Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 511 (8.11.1935)
- Date
- 1935-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE NEUE WELT Seite Paniei §Srauß und eise §pam$dhe ihre Vor vierhundert Jahren hatte sich das anti.semiti- .sche Spanien seiner Juden entledigt, mit einer Gründlichkeit, die an diejenige des Deutschland von heute fast heranreichte. Dann wurde es in Spanien still um die Juden. Vor drei Jahren begann man wieder von Juden zu sprechen, und zwar sehr freundlich, weil keine da waren. Man schrieb da und dort, ob es nicht gut wäre, wenn wieder Juden nach Spanien kämen. Das vor einigen Monaten gefeierte 800-Jahre-Jubiläum des aus Spanien stammenden Maimonides entfesselte geradezu Orgien apanischer Liebenswürdigkeit gegenüber den Juden. Und jetzt, im kühlen Monat November, donnern alle Zeitungen des Landes Flüche gegen die Juden, wie in den Zeiten, da der heilige Torquemada Scheiterhaufen für die Juden baute. Die Ursache dieses Umschwunges heißt Daniel Strauß. Besagter Jude Daniel Strauß hat sich in schwerster Weise gegen die spanische Ehre vergangen. Er ist in Holland geboren, ging dann in die Vereinigten Staaten, wurde mexikanischer Staatsbürger und war dann in der ganzen Welt zu Hause. Als Impresario veranstaltete er Box- und Stierkämpfe, Ausstellungen und baute da und dort Sportpaläste. Vor •inigen Wochen gingen ihm die Ideen, nicht das Geld, aus und er geriet als arbeitsloses Genie nach Spanien. Er suchte und suchte und fand, daß aus der unter spanischer Leitung verkrachten Spielbank im noblen San Sebastian ein gutes Geschäft zu machen wäre. Er legte den Behörden des stolzen Spanien seine Pläne vor, bat um eine Konzession und fand offene Herzen und noch offenere Hände. Bei allen. Beim Bürgermeister von San Sebastian, dann beim Kreispräfekten, dann beim Präsidenten der Provinz, dann bei den Abgeordneten des Landtages, dann bei den wohledlen Volksvertretern in Madrid, dann bei den Staatssekretären, dann bei den Ministern, dann . . . dann . . . dann . . . Daniel Strauß, der Sammler von Erfahrungen in aller Welt, wußte die Bedeutung offener Hände richtig einzuschätzen und tat Geld in die offenen Hände. Die Wirkung trat prompt ein. Er bekam die Konzession, eröffnete die Spielbank. Das Spanien, welches Geld gewinnen will, also ganz Spanien, strömte nach San Sebastian und nach zwei Tagen wurde die Spielbank gesperrt. Um die spanische Moral zu wahren! Kenner der Verhältnisse vermuten, daß Daniel Strauß im Walde offener Hände einige nicht unwichtige Händchen übersehen hat. Und nun ging dieser unselige Daniel Strauß hin und verletzte die Ehre des alten Landes ältester Ritterlichkeit in schamloser Weise. Er verlangte sein Geld zurück! Da vschäumte die stolze Seele Spaniens auf. Ein Sturm ging los gegen — die Jude n. Die Zeitung der katholischen Regierungspartei, „Debate", eröffnete den Reigen mit einem zollgroß überschriebenen Leitartikel „Unerwünschte Ausländer" und forderte Reinigung des Landes von „fremdem" Ungeziefer. Ein mächtiger Chor stimmte in den Weh- und Warnungsruf ein und jetzt schreit man in Versammlungen und Zeitungen gegen die jüdischen Ausländer. Ein Ministerrat ist zusammengetreten und hat schärfste polizeiliche Ueberwachung verfügt! Wer soll überwacht werden? Die Minister. Staatssekretäre, Präsidenten, Bürgermeister und alles, was von Amts wegen Geschenke nimmt? Die armen, von raffinierten Ausländern verführten Landeskinder? Nein — die Juden. Jetzt sieht alles ein, wie recht das Spanien des heiligen Torquemada hatte, als es