Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 509 (1.11.1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SefW 5" DIE NEUE WELT Nr. 509 gehen in der Sucht, ihre Knochen in Sicherheit zu bringen, biszur Denunziation. Sie stoßen den Bruder ans dem Schlitten, unter die Wölfe. Nach dem großen Krieg hat sich eine neue Gruppe von Juden gebildet: die jüdischen Frontkämpfer. Sie denunzieren und verunglimpfen nicht die anderen. Aber sie glauben daran, daß es Grenzen gibt, die auch der Antisemit nicht überschreiten kann: Opfer an Blut und Gesundheit fürs Vaterland! Eine schöne Illusion. Hitler-Deutschland jagt die Juden weg, auch wenn sie an der Front geblutet haben. Schmutzige Ratten sind über die Kriegerdenkmäler und Archive hergefallen und haben die jüdischen Namen herausgekratzt und herausgebissen. Goebbels hat teuflisch grinsend die Grabhügel der jüdischen Frontkämpfer plattgetrampel. * Jud, sei kein Tropf! Wenn dir ein feiger Antisemit Honig ums Maul schmiert, wisch das klebrige Zeug weg. Das mit dem Schlitten und dem Bruder und den Wölfen taugt nichts in jüdischer Sache. Der Jude, der den Bruder den Bestien hinwirft, handelt gemein und dazu urdumm. Zu viele und zu gierige Wölfe jagen hinter dem jüdischen Schlitten her, als daß ein Bruder sie satt machen könnte. Zu weit liegt das Gehöft der Rettung, als daß die Wölfe den Schlitten-nach beendetem Fraß nicht einholten. Bruder und Bruder müssen vor die Wölfe treten, eng verbunden. Wenn es eine Rettung gibt, dann nur so. Selbstsüchtige Feigheit bringt kein jüdisches Heil. Robert: Stricker Der Liebling Sir Samuels Aus Jerusalem: Die arabische Tageszeitung „Fe lest in" richtet scharfe Angriffe gegen den Großmufti, von dem sie behauptet, er fördere die italicn i sc h e V r o paganda' in den Ländern des Nahen Ostens. Das Biatt behauptet ferner, daß die von dem Sender in Bari ausgehende italienische Propaganda für die arabischen Lander von dem In der Verbannung lebenden syrischen Emir Shekib Arslan, dem Vorsitzenden des „Syrisch-palästinensischen Komitees" in Genf, der die rechte Hand des Mufti sei, gejei.tet werde. , ■ B .e m or k u n g. Der Großmufti Emin el Husseini v.'är .der. besondere Liebling des ersten jüdischen Gouverneurs, von. Palästina. - Sir Herbert Samuel. Um seine „Objektivität" zu zeigen, hat Sir Samuel den Mufti, der 1920 .wegen Anstiftung von Pogromen gegen Juden zu einigen--J-ahren Kerker verurteilt'war,-be.gnadigt und zum Vorsitzenden des Obersten moslemitischen "Rates gemacht: Als solcher förderte er dann .den Pogrom-1929. Die Juden konnten, sich bei Sir Samuel dafür bedanken. Jetzt hetzt der. Mufti, der auch gerne italienisches Geld nimmt, gegen Ehland. Jetzt können sich die Engländer bei dem famosen Sir Samuel bedanken. Uebrigens beweist dieser liebe Herr auch jetzt „jüdische Objektivität" und fordert in Artikeln auf, dem „bedrängten" Hitler- Deutschland einen „Platz an der Sonne" und eine „Chance" zu. geben. Die ganze Welt war über das englischdeutsche Flottenabkommen höchlichst, erstaunt. Sir Samuel war davon entzückt. Er sucht sich die für einen Juden sonderbarsten Lieblinge aus: Erst den Pogrom- Mufti und jetzt' Hitler. iVacUeHSfäe^ei Politischer Asketismus „Seit langem schon ist es in Indien Brauch, sich von den Menschlichkeiten unserer Natur zu emanzipieren. Hüten v:lr uns, das noch zu fördern, indem wir eine Manie der Selbstaufopferung .schaffet}. Unser Leben heute braucht mehr Farbe, mehr. Ausdehnung, viehr Nahrung, denn wir sind in jeder Hinsicht ausgehungert. Wie auch immer in anderen Ländern die Lage schi mag, wir in Indien brauchen mehr Lebens fülle und keinen Asketismus. Der Gedanke der Non- Cooperation ist politischer Asketiimus. Er hat als Stützpunkt eine wilde Freude an einer Selbstauslöschung, die im besten Falle Asketismus ist, Im schlimmsten aber eine Orgie des Entsetzens, in der die menschliche Natur, allen Vertrauens in die realen Unterlagen des realen Lebens bar, sich im Zerstören gefüllt." Aus Rabindranath Tagores ,.Briefe an einen Freund". Antisemitische Lügen " ..Selbst auf die Gefahr hin, wieder einmal einer antisemitischen Hetze gepAehen zu werden, möchten wir feststellen, daß der jüdische Anteil an dem Geistes- und Kunz liehe» *„ den österreichischen Landen ein derartig überragender ist., daß wohl Bedenken in der Richtung am Platze sind, ob man von einem christlich-deutschen oder jüdischen Kunstseluiffen sprechen soll." ..Deutsches Volksblatt", Wien, Oktober 1935. Warnung vor wahnsinnigen Methoden „jedes Führerregime ist charakterisiert durch Unduldsamkeit gegen nationale, konfessionelle, Reinsen- und Parteiminderheiten. Diese Metlwden in einem Btmto ein« führen ~?< wollen, in dem das deutsche Volk national in der Minderheit ist, kann vom Standpunkt dieser Deutschen nur als Wahnsinn bezeichnet werden. In der Tschechoslowakei kann das deutsche Volk auf die Demokratie nicht verzichten." Der tschechoslowakische Minister Dr. Dere r, Okt. 1935. Resultat der Naziwirtsdiaft „Ein Problem, zwei Lösungen: Lebensmittel nach Deutschland! Geldsendungen als Geschenk oder Unterstützung! Der Winter steht vor der Tür. In Deutschland steigen die Lebenshaltungskosten. Die Löhne sinken. Die Kaufkraft fehlt." Aufruf des deutsch-amerikanischen Wohlfahrtskomitees, Oktober 1935. Blick auf Genf „Die letzte Genfer Tagung hat das Bestehen von drei Doktrin-en bewiesen: 1. Das internationale Gewissen. 2. Der unteilbare Friede. 3. Die kollektive Sicherheit." Aus einer Rede Edouard Herr^ots, Okt. 1935. Geistiges Altneuland „Es gibt keine Ostjudenfrage, es gibt nur eine Judenfrage." „Bei Herzl ynerki mayi auch, daß und in welchem alle kritischen Zweifel übersteigendem Maß der biblische Moses eine historische Person gewesen ist." Aus Franz Rosenzweigs Briefen. //Und dennoch I" „Auