Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 510 (5.11.1935)
- Date
- 1935-11-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. rfl* DIE NEUE WELT Seite 3 Deutschland und Palästina Kann der deutsche Import unterdrückt werden? Aus London: Wie die J. T. A. aua gutunterrichteter Quelle erfährt, wird Deutschlands Ausscheiden aus dem Völkerbunde, welches vergangene Woche nach Ablauf der zweijährigen Frist der Kündigung seiner Mitgliedschaft faktisch erfolgt ist, einschneidend die Rolle berühren, die Deutschland auf dem Palästina- Markt spielt. Deutschland war im letzten Jahre mit 10,95 Prozent an den Palästina-Importen beteiligt, die Importe aus Deutschland stellten einen Wert von 1,659.000 Pfund dar. Deutschland schritt sonach an der Spitze der Staaten, die nach Palästina exportieren. Als Mitglied des Völkerbundes genoß es gemäß Artikel 18 des Palästina- Mandates die gleichen Handelsrechte und -Privilegien wie die übrigen Mitgliedsstaaten des Völkerbundes. Heute, da Deutschland dem Völkerbund auch formell nicht mehr angehört, entsteht die Frage, ob es immer noch auf diese Privilegien Anspruch erheben könne. Von den maßgebenden Stellen wird diese Frage verneint. Deutschlands Lage gleicht der Japans, bezüglich dessen Handels mit Palästina im letzten Bericht der Mandatskommission des Völkerbundes festgestellt wurde, daß es nicht mehr Anspruch auf gleiche Behandlung wie die anderen Völkerbundstaaten erheben könne. Diese Feststellung der Mandatskommission tangierte aber darum nicht Japans Palästina-Handel, weil ein separates Handelsabkommen zwischen Japan und England besteht, welches Japan auch Handelsfreiheit in Palästina zusichert. Bei Deutschland ist es aber anders. Offizielle englische Kreise weisen darauf hin, daß Deutschland nach seinem nunmehrigen Ausscheiden aus dem Völkerbund seine Handelsgleichberechtigung in den Mandatsterritorien verloren habe. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, daß das Mandat der Palästina- Regierung das Recht zuerkennt, Zölle zu erheben, „wenn sie sie als notwendig und geeignet zur Förderung der Entwicklung der natürlichen Hilfsquellen des Landes und zum Schutz der Interessen der Bevölkerung erachte". Obwohl jetzt keine Zollbestimmungen in Palästina in Kraft sind, um gegen Deutschland angewandt zu werden, so ist nach Meinung der maßgebenden Kreise bis zum Inkrafttreten solcher Bestimmungen dennoch eine Abwehraktion gegen Deutschland möglich, nämlich Beschränkung der Einfuhr bestimmter Produkte, die unter den Begriff „deutscher Exportdumping" fällt und somit eine unfaire Konkurrenz der Palästina-Industrie darstellt. Diese autoritativen Kreise deuten an, daß im Hinblick auf das Ausscheiden Deutschlands aus dem Völkerbund demnächst die Frage des Handels Deutschlands mit Palästina einer Revision unterzogen werden wird. Palästina-Import aus Deutschland weit größer als der aus England Aus Jerusalem: Wie offfiziell mitgeteilt wird, betraf der Import in Palästina aus Deutschland im Juni d. J. Pf. St. 173.718, während der Import aus England einen Wert von Pf. St. 161.530 und der aus U. S. A. einen solchen von Pf. St. 140.185 betraf. Der deutsche Import Überstieg also den englischen um P f. St. 1 2.1 8 8 in einem einzigen Monat. Eine scharfe Senkung erfuhr der Export aus Palästina im Juni d. J.; er betrug Pf. St. 69.369 gegenüber Pf. 101.475 im Juni 1934. Japan will wirtschaftliche