Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 512 (12.11.1935)
- Date
- 1935-11-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen Jahrgang 9 Dfemtag, den 186 *«15 Nr* 512 V* b+h* DIE NEUt *itl. Zeitung vom Verleger versendet „Journal expedi6 par rediteur** REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig S 4.-, ganzjährig 3 16.-; Polen. monatUcn Zloto 1.M, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-. vierteljährig Kc 15.-: Jngosla^en monatlicb Dinar l*-^«teljährlg Dinlr 40.-; Bumänien monatlich Lei 40.-. vierteljährig Lei 120-; Deutschland monaüich Mark 1.^ v^rteljttrif Mark 3.-; Bnlgaricn monatlich Lewa 30.-. vierteljahrig Lewa 80.-; Italien monatlich Lire 5^.-. vierteljährig Lire 14^-. Schwei» und die übrigen Lander monatlicb Schweizer Franca 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion it. Verwaltung: IX, Universiiätsstr. 8,7et. A-20-2-78 - Erscheint Dienstag a. Freitag PALÄSTINA Billige Reisen nach kostenlose Beratung in allen Reiseangelegenheiten, welche Palästina betreffen, erteilt Dr. S. Tocker, Wien IX, Liechtensteinstraße 2 Telephon A-14-504 Wahlen in England 40 jüdische Kandidaten Aus London wird gemeldet: Unter den Kandidaten für die am 14. November stattfindende Neuwahl des englischen Parlaments gibt es vierzig Juden, von denen 28 von der L a b o u r Party, 6 von den Konservativen, 4 von den Liberalen und 2 von den Nationalliberalen aufgestellt wurden. Die bisherigen jüdischen Abgeordneten James de Rothschild (Nationalliberaler) und Major Nathan, der sich in letzter Zeit der Labour Party angeschlossen hat, werden voraussichtlich ebenso wie der bekannte prozionistische nichtjüdische Abgeordnete Colonel Josiah Wedgwood (Labour Party) ohne besondere Schwierigkeiten wiedergewählt werden. Ferner rechnet man bestimmt mit der Wiederwahl der beiden jüdischen Mitglieder der gegenwärtigen Regierung, des Ministers für Verkehrswesen Hoare Belisha und des Unterstaatssekretärs für Luftschiffahrt Sir Philip Sassoon. Eine besondere Rolle in dem Wahlkampf spielt der Führer der liberalen Opposition, Sir Herbert Samuel. Er wird um sein Mandat einen harten Kampf gegen einen Kandidaten der Labour Party und einen Kandidaten des Regierungsblocks zu führen haben. Auch das Mandat des bisherigen Abgeordneten Barnett J a n n e r, dem ein Kandidat der Labour Party gegenübersteht, ist gefährdet. In jüdischen Kreisen bringt man insbesondere dem Schicksal des gegenwärtigen Ministers für die Kolonien, des erst 33jährigen Malcolm Mac Donald, Interesse entgegen. Es ist durchaus möglich, daß trotz des zu erwartenden Sieges der regierenden Gruppen die beiden kleineren Parteien, die mit den Konservativen koaliert sind, die nationale Arbeiterpartei unter Führung Ramsay MacDonalds und die Nationalliberalen unter der Führung Sir 'John Simons, bei der Wahl Verluste erleiden und idaß weder Ramsay MacDonald noch sein Sohn Malcolm MacDonald gewählt werden. Beide kandidieren üämlich in Industriebezirken, in denen sich die Besserung der wirtschaftlichen Lage erst wenig ausgewirkt hat. Beide werden von Gegenkandidaten, die der Labour Party angehören, aufs schärfste bekämpft. Sogar für den Fall der Wiederwahl Malcolm MacDonalds ist es nicht sicher, daß er die Leitung des Ministeriums für die Kolonien beibehalten wird, 'da die Konservativen Anspruch darauf erheben, daß idieses Portefeuille einem ihrer Parteimitglieder fcufalle. (J. T. A.) Vom zionistischen Standpunkt aus muß man einem eventuellen Wechsel in der Besetzung des Kolonialministeriums, welchem die Palästina-Regierung untersteht, große Wichtigkeit beimessen. Präsident Weizmann und sein nächster Kreis erklären, daß Malcolm MacDonald ein Freund und Förderer des Zionismus sei. In weiten zionistischen Kreisen herrscht eine gegenteilige Auffassung. Man verweist auf dieser Seite auf zwei Kundgebungen MacDonalds. in letzter Zeit. Sein Begrüßungsschreiben iah den Luzerner Zionistenkongreß enthielt nur kühle Mhrasen über das jüdische Aufbauwerk, dafür eine Mahnung an den Kongreß, die Rechte der Araber fcil