Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 512 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 512 DIE NEUE WELT Seite 3 ' Deutf§dtes Reformgudentum und Palästina Zu den erbittertsten Feinden des Zionismus war immer das um die „Vereinigung für das religiös-liberale Judentum" gescharte deutsche Reformjudentum zu zählen. Man übertreibt nicht, wenn man sagt, daß das deutsche Reformjudentum den Antizionismus in aller Welt geistig organisiert und ihm die Waffen geliefert hat. Dieses Judentum brachte die Protestrabbiner hervor, welche Theodor Herzl als Lehrer für Landesverrat hinstellten und die Abhaltung des ersten Zionistenkongresses in Deutschland unter diesem Vorwand verhinderten. Es merzte alle Stellen, welche auf Zion Bezug nehmen, aus den alten Gebeten aus. Noch vor zwei Jahren war in seinem Organ „Jüdische Allgemeine Zeitung" zu lesen, „daß kein guter deutscher und vaterlandstreuer Jude auch nur einen Pfennig für Palästina, die asiatische Kolonie Englands, geben dürfe". Jetzt hat die Entwicklung in Deutschland das Patentdeutschtum und den bis zur Denunziation gegen andersdenkende Juden gesteigerten Plurrah-Patriotismus vernichtet. Palästina ist nicht nur in die Ideenwelt der deutschen Juden gedrungen. Es ist ihnen Lebensbedürfnis, einzige Zuflucht geworden. Wie stellt sich jetzt das deutsche Reformjudentum zu Palästina? Als die Wanderung deutscher Juden nach Palästina einsetzte, da beschwor es die Abziehenden durch den Mund eines seiner Führer, des Rabbiners Dr. Maybaum, drüben nicht jüdischnational zu werden, sondern gut deutschnational zu bleiben und im „Orient" Träger der politischen und wirtschaftlichen Interessen des Vaterlandes Deutschland zu sein. Und jetzt noch sehen die deutschen Reformjuden in Palästina eine ihnen nur durch äußerste Not aufgezwungene Sache. Wie sie es ansehen, das beweist ein jetzt erschienener Artikel ihres Führers Dr. Heinrich Stern im Organ des Verbandes. Nach der Feststellung, daß die Abwandernden nur unter äußerem Zwange Vaterland, Umgebung und Vaterhaus verlassen, spricht Dr. Stern ein verdammendes Urteil über jene aus, „die ihre Gemeinde im Stich lassen, obwohl sie wirtschaftlich ihr Auskommen haben, nur weil sie es nicht verwinden können, daß ihre gesellschaftlichen Beziehungen nach anderen Seiten gelöst sind". Für die unerhörte Schmach und die perverse Grausamkeit, welche über das deutsche Judentum hereingebrochen sind, findet Dr. Stern nur den Ausdruck „Lösung gesellschaftlicher Verbindungen", welche man ruhig zu ertragen hat. Solange der Zur Berliner Olympiade Aus New-York: Im Gegensatz zu der von deutscher Seite ausgegangenen Meldung, daß die Weltfechtmeisterin Helene Mayer die Einladung Dr. Lewaids zur Teilnahme an den Berliner Olympischen Spielen angenommen hat, erklärt der Beamte des Mills College in Oakland, Kalifornien, an dem Helene Mayer als S p r a c h- 1 e h r e r i n angestellt ist, daß die Fechtmeisterin die Einladung Lewaids keineswegs angenommen, sondern erklärt hat, sie könne auf deutscher Seite an den Spielen nur dann teilnehmen, wenn ihr die Reichsbürge rrechte, die ihr jetzt als Nichtarierin vorenthalten werden, verliehen werden. Auf diese Forderung hat Helene Mayer noch keine Antwort erhalten. * Seidon Rodraan, Dozent der Yale University und Herausgeber des „Common Sense Magazine", protestiert gegen den Standpunkt der „Yale Daily News", des Organs der Yale University, zugunsten der Teilnahme Amerikas an der Olympiade. Der bekannte amerikanische Staatsmann Henry Morgenthau, der frühere amerikanische Botschafter in der Türkei und Vater des jetzigen amerikanischen Finanzministers (die Mergenthaus sind