Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 509 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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»arte 9 DIE NEUE WELT Nr. 509 Juden In fernen Ländern Von Dr. Alexander Goldstein Aus Anlaß des fünfzehnjährigen Bestandes des Keren Hajessod stellt uns dessen Leitung Betrachtungen eines ihrer Mitarbeiter, der in den fernsten Ländern für den Fonds wirkte, zur Verfügung. Im Herzen der Tropen Auf dem Hege, von Burma nach S i ti g uporc liegt die kalbmidaisch*, halbchinesischa Ituelstadt Pen ans!. Der Obmann das Keren llajessoJ- Komitces von Rangu zagte mir. es Hübe zwei jüdische- Emilien in Penansi, und du mein Schiff sechs Stunden dort Aufenthalt Iiattc. telegraphierte er nach Penang. daß ich käme. AU ich Penansi erreicht hatte, wurde icli auf dem Schiff von einem alten patriarchalischen ,.Bagdadi" (einem uns Bagdad stammenden Juden-) und seinen beiden Söhnen begrüßt. Es war Mr. Menasche, der seif. 40 Jahren in Penang lebte. Nachdem er mir die malerische Stadt und die herrliche Umgebung gezeigt hatte, lud mich Mister Menasche in sein eigenartig orientalisches Haus ein. reo ich der zweiten jüdischen Familie von Penang Vorgestellt wurde. Mit echtem Schmerz sagten sie mir, daß sie, trotzdem ihre materielle Lage sehr günstig war, die ganze Isolierung und Einsamkeit ihres ,.Golus von Penang" schwer empfanden: Zwei jüdische Familien einsam und verloren auf einer fernen Insel unter dem. Aequator. von jeder anderen jüdischen Gemeinde durch den Ozean getrennt, voll Sehnsucht nach jüdischer Atmosphäre, jüdischer Umgebung. Fiele Stunden lang und mit stärkster Bewegung stellten sie mir Fragen über den Aufbau Erez Israels, über unsere Leistungen und unsere Aussichten in Palästina. Es war acht. Jahre her, seit sie zum letzten Mal eine ,.l eb e nde B o tsch-a-ft" von Palästina erhalten hatten. Und als ich mich erhob, um zu meinem Schiff zurückzukehren, überreichten sie mir zu meiner Leberraschung Schecks. „Bitte, nehmen Sie unsere Beiträge zum Keren Hajessod an", sagten sie. „Andere Juden, die das Glück haben, in einer Gemeinde zu leben, können an Massenversammlungen teilnehmen, wir in Penang können keine Massenversammlungen haben, aber wie alle anderen Juden der Welt können wir zumindest unsere Opfer, unsere .Truma für den Aufbau des nationalen Heinis des jüdischen Volkes darbringen." In Uganda Auf dem Wege von Beira in Portugiesisch-Ostzfrika. nach Port Said hält das Schiff in dem am Aequator liegenden Hafen Bonibas, einem der heißesten Orte unter der Sonne. Unser Kapitän benachrichtigte uns, daß das Schiff zur Aufnahme einer umfangreichen Ladung vier Tage in Mombasa bleiben würde. Die Aussicht, vier Tage lang in Mombasa zu braten, war alles andere als verlockend. Ich entschloß mich daher zu dem Abenteuer einer Reise nach Nair ob i, der Hauptstadt von Uganda. Die Stadt liegt zweitausend Meter über dem Meere, etwa 20 Eisenbahnstunden von Mombasa zwischen den Bergriesen Kilemandjaro und Kenja. Unter den vielen lausenden halbnackten Negern und den paar lausend Hindus, die die Bevölkerung von Nairobi bilden, leben nur 5000 Weiße. Die Stadt zählt auch 10 0 jüdische Seele n, die von allen Teilen der Welt hierher oerschlagen morden sind. Als ich ankam, luden sie mich ein, in einer Versammlung zu sprechen, der ersten jemals in Uganda, ja überhaupt in Zentralafrika gehaltenen jüdischen Versammlung. Es war ergreifend, mit welch tiefer Bewegung und atemloser Aufmerksamkeit diese kleine jüdische Gruppe im Herzen Zentralafrikas dem Bericht über das ferne Erez Israel lauschte. In meiner Rede machte ich auch nicht die geringste Anspielung auf Geld. Ich beschrieb ihnen bloß die Lage in der Diaspora und in Palästina. Als ich, aber schloß, forderte sie der Vorsitzende auf, ihren Beitrag zum Aufbau Palästinas zu leisten. Spontan innerhalb weniger Minuten wurden von diesem kleinen Häuflein , von Juden 500 Pfund aufgebracht, und sie beschlossen mit größter Begeisterung, die „Zionistische Vereint gun g für die Kcnjakolonic und U gand a" zu begründen. Ich hatte lebhaftes Interesse für den Landstrich Ugandas, den Chamberlain im Jahre 1905 Herzl zwecks jüdischer Absiedlung anbot. Er wird jetzt von etwa fünfzehnhundert weißen Kolonisten bebaut, die eingeborene Arbeiter Jür ihre Jüdischer Kellner •UCht Stelle in Cafe oder Restaurant Robert G., II, Novaragaase 40/21 huffeepflanzungen benützen. In Uganda ist kein Raum für weiße Landarbeiter, da sie mit der billigen Lingeborcncnarhcit nicht konkurrieren können. Die fast nackten Schwarzen. die in diesen Pflanzungen in unvorstellbarer, jtrimitiver II eise leben, erhalten einen st> lächcrl'ch geringen Lohn, daß für einen Weißen keinerlei A.is^uhtcu bestehen, sich als Arbeiter erlfalten zu können. Eil Kesfc Israels Die interessanteste jüdische Gruppe, die ick im Laufe meiner Ixeise traf, sinddie „Bne Israel" in l n d i e n. Sie leben seil mel'.r als z w e i t a u s e n d Jahren in. Indien, und es ist nahezu sicher, daß sie noch not der Zerstörung des zweiten Tempels dorthin gelangt sind. Nach der Ansicht einiger Gelehrter, die das Geheimnis ihrer I V;gangcnhe.it zu erforschen suchten, können sie Abkömmlinge der ..Zehn Stämme" Israels sein, die durch die Assifrer vertrieben ivurden, und von denen cm 'Teil nach Indien verschlagen sein mag. Bis zum 19. Jahrhunderl untren die „Bne. Israel von der übrigen Welt völlig abgeschnitten und wußten nicht einmal, daß es in anderen Ländern andere Kinder Israels gab. In ihrer ganzen äußeren Erscheinung hatten sie sieh der Lundesbevölkerung restlos assimiliert. Sic sprachen die gleiche Sprache (Marathie). trugen dieselbe Kleidung, halten die gleichen Sitten, und waren den Hindus, ihren Nachbarn, selbst in ihrer körperlichen Erschet)iung älnihch. Sie sind hauptsächlich B auc r n in den Dörfern des Konkau bei Bombaij. Als sie im 19. Jahrhundert mit den europäischen Juden in Berührung kamen, konnten die armen Bauern des Konkun w e d erlese n n o c h s c h r e ibcn. Sie besaßen auch nicht ein einziges hebräisches Buch. 15.000 Seelen, waren sie unter 520 Millionen Hindus verschiedenster religiöser Glaubensgruppen verloren. Und dennoch: Trotz dieser schweren Hemmungen erhielten sie mehr als zweitausend Jahre lang ihr Rassenbewußtsein. ..ihre israelitische" Identität in solchem Ausmaß, daß sie sich noch an die II a u p t f e i e rt age und G eb rauche erinnerten und sie hielten, wie sie mit ihnen seit ihrer fernen palästinensischen V ergangenheit am Leben geblieben waren. Sabbath, Rosch- Ilaschanah, Jom-LIakipur und Brüh Milath wurden von ihnen sorgsam beachtet. Von der hebräischen Sprache war ihrem Gedächtnis nur ein einziges Gebet von sechs Worten eingeprägt geblieben, die ersten sechs Worte des Schmu Israel. Arm, ungebildet, eine winzige Gruppe inmitten vieler Millionen, sind sie trotz allein ihrer Abstammung treu und stolz auf ihr Volk und ihre Vergangenheit geblieben. In der letzten Zeil haben die „Bne Israel" begonnen, von den Dörfern in die Städte zu ziehen, wo sie alle jüdischen Gebräuche annahmen, wie sie sie von ihren europäischen und Bagdader Brüdern lernten. Doch in den Dörfern des Konkan leben sie heute noch,das gleiche primitive patriarchalische Leben, wie vor Hunderten von Jahren. Seit den ersten romantischen Jahren unserer Bewegung zu Herzls Zeiten erlebte ich nicht wieder eine solche echte Begeisterung wie bei den Männern und Frauen der „Bne Israel", bei jung und alt, auf den Versammlungen, in denen ich gesprochen habe. Sie sahen die alten Legenden, die ihnen ihre Vorfahren erzählt halten, zu ihren Lebzeiten Wirklichkeit werden. Sie begründeten die Zionistische Organisation der Bne Israel, stellten bei den Mitgliedern ihrer Gemeinde N'.-F'.-Büchsen auf und führten dem Keren Hajessod nrilligen Herzens und unier großer Opferbereilschaft ihre Spenden zu. Unter den Wundern der jüdischen Geschichte ist dieser Stamm der „Bne Israel" in Indien, der sich 2000 Jahre inmitten des indischen J'olkes erhalten hat, der wunderbarste Beweis für unvergleichbare Vitalität und Zähigkeit der jüdischen Rasse. Streicher als Erzieher Aus Prag CJ. T. A.): Die reichsdeutsche nationalsozialistische Frauenzeitschrift „Deutsche Kämpfe rin" erhebt folgende Klage: „Es wäre ernsthaft darüber nachzudenken, ob die jugendliche Seele nicht tiefgehenden Schädigungen ausgesetzt wird durch allzu brutale auf allen Straßen dargebotene Bild- und Wortdarstellungen von Sexualverbrechen und aller Art von unter menschlichen Scheußlichkeiten. Man kann solche Aushänge fast ständig von Kindern jeden Alters umlagert sehen und sie dazu sich äußern hören: „Ich möchte bloß wissen, was ein Lustmord ist" oder: „Weißt du, was Rassenschänder tun?" oder: „Wie machen sie das, wenn sie Mädchen ausbeuten?" oder: „Was ist eigentlich Notzucht?" Dazu bemerkt der Prager „Neue Vorwärts": „Wie SIEGN. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI j; Zentrale: IX.. Berggasse 19. Tel. A-l 7-5-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Ableitungen fttir «^■Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinats der Isr. Kultusgemeinde Wien ' Autozustollung kostenlos Ix. Berggasse 15 ✓ XVIII., Währingersir. 97 weit müssen Streichers Schweinereien um sich gegriffen haben, wenn sogar eine im Reich erscheinende und durchaus antisemitische Zeitschrift es wagt, dagegen zu protestieren! Die kleinen Kinder fragen nur ■— die Halbwüchsigen handeln, und wenn im Dritten Reiche immer mehr jugendliche Frauenmörder zum Tode verurteilt werden müssen, so trägt Julius Streicher an dieser Tatsache ein gerüttelt Maß Schuld. Der deutsche Nachwuchs, die Zukunft des Volkes, ist gefährdet wie nie zuvor, denn wer den „Stürmer" sät, wird Sexualverbrechet; ernten." J« SegaIffRo§enbadh Neu-hebräisch-orientalischer Liederabend, am Samstag, den 2. November, um halb 8 Uhr abends im Mittleren Saal der Urania, veranstaltet von dem bekannten Konzert- und Radiosänger Tenor J. Segal- Rosenbach. Am Klavier: Lili Riegler. — Aus dem Programm: Neuhebräische Kunstlieder. Musik von Engel, Milner, Beimel, Alman u. a. zu den Texten von Bialik, Tschernichowski, Schneur u. a. — Original hebräischorientalische Volkslieder. Ueberaus interessante, u. a, auch jahrhundertealte originalhebräische Volksgesänge aus den palästinensisch-jemenitischen Provinzen. — Populäre palästinensische neuhebräische Lieder und Horrahs. Schöpfungen aus jüngster Zeit und1 derzeit. in Palästina lebenden Komponisten und Dichtern» — Anschließend: Spezifisch charakteristische populäre ost jüdische (jiddische) Volkslieder. Aus dem Bereiche der jüdischen Familie und des jüdischen Volkslebens. Sevilla Pastor in Wien Das Wiener jüdische Publikum wird wieder scharen* weise ins Theater laufen, in die Jüdischen Künstlerspiele, Es wird wieder Interesse bekommen für jüdische Bübnenkunst, für das jüdische Lied und den jüdischen Tanz, Sevilla P a s t o r ist da. Als sie im Vorjahr in der Praterstraße gastierte, war sie keine Unbekannte mehr. Als sie ins Ausland zog, hinterließ sie eine Schar begeisterte!? Anhänger. Sie ist „die Pastor" geworden. Ihr Charm» ihre Kunst des Couplets, die unnachahmliche Art, ein Auge weinen und eines lachen zu machen, hat ihre Popularität in Wien ins Gigantische gesteigert. Nun ist sie wieder bei uns, mit neuen Stücken und mit altem Zauber. Das jüdische Publikum begrüßt sie an der Stätte ihres vorjährigen Wirkens. Erna S i e g 1 e r und Dolly Nachbar werden ihr den Rahmen geben. Ea ist nicht schwer, ihr den. gewohnten Erfolg vorauszusagen — einer Künstlerin, die sich ihr Startum tapfefi erkämpft hat, 9* r» A