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Die neue Welt · 1935-11-08 · Heft 511 (8.11.1935) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 511 (8.11.1935)
Date
1935-11-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Prager Brief Die Tschechoslowakei — ,,eine Insel" Fritz Koiin-Gc d a 1, Prag. Wir haben das Aufkommen des Mannes Konrad He nie in als Führer . und Politiker aufmerksam verfolgt. Aus einem harmlosen „Vermittler" zwischen den sudetendeutschen Parteien wurde „Uber Nacht" der Schöpfer und Führer der größten Bewegung in der Tschechoslowakei. Wir haben schon früher die wohl- "begründete Vermutung ausgesprochen, daß der Schwerpunkt dieser Bewegung, nämlich der Sudetend outschen Partei, nicht innerhalb der tschechoslowakischen Grenzen liege. Vom geistigen Zentrum gr-* nicht zu reden. Diese Tatsache stellt keinen Aktivposten in der Bilanz des Staates dar. Eingeschlossen in einem pangermanischen Meere, muß es stets das Bestreben der Präger Außenpolitik sein, Reaktionen auf diesen Druck zu schaffen. Die Tatsache, daß von fast dreiundeinhalb Millionen Sudetendeutscher über 8 5 Prozent hinter Henlein stehen, und damit gleichzeitig, zu- :nindestens der Ideologie nach, größeren deutschen Verbänden ..eingegliedert" sind, erschüttert die innere Stabiucät der Republik Masaryks in bedenklichem Maße. Als Symptom möge hier nur erwähnt werden, daß Konrad Henlein seit geraumer Zeit in seiner Presse nicht mehr ..Führer", sondern nur ..sudetendeutscher Stammesführer" heißt. Das Monopol auf den Ehrentitel Führer hat einzig und allein . .. Hitler. Wie kommt es aber, daß die sonst so bedächtigen und klugen Politiker Prags ein solches Treiben und Wirken staatlich höchst unzuverlässiger Elemente in den Randgebieten dulden? Wie kommt es, daß in einer demokratischen Republik Bewegungen und Parteien toleriert werden, die den Keim für Vernichtung eben dieser Demokratie in sich tragen? Wir stehen hier einer Situation gegenüber, die Tragik in sich birgt. Schon seit Monaten hält die Frage der eventuellen Präsidentennachfolge die Geister im Banne. Schon jetzt heben sich aus der Menge die in Betracht kommenden Kandidaten empor. Auf der einen Seite der jetzige Außenminister Dr. E. B e n e s c h. Auf der anderen Seite ein von den Agrariern noch zu nominierender Gegenkandidat. Obwohl zweifellos Masar y k selbst seinen Schüler, Mitarbeiter und Freund Doktor Benesch designiert, gilt dessen Wahl keineswegs als gesichert. Die Agrarier und die Rechtskreise hassen den Außenminister. Und so vollzieht sich hinter den Kulissen ein Machtkampf, der seinen Niederschlag in der Heranziehung von höchst zweifelhaften Bundesgenossen findet. Henlein mit seinen 43 Mandaten, die antisemitischen Faschisten mit ihren sechs Mandaten sind keineswegs lichtscheu und gefährlich genug, um nicht einen Verbündeten abgeben zu können! Wir können hier nur auf ein von der Geschichte erhärtetes Gesetz hinweisen: „Das G e f a h r e n m o m e n t für einen Staat liegt fast niemals außerhalb seiner Grenze n." Ueberau dort, wo das Wirtsvolk unter wirtschaftlichen oder politischen Nöten zu leiden hat, sind es die Juden, die zuerst und am schwersten die Mißverhältnisse zu spüren haben. Wir Juden sind ein Seismograph, der alle Erschütterungen in unserer Umgebung mit präzisester Genauigkeit anzeigt. Während sich fast überall am Horizont der Wirtschaft der lang ersehnte Silberstreifen zeigt, verzeichnet die tschechoslowakische Wirtschaft keinerlei Aufwärtsbewegung. Ein Niedergang der Wirtschaft brachte fast in allen Ländern Europas die Acnderung des bestehenden Regimes mit sich. Eine solche Aenderung ist, solange Prof. Masaryk lebt, in der Tschechoslowakei nicht zu erwarten. Bedenklicher wäre die Situation dann, wenn Dr. Benesch nicht zum Nachfolger des Präsidenten gewählt werden würde. Ein Präsident, der sich auf die tschechischen antisemitischen Rechtsparteien, auf die von Rosenberg und Goebbels „inspirierte" Henlein-Partei stützt, würde keinen Garanten für die Erhaltung der Demokratie und Gleichberechtigung der Minoritäten darstellen. Hier liegt die Gefahr. Eh ist nicht zu leugnen, daß die antisemitische Stimmung unter den breiten Volksmassen wächst, auch wenn sie noch nicht ihre völlige Resonanz auf dem Gebiete der politischen Parteien gefunden hat. Obwohl sich diese Auswirkungen der antisemitischen Wellen nicht in allernächster Zeit kraß bemerkbar machen dürften, ist es unsere Pflicht und Aufgabe, hell hinzuhören und aus Anzeichen, die oft harmlos und unbedeutend scheinen, Konsequenzen zu ziehen. Die kompetente Stelle für Schaffung von Vorbeugung«- und Abwehrmaßnahmen gegen das Ueberhandnchmen des Antisemitismus in der C. S. R. wäre die jüdische Partei. Diese lebt aber still und bescheiden dahin wie eine Witwe, die, die Pension ihres seligen Gatten verzehrend, gottgefällig auf das Ende ihrer Tage wartet. Fromme Witwen haben ein Recht auf diese Art von Lebens- und Weltanschauung. Die jüdische Partei als Repräsentanz der jüdischen Minorität (ob sie von den Juden, selbst von den nationalen, als solche angesehen wird, bleibe dahingestellt) hat dieses Recht niemals! Selbst dann nicht, wenn sie. gleich besagter Witwe, sich einem Rentier ähnlich dünkt, dem die jüdischen Wähler ihr Vertrauen in bitteren Monatsraten abzahlen. Nie hören wir von einer politischen Aktion. Nichts erfahren wir von ihrer Tätigkeit. Keine Parolen, keine programmatischen Forderungen vereinigen die jüdische Minorität. Und wenn wir nicht bei Namensnennungen aus den verschiedensten Anlässen auf die Tatsache stoßen würden, durch zwei jüdische. Abgeordnete im Parlament vertreten zu s"in, wer von uns würde sich noch ihrer entsinnen? In den tschechoslowakischen Juden ist ein Instinkt erstorben, der diesem jüdischen Volkszweig früher so eigen war. Der Instinkt für Realität. Man hat ihnen so lange erzählt, daß wir Juden hier auf einer Insel leben, daß sie sich nicht vorstellen können, daß es Sturmfluten gibt, die zuweilen Inseln verschlucke n. Diese Ausführungen sollen nicht mißverstanden werden. Auch wir sehen die nächste Zukunft nicht ganz schwarz. Aber Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gegen uns selbst zwingen uns, alie Möglichkeiten vor unserem inneren Forum zu erörtern. Daß aber verschiedene Eventualitäten sich nicht in Wirklichkeit wandeln mögen, das liegt, wenn auch nur zu einem Teile, doch in unserer Einsatzbereitschaft! KREUZ"KINO Der große Aben,eurerfilni 1, Wollzeile 17 Telephon K -24-2- 16 Vorstellungen: u, %6, Vs8. vmo mit Warner Baxter I, Fleischmarkt 1 Telephon R-29-1-59 Beginn: 4, %6, Vi8 y*10 mit George Arliss SCHKFFER Vi, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 cieginn: ViU, V26, «A8, 'A10 Greta Garbo in STAFA, VII Mariahilf ersiraOe 120 Telephon B-83-0-68 Wochentags: S, 7, 9 Ulu Der seltsame Fall des Dr. Prentlce (Eine Frau hat getötet 