Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 512 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 512 Die nächsten billigen Reisen nach E AI 17" November, 12. u. r Sb m% 22. Dezember 1935 Auskünfte bei Dr. S.Tockei*, IX, LiechtenstelnstraBe 2, Telephon A-l4-504 Weltpolitik der Woche Deutschland, das den Völkerbund verlassen hat und zusehen muß, wie die großen Fragen von den anderen Mächten behandelt werden, ohne daß man es zur Mitarbeit heranzieht, hat den Wunsch, sich wieder in das europäische Konzert einzuschalten. Nicht etwa aus kulturpolitischem Bedürfnis, sondern um durch neue „Kombinationen" über seine inneren, vornehmlich wirtschaftlichen Schwächen hinwegzutäuschen und hinwegzukommen. Der französisch-sowjetrussische und der tschechisch-sowjetrussische Pakt, hinter dem zweifellos die Sympathie der Kleinen Entente steht, zeigen Deutschland seine grenzenlose Isolierung, an der auch seine wohlwollende Neutralität gegen das von Sanktionen bedrohte Italien nichts ändert. Hier gibt es nur einen Weg: Rückkehr in den Völkerbund. Das ist keine so leichte Sache, denn Hitler und seine Genossen haben dem deutschen Volk versprochen, daß es nach dem Austritt aus dem Völkerbund von allen Bindungen an die alten Verpflichtungen befreit und in der Lage sein werde, seinen Instinkten zu!eben. Die Nationalsozialisten verkündeten seinerzeit, im Oktober 1933, den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund als den Beginn einer neuen Aera der deutschen, germanischen Geschichte. Der Bevollmächtigte Hitlers, von Ribbentrop, Boll nächstens in Paris verhandeln. Worüber? Wozu? Der Nichtangriffspakt und die Garantie der Grenzen sind bereits im Kellogg-Pakt und Locarno-Vertrag festgelegt. Es gibt theoretisch keinerlei Reibungsgründe zwischen Frankreich und Deutschland. Daher kann eine Unterredung zwischen Ribbentrop und Laval nur den Zweck haben, das Mißtrauen gegenüber Deutschland aus der Welt zu schaffen. Das aber besteht, solange Deutschland im bisherigen Tempo weiterrüstet. Von der Schaffung einer Vertrauensatmosphäre in, Paris durch Ribbentrop kann also keine Rede sein. Der Versuch Hitler-Deutschlands, die Welt von seiner Friedensliebe zu überzeugen, wird wie alle bisherigen dieser Art scheitern. England ist bereits entschlossen, in Sachen der Aufrüstung von Deutschland ein klares Wort zu verlangen. Deutschland, das seinen Bürgern statt Butter Gasmasken bietet, wird nun endlich antworten müssen. Denn sein ,,Freundschaftspartner", Polen, dürfte, wenn nicht alle Zeichen trügen, vor einer Wendung in der Außenpolitik stehen. Oberst Beck, der bisherige Leiter des polnischen Außenamtes, auf den die deutschfreundliche und tschechenfeindliche Politik der polnischen offiziellen Stellen zurückzuführen ist, wird sich nicht lange behaupten können. Das englisch-französische Zusammengehen im italienisch-abessinischen Konflikt ist im Begriffe, sich auch auf andere Zonen der europäischen und außereuropäischen Politik auszuwirken, so daß Polen — ähnlich wie Deutschland — vor der Gefahr steht, isoliert zu werden. Polen wird sich also sehr bald entscheiden müssen: Es wird sich für Frankreich und England und gegen Deutschland entscheiden. England wird nach den Unterhauswahlen in Europa wieder stärker in Erscheinung treten, zumal es in Genf und außerhalb Genfs intensiv an der Liquidierung seines Spannungsverhältnisses zu Italien arbeitet und heute schon viel dafür spricht, daß die ostafrikanische Affäre den Frieden Europas nicht gefährden dürfte. Die italienischen Aktionen in Abessinien nehmen ihren Fortgang. Der