Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 513 (15.11.1935)
- Date
- 1935-11-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 513 DIE NEUE WELT Seite 3 Hitler — größter Lieferant Palästinas Schande, Feindschaft, hilfloses Gestammel Auf dem Luzerner Zionistenkongreß hat Meir Großmann im Namen der Judenstaatspartei Protest gegen die Schande erhoben, daß Juden in Palästina Waren von Hitler-Deutschland kaufen, um schäbigen Profit die jüdische Ehre schänden, die Abwehrfront der durch Hitler in ihrer Ehre und Existenz bedrohten Weltjudenscha.ft durchbrechen, das jüdische Land mit Erzeugnissen des erbarmungslosesten, skrupellosesten Feindes überschwemmen. Er hat Protest erhoben gegen die noch größere Schande, daß die Leitung der Zionistischen Weltorganisation sich unter dem Vorwande, deutsche Juden und deutsches Kapital zu retten, an diesem Handel mit deutscher Ware und jüdischer Ehre verantwortlich beteiligt, das gesunde und ehrliche Empfinden einfacher jüdischer Männer und Frauen, Väter und Mütter aufs tiefste verletzt und dem jüdischen Volke ringsum Verachtung und Feindschaft schafft. Vergebens sind die Worte der Judenstaauci auf dem Kongreß gewesen. Nun erheben sich Stimmen der Nichtjuden, welche die Juden anständig behandeln und sich zum Dank dafür vom palästinensischen Markt durch Hitler-Deutschland verdrängt sehen. Allen voran protestiert England. Nun glaubten die zionistischen Führer über die Stimme der Judenstaatler hinweggehen, sich auch über die Stimmen aus kleineren Staaten hinwegsetzen zu können. Aber über die Stimme Englands, der Macht, welche die Balfour-Deklation erlassen hat und Palästina verwaltet, kann man nicht hinweggehen. Man will antworten und verfällt in ein klägliches Gestammel, in Unwahrheiten mit kurzen Beinen. Zuerst wurde verbreitet, daß England gegen den Handel mit Hitler-Deutschland nichts einzuwenden habe. Die Antwort waren Protestbriefe in den engli- JUDENSTAATSPARTEI ÖSTERREICHS Sektion XIII XV SchanrstroOe 3a Dienstag, den 19. November 1936, präzise 8 Uhr abends VORTRAG Referenten: Dr. Sal. Wolf / Fritz Richter Anschließend: Generalversammlung In Anbetracht der Wichtigkeit wird um pünktliches u. zahlr. Erscheinen gebeten sehen Zeitungen voll von Entrüstung. Dann verstieg man sich zur Behauptung, daß die englische Palästina -Regierung selbst, im Wege des Transfers Waren aus Deutschland beziehe. Die Antwort auf diese dreiste Entstellung ist auch da. Aus Jerusalem wird gemeldet: Gegen die Meldungen, daß die Palästina-Regierung den Warentransfer mit Deutschland billigt und sogar benützen will, erläßt sie eine offizielle Kundgebung, in v/elcher es heißt: „Die Palästina-Regierung dementiert die aus Berlin stammende Meldung, daß sie die Absicht hat, Waren aus Deutschland im Rahmen des Transferabkommens zu bestellen, um deutschen Juden die Ausfuhr von Teilen ihres Vermögens nach Palästina zu ermöglichen." Nachdem Gerüchte von der Zustimmung Englands zum Handel mit Hitler-Deutschland ihre Wirkung versagten, versuchte man ein anderes Mittel. Man begann die Sache klein zu machen. Diesen Versuch unternahm auch der politische Referent der Zionistischen Exekutive in London Professor S. Brodetzky auf der Konferenz der zionistischen Frauen Englands. Er bezeichnete die Behauptung, daß ein großer Teil des Palästina-Imports aus «^■^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■H II Hfl* J Bl Jf J II aus Lastex od. Stoff, schlank machend hMiftM*llß^s^Ä Deutschland stamme, als unwahr. Der deutsche Import sei unbedeutend. Und prompt ist die Antwort da. Amtliche Statistik: T e 1 - A v i v (Palnews): Im Juni 1935 hat der deutsche Export nach Palästina zum ersten Male den englischen überflügelt: Der Import Palästinas aus Deutschland stellt sich auf 183.718 Pfund, derjenige aus England auf 161.530 Pfund. Es gibt zwischen den Juden und England Differenzen wegen der Art der Verwaltung Palästinas und manch bitteres Wort ist gefallen. Und doch ist England die Macht, der die Juden so unendlich viel zu danken haben: Balfour-Deklaration, Palästina-Mandat. England ist auch der weitaus größte Abnehmer palästinensischer Waren... Der Dank: Hitler ist der größte Lieferant des jüdischen Palästina! . . Boykott, Transfer — wo bleibt die Logik? Von Meir Großmann (Tel-Aviv). Die „Neue Welt" kämpft gegen den beschämenden und schädlichen Zustand an, daß unter dem falschen Vorwand „deutsche Juden und ihr Kapital zu retten" Palästina im Wege des „Transfer" genannten Abkommens mit der Berliner Regierung mit deutschen Waren überschwemmt wird. Nun ergreift der Führer der Judenstaatspartei in dieser Sache das Wort. Als Herzl zum erstenmal nach Konstantinopel kam, waren die türkischen Juden mit seinem Besuch eehr unzufrieden. Sie beklagten sich bitter — man mache sie unglücklich. Von ihrem Standpunkt aus hatten diese Juden recht. Hunderte Jahre hindurch hatten sie ruhig 'in der Türkei als loyale Bürger gelebt; als die einzigen, welche keinerlei Art territorialer Forderungen stellten. Plötzlich kommt der Zionismus mit seinen Staatsträumen daher. Verlangt Palästina für die Juden. Will einen Charter. Spricht im Namen eines kämpfenden Volkes. „Dadurch" — so argumentierten sie — „untergräbt er die Stellung des türkischen Judentums. Man bedroht seine Zukunft. Man verwandelt die „jüdischen Türken" in einen Teil eines Volkes, das auf ein türkisches Territorium aspiriert. Wer hat denn den Zionisten das Recht gegeben, das Leben anderer Juden aufs Spiel zu setzen?" All diese Einwände hatten nur geringe Wirkung. Der Zionismus ging seinen vorgezeichneten Weg. Als im Jahre 1915 das alexandrinische Bataillon „Zion Mule Corps" (eine halbmilitärische Einheit, aus palästinensischen jüdischen Flüchtlingen zusammengestellt) und später, im Jahre 1917, die Jüdische Legion gegründet wurde, sind zahlreiche Juden, insbesondere Palästinenser, wirklich in Erregung geraten. „Das Auftreten jüdischer Militärabteilungen gegen die Türkei bringt die junge jüdische Gemeinschaft von Palästina in fürchterliche Gefahr. Jetzt werden die Türken die jüdische Einwohnerschaft Palästinas einfach ausrotten. Sie werden die Kolonien und die städtischen Siedlungen vernichten. Sie werden die Juden in der ganzen Türkei pogromieren. Wer hat den Gründern der Legion das Recht gegeben, so leichtsinnig mil? Leben und Gut anderer Juden zu spielen? Es ist geradezu ein Verbrechen gegen einen Teil des jüdischen Volkes, dem Vernichtung droht, Auch in. diesen Keberlegungen steckt ein Stück Wahrheit. Von einem gewissen Standpunkt aus hatten die palästinensischen Juden recht. Und doch ist die zionistische Bewegung nicht vor den Gefahren zurückgeschreckt. Man hat die antitürkische Politik fortgesetzt — den Kampf für die Umwandlung einer türkischen Provinz in ein jüdisches Land. Mehr noch: Man hat offen die Errichtung der Jüdischen Legion unterstützt. Bei Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, gestörtem Schlaf, schlechter Laune, gereizter Stimmung greife man sogleich zu dem altbewährten „Franz-Josef"- Bitterwasser. Aerztlich hestens empfohlen. E Es war kein leichter Entschluß. Aber in dem tragischen Dilemma zwischen dem Wohlergehen einer Anzahl Juden und den historischen Interessen des ganzen jüdischen Volkes hat das zweite Moment die Oberhand gewonnen. Es ist gewiß grausam, aber so ist das Schicksal aller Völker auf ihrem Weg zur Befreiung. Die Geschichte hat ihre Logik, die Logik vom Kampf. Man muß ständig Opfer bringen. Oft, wie beispielsweise im Krieg, opfert man ein Regiment, um eine Armee zu retten. Manchmal sogar bloß um „die Front wiederherzustellen". Jede Erhebung der Juden gegen ihre Verfolger war mit schweren Verlusten verbunden. Der revolutionäre Kampf der jüdischen Jugend gegen das zaristische Regime ist den Juden teuer zu stehen gekommen. Aber kein vernünftiger Mensch hat verlangt, man möge — um einzelner oder Gruppen wegen — die Emanzipationsbestrebungen aufgeben. Die Gründer der Jüdischen Legion standen vor einer schweren Gewissensfrage. Sollten sie die eventuelle Vernichtung des jungen jüdischen Jischuws in Palästina und vielleicht eines Teiles .