Gleichberechtigung in Palästina Aus Genf: Der Vertreter Japans, 11 o, hat der Ständigen Mandatskommission des Völkerbundes mitgeteilt, daß Japan, obwohl es nicht mehr Mitglied des Völkerbundes ist, darauf bestehe, in bezug auf die Mandatsgebiete, insbesondere auf Palästina und Syrien, dieselben wirtschaftlichen Privilegien wie die übrigen Staaten zu genießen. EBB RUNDSCHAU Eine traurige Erinnerung Am 31. Oktober ist in Paris der berühmte Orientalist und Präsident der „Alliance israelite" Professor Silvain L e v i plötzlich gestorben. Der Verstorbene, der 72 Jahre alt wurde, war ein berühmter Sanskritforscher, der sich innerhalb der wissenschaftlichen Welt eines besonderen Ansehens erfreute. Im Jahre 1889 wurde er außerordentlicher Professor an der Pariser Universität, 1894 ordentlicher Professor und im Jahre 1904 zum Direktor der Sanskrit-Abteilung ernannt. Er war auch Ritter der Ehrenlegion. Noch Anfang Oktober nahm er am Internationalen Orientalistenkongreß in Rom teil, wo er in der feierlichen Eröffnungssitzung im Namen sämtlicher ausländischer Delegierten eine Ansprache hielt. Bei dieser Gelegenheit wurde er neben den anderen jüdischen Kongreßdclegierten vom Papst Pius XI. in Privataudienz empfangen. Die wissenschaftliche Tätigkeit von Prof. L e v i erstreckte sich vornehmlich auf das Gebiet der Religion und des Lebens der Inder. Sein Buch über „Indis che Theater" ist von grundlegender Bedeutung. Aus seinem weiteren Schaffen ist sodann das im Jahre 1926 erschienene Werk „Los Indes et le mondc" zu erwähnen. * Nach dem Abschluß des Weltkrieges tagte die Friedenskonferenz in Versailles. Schon dort tauchte die Frage auf, was mit dem der Türkei abgenommenen Palästina zu geschehen habe. England trat, getreu der im Jahre 1917 erlassenen Balfour-Deklaration, dafür ein, Palästina den Juden als Nationalheim (alle verstanden damals darunter den Judenstaat) zu geben. Frankreich opponierte damals diesem Plan. Es wurde die Einvernahme der Vertreter der großen jüdischen Weltorganisationen beschlossen. Von der Zionistischen Organisation erschienen Sokolow, Usslschkin und Weizmann. Dle*französischc Judenschaft und die Alliance israelite, die als größte Organisation der nichtzionisti3chen, assimilatorischen Juden in aller Welt angesehen wurde, entsandte Professor Silvain L e v i. Nach Sokolow, Welzmann und Ussisehkin, wclcho den zionistischen Standpunkt vertraten, wurde Die Mittelstandskolonio Vaharia, die unter der Leitung Dr. S. E. Soskins, Ing. Joseph Loewy und Professor Dr. O. Warburg (dem ehem. Präsidenten der Zionistischen Organisation) zirka 30 Kilometer von Haifa entfernt gegründet wurde, nimmt einen bedeutenden Aufschwung. In den letzten Wochen haben eine große Zahl von Mittelständlern, insbesondere aus Deutschland und der Tschechoslowakei Parzellen gekauft und auch aus Oesterreich liegen eine große Zahl von Anfragen vor. Der Leiter der Verkaufsabteilung der Nahariah Ltd., Herr Dr. H. C a h n, wird am 7. November in Wien weilen und Interessenten persönlich Auskünfte erteilen. Anfragen, bzw. Anmeldungen bei Fritz Richter, Wien, X, Rotenturmstraße 29 (U-23-9-59), Levi einvernommen. Er erklärte, daß die französischen Juden und die weitaus überwiegende Majorität der Welt-Judenschaft den Zionismus ablehnen. Der Zionismus bedeute auch einen Raub an den Arabern. Palästina sei ein arabisches Land und gebühre den Arabern. Die Juden hätten dort nichts zu