretung der ö s t e r r e i c h i s c h e n Judensehaft aufzutreten? Es liegt keinerlei Vorwurf darin, wenn festgestellt wird, daß die ausländische Judenschaft sich weniger von ö s t e r r e i c h i s c h - p o 1 i t i s c h e u ,, Wollzcile „ STAATSFEIND MR. 1 Telephon R- 24 -2- 16 Lewis Stone, John Barrymoore, VorsteiiunRen4, %6, v*8, Vtio Chcstcr Morris I, Fleischmarkt 1 Telephon R-29-1-59 Beginn: 4, %6, Va8 'AIO Hill GEORG ARLISS SCHXFFE R VI, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 tiegina: V26, 'A8, V<.10 STÄFÄTvil Mariahilf erstrafie 120 Telephon 15-38-0-08 Wochentags: 5, 7, 9 Ulli mit Paus Robeson BORIS KARLOFF, BELA LUG0SI IX, WähritiRerstraßc 12 Telephon A-18-3-9(5 Beginn: 4, Vh6, V*8, 'A10