Juden), erklärte Pressevertretern, Amerika müsse sich mit allen Kräften dafür einsetzen, daß die Olympiade 1936 aus Deutschland in ein anderes Land verlegt werde. Morgenthau hätte über diesen Gegenstand mit dem amerikanischen Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees General S h e r r i 11 eine Konferenz abhalten sollen; als aber Sherrill seine bekannte Erklärung, die mit einer antisemitischen Drohung an die amerikanischen Juden verbunden war, veröffentlicht hatte, ßagte Morgenthau die Konferenz mit Sherrill ab. Eine überaus scharfe Stellung gegen Sherrill nimmt das führende katholische Blatt „C o m m o n w e a 1" einy welches Sherrllls antisemitische Drohung mit Indignation verurteilt und erklärt, Sherrill habe die Juden der Vereinigten Staaten in einer u nerhörten Weise verhöhnt, indem er ihnen zumutet, vor dem Schatten eines ihnen angedrohten Pogroms zu erschrecken und einen Standpunkt der Ehre und der Würde aufzugeben. * Aus Montreal (J. T. A.): Das Kanadische Olympische Komitee beschloß einstimmig, zu der Einladung der deutschen Regierung, an der Olympiade Berlin 1936 teilzunehmen, erst dann Stellung zu nehmen, wenn der Beschluß des British Olympic Committee betreffend Teilnahme an der Berliner Olympiade vorliegt. Holland sagt ab Aus Amsterdam, 10. November (J. T. A.): Die Niederländische Sportvereinigung beschloß fast einstimmig, keine Delegation zur Olympiade nach Berlin zu entsenden. Der Präsident des Verbandes zur Förderung der Olympiatie, Bernard van Dam, teilte dem J--T.-A.-Vcrfcreter mit, sein Komitee werde am 20. Novem.- i deutsche Jude noch unter den blutigen, kotigen Stiefeln der Hitler-Leute Futterbrocken für sich und seine gemarterten Kinder erhaschen kann, hat er zn bleiben. So will es Dr. Stern. Nur wenn Juden unmittelbarvor dem Hungertod stehen, dann erlaubt ihnen Herr Dr. Stern, nach Falästina abzuziehen, gibt ihnen aber ein Gebot mit auf den Weg. Sie müssen ein Ziel haben. „Wenn sie ohne festes Ziel in irgend einem Lande unterkriechen, so ist es eine Untreue gegen die Gemeinschaft, die sie antreffen." Welches ist dieses feste Ziel? Reform der jüdischen Religion auch in Palästina. Dr. Stern sagt, es sei unverständlich, wie ein Religiös - Liberaler seine Kinder aus seinem Hause entlassen kann, um sie ohne Bedenken dem geschworenen Feinde seiner eigenen Weltanschauung hinzugeben. Die E rneuerung des jüdischen Geistes und religiöser Form könne niemals von einer jüdischen Weltanschauung kommen, der nur das Alte heilig und v e rb i n d 1 i c h ist und die jede Erneuerung als Sünde brandmarkt und brandmarken muß. Unsere Hoffnung in Palästina, schreibt Heinrich Stern,- beruht in den jungen Kräften des Landes, von denen wir hoffen, daß der Geist Gottes wie ein Sturmwind in sie fahren werde. Dem deutschen Reformjuden ist also Palästina nicht nur zu sehr jüdischnational, es ist ihnen auch zu jüdisch-orthodox, zu sehr belastet mit „alten Formen". Sie wollen, daß ihre Jugend auch drüben kämpfe — für Deutschtum und gegen „veraltete" Gebete und Feiertage und was sonst noch an der „brüchigen" Tradition drum und dran ist. D a s ist das feste Ziel... Es ist schwer, mit den deutschen Assimilanten zu rechten. Zu großes Unglück liegt auf ihnen. Aber man muß vor ihrem Gehaben warnen, wenn es die Jugend und Palästina tangiert. Eine Jugend, vom Geiste des deutschen Reformjudentums beseelt, muß in Palästina unglücklich werden und Palästina an ihr. Palästina kann nur jüdische Patrioten brauchen, denn es steht und fällt mit dem jüdischen Patriotismus. r. st. mmmmsm^^mms^^mm^^m B Eröffnungsanzeige: Buchhandlung Schmelz, I. Bez.. jföj H Bognergsse 7. Antiquariats-Katalog