Feldzug ist kein Spaziergang. Italien muß. seine ganze moralische, wirtschaftliche und militärische Kraft in den Dienst dieser Sache stellen. Denn nur tatsächliche Erfolge werden dem Sieger die Möglichkeit geben, mit Ausischt auf Gewinn an den Verhandlungstisch zu treten. Vorläufig befindet sich der Feldzug noch im ersten Stadium. Man weiß nicht, was Abessinien dem italienischen Elan entgegenstellen kann, wenn es auf die Entscheidung ankommt. Aber England ist — trotz seiner diplomatischen Bemühungen — im Vorderen Orient nicht untätig. Rings um den Suez-Kanal häufen sich englische Kriegsvorräte. Die Kriegsflotte bewegt sich im östlichen Mittelmeer, tausende Flugzeuge stehen in Aegypten und Palästina bereit. Neue, sichere und technisch fundierte Wege nach Indien sind im Entstehen begriffen. Seit dem Jahre 1914 hat England für sein Imperium nicht so viele Kräfte mobilisiert wie im Herbst 1935. Einige hundert Millionen Pfund werden ins Rollen gebracht und eine Wirtschaftskonjunktur wird vorhergesagt, die alle bisherigen „fetten Jahre" weit übertreffen soll. Woher dieser Optimismus stammt, läßt sieh vom schmächtigen Kontinent aus nicht beurteilen. Denn dieser hat sich an die sogenannten schlechten Zeiten so sehr gewöhnt, daß ihm solch eine Prognose wie ein Wunder erscheint. Wir im kleinen Oesterreich werden es mit Genugtuung begrüßen, wenn uns eine Welle des kommenden brausenden Konjunkturstroms erreicht, o. r. Minister a. D. Czermak Zur österreichischen Judenfrage Wir haben in der Vorwoche über einen Vortrag des Ministers a. D. Czermak über die österreichische Judenfrage berichtet. Nun liegt die Meldung über ein Interview vor. in welchem er dem Wiener Publizisten Bruno Heilig einige Aufklärung über das Ziel seiner Bestrebungen in der Judenfrage gab. Er erklärte folgendes: „Die jüdische Volksgruppe in Oesterreich soll selbstverständlich als eine Gruppe von vollberechtigten Staatsbürgern bestehen. An so etwa« wie Scheidung von Staatsbürgern und Staatsangehörigen denken wir nicht. Es muß zunächst einmal die grundsätzliche Stellung der Juden zum Staat mit einem Wort geklärt werden: Die Staatsführung behalten wir uns vor. Im Rahmen dieses Prinzips wird zu klären sein, wie weit der Einfluß der Juden auf den Staat dann überhaupt reichen kann. Darüber im einzelnen und in den letzten Konsequenzen Aufschluß zu geben, wäre verfrüht. Jedenfalls bin ich der Meinung, daß die Juden ihre sehr weitgehende Autonomie haben müssen und daß ihr Anteil an der Verwaltung des Staates und an der Beeinflussung der Staatsführung ihrer Zahl und ihrer Bedeutung zu entsprechen hat. — Es ergibt sich aus allen meinen Erklärungen, daß die Z e r s t örun'g der wirtschaftlichen Grundlagen unserer jüdischen Mitbürger nicht das Ziel meiner Bestrebungen sein kann und daß das auch nicht im Sinne des Ständestaates läge. Aber es ist Tatsache, und das geben auch die meisten Juden schon zu, daß die B erufsgliederung der Juden ungesund ist. Sie wünschen selbst eine Berufsumschichtung. Sehen Sie, wie unglücklich sich die Lage der Juden in Polen wegen ihrer ungesunden Berufsschichtung entwickelt hat. Sie müssen jetzt in Massen auswandern. Eine Umschichtung ist auch bei uns notwendig, aber ich denke nicht daran, daß sie im Wege einer Zerstörung von Existenzen durchzuführen wäre. Wenn die Juden Plätze zu räumen haben, müssen sie natürlich Plätze bekommen. Das ist einer jener Punkte, über die man vor einem geeigneten Forum und mit den zuständigen Persönlichkeiten wird sprechen müssen." Totsdhlag mit HillersGruß Vor dem Kreisgericht in Grodno (Polen) begann dieser Tage der Prozeß gegen 17 Antisemiten, welche sich an den pogromartigen Ausschreitungen in Grodno während des verflossenen jüdischen Schewuoth-Festes am 7. Juni 1935 beteiligt haben, bei denen die zwei Juden Israel B erezowski und Gedalja Becher getötet, 13 Juden zum Teil durch Messerstiche erheblich verletzt und in 183 jüdischen Häusern und 85 jüdischen Läden die Fenster ausgeschlagen und viele andere Zerstörungen angerichtet wurden. Als Anführer der Ausschreitungen werden in der Anklageschrift der 25jähi*ige Alfons Panasiuk und der 23jährige Edmund Zygmanski genannt. Die Familien der getöteten Juden und die übrigen Geschädigten haben Entschädigungsansprüche gestellt. Die Mehrheit der Beschuldigten trägt bei der Vernehmung vor Gericht ein freches Wesen zur Schau und weigert sich, auf die Fragen der jüdischen Advokaten Antworten zu geben. Die Angeklagten begrüßen einander beim Betreten des Gerichtssaales mit dem Hilter-Gruß. Als der Staatsanwalt den Hauptangeklagten Alfons Panasiuk fragt, ob er die Exzesse, die zwei jüdische Todesopfer und mehrere jüdische Schwerverletzte zur Folge hatten, bedauere, erklärte dieser: „Nein, ich bedauere nicht, ich hasse die Juden!" Als der Zeuge Stadtrat Jezierski von den Angeklagten als von „Huligans" spricht, protestiert Panasiuk und der Vorsitzende weist den Ausdruck zurück. KREUZ"KINO Der große Abenteurerfilni 1, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstellungen: A, 'A6, Va8, 'AIO mit Warner Baxter ROTENTURM 41 MsicBf I, Fleischmarkt 1 * ' 2 "■"»KCIICTC Telephon R-29-1-59 Beginn: ft, V*6, Va8, %I0 / Szöke Szakall, Felix Bressart, Otto Wallburg u. a. SCHKFFER VI, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 Ueginn: 'Ali, Vit, 'A8, 'A10 stafäTVIF Mariahilferstraße 120 Telephon B-88-0-68 Wochentags: 5, 7, 9 Ulli Greta Garbo in Der seltsame Fall des Dr. Prentlce (Eine Frau hat getötet I) mit William Powell und Myrna Loy Täglich: Vitt, V*6, 7 u.? Uhr VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn: %6, Vt9, 'A10 Der seltsame Fall des Dr» Prentice (Eine Prau hat getötet!) mit William Powell und Myrna Loy Die Verteidiger der Angeklagten bemühen sich, nachzuweisen, daß die Juden einen Selbstschutz gebildet und dadurch aufgereizt hatten. * Der dritte Tag des Prozesses war reich an aufregenden Momenten. Die Nationaldemokratie versuchte durch die Verteidiger im Gerichtssaal einen Vorstoß gegen die Juden zu inszenieren. Die Juden sollten al3 die Urheber der Geschehnisse „entlarvt" werden. Es fanden sich auch zwei Polizeikommissäre, Najman und Bronowski, die aussagten, daß Gruppen mit Gummiknütteln und Messern bewaffneter jüdischer junger Leute zu 100 und 150 Mann die christliche Menge provozierten. Dem jüdischen Advokaten Fürstenberg gelang es, diese Aussagen als grundlos zu erweisen. Die Polizeibeamten mußten schließlich zugeben, daß von einem provokatorischen Vorgehen jüdischer Jugend nicht die Rede war. sondern daß lediglich in einer kleinen Synagoge einige jüdische junge Leute verhaftet wurden, als sie sich Uber die Notwendigkeit der Organisierung eines Selbstschutzes unterhielten. Die Beamten gaben zu, daß die Panikstimmung unter der jüdischen Bevölkerung so groß war, daß lange nach dem 7. Juni kein Jude wagte, sich auf der Gasse zu zeigen« Der 13jährige Becher gab eine erschütternde Darstellung der Ermordung seines Vaters Gedaljah Becher. Der Vorsitzende des kaufmännischen Vereins Rubinczuk sagte aus, die Vorgänge am 7. Juni erinnerten ihn an die Pogrome in Rußland, deren Zeuge er gewesen war. Der Vorsitzende vertagte hierauf die Verhandlung bis 12. November. Jüdischer Antisemitismus Von unserem New-Yorker Mitarbeiter An das jüdische Amerika treten in letzter Zeit Fragen heran, die man hier früher nicht kannte. Sprach man vordem viel vom jüdischen Elend in Mittel- und Osteuropa, so ist man jetzt gezwungen, sich in erster Reihe mit der jüdischen Verelendung hierzulande in den Vereinigten Staaten zu beschäftigen. Der Verlauf der vor kurzem in Los Angeles abgehaltenen Jahreskonferenz des „Verbandes jüdischer Frauen in U. S. A." gibt ein Bild der Aenderung der Verhältnisse. Das die ganza Tagung beherrschende Problem war die Arbeitslosigkeit unter den jüdischen Mädchen und Frauen. Eine der Referentinnen stellte fest, daß es in New York über 20.000 und in Chikago mehr ala 8000 arbeitslose jüdische Mädchen und Frauen gibt. Dia Erscheinung wurde auf den wachsenden Antisemitismus in amerikanischen Wirtschaftskreisen zurückgeführt, ins-* besondere auf die Wirkung der in U. S. A. mit viel Ge13 und großer Hartnäckigkeit betriebenen Propaganda der Agenten Adolf Hitlers. Die Konferenz beschloß die Einleitung von Gegenaktionen und einer großzügigen Auf«« klärungskampagne. Die meisten Zeitungen berichteten ausführlich und; wohlwollend über die Tagung. Nur die große jüdischsozialistische Tageszeitung „Vorwärts" richtete Angriffe gegen sie. „Vorwärts" beschuldigte die Referentinnen und Rednerinnen feiger Zurückhaltung und Verschleierung des Grundübels. Wohl übt der amerikanische Nazi* Antisemitismus gewisse Wirkungen aus. Aber, so frägt „Vorwärts", was ist es mit dem jüdischen Antisemitismus? Immer größer wird die Zahl jüdi« scher Firmen, die keine jüdischen Arbeiter und Angc« stellten beschäftigen wollen. Wohl gibt es eine große Zahl jüdischer arbeitsloser Mädchen. Aber heute wäre es noch eine Leichtigkeit, alle unterzubringen, wenn sich nur gewisse große jüdische Firmen dazu entschließen würden, auch Juden anzustellen. Der „Vorwärts" erklärt, dal4 den Führerinnen der jüdischen Frauenorganisation diese Tatsachen bekannt sind, daß sie aber hievon geschwiegen haben, um großen Geldgebern und guten Freunden nicht nahezutreten. Die Form, welche der sozialistische „Vorwärts'* seinen Anklagen gegen die bürgerliche Frauenorganisation gibt, mag etwas demagogisch sein. Aber in der Sache hat er recht. Es gibt hier einen jüdischen Antisemitismus, der sich um so fühlbarer macht, je ärger die Zeiten werden* Judenstaatspavtei Oesterreichs Vcranstaltungskalender Sektion XIV/XV Schanzstraße 32. Dienstag, den 12. d. M., halb 9 Uhr abends, Vortrag Dr. Salomon Wolf: „Völkerbund und Palästina." Sektion Brigittenau. Dienstag, den 12 d. M., halb 9 Uhr abends, im Helm, I., Werdertorgasse 14, Mitgliederversammlung. — Mittwoch, den 13. d. M., halb 9 Uhr abends, im Heim, I., Werdertorgas.se 14, Vortrag Dr. Oskar Teller: „Neue jüdische Dichtkunst." Sektion Prater, IL, Kleine Zufahrtstraße 166. Donnerstag, den 14. d. M., im Heim um halb 9 Uhr abends. Vortrag Dr. Abraham Schmerler: Berufsumschichtung. Sektion IX/XVIII: Sonntag, den 17. <1. M., 11 Uhr vormittag», Im Schubert-Kino, IX., Währlugcrstraße 40, Aufführung des Palästina-Films „Das ist das Lau <1." Ik'iehhaltigos Beiprogramm. Karten erhältlich in allen Sektionen. Judenstaatsjugend, Sektion XVI/XVII, Jeden Mittwoch, 8 Uhr abends, Zusammenkunft im Heim, Gastwirtschaft Grün, XVI., Friedrich-Kai.ser-Gasse 21. I Bund jUdlsoher Frontsoldaten Oesterreichs, Bezirksgruppe Landstraße, Wien, HI., Landstraße Hauptstraße 9. Mittwoch, den 13. d. M., 8 Uhr 15 Minuten, Dr. FriedricU Großauer; „Jüdische Symphonie",