Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 509 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50» DIE JVÄÜß WELT Seite 5 // Levante" oder „Erez Israel" X /#• Von Dr. .1. Adler (Tel-Aviv) Da« Kulturpfoblem Tel-Avivs Kaum mehr ais 26 Jahre — und doch dem heutigen Palästinenser schon unfaßbar fern — ist es her, daß Tel- Aviv gegründet wurde, von einer kleinen Elite, die das allzu kommerzielle, allzu lärmende, allzu levantinische Jaffa verließ, um in der ländlich-stillen „Achusath-Bajlth" ein jüdsiches Kulturzentrum zu errichten, mit dem Herzl- Gymnasium als Mittelpunkt. Seit jener uns Tel-Avivern der Gegenwart bereits märchenhaft dünkenden Zeit ist aus der idyllischen Wohn- und Lehrstättc längst die moderne Großstadt geworden, mit heute rund 140.000 Bewohnern, noch viel kommerzieller, noch viel lärmender und leider zum Teil schon lovantinischer als die südliche Nachbarin. Demgemäß hat sich auch das Problem der Tel-Aviver Erziehungs- und Kulturarbeit von Grund auf verändert: nicht nur Wirken in die Tiefe, Heranbildung eines Elite-Nachwuchses, sondern auch Wirken in die Breite, Erfassung sämtlicher Bevölkerungsschichten, in erster Linie durch das Mittel der lückenlosen Volksschulpflicht, denn erst durch sie — und nicht bloß durch Gymnasien und Hochschulen — sichern wir „Erez Israel" als geistigen Faktor vor den negativen Einflüssen der „Levante". Wie man der Gerechtigkeit halber feststellen muß, rekrutiert sich das Levantinertum — dessen Charakteristik wir uns hier wohl ersparen dürfen — keineswegs ausschließlich aus den Reihen der jemenitischen, sephardischen und sonstigen orientalischen Juden, sondern auch aus allen anderen Gruppen des alten Jischuw wie der neuen Immigration. Typisch ist oft der Werdegang des Levantiners. Tausende von Kindern wachsen ohne regelmäßigen Schulbesuch heran, frequentieren im günstigsten Falle zwei oder drei Jahre hindurch höchst dürftige „Abendkurse", erhalten niemals eine richtige Berufsausbildung, ernähren sich von Straßenhandel und Gelegenheitsarbeit und vermehren dann als Erwachsene die Reihen der Spekulanten jeden Formats und all jener fragwürdigen Geschäftsleute, die der Sammelbegriff des „Levantiniers" umfaßt. Es sollte uns eine Warnung sein, daß gerade im Verkehr jener Straße Tel-Avivs, die den für uns Zionisten teuersten Namen trägt, sich das Levantinertum an ungeniertesten breitmacht. Die Großstadt Tel-Aviv — das ist doch unser aller TJeberzeugung — soll die Zitadelle des nationalen Aufbaues werden, aber nicht ein Herd der kulturellen Zersetzung und der sozialen Demoralisierung, der schließlich in weiterer Auswirkung auch das jüdische Dorf zu entwurzeln droht. Die Erkenntnis dieser Gefahren veranlaßt uns, das grundlegende Erziehungsproblem hier In einer sehr nüchternen und von allen Illusionen weit entfernten Weise zu besprechen. Es wäre ungerecht, zu leugnen, daß Tel-Aviv heute hinsichtlich repräsentativer Spitzenleistungen mit europäischen und amerikansichen Großstädten durchaus Schritt hält. Vor kurzem haben wir den Grundstein zum neuen „H a b i m a h"-Theater gelegt. Wir bauen gegenwärtig das Stadtmuseum großzügig um. Wir planen ein Künstlerhaus und einen Neubau für die Städtbibliothek. AU das und anderes ist gewiß notwendig und unbedingt zu begrüßen, da die erste jüdische Großstadt der Welt einer einzigartigen kulturellen Verpflichtung zu genügen Und Ihre Würde ohne kleinliche Knauserei zu wahren hat. Die Finanzierung und Realisierung dieser Projekte braucht aber sicherlich nicht darunter zu leiden, daß wir den Blick der Bürger und der Freunde unserer Stadt von der imposanten Spitze der Kulturpyramide auch einmal auf