1) mit William Powell und Myrna Loy Täglich: V*«», y«i«, 7 U. 9 Uhr VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn: 4, %6, Va8, 'A10 Der seifsame Fall des Dr« Prenti'ce (Eine Frau hat getötet!) mit William Powell und Myrna Loy Das Unglüdk des Redifhaben§ Unter diesem Titel schreibt Rabb. Dr. Joachim Prinz in der Berliner „Jüd. Rundschau": „Wir stehen sehr erschüttert im. Angesicht dieses Zusammenbruchs. Es ist der Zusammenbruch eines Judentums, das gewiß nicht schlechter war als die Judentümer der Welt. Es trug in sich viele Keime des Abfalls, des Niedergangs und. der Entjudung. Aber es trug auch große und schöne Dinge in sich, und der Untergang der deutschen Juden ist eine Tragödie für die gesamte Judenheit, eine große, jammervolle Tragödie, welche nur noch mit der der spanischen Juden des 15. Jahrhunderts verglichen werden kann. Angesichts dieses weit über das bloß Historische hinausragenden Ereignisses des Untergangs und der Zerstörung verstümmtauch alles Rechthaben und Rechtgeh a b t - h a b e n. Es ist in solchem Fall kein Glück, recht gehabt zu haben, sondern ein großes Unglück. Es wäre für uns, für uns alle besser, wir hätten nicht recht gehabt. Prophezeiungen, welche sich erfüllen, sind für echte Propheten immer ein eigenes Unglück gewesen, und sie haben es auch so empfunden. Wir Zionisten haben die Entwicklung gesehen und gezeigt, über sie seit Jahren geredet und geschrieben. Solange unsere Prophezeiung nicht in dem Grade erfüllt war, den diese Tage erreicht haben, solange haben wir nicht aufgehört zu mahnen und zu rufen. Jetzt, da sie sich in einem Ausmaße, das uns schauern läßt, erfüllt hat, gibt es eine neue, nicht nur politisch, sondern auch moralisch fundierte zionistische Haltung. Wenn erst das vorausgesehene, befürchtete Ereignis eingetreten ist, gibt es nichts mehr zu warnen, sondern nur noch aufzumuntern und zu trösten. Denn auch die Juden in Deutschland, gleichviel, was sie denken und worin sie ^•^^^jjyiitfw^iay bei Vergebung von Arbeiten an den der Judensfaufspartet! Auskünfte: täglidi von 10 bis 2 Uhr tetephonisdi unter Nr A-20-2-ZÜ und von 6 bis Q Uhr abends unter U-2Z-4-87?£ymmm*mmmmmammmmmmmmmm^ in Praktische Neuheit! Sporthemd mmmmmmmmmmmmtmammmmamm mit Reserve-Kragen aus feinstem Seiden - Poplin In allen Modefarben sowie alle Artikel in Wäsche u. Wirkwaren billigst bei BERGMANN. I., Rabensteig 3, Tel. U-20-709 imelpfortg.5,Tel.R-25-8-B4 / Köllnerhofg. 1, Tel. R-26-8-99 irrten, sind unser Volk, das Judenvolk, das wir lieben, an das wir glauben, das wir als unsere Aufgabe betrachten. Wir wollen helfen, die Menschen stark zu machen, ihnen Glauben zu geben, sie die Zusammenhänge zu lehren. Lehren, lehren, lehren! Erziehen, erziehen, erziehen! Aber das alles nicht mehr, weil gelernt und erzogen „sein muß", sondern weil es den Sinn hat, die Menschen stark und glücklicher zu machen. Wir glauben, daß sich hier ein neuer Sinn unserer Geschichte auftut und ein neues „s'chut awot", ein neues Verdienst unserer Väter: ihr Schicksal mit unserem zu vergleichen, und dazu zu hegreifen: wie gut wir es haben! Nur wer die Dinge der Gegenwart im Zusammenhang sieht, kann helfen, und nur wer in der Frage der Juden Deutschlands keinen „Sonderfall", sondern ein in die Gesamtheit der Judenfrage, von ihr und ihren Gesetzen abzuleitendes Geschehen sieht, nur der kann etwas tun. Das liegt im Sinne dieses Helfens, bei welchem es nichtmehr um