suchen, höchstens einige von der Judenschaft übrigens fast ganz preisgegebene Erinnerungen religiöser Natur. In Sdham gt beugt ♦ ♦ ♦ Churchfl über Hitler-Deutschland Durch die Zeitungen ging vor einigen Tagen die Meldung, daß der deutsche Botschafter in London, von H o e s c h, im Foreign Office im Auftrage der Berliner Regierung wegen eines Aufsatzes Winston Churchills, des hervorragenden Publizisten und früheren Schatzkanzlers, im „Strand Magazine" interveniert hat. Die deutsche Regierung erblickte in Churchills Ausführungen eine Herabsetzung des deutschen Staatsoberhauptes. Wie die J. T. A. erfährt, wurde Herrn von Hoesch im Foreign Office ein abschlägiger Bescheid zuteil. Es wurde ihm gesagt, daß Churchill eine unabhängige Persönlichkeit sei, auf die die Regierung keinen Einfluß auszuüben vermöge. In dem erwähnten Aufsatz im November-Heft des „Strand Magazine" führte Churchill u. a. aus: „Die Juden werden von den Nazis beschuldigt, durch pazifistischen Einfluß zum Zusammenbruch Deutschlands am Ende des Weltkrieges beigetragen zu haben und die Urheber zersetzender Doktrinen in jeder Form zu sein. Daher wurden die Hunderttausende Juden Deutschlands aller Rechte beraubt, aus allen Positionen im staatlichen und sozialen Leben und aus den freien Berufen vertrieben, in der Presse mundtot gemacht und als eine minderwertige Rasse erklärt. Das 20. Jahrhundert hat nicht nur das Entsetzen der Verkündung dieser barbarischen Doktrinen, sondern auch deren Inkraftsetzung mittels brutaler Gewalt durch Regierung und Bevölkerung erlebt. Keine in der Vergangenheit Deutschland erwiesenen Dienste, kein noch so überzeugend bekundeter Patriotismus, nicht einmal im Kriege erhaltene Wunden machten Menschen gegen diese Brutalität immun. Menschen, deren einziges Verbrechen es ist, daß jüdische Eltern sie zur Welt gebracht haben. Diese Verfolgung erleiden weltberühmte Gelehrte, Schriftsteller und Komponisten bis herab zu den kleinen jüdischen Kindern in den Volksschulen. De- Haß gegen die Juden führt logisch zum Angriff auf die historische Basis des Christentums." Churchill schildert sodann die schweren Verfolgungen, denen katholische Priester und protestantische Pastoren, Sozialisten und Kommunisten ausgesetzt sind, kommt auf die Ereignisse vom 30. Juni 1934 zurück, da das deutsche Volk, statt sich gegen die Urheber de? Tüt'teäeHUfijäMäu^et vm Qtaßiee kliüdtykeM! Um wirklich wenig Geld sind jetzt die schönsten u. prachtvollsten echten Perserteppiche («esuncie, ausgesucht« Qualitätsware) bei uns zu haben. Bekannt reelle bedienung, üelesenheitskäufe u.Zalv.inRserleicliterlinken lürjederiranr PERSER- U. ORIENTTEPPICHE B. Cansa, I, PSrkriflgj 12 Einganc Weihburggasse, Gartenbau-Obj. Metzelei zu wenden, diesen sogar fast göttliche Ehren erwies, und schließt, daß angesichts solcher Ereignisse „das, was von europäischer Zivilisation noch übrig geblieben ist, das Haupt in Scham beugen m u ß". Em lieber ZesSfjesiösse In den letzten Nummern dieses Blattes war ein Aufsatz über die traurige Lage der jüdischen Acrzte in Oesterreich veröffentlicht. Als Beweis für die skrupellose und unflätige Art. in welcher die jüdischen Aerzte auch von nichtjüdischen Berufskollegen angegriffen werden, wurde ein von einem Arzte gezeichneter „Aufruf" in dem der herrschenden Richtung nahestehenden „Neuigkeits-Weltblatt" zitiert. In dem Aufrufe hieß es: „ . . . Der materialistische Geist der