gewisse Lücken ihres Fundaments lenken. Uns erscheint es schlechthin unerträglich, daß in Tel-Aviv Ganz- und Halbaiphabeten heute in einem Prozentsatz vorhanden sind, der an unerfreulichste osteuropäische Verhältnisse erinnert. Wenn wir voraussichtlich Im Oktober ein neues Tel-Aviver Stadtparlament wählen werden, so sollten sich alle Fronten von vornherein darüber einig sein, daß bereits auf die Tagesordnung der ersten Sitzung dieser Punkt gehört: Appell an die Palästina-Regierung, daß sio die Stadt Tel-Aviv sofort zur Einführung der allgemeinen Volks- und Fortbildungsschulpflicht ermächtigt, und daß sie unverzüglich die zum Aufbau und Unterhalt der neuen Schulen erforderlichen organisatorischen und finanziellen Maßnahmen trifft! Wir sehen heute, wie im benachbarten Aegypten der Volksschulzwang schrittweise verwirklicht wird und wie im benachbarten Irak die Regierung Ihre Etementarlohrer selbst zu den primitivsten Nomadenstämmen entsendet. Soll Tel-Aviv, was die Erziehung seiner armen und ärmsten Kinder betrifft, noch unter dem Niveau eines nubischen Dorfes oder einer Kurdensippe bleiben? Ist es nicht eine Schande für uns, wenn unsere hebräischen Zeitungen auf den Straßen unserer Kulturmetropole von jüdischen Kindern verkauft werden, die In den Blättern neibt einmal eine einzige Zeile zu lesen vermögen? Wenn das der britischen Mandatsverwaltung offenbar nichts ausmacht, so ist doch für uns das Tel-Aviver Schulproblem geradezu die zenti'ale kulturpolitische Frage geworden. Was praktisch geschehen muß, kann hier, und zwar im Sinne eines Mindestprogramms, naturgemäß nur in Wler Kürze angedeutet werden. Zu normieren sind Beginn und Dauer der Schulpflicht, gleichmäßig für Knaben und Mädchen, der Lehrstoff der Volksschule und der Fortbildungsschule, die Zulassung der Privatschulen, die Schulaufsicht, die Durchsetzung des Schulzwangs gegenüber etwaigem Widerstreben der Eltern, die finanzielle Seite, und zwar diese unter dem Gesichtspunk, daß in der modernen Großstadt Tel-Aviv auch der Regierungsfiskus nach modernen Maßstäben zur Aufrechterhaltung der Schulen beizutragen hat. Hierzu darf erwähnt werden, daß in England und Wales die laufenden öffentlichen Ausgaben (des Staates und der Kommunen) für das Volks¬ und Fortbildungsschulwesen — noch ohne die Bauinvestierungen! — rund 100 Millionen jährlich betragen, also rund 2Yi pal. Pfund pro Einwohner, davon 60 Prozent aus kommunalen und 40 Prozent aus staatlichen Mitteln. Da Tel- Aviv unbedingt mindestens das gleiche kulturelle Niveau für sich beanspruchen darf wie jede britische Großstadt, so müßten wir — neben den Ausgaben für die Schulbauten — ein laufendes Tel-Aviver Schulbudget (allein schon für Volks- und Fortbildungsschulen) von etwa Ipal. Pf. 350.000 aufweisen, wozu die Palästina-Regierung mindestens pal. Pf. 140.000 jährlich beizutragen hätte. Es gibt kein finanzpolitisches Argument, das unsere j — heute ja direkt im Gelde schwimmende — Regierung ■ hiergegen vorzubringen vermöchte. Was die Mandatar-! Kranke Frauen erfahren durch den Gebrauch des natürlichen „Franz-Josef'-Bitterwassers ungehinderte leichte Darmentleerung, womit oft eine außerordentlich wohltuende Rückwirkung auf die erkrankten Organe verbunden ist. Aerztlich empfohlen. macht an Steuern, Zöllen und Abgaben in Palästina erhebt, \ praktisch vor allem zu Lasten der Tel-Aviver Juden, entspricht durchaus europäischen Maßstäben und berechtigt uns, von Ihr auch entsprechende kulturelle Leistungen zu fordern. Die Aufhäufung eines gewaltigen „Surplus", eines Regierungs-Reservefonds, der zur Stunde wohl schon reichlich pal. Pf. 6,000.000 beträgt, ist keine finanzpolitische