Caritas, sondern um einen konstruktiven Plan geht." Gottfried Keller und die Juden Gottfried Keller, der einzigartige Schweizer Dichter und Großmeister der deutschen Erzählungskunst, hat vor mehr als siebzig Jahren seiner Stellung zur Juden-- frage Ausdruck gegeben. In der vor einigen Tagen in seiner Heimatstadt Zürich abgehaltenen Generalversammlung der „Gottfried-Keller-Gesellschaft" wurde eini Schriftstück aus der Feder des großen Dichters verlesen, Es handelt sich um einen im Jahre 1862 — dem Jahre, in welchem den Schweizer Juden nach harten Kämpfen die Gleichberechtigung gegeben wurde — vom damaligen Staatsschreiber des Kantons Zürich, Gottfried Keller, verfaßten Entwurf einet Deklaration für den Jahresgottesdienst des Kantons« Er lautet: „Der von euch erwählte Große Rat, liebe Mitbürger* hat mit einigen wenigen Paragraphen das seit Jahr« tausenden geächtete Volk der Juden für unseren Kanton seiner alten Schranken entbunden, und wir haben keine Stimme vernommen, die sich aus eurer Mitte dagegen erhoben hätte. Ihr habt euch dadurch selbst geehrt, und Ihr dürft mit diesem Gesetz, daa ebensosehr von der Menschenliebe wie aus Gründen der äußeren Politik endlich geboten war, am kommenden Bettag getrost vor den Gott der Liebe und der Versöhnung treten. An euch wird es sodann sein, das geschriebene Gesetz zu einer fruchtbringenden lebendigen Wahrheit zu machen, indem ihr den Entfremdeten und Verfolgten auch im gesellschaftlichen Verkehr freundlich entgegengeht und ihrem guten Willen, wo sie solchen zeigen, behilflich seid, ein neues bürgerliches Leben zu beginnen. Was der verjährten Verfolgung und Verachtung nicht gelang, wird der Liebe gelingen. Die Starrheit dieses Volkes in Sitten und Anschauungen wird sich lösen, seine Schwächen werden sich in nützliche Fähigkeiten, seine mannigfaltigen Begabungen in Tugenden verwandeln, und ihr werdet eines Tages das Land bereichert haben, anstatt es zu schädigen, wie blinder Verfolgungsgeist es wähnt." Der Dichter nimmt darauf Bezug, daß in den anderen Schweizer Kantonen eine heftige antisemitische Hetze gegen das Emanzipationsgesetz tobte, wahrend in Zürich die Entschließung einstimmig erfolgte. Die „Jüdische Preßzentrale Zürich" meldet hiezu: Die Gottfried-Keller- Gesellschaft bezweckt, die Werke des Dichters zu pflegen und an ihrer Verbreitung mitzuwirken. Zurzeit ist die von Prof. Jonas Fraenkel in Bern betreute kritische Gesamtausgabe in Vorbereitung; sie wird vom zürcherischen Staat subventioniert und bekanntlich vom Deutschen Reich, wo Gottfried Keller immer Heimatrecht genoß, abgelelmt, weil ein Jude — eben Prof. Fraenkel — sie herausgibt. Wochenbett. Zeugnisse der Kliniken für kranke Frauen bekunden, daß das sehr mild abführende natürliche „Franz-Josef'-Bitterwasser besonders bei Wöchnerinnen mit ausgezeichnetem Erfolg angewendet wird. E Ihr Mund i»t der Vorraum zu Ihrem ganzen Organismus. Das Zahnfleisch, die Winkel und Falten des Munde«, sind Stellen, die das Wuchsen und Gedeihen der Bakterien sehr begünstigen. Da» Odol-Mundwaaner gibt Ihnen die Möglichkeit einer gründlichen und vollständigen Reinigung des Mundes und beseitigt unreinen Atem. Auch reinigt es zwischen den Zähnen sehr gründlich. Außerdem enthalt das Odol-Mundwasser neben dem Odol- Antiseptikum den Myrrheextrakt, der gegen Lockorung der Zahnt und Blutung dea Zalmneiscaea wirksam verwendet wird«

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