vor vierhundert Jahren die Juden auf Scheiterhaufen verbrannte und dann ihr Geld einsteckte. Das moderne Spanien hat die Richtigkeit dieser Judenpolitik erkannt und sie wieder aufgenommen, nur in etwas modifizierter Form. Es nimmt den Juden das Geld ab und stellt sie dann unter strengste polizeiliche Kontrolle. Der Geist Torquemadas hat gesiegt. Daniel Strauß mit der geleerten Tasche ist „unerwünscht" in Spanien. Bücher £ Schwedenbrücke! BUCHHANDLUNG SCHNEIDER & CO., WIEN I, Frctnz-Josefs-Kai 7 Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren zu billigsten Preisen! Katalog gratis l Vorspiele zur Bereiter Olympiade Um den Bestrebungen auf Verlegung der Olympiade 1936 von Berlin, die insbesondere in Amerika und England stark fühlbar sind, entgegenzuwirken, betonen die deutschen Sportbehörden ständig, daß sie keine Rassenhetze im Sportbetrieb treiben wollen. Auch den deutschen Juden würden keine Hindernisse beim Sport bereitet. Demgegenüber bringt ein Blatt folgende Zitate aus großen deutschen Sportblättem: „Dietwart" Nr. 6 vom 20. Juli 1935: „Es ist mir unbegreiflich, weshalb man diese mordschnaubenden Bestien nicht schon längst ausgerottet hat. Würde man denn nicht wilde Tiere, die Menschen fräßen, sofort töten, auch wenn sie menschenähnlich wären? Und sind denn die Juden etwas anderes als Menschenfresser? " „Das Schwarze Korps", Organ der Reichsführung der SS.: „Das Mitglied der Schwimmabteilung desB. K. H., Berlin, Richard Kalischer, hat bei den Hochschulmeisterschaften des Gaues Kurmark der Deutschen Studentenschaft das Kunstspringen gewonnen. So gemeldet nicht etwa im Juni 192 0, sondern — am 2 8. Juni 193 5. ... Mitglieder einer sogenannten deutschen Studentenschaft lassen zu ihren Hochschulmeisterschaften Juden zu, messen sich mit den Fremdrassigen und sabotieren damit ganz offen alle jene gesunden Bestrebungen, die dahin zielen, das deutsche Volk von Juden freizumachen. ... Wenn Vertreter der jungen Generation, noch dazu auf deutschen Hochschulen, sich, so wie hier geschehen, immer noch mit Juden liieren, dann scheint uns da etwas oberfaul zu sein. So oberfaul, daß einmal nach dem Rechten gesehen werden muß." Reichspropagandaminister Dr. Goebbels hat folgende Geheiminstruktion erlassen: „Ueber die Zwischenfälle, die sich gestern in Grünau ereigneten (Rudermeisterschaften) darf nicht berichtet werden." Jetzt erfährt man, daß an diesem Tag in Berlin-Grünau die Fenster der Klubhäuser, die Juden als Mitglieder haben, zerschlagen und alle Juden gehörenden Motorboote zerstört wurden. Der SA.-SportfUhrer Bruno Molitz erklärte in einem Vortrag: „Leibesübungen in der nationalsozialistischen Idee": „Wir Nationalsozialisten können für unser Volk keinen positiven Wert darin erblicken, Saujuden und Negern zu gestatten, durch unser Land zu reisen und in der Athletik mit unseren Besten zu konkurrieren." Aus Amerika Aus New York: Der Vorsitzende des New- Yorker Zweiges des Verbandes der amerikanischen Universitätsprofessoren, Prof. Rauschenbusch, teilt mit, daß sich die New-Yorker Universitätsprofessoren gegen die Teilnahme Amerikas an der Berliner Olympiade ausgesprochen haben. — Von den 34 der +za*£war Atitfatic Union angeacnlossenen Verbänden haben neun ihre Delegierten instruiert, auf der im nächsten Monat in New York stattfindenden Convention der Union gegen die Teilnahme an der Berliner Olympiade zu stimmen, 3 Verbände gaben ihren Delegierten die Instruktion, für Berlin zu stimmen, 11 nahmen von Instruktionserteilung Abstand, die restlichen werden im Verlauf dieses Monats ihre Entscheidungen treffen. Aii§ HiflersDeufedtland Obwohl die Nürnberger Judengesetze in Ober- ' Schlesien keine Geltung haben sollten, nachdem der Völkerbund im Fall Bernheim einmütig kundgetan hat, daß diskrimierende Gesetze gegen Juden in Oberschlesien nicht Anwendung finden dürfen, mehrt sich auch in Oberschlesien die Zahl der Fälle, wo Juden wegen „Rassenschändung" gesetzlich verfolgt werden. So wurde unter anderem in Grottkau der Jude Egon G a b i e 1 wegen Vergehens gegen das Nürnberger Gesetz „zum. Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verhaftet und in das Gefängnis von Brieg gebracht. Er wird beschuldigt, Beziehungen zu einem, arischen Mädchen unterhalten zu haben. Obwohl Deutschland jetzt endgültig aus dem Völkerbund ausgeschieden ist, muß es die nationalen Minderheitenrechte in Oberschlesien bis zum Jahre 19 3 7, in dem das deutsch-polnische Abkommen erlischt, respektieren. Das Calonder-Komitee ist bis dahin in Funktion. * Sämtliche in Nürnberg wohnhaften Juden erhielten von der Nürnberger Geheimen Staatspolizei die Aufforderung, ihre Pässe abzuliefern. Bei dieser Gelegenheit wurde ihnen mitgeteilt, daß sie sich ins Ausland nicht ohne eine besondere Erlaubnis der Gestapo begeben dürfen. Ein Nürnberger Jude, der eine Auslandsreise antritt und hierzu die Erlaubnis der Gestapo bekommt, erhält auf dem Paß den Vermerk, daß falls er länger als drei Monate von Deutschland fernbleibt, er das Land nicht wieder betreten dürfe. Er darf Deutschland nur an der von der Gestapo vorher bestimmten Grenzstation verlassen und nur über die gleiche Station zurückkehren. * Der Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf hat mit sofortiger Wirkung verfügt, daß in den städtischen Schwimm- und Badeanstalten folgendes zum Aushang gebracht wird: „Juden sind in den städtischen Das moderne Maßmieder! Die wichtigste Unterkleidung für die moderne Frau ist das gut und raffiniert geschnittene Maßmieder. Die in Paris, London und anderen Metropolen preisgekrönte Miederschöpferin, Frau Anna Zwölfer, weiß von Lobsprüchen der in Salzburg Ihre Sport- und Ballmieder anprobierenden Engländerinnen Interessantes zu erzählen. Da$> yufo Utafbraedec - u,. dock nltUt Uutw! WUn I, PlinkfPi.li^^ur^MaiHiN'ai ANNA ZWÖLFER Sdheihammerlose - die Hoffnung auf das gr&Ke Cilüdt! Die neue Winterlotterio 1935/36 beginnt schon am 19. November 1935. Bei der vergangenen Sommerlotterie waren es wieder eine Reihe von Haupttreffern, und zwar ein Haupttreffer zu S 50.000.— , ein Haupttreffer zu S 40.000—, ein Haupttreffer zu S 30.000.- - und viele andere Gewinne von S 20.000.— abwärts, die im Laufe dieser Lotterie mit Schelhammcr-Losen gewonnen wurden. Losbestellungen aus Wien und den Bundesländern werden vom Bank* und Wedhselhaus §dieBham mer & Sdiaftera Wien, I., Stephansplatz 11, Filiale Wien, XIII., Hadikgasse 60 a, entgegengenommen und umgehend zur Erledigung gebracht. Lospreis für Vs S 6.—, '/i S 12.—, </, S 24.—, </i S 48.—. Schwimm- und Badeanstalten unerwünscht. Für Juden besteht Gelegenheit zum Schwimmen und Baden im Stadtbad Münsterstraße Dienstags." * Es wird offiziell bekanntgegeben, daß ab Jänner 1936 keine Lizenzen an jüdische Handelsreisende mehr ausgegeben werden. Ehemalige jüdische Frontkämpfer werden Lizenzen erhalten, aber sie werden arische B'irmen nicht vertreten dürfen. Diese Bekanntmachung ist mit Zustimmung Dr. Schachts erfolgt. * Die „Flammenzeichen", Leonberg-Stuttgart, berichten: „In Brandenburg ließ ein Pfarrer am Altarkreuz von den Buchstaben