achten. Das Schreiben wurde vom gesamten Kongreß als Provokation empfunden, da es den Einäruck erweckte, als hätten die Zionisten wer weiß wie viele Rechte der Araber verletzt. Vor zwei Wochen hat er in einer Rede auf dem Bankett des anglo- Ipalästinensisch'en Parlamentsklubs eine Rede gehalten, in welcher er entschieden gegen die Idee vom &u4en»t*a* x&vapü^ Wie die Räuber... Die Juden der Saar haben von dem zwischen den Signatarmächten und dem Deutschen Reich abgeschlossenen Vertrag, der die Mitnahme des Vermögens bis zum 1. März 1936 gestattet, reichlich Gebrauch gemacht: 90 Prozent der Juden haben das Saargebiet verlassen. Das sind die Glücklichen. Ein anderes Los hat die „reichsdeutschen" Juden getroffen. Jüdischen Grundbesitzern werden die Hypotheken und Kredite gekündigt. In manchen Orten hat man mit 1. Oktober allen jüdischen Ladenmietern gekündigt. Der Propagandaminister Dr. Goebbels hat den jüdischen Kinobesitzern die Weisung gegeben, ab 1. Jänner 1936 ihre Betriebe Ariern zu übergeben. Am 1. Oktober mußten alle jüdischen Notare ihre Aemter verlassen, am gleichen Tage wurden alle jüdischen Richter abgebaut. Das Vernichtungstempo beschleunigt sich. Man hat keine Zeit mehr, auch nur einen größeren Teil seines Besitzes zu liquidieren und in Sicherheit zu bringen. Die nationalsozialistische Partei hat sich mit brutalem Ungestüm auf die jüdischen Existenzen gestürzt. Die jüdischen Unternehmer müssen sperren, die jüdischen Angestellten werden aui die Straße geworfen. Die Nazihyänen harren der Opfer... Es gibt bekanntlich jetzt in Deutschland Verkäufe jüdischer Geschäfte. Man nennt den Uebergang eines jüdischen Geschäftes in nichtjüdische, nationalsozialistische Hände — „Verkäufe". Wie sich solche Transaktionen vollziehen, erfahren wir aus nachstehendem Fall, der ein Beispiel für viele ist. Ein deutscher Jude berichtet: „M ein Onkel besitzt, schön vom Vater her, seit dreißig Jahren ein größeres Konfektionsgeschäft in einer hessischen Mittelstadt. Das Haus, in dem sich das Geschäft befindet, gehört ihm ebenfalls, er wohnt dort mit seiner zahlreichen Familie. Im Sommer dieses Jahres begann in der Stadt eine heilige antisemitische Kampagne. Eines Morgens fand mein Onkel die Eingangstür zum Geschäft zugemauert. Er ließ die Mauer entfernen. Nun wurde er vollkommen boykottiert. Er entschloß sich, das Geschäft zu verkaufen. Ein Herr K. bot 50.000 Mark, das Objekt war aber 200.000 Mark wert. Doch der Bürgermeister erklärte meinem Onkel: ,Sie müssen sofort verkaufen, heute noch. Die Transaktion steht morgen im ,Stadtanzeiger'. Dementieren Sie, so ist die Bevölkerung nicht länger zu halten.' Mein Onkel fuhr zum Notar. Die Verträge waren bereits ausgeschrieben, enthielten aber statt der ursprünglich vorgeschlagenen Kauf summe von 50.000 Mark nur noch einen Kaufpreis von 38.000 Mark. Mein Onkel unterschrieb, Herr K. zählte das Geld auf den Tisch. Da klopfte es. Zwei Beamte der Gestapo traten ein und verhafteten meinen Onkel. .Warum?' — ,Wir haben Beweise dafür, daß Sie die Kaufsumme heimlich nach England bringen wollen. Im Auftrage der Devisenfahndungsstelle beschlagnahmen wir das Geld.' Eine Stunde später erschienen Funktionäre der Arbeitsfront mit drei SS.-Männern in der Wohnung meines Onkels. Sie sagten zu meiner Tante: ,Ihr Mann hat soeben Geschäft und Haus verkauft, verlassen Sie die Wohnung! In einer halben Stunde muß alles geräumt sein. Die Möbel bleiben hier, sie sind mitverkauft.' Unter Aufsicht der SS. packten die Frau und Kinder des Hauses hastig ihre Koffer. Dann wurden sie auf die Straße gebracht. Sie gingen in das einzige Hotel des Ortes, wo man sie nach drei Minuten wieder herauswarf, da Juden nicht aufgenommen werden. Eine Autodroschke brachte sie in der Nacht nach einer 40 Kilometer entfernten Stadt, wo Verwandte wohnen. Mein Onkel wurde nach einem Monat entlassen, das Geld bleibt beschlagnahmt, wegen Fluchtgefahr." Es ist dies kein Sonderfall. Solche Käufe gehören zur Norm. Hinter ihnen steht die nationalsozialistische Partei, die Trägerin des deutschen Staats- und Kulturgedankens. Sie konfisziert solche Kaufsummen und macht so die glänzendsten Geschäfte. Das nennt man in der Terminologie des Dritten Reiches „Verdrängung des jüdischen Einflusses" oder im wirklichen Sinne: „Juda, verrecke!" Dieser Schlachtruf aus der Aera des erwachenden Deutschland wird in seiner ganzen Tiefe verwirklicht. Man sieht *keine Rettung. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Allerdings sagen arische Geschäftsfreunde zu jüdischen Kaufleuten: „Ihr seid nur der Anfang, dann kommen wir dran. Sie stecken alles in ihre wahnsinnigen Rüstungen. Aber diese Verbrecher und Dilettanten sehen nicht, daß sie die ganze deutsche Wirtschaft schon vor dem Krieg ruiniert haben werden.'' Ein schwacher Trost! Inzwischen geht die physische Peinigung der Juden bis zum Totschlagen weiter. Im Konzentrationslager in Sachsenburg befand sich u. a. ein Dr. Sachs aus Dresden, der hauptsächlich zum Steineklopfen verwendet wurde. Unzählige Male wurde er bestialisch verprügelt, und zwar von Schutzhäftlingen, ehemaligen Kommunisten, die dazu beauftragt waren und sich durch besondere Roheit einer „Judensau" gegenüber „oben" beliebt machen wollten. Die Burschen schlugen den Dr. Sachs so lange mit Stecken und Bürsten, bis die Haut teilweise nur noch in Fetzen herunterhing.; Am nächsten Tage wurde Sachs „gebadet". Dabei starb er. Beim Appell wurden alle Lagerinsassseh verpflichtet, über den Vorfall strengstes Stillschweigen zu bewahren. Der Häftling Wert heim, ein Jude aus Leipzig, wurde schwer mißhandelt und dann gezwungen, auf einer frischgeschotterten und ungewalzten Straße stundenlang herumzukriechen. Seine Glieder, vor allem die Knie, waren nach dieser Prozedu schrechlich vereitert. Man schaffte ihn ins Chemnitzer Krankenhaus, wo er zwei Tage später verschied. Ausplünderung, Beraubung, Peinigung, Morden! So geht der wirtschaftliche, seelische und physische Ausrottungsprozeß gegen die deutschen Juden seinen Gang.. 4 ftie jeden lewitkkäufiec im peiltet Muldifküt! Ura wirklich wenig Ci^ld sind jetzt die schönsten u.prachtvollsten echten Perserteppiche (gesunde, ausgesucht« Qualitätsware) bei uns zu haben. Bekannt reelle Bedienung. Gelegenheitskäufe u.Zahlungserleicftterungen iürjederniani PERSER- U. ORIENTTEPPICHE •» Cant9, I. PSf kling Vt EJngaag Weihburggme, OartenbauiObj. JUPEMSTAATSPARTEI ÖSTERREICHS Mittwoch, den 13. November 1935, um I Va9 Uhr abds., im Heim 1, Werdertorg. 14 VORTRAG Referent: Dr. Oskar TELLER THEMA: NEUE JUDISCHE DICHTKUNST - Gäste willkommen! SEKTION P R AT ER Donnerstag, den 14.Nov. 1935, Vs9Uhr abds., im Heim II, Kl. Zufahrtsstr. 166 VORTRUG_ Referent: Dr. Abraham SCHMERLER THEMA: BERUFSUMSCHICHTUNG Gäste willkommen! Zum abessinfedhen Konflikt Palästinensische Abessinier Aus Jerusalem wird gemeldet: 56 Abessinier, die in Palästina geboren sind, haben sich nach Abesslnien begeben, um in die Armee des Negus einzutreten. Fallaschas an der Front Aus Jerusalem wird gemeldet: Die palästinensische Presse hat aus Addis-Abeba die Nachricht erhalten, daß einige tausend Fallaschas (schwarze, eingeborene Juden) sich in die abessinische Armee aufnehmen ließen. Unter diesen jüdischen Soldaten befindet sich ein reicher jüdischer Kaufmann mit 20 Mitgliedern seiner Familie. Beirut als Flottenbasis Aus London meldet die Poln. Tel.-Ag.: Im Zu« sammenhang mit den Gesprächen zwischen den englischen und französischen Marine-Experten wegen einer gemeinsamen Aktion beider Flotten im Mittelländischen Meer wird aus London berichtet, daß von englischer Sete drei französische Häfen als Basis für die englische Flotte gefordert werden. Die Engländer haben die Häfen Toulouse, Beirut in Syrien und Bizerta in Nordafrika verlangt- Frankreich ist mit der Zulassung von Toulouse einverstanden, will aber die Engländer nicht nach Beirut lassen. Auch legen die Franzosen Verwahrung gegen Bizerta ein, das bloß hundert Kilometer von der italienisch-tripolitanischen Grenze liegt. Die Engl&nder motivieren ihre Forderung nacH Beirut damit, daß der palästinensische Hafen in Hai fg. zu klein sei,