Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 514 (19.11.1935)
- Date
- 1935-11-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 9 Dienstag/ den 19« November 1935 Nr« 514 V« b-b* NEUE Zeitung vom Verleger versendet „Journal expediö par reditcur" *Af P1 Ti«. Üniversitätsbiblioth* »elf Wien, I. R E V U HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich 8 MO vierteljährig:8 4.-. ß^1^^^-^^^^^ £!0t&S vierteJjährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawen monatucn Dinar 14.-y|«ei JHhriVDinar 40.-; Rumänien monatlich Lei 40—, vierteljährig Lei 120.--; Deutschland tnonatlich ^^to-^^ffrt? Mark 3.-; Bulgarien mönatlich Lewa 30.-, viertel ährig Lewa 80.-\ .J^^J^^„^n^f^^1J^s Lire U' ' Schwell! und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Franca 4.50. Mit B bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitätsstr. 8,7eL A-20-2-78 - Erscheint Dienstag u. Freitag Korrekte Beziehungen?... Formale Diplomatie? Korrekte Beziehungen . . . Formale Diplomatie . .. Öclige Wortgebilde, sie rutschen wie mit Wein gespülte Austern über die Zunge. Meister in der Kunst, starrenden Blutschmutz glatt zu übertünchen und höllischen Gestank mit duftigem Tüchlein wegzufächeln, könnten diese Worte erfunden haben. . . .Korrekte Beziehungen . . . Formale Diplomatie. :l; Gentlemen sind saubere Leute, die sich nur mit sauberen Leuten an einen Tisch setzen. Die Engländer sind ein Gentlemen-Volk, ihre Regierung ist eine Gentlemen-Regierung und die Zeitung dieser Regierung „Times" eine Gentlemen-Zeitung. Diese Gentlemen-Zeitung verurteilt das Verbrechertum der deutschen Judenpolitik so hart, wie eben ein Gentleman Schmutziges von sich stößt. Sie schreibt: „Im Ausland erwartete man nach Verkündung der Nürnberger Judcngesctzc das Ende eigenm ä c h t i g c r Tyrannei gegenüber den jüdischen Bürgern. Man sagte sich, nach einer Zeit der Gesetzlosigkeit werde nun wieder ein Gesetz, wenn auch ein hartes und drückendes, herrschen. Die Fortdauer und tägliche Steigerung des Elends der Juden zeigt, daß diese Annahme falsch war. Fanatisches De- 11 u n z i a t i o n s w c s c n, Unterdrückung und Verfolgung einer Gemeinschaft, die sich nicht wehren kann, dauern an und scheinen von Kontrolle und Verantwortung entfernter zu sein den je. Ein Volk wird in einem Käfig gehalten und g e f o 11 c r t. Entkommen kann es nicht. Nachdem man den Juden die Burgerrechte genommen hat, wird ihnen nun auch das Recht zu leben aberkannt. Auf Geschlecht und Alter wird keine Rücksicht genommen. Selbst die Kinder entgehen nicht der vielleicht grausamsten aller Verfolgungen. Eine Gemeinschaft, die so viel Böses zuläßt, wird schließlich das ernten, was sie gesät hat. Man darf sich nicht wundern, wenn Deutschland im Auslande als ein Paradies für Erpresser" gilt. Diese Ereignisse, die das Gewissen der Welt so beunruhigt und so viel tiefe Entrüstung geweckt haben, sind ein dauerndes imd nicht zu überwindendes Hindernis für eine Verständigung zwischen dem englischen imd dem deutschen Volke____" * Aber dann stockt die Gentlemen-Zeitung und dreht ab. Sie erinnert sich daran, daß ihre Gentlemen- Eegierung noch kein Wort gegen Hitlers Judenpolitik gesagt hat, daß ihre Minister nach Berlin fahren und freundschaftlichst mit den „grausamsten Kinder- Peinigern" plaudern und frühstücken, mit ihnen Staatsverträge abschließen, dem „'Denunzianten- und Erpressertum" jede Förderung in Aussicht stellen, ohne die kleinste Bedingung in Sache der „im Käfig gehaltenen und gefolterte n" Juden daran zu knüpfen. Was ist es denn mit dem „nicht zu überwindendem" Hindernis? Darum macht die Gentlemen-Zeitung einen eleganten, Bogen und sagt: „Diese Ereignisse (also wie die Gentlemen-Zeitung selbst sagt, seelische Peinigung und körperliche Aushungerung von Kindern, Weibern und Greisen, Denunziantentum, Erpresser etc.) berühren aber nicht die Korrektheit der gegenseitigen Beziehungen und stören nicht den Abschluß von Abkommen, denn formale Diplomatie ist ja kein Ersatz für den guten Willen der Völker. ..." :f: Ein Gentleman sitzt am Tische mit einem, der keiner ist. Kommt der ehrliche Narr gelaufen und schreit: „Gentleman! Was tust du?" Zieht der Gentleman die Pfeife aus dem Munde und die Augenbrauen in die Höhe und zischt den Narren an: „Stör' mich nicht, denn ich pflege korrekte Beziehungen und betreibe formale Diplomatie." Bringt Pfeife und Augenbrauen wieder in die normale Lage und plaudert weiter. Gepeinigte Kinder weinen, verzweifelte Mütter stöhnen, hungrige Greise seufzen, haushoch spritzt blutiger Schmutz um den Tisch; an welchem ein Gentleman sitzt, der sich korrekt bezieht und formal diplomatisiert. Und der ehrliche Narr steht da. ja Aber das sind Betrachtungen, gut um einer bis zum Bersten mit Zorn gefüllten Seele Luft zu machen. Mehr ist es nicht. Brave Phantasten verlangen immer und immer wieder, daß die Gebote der Sittlichkeit, Ehre und Menschlichkeit, welche die Beziehungen der Menschen zueinander regeln, auch im Verkehr von Volk zu Volk und von Regierung zu Regierung Gebote sein sollen. Den Unsaubern von sich fernhalten, den Bösen nicht fördern, mit dem Lasterhaften keinen Umgang pflegen. Doch im Leben der Völker gelten heute, und wer weiß wie lange noch, andere Begriffe und andere Regeln. Staaten kommen manchmal dazu über andere Nationen zu Gericht zu sitzen und Strafen und Ausschließungen verschiedener Art zu verhängen, weil sie gegen geltende Bestimmungen verstoßen haben. Gerade jetzt liegt ein solcher Fall vor. Italien wird isoliert und außer Vertrag gestellt. Warum? Es hat keine Grausamkeiten gegen Kinder, Greise und Frauen verübt, es hat keine wehrlosen Menschen in einen Käfig gesteckt, um sie besser foltern zu können und verhungern zu lassen. Es hat keines Menschen und keines Volkes Ehre unsäglich verunglimpft. Es hat Abcssinien mit Krieg überzögen, darum Billige Reisen nach kostenlose Beratung in allen Reiseangelegenheiten, welche Palästina betreffen, erteilt Dr. S* Tocker, Wien IX, Liechtensteinstraße 2 Telephon A-l 4-504 Judenstaatspariefi Oesterreichs Mittwoch, den 20. d. M., präzise halb 9 Uhr abends, im Helm, I, Werdertorgasse 14 VORTRAG Referent: Prof. Dr. Karl Kupfer Thema: Gegenwartsfragen Gäste willkommen! wendet sich eine ganze Welt gegen Italien. Sie sagt, um den Schwachen vor Unrecht zu schützen. Das klingt sehr schön und gut, aber warum schützt man die Abessinier, warum nicht die noch schwächeren Juden? Warum stellt man hunderte Kriegsschiffe in den Dienst des bedrohten Abessiniens und revoltiert um seinetwillen die Weltwirtschaft und steckt für die gemarterten Juden nicht tfen kleinen Finger ins kalte Wasser? Warum erklärt man, für die Abessinier als Schützer befugt zu sein, für die Juden nicht? Sind die Juden schlechtere Menschen und für die Menschheit weniger wertvoll als die Abessinier? Manche sagen, man soll die Abessinier nicht schützen, weil sie fürchterliche Despoten und Sklavenhändler sind. Den Juden ist dieser Vorwurf nicht zu machen, und doch sagt man, es sei für die Regierrngen unmöglich und es widerspreche allen Regeln des Völkerrechtes, für die Juden etwas zu tun, wegen der Juden auf irgend eine Regierung irgend einen Donk auszuüben. Warum? Die Antwort ist sehr einfach: Weil die Abessinier einen Staat haben und die Juden keinen haben, und ein Volk, das keinen Staat hat, in der Welt nichts gilt. Trotzdem gibt es viele Juden, die glauben, daß das jüdische Volk keinen Staat braucht, daß ein Judenstaat weder nützlich noch sonst wünschenswert ist. Robert Stricker. Wird man diesem Rufe folgen? Ans London: Der Leitartikel der „Times" gegen die Verfolgung der Juden in Deutschland, in welchem die Lage der Juben als die von Menschen geschildert wurde, die in einen Käfig gesperrt und unablässig gequält werden, hat in England ein starkes Echo gefunden. „Times" veröffentlichen nun eine Reihe von Briefen bekannter Persönlichkeiten zu diesem Thema. Oberstleutnant Sir Wyndham H. Decds, früher Chefsekretär der Palästina-Regierung, schreibt: „Gott sei Dank! „Times" haben gesprochen!" — so denken heute zweifellos Tausende Menschen, die Ihren Artikel gelesen haben. Wenn das Gewissen des englischen Volkes nicht völlig stumpf ist gegen jedes Gefühl von Anstand und Fair Play, so müßte Ihr Artikel die Wirkung haben, daß sich die ganze Nation zu einem Protest erhebt gegen die Greuel und die Beleidigungen, denen die Juden in Deutschland unterworfen sind. Der Einwand, daß man sich in die „i nneren Angele'gcnheiton" eines anderen Landes nicht einzumischen habe, gilt nicht da, wo es nötig ist, im Namen der Menschlichkeit zu sprechen. Ich bin dessen gewiß, daß Ihr Artikel hierzulande einen Gefühlsumschwung hervorrufen wird und daß dies dem Manne zu Ohren kommen wird, der, wenn er nur will, dieser letzten und gewiß schändlichsten Verfolgung, der die Juden im Verlauf der Geschichte unterworfen wurden, ein Ende setzen kann. 9 Juden in England gewählt Aus London: Bei den Parlamentswahlen sind von den 40 jüdischen Kandidaten der verschiedenen Parteien neun gewählt worden. Mit großer Mehrheit die beiden jüdischen Mitglieder der Regierung, der Unterstaatssekretär für Luftschiffahrt Sir Philipp S a s s o o u und der Minister für Verkehrswesen, Leslie Hore-Belislia. Beide sind konservativ. Unter den übrigen gewählten Juden befinden sich die Liberalen Sir Percy Harris, E. A. S'trauss und A. M. Lyons. Der Zionist Barnett Janner unterlag in Whitechapel seinem Gegner von der Arbeiterpartei mit einer kleinen Stimmendifferenz, Der Führer der Liberalen Partei, Sir Herbert Samuel, ist seinem konservativen Gegner unterlegen. Eine schwere Niederlage erlitt der antisemitische Konservative Edward Doran, der die Juden im Unterhaus wiederholt angegriffen hatte. Nicht wiedergewählt wurden der stellvertretende Premier Ramsay MacDonald und sein Sohn, der jetzige Minister für die Kolonien, Malcolm MacDanald. Anm. der Red. Tief bedauerlich ist die Niederlage Jänners, welcher im Parlament unermüdlich und unerschrocken für jüdische Interessen im allgemeinen und für zionistische im besonderen gekämpft hat. Nachdem die Arbeiterregierung MacDonald das antizionistische Palästina-Weißbuch herausgegeben hatte, kam es im jüdischen Viertel Londons Whitechapel zu Wahlen. Zum Protest wurde Janner als Kandidat gegen den Arbeiterparteiler aufgestellt und siegte. Große Entrüstung löste damals die Haltung der Poale-Zio« nisten aus, welche aus „internationaler Solidarität" dem Zionisten in den Rücken fielen und für den Kandidaten der antizionistischen Arbeiterregierung arbeiteten. Janners jetziger Durchfall ist ein Beweis für Mangel au politischer Einsicht, Würde und Dankbarkeit auf selten gewisser linksorientierter jüdischer und zionistischer Kreise. Janner wird fühlbar fehlen. Nicht zu bedauern ist der Durchfall Samuels, welcher als Gouverneur von Palästina ungeheuren Schaden angerichtet hat. Wenig zu bedauern der Abgang Mac Donalds und seines Sohnes, welcho für das jüdische Palästina immer freundliche Worte und unfreundliche Taten übrig hatten. fm ieden Zef^uMäa^et um ftößtte ItfkidtykeM! Um wirklich wenig üeld sind jetzt die schönsten u. pracht. vollsten echten Perserteppich« (gesunde, ausgesucht« Qualitätsware) bei uns zu haben, ßebann reelle Bedienung, Gelegenheitskäufe u.Zahiungserleichterungen lürjedermani PERSER- U. ORIENTTEPPICHE B» Consa» I» ParkfSlig 12 Eingang Weihburggasße, Qartenbau-Obj.