gratis! ||] ber in Amsterdam in einer Massenkundgebungvon Sportsleuten, Künstlern und Schriftstellern für eine Reinhai-; tung des olympischen Gedankens plädieren. Sein Verband habe nichts mit Politik zu tun, aber Deutschland sei es, das Politik mit Sport verquickt. ftAensdh und Rinmensdi Die Wiener katholische Zeitschrift „Der christliche Ständestaat" schreibt mit Hinweis auf die angeordnete Weglassung der Namen jüdischer Kriegs gefallener von Denkmälern: „Die ganze Welt, nicht nur alle guten Deutschen, müssen sich diese Frage vorlegen, von der das Schicksal unseres Kontinents abhängt. Die Frage, welcher Rasse die Geschändeten angehörten, als sie glaubten, für Deutschland zu fallen, ist durchaus belanglos. Hier handelt es sich nicht mehr um die Grenzen zwischen Kassen, sondern um die Grenze zwischen Mensch und U nmensch. Mit der Feststellung der Empörung sollte sich die Welt aber nicht begnügen. Eine praktische Konsequenz Hegt nahe, es ist dieselbe, die die für den furchtbaren Erlaß Verantwortlichen im Auge hatten, als sie ihr Täuschungsmanöver versuchten. Ein Wort genügt: Olympiade. Sollen Menschen, die auf Menschenwürde noch Wert legen, wirklich der Einladung zu harmlos-sportlichen Wettkämpfen in ein Land folgen, in dem so 1 c h v Erlässe gemacht werden?" Kritik der englisdien Palästina? Politik Die Araber unzu frieden Aus Jerusalem wird gemeldet: Die arabische Tageszeitung „F a 1 e s t i n" widmet einen Leitartikel der bekannten Tagung des Anglo-Palestine Club in London, in welchem die Zeitung sich zu beweisen bemüht, daß ,,clie Engländer und Juden in London eine Einheitsfront gegen die Araber bilden" und daß die Engländer „m ehr am jüdischen Nationalheim interessiert sind als die Juden". „Falestin" richtet die Beschuldigung gegen die Mandatsmacht, daß sie keinerlei Kontrolle über die von den Juden durchgeführten Bodenkäufe übe. Daraus gehe hervor, daß die Juden unbeschränkt Boden kaufen können und die Käufe abbrechen, wenn es ihren Interessen nicht entspricht. Nichtsdestoweniger werde die Einwanderungsfrage, an der die Juden überaus interessiert sind, durch die Mandatsmacht reguliert. „Falestin" weist darauf hin, daß infolge der komplizierten weltpolitischen Lage die Juden aufgehört haben, Boden zu kaufen und einen großen Teil ihrer Kapitalien aus den Banken gezogen haben. Dieses Faktum beweise, daß die Juden die wirtschaftlichen Fragen über die politischen Fragen stellen. Im Schlußteil tfc* Leitartikels kommt das Blatt auf die Reden des Kolonialministers Malcolm Mactlonaid und des palästinensischen Oberkommissärs Sir Arthur Wauchope ztf sprechen und erklärt, daß ihre Ausführungen, Palästina; hätte keine Ursache zur Angst vor der internationalen Lage, nicht richtig seien und dahin zielen, die Juden zur, Fortsetzung ihrer Tätigkeit in Palästina zu ermutigen. Schließlich führt der „Falestin" Klage darüber, daß die Juden zur Zeit bei Bodenkäufen sehr vorsichtig sind und die Engländer ihre alte Taktik fortsetzen, welche den arabischen Interessen schädlich sei und die zionistischen Positionen im Lande stärke. Zum Weltkongreß Aus Paris (J. T. A.): Im Zusammenhang mit der Mitteilung über den Jüdischen Weltkongreß erhalten wir vom Exekutivkomitee des Comite des Delegations Juivcs und des Jüdischen Weltkongresses die Erklärung, daß Mr. Abc Goldberg aus New York während seiner Durchreise in Paris eine Zusammenkunft mit einigen Mitgliedern des Komittecs hatte, in welcher die allgemein empfundene Notwendigkeit eines schnellen Zusammentretens des Jüdischen Weltkongresses besprochen wurde. — Das Zentralbüro des Exekutivkomitees legt Wert auf die Feststellung, daß keine Exekutive-Sitzung stattgefunden hat und demzufolge auch keine Bestimmung über das Datum des Weltkongresses und die Wahlmodalitäten getroffen werden konnte. Vor einem fudengesdiäftf erschossen Aus Berlin. (Tschechoslowakisches Preßbüro.