INRI die beiden letzten entfernen. Der Mann fühlte ganz richtig, daß ein König der Juden wohl nicht gut der Heiland der Welt sein kann." * Ein Leser übersendet der „Jüdischen Paindschau" eine Ansichtskarte (hergestellt von Photo Härder. Eisenach), worauf eine Wurfbude bei einem Kinderfest in Eisenach im September 1935 abgebildet ist; als Objekte des Wurfes stehen karikierte Gestalten da, die Juden darstellen sollen, und dahinter große Aufschriften wie etwa folgende: „Trefft den Juden in die Fresse, daß er seine Gaunereien verg e s s e." „Erfreuliches" Die in Bayreuth erscheinende Zeitschrift „D e r Weltkampf" (Monatsschrift für Weltpolitik, völkische Kultur und die Judenfrage aller Länder) bringt in der ständigen Spalte „W eltverjudung und Abwehr'* unter der Ueberschrift „Erfreuliches" folgende Berichte: „Oppenheim. Handwerker und Fuhrleute werden bei Vergebung von Gemeindearbeiten nur dann noch berücksichtigt, wenn sie eidesstattlich versichern, daß sie und ihre Angehörigen keine Geschäfte mit Juden machen. — Kahlberg (Frische Nehrung). Die Kurverwaltung dieses Ostseebades gibt bekannt, daß ihr Juden unerwünscht sind. — E i s 1 e b e n. Die Ortsgruppenleiter der NSDAP, haben die NSV. angewiesen, keine Unterstützung mehr an Volksgenossen zu zahlen, die bei Juden kaufen. — Wittenberg. In allen Geschäften und Gaststätten des Kreises sind — insgesamt 1000 — Plakate mit der Inschrift „Juden unerwünscht" ausgehängt worden. — Schornsheim a. Rh. Der Gemeinderat hat beschlossen, keine Handwerker und Fuhrleute mehr zu beschäftigen, die mit Juden Geschäfte tätigen. — Altenkirchen. Die Metzgermeister des Kreises sind übereingekommen, ihr Vieh nicht mehr bei Juden zu kaufen. — Sternberg in Mecklenburg. Den Juden wird fortan keine Niederlassung in der Stadt erlaubt werden. — Ratzebühr in Pommern. Am Ortseingang hängt ein Schild: „Juden, Motten und Wanzenzucht betreten diesen Ort auf eigene Gefahr." — Quedlinburg. Dom, Schloß und Museum dürfen von Juden nicht mehr betreten werden. — Röckingen. Die landwirtschaftlichen Arbeiter des Bezirks lehnen es ab, den ansässigen Juden bei der Einbringung der Heuernte zu helfen." Auswandernde und Zurückbleibende Aus Berlin: Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat an seine Mitgliedsgemeinden ein Rundschreiben gerichtet, das allen Gemeindeangehörigen zur Kenntnis gebracht werden soll. In ihm wird auf die Auswanderungsbewegung bezug genommen und der Wunsch ausgedrückt, daß die starken Bande, die die Auswandernden mit ihren Muttergemeinden verknüpfen, nach der räumlichen Trennung sich nicht lockern mögen. Auch derjenige, der vor der Auswanderung stehe, müsse sich dafür einsetzen, daß die Gemeindeeinrichtungen vor dem Zusammenbruch bewahrt bleiben. Oft gefährde bereits das Scheiden eines einzigen Mitgliedes den Bestand der Gemeinde in finanzieller Hinsicht. Es besteht die Ehrenpflicht, die Gemeinden in den Stand zu setzen, ihren Beamten das Verbleiben in ihrem Dienst zu ermöglichen. Für die Auswandernden, denen oft nur ein Teil ihres Vermögens für den Neuaufbau ihrer Existenz zur Verfügung stehen wird, bedeute es ein g eringes Opfer, wenn sie ihrer Gemeinde freiwillige Spenden zukommen lassen. * Der Schlußsatz bezieht sich darauf, daß den Juden vor der Auswanderung unter allen möglichen Vorwänden, wie Steuerflucht, Devisenschiebung usw., der größte Teil ihres Vermögens weggenommen wird. Da sei M doofe besser und koste eigentlich wenig, wenn man vorher für die um ihre Existenz kämpfenden jüdischen Gemeinden etwas hergibt.