Raffgier, Habsucht und Uebertölpehing hat die ärztliche Arbeit und den Arbeitnehmer Arzt herabgewürdigt. Zersetzender jüdischer Geist hatte unsere Aerztcschaft gespalten in Pauschalkassenärzte und Freiprakti/ierer und beide gegeneinander gehetzt, um sie beide zu beherrschen. . . . Das Problem der Aerztcfrage kann nicht gelöst werden, indem dem einen das Brot aus dem Munde genommen wird, um es dem anderen zu geben, wie es jüdischer Handle ig e i s t vordem geschehen ließ. . . . Für die österreichische Aerztesehaft ist daher volle Einigung das Gebot der Stunde. . . . Oesterreich! Dr. Bruno Mandel (Wien)." Die Leser glaubten sicher, daß hier das Geistes¬ und Gemütsprodukt eines „arischen", aus der Pflanzschule der hakenkreuzlerischen Burschenschaft hervorgegangenen medizinbeflissenen akademischen Bürgers vorliegt. Dem ist aber nicht so. Besagter Doktor Bruno Mandel kommt ganz anderswo her. Seino Personaldaten lauten: Dr. Bruno Mande I, wohnhaft Wien, VIII., Florianigasse 2, geboren am 8. Mai 1396, m o s a ischer Konfession. Ausgetreten aus dem Judcntume am 10. Oktober 1934. Laut Austrittsverzeichnis der Wiener israelitischen Kultusgemeinde Nr. 577. In manchen jüdischen Zeitungen erscheinen, fortlaufend die Listen derjenigen, die aus dem Judentume ausgetreten sind. Es ist selbstverständlich, daß die festgelegten Ueberläufer davon rieht entzückt sind. Sie möchten lieber geräusch- und geruchlos verschwinden. Es sind aber auch manche Juden nicht geneigt, die Notwendigkeit dieser Listen anzuerkennen. Der vorliegende Fall beweist, daß es doch ganz gut ist, wenn die Oeffentlichkeit weiß, mit wem sie es zu tun hat. lüdasdaer Weltkongreß 2936 Aus Paris: Wie die J.T. A. erfährt, hat das Exekutivkomitee der Jüdischen Delegationen und des Jüdischen Weltkongresses im Beisein des bekannten amerikanischen Zionisten Ab Goldberg eine Sitzung abgehalten und beschlossen, den Jüdischen Weltkongreß noch vor Ende 1936 stattfinden z\i lassen. Besonders die Vertreter des polnischen. Judentums setzten sich für diesen Beschluß ein. Ab Goldberg wurde beauftragt, den American Jewish Congress zur Durchführung einer Aktion auf breiter Basis für die Abhaltung des Jüdischen Weltkongresses noch im Verlauf des Jahres 1936 zu veranlassen. Den amerikanischjüdischen Führern solle freigestellt werden, die N o m inicrung der amerikanischen Delegation für den Weltkongreß in der Weise vorzunehmen, wie. es den Umständen in Amerika angemessen ist; gleichzeitig soll ihnen klargemacht werden, daß die jüdischen F ü hr e r in Europa einmütig für eine Wahl der Delegierten zum Weltkongreß auf demokratischer Grün d- 1 a g e seien, damit der Kongreß einen möglichst großen Teil des jüdischen Volkes repräsentiere. Weltpetition gegen den Antisemitismus Aus Amsterdam (J. T. A.): Die Jahresversammlung des Amsterdamer Zweiges der Alliance Israelite Universelle ließ nach eingehennder Diskussion den Antrag auf Einberufung eines W e 11 k o ng r e s s e s zur Bekämpfung des Antisemitismus durch die Alliance fallen, beschloß aber, sich an das Zentralkomitee der Alliance in Parik mit der Frage zu wenden, ob dieses es als wünschenswert erachtet, eine Beratung von Vertretern aller Zweige, der Alliance in den verschiedenen Ländern über Maßnahmen zur Bekämpfung des Antisemitismus einzuberufen. Schließlich wurde ein Antrag angenommen, den Plan einer Weltpetition gegen den Antisemitismus auszuarbeiten. \