<#^. jRSfa 0 bei der Bücher Schwedenbrücke! BUCHHANDLUNG SCHNEIDER & CO., WIEN I, Franz-Josefs-Kai 7 Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren zu billigsten Preisen! Katalog gratis! der türkischen Judenheit riskieren, um die Erlösung näherzubringen, oder die historische Chance der Eroberung Palästinas für die Juden aufgeben? Sie wählten schließlich — unter Schmerz und Pein — den ersten Weg. Die weiteren Geschehnisse bestätigten,, daß richtig jene handelten, welche „riskierten". Die Juden der Türkei und Palästinas wurden nicht abgeschlachtet, aber die jüdische Legion und die klare proenglische Orientierung haben uns sehr geholfen, die Balfour-Deklaration zu bekommen. * Nach dieser kleinen Exkursion durch die Geschichte will ich an einem Beispiel zeigen, wie schicksalschwere Konflikte zwischen einem Teil und der Gesamtheit, zwischen historischen Aufgaben eines Volkes und aktuellen Interessen eines Volksteils gelöst werden. Das Beispiel kann als Wegweiser für die Behandlung des schmerzlichen Problems: Boykott — Transfer! dienen. Die Diskussion darüber dauert an. Die Beschlüsse des Kongresses bringen keine HUfe. Die Motivierungen, die man von gewissen zionistischen Parteien und Führern bekommen hat, vermögen scheinbar nicht die tiefe Unruhe zu "beseitigen, die jetzt nicht nur bei jedem einfachen Juden besteht, sondern auch bei verantwortungsvollen jüdischen Politikern und Persönlichkeiten — zionistischen wie nichtzionistischen. Die Frage verschwindet nicht von der Tagesordnung. Man fühlt, daß die Sache nicht in Ordnung ist. Das ist auch verständlich. Jeden Morgen, wenn man eine Zeitung in die Hand nimmt, wird man von Schmerz und Erbitterung erfaßt. Eine natürliche, gesunde Reaktion befällt uns: Nicht einen Augen-* blick schweigen! Jeden Tag unbedingt mit einem unbarmherzigen Kampf gegen Hitler-Deutschland antworten! Wenn man auch an „jüdische Zures" gewöhnt ist, so rufen doch die täglichen raffinierten Verordnungen und kaltbrutalen Verfolgungen in Deutschland grenzenlose Aufregung hervor. Das Blut gerät geradezu in Gluthitze. Es ist nicht bloß der Schmerz ob der gepeinigten Bürger, sondern im wesentlichen das Gefühl tiefster Erniedrigung, das zerrt und wühlt und Satisfaktion verlangt. Wenn auch die physischen Träger der Leiden die deutschen Juden sind, so ist doch das jüdische Volk als Ganzes — das politische und geistige Objekt den Kreuzigung. Das hitleristische Laboratorium macht Experimente zur Lösung der Judenfrage. Würden sie gelingen, würde die Vivisektion „ordnungsgemäß" vor sich gehen, ohne irgendwelche böse Folgen für den Operateur, würde man das gute Beispiel sicherlich ringsum nachahmen. Warum denn nicht? Was man in Deutschland straflos machen darf, kann man schwerlich einem anderen Land verbieten. Vielleicht wird man da und dort nicht dasselbe tun, wird man den Verfolgungen ein Lokalkolorit geben. Im Grunde wird es dasselbe sein: Ausrottung und Vertreibung; der Juden. Die Opfer des Experiments sind die deutschen Juden, gemeint aber sind wir alle, die 16 Millionen Juden, die sich in der Welt befinden. Diese einfache Feststellung bestimmt nicht nur unsere Beziehung zum Zionismus, sondern auch unsere Stellung zum Boykott und zum Transfer, Es ist mehr als eine Frage des Gefühls und des Temperaments, Es ist ein realpolitisches Problem, das logisch, ruhig und überlegt behandelt werden muß. Wenn man Uberhaupt in der Politik ein Konto von „Pro" und „Contra", von „Einnahmen" und „Ausgaben'* aufstellen kann, so haben wir es jetzt mit solch einem Fall zu tun. Die Lage ist kompliziert, aber die Aufgabe, die wir zu lösen haben, ist einfach: mit einem Verlustminimum einen Krieg zu gewinnen, der auf daoi Körper des deutschen Judentums gegen das ganza Jüdische M?Uc geführt wird, Einen Krieg, der unsere