|j Ein Wachebeamter prüfte in der Nacht in einem Berliner Vorort die Schlösser eines jüdischen Geschäftes. Er wurde dabei von zwei Personen angerempelt, die ihn al3 „J u d e n k n e c h t" beschimpften. Als der Wachebeamte sich die Beleidigungen verbat, zog eine der unbekannten Personen einen Revolver und schoß auf ihn. Der Beamte erwiderte das Feuer und tötete einen der beiden Angreifer. Wie sich ergab, handelte es sich bei dem Getöteten um einen S S.-F ü h r e r. Der Wachebeamte wurde verhaftet, ist jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt worden, da sich herausstellte, daß er in Notwehr gehandelt hatte. Prager Brief Deutsdie Müden, Demokratie, Antisemitismus Unser Prager Dr.-J.-S.-Mitarbeiter schreibt uns: Auf dem Weg vom Wilson-Bahnhof in die Stadt fährt man an einem schönen Gebäude vorbei, das die Aufschrift „Neues Deutsches Theater" trägt* Wenn man zufällig am späteren Abend vorbeikommt* wird man einer großen Menschenmenge gewahr, die dem Theater entströmt, aber nur sehr wenige „Deutscharier" enthält. Die anderen, die der Majorität der Stadt Prag angehören, können sich nicht enthalten, mit verärgerter oder ironischer Miene zu sagen: In Deutschland wird ihnen der Theaterbesuch verboten, und hier bei uns muß das Deutsche Theater just vom jüdischen Publikum gestützt werden ... Die Juden sind hier eben immer noch Deutsche. Der Jude hier gibt — das sei besonders angemerkt — ohne Zögern 50 K5 für einen Sitz im Deutschen Theater aus, während ihm für eine jüdische Aktion kaum ein Zehntel dieses Betrages zu „erpressen" ist. Hiebei muß noch die Tatsache erwähnt werden» daß die Deutschen bei uns ausgesprochen hitlerisch eingestellt sind und daß gerade die Anhänger der H c n- 1 e i n - P a r t e i bei ihrer Wahlpropaganda in der unerhörtesten Weise gegen das angeblich undeutsche Repertoire des Deutschen Theaters gehetzt haben. Es würde auch den Juden, von denen gewiß 90 Prozent die tschechische Sprache beherrschen, nicht schaden, die 17 tschechischen, auf hoher künstlerischer Stufe stehenden Theater zu besuchen — anstatt immer noch zu den Filmen aus dem Dritten Reich zu laufen und auch damit den Unwillen des tschechischen Volkes her» vorzurufen ... Traurige Dinge! Aber man muß sie sagen, wenn man der Wahrheit dienen will. * Der Dank der Deutschen an die jüdische Assimilation ist immer derselbe. Aber auch die tschechischen Reaktionären ihrerseits tun ihr Möglichstes, um die jüdische Minorität der tschechischen Republik zu diskreditieren und die Bevölkerung gegen die Juden aufzuhetzen. Erst vor einigen Tagen haben die jüdischen Abgeordneten Dr. Angelo G o 1 d s t e i n und Dr. Chaim K ug e 1 (von denen man bisher nicht viel gehört hat) im Parlament eine Interpellation an den Schulminister eingebracht, worin sie gegen den Professor der tschechischen Universität in Prag, Dr. Karel Titz, Beschwerde führen, der in seinem Seminar antidemokratische unud judenfeindliche Aeußerungen macht. Die Interpellation führt u. a. folgende Aeußerungen des Pädagogen an: „Wir sollen Ehrfurcht vor der italienischen Kultur haben und Mussolini nicht mit den Augen jüdischer Journalisten sehen... Eure Eltern, die kommunistisch, sozialdemokratisch und nationalsozialistisch (Partei des Außenministers Dr. Benes) gewählt haben, sind schuld daran, daß wir durch die Juden dem Verderben zutreiben." Diese Interpellation und die obenerwähnten Vor» fälle sind Symptome, die man beachten soll.