Heldentat, wenn sie auf Kosten kulturpolitischer Verpflichtungen vor sich geht. Wir resümieren: Lückenlose Volks- und FortbildungsschulpflJcht für Tel-Aviv, angemessene Teilung (am besten nach dem für unsere „colonial officers" doch gewiß vertrauten englischen „Heimatf'-Maßstab) der Investierungskosten und der Betriebskosten zwischen Stadtverwaltung und Regierung! Ein Schulsystem, das auch das ärmste Kind von der Straße fortnimmt und ihm in der Volksschule eine gediegene Elementarerziehung und in der Fortbildungs- ,<J0^ Bücher bei der BUCHHANDLUNG SCHNEIDER & CO., WIEN I, Franz-Josefs-Kai 7 Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren zu billigsten Preisen! Katalog gratis1 schule eine brauchbaree Berufsausbildung gewährt, wird der sicherste Schutzdamm gegen die Ueberflutung unserer Stadt durch den Levantinismus sein. Die Gefahr ist heute, da Tausende von Kindern sich als Schnürsenkel- und Zeitungsverkäufer, als Botenjungen, als Schuhputzer oder auch ganz beschäftigungslos herumtreiben, so groß, daß der Kampf für die obligatorische Schule mit den schärfsten Waffen geführt werden muß, insbesondere durch eine radikale Propaganda, die gegen das Versagen der Mandatsregierung hinsichtlich der kulturellen Notwendigkeiten Palästinas im allgemeinen und Tel-Avivs im speziellen auch die jüdische und nlchtjüdische öffentliche Meinung in der Golah, zumal in England, mobilisiert. Nur von der breiten Basis allgemeiner Volksbildung her ist der normale Aufstieg zu kulturellen Spitzenielstungen möglich. Wir kennen aus manchem osteuropäischen und exotischen Lande das unerquickliche Nebeneinander von unwissendem Mob und dekadenter „Haute volee". Wir' wissen, daß wir hier in Palästina etwas ganz anderes erstreben. Deshalb wird dafür zu sorgen sein, daß von unseren Volks- und Fortbildungsschulen aus gesicherte Zugänge für die Begabten zu unseren Gymnasien und Hochschulen geschaffen werden. Heute steckt das System solcher Auslese bei uns noch ganz in den Kinderschuhen. Vorwiegend ist der Geldbeutel der Eltern, das Kriterium der Gymnasial- und Hochschulreife. Die Minderbemittelten plagen sich in Abendkursen nach einer vollen Tagesarbeit ab, um das Examen-Pensum „nebenamtlich" zu bewältigen — in unserem schweren Klima ein Raubbau an Nerven und Arbeitskraft, gerade zum Schaden unserer wertvollsten Elemente. Die Großstadt Tel-Aviv wird, wenn sie auch vorläufig eine umfassende finanzielle Verantwortung für unsere Gymnasien und Hochschulen nicht selb3t übernehmen will, doch die Möglichkeiten eines Stipendiensystems prüfen müssen, das eine Selektion des besten Schülermaterials aus den Volks- und Fortbildungsschulen gestattet« Sie würde damit ihrer eigenen Verwaltung illllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllUIIIIIIII^ 1EPHRUSSI & CO. 1 ■■■■■■MMN Gegründet 1856 ■■■■■■■■■ | BANKGESCHÄFTE ALLER ART | Abteilungen für Wertpapiere und Devisen Wien IX. Wasagasse 2 § ^1111111111111111111111111111! 11111111 II 11111111M111! 11111M11111 f 11M111F einen großen Dienst erweisen, wenn sie die Auserwählten insbesondere in eine neuzuerrichtende Kommunalbeamten- Fachachule einreihen würde, die wir heute aus hier nicht einzeln zu schildernden praktischen Gründen aufs dringlichste benötigen. Was hier erörtert worden ist, stellt gleichsam das Existenzminimum der Kulturpolitik dar. Die Versäumnisse der Vergangenheit sind keine Entschuldigung für die Zukunft. Eine Stadt ohne allgemeine Schulpflicht ist kein Kulturzentrum — und wenn sie noch so viele Gymnasien, Bibliotheken, Museen, Kon;> vtsäle, Theater und Kinos hätte! Da nun die Verwirklichung jenes „Existenzminimums" Arbeit und Kampf noch in Hülle und Fülle für die Stadtverwaltung bringen wird, so möchten wir uns im Hinblick auf die übrigen Ziele der Kulturpolitik kurz fassen. Es wird insoweit die Aufgabe der Stadt sein, daß sie die Bauplätze zur Verfügung stellt (wie soeben beim Habimah-Theater), daß sie Schulräume in den Abendstunden hergibt (wie für die Iwruth-Kurse und für andere Volksbildungsarbeit), daß sie angemessene Kontrolle der Schulhygiene, des Lehrplans und der Lehrer-Qualifikationen ausübt (wie bei den Kindergärten und Privatschulen), daß sie — „last, not least" — die kulturellen Einrichtungen, wenn auch nicht immer direkt subventioniert, so immerhin durch Steuer- und Abgabebefreiungen begünstigt. Es scheint uns nämlich die Tel-Aviver Vergnügungssteuer, bekanntlich eine „Errungenschaft" von 1934, nicht dazu bestimmt zu sein, um den Besuch des hebräischen Theaters zu erschweren und die sportliche Erziehung der Massen zu verteuern. Auch insoweit bleibe man des kulturpolitischen Zieles eingedenk: Nicht „Levante", sondern „Erez Israel!' Erhöhung des Geldumlaufes Jerusalem. (Palnews.) Der palästinensische Geldumlauf hat sich im September im Zusammenhang mit den Depositenabhebungen, wie zu erwarten war, in sehr starkem Maße erhöht und stieg von pal. Pf. 5,835.135 per Ende August auf pal. Pf. 7,520.135 per Ende September. Die Entwicklung zeigt im einzelnen folgendes Bild: 31. VIIL 1935 31. IX. 1935 Noten zu pal. Pf. 100 . . 36.100 84.500 „ „ 50 . . 104.200 201.650 „ „ „ 10 . . 1,090.720 1,579.010 „ „ „ 5 . . 1,764.355 2,428.855 „ „ „ 1 . . 1,952.844 2,284.940 „ „ „ ]/s . . . 311.360 345.860 Noten insgesamt . Münzen insgesamt 5,259.579 6,924.815 575.556 595.320 Geldumlauf insgesamt . 5,835.135 7,520.135 Die Depositenauszahlungen erfolgten also im wesentlichen in großen Noten zu pal. Pf. 100, 50, 10 und 5. Da es sich hierbei nicht um einen normalen Zahlungsmittelbedarf handelt, ist die Auszahlung in großen Noten als durchaus zweckmäßig anzusehen. Der Schiffsverkehr Palästinas Aus Jerusalem: Die Zahl der Dampfer, die in den palästinensischen Häfen vor Anker gehen, erhöht sich fortschreitend. Während im ersten Halbjahr 1934 1224 Dampfer in Haifa und Jaffa anlegten, waren es im ersten Halbjahr 1935 1470 Dampfer. Die Tonnage der anlegenden Dampfer erhöhte sich von 2.9 5 Millionen im ersten Halbjahr 1934 auf 3,7 4 Mi I- 1 i o n e n im ersten Halbjahr 1935, d. h. um 27 Prozent. Gemüsebau in Palästina Jerusalem (Palnews): Wie der Regierungs- Direktor für Landwirtschaft in seinem Oktober-Bericht mitteilt, ist der Gemüseanbau in starker Zunahme begriffen. Im Subdistrikt Gaza wurden ausgedehnte Flächen mit bewässertem Gemüse bepflanzt. Das gleiche ist auch im Bezirk Jaffa-Ramie der Fall. Die jüdischen Siedlungen im Jordantal dehnen den Gemüsebau ebenfalls stark aus. Auch der Kartoffelanbau erfährt in der Gegend «von Tiberias einen starken Aufschwung, im unteren Emek werden große Flächen mit Winterkartoffeln bepflanzt. Im Subdistrikt Tulkarem haben die verhältnismäßig hohen Gemüsepreise den Gemüseanbau stark angeregt. Besonders bemerkenswert ist, daß die Zitruspflanzer in ausgedehntem Maße zwischen jungen Orangenbäumen Gemüse anpflanzen. Kultuswahlen in Linz Die am Sonntag, den 27. Oktober, in Linz abgehaltenen Kultuswahlen brachten in der Zusammensetzung des Kultusvorstandes keine wesentlichen Veränderungen. Nach wie vor wird die Linzer Kultusgemeinde von einer zionistischen Majorität verwaltet werden. Zwei Listen warben um die Stimmen der Wähler. Es erhielt die gemeinsame Liste der Zionisten und Koaservativen 474 Stimmen und 13 Mandate (8 Zioniste^ 5 Konservative), die revisionistische Liste 138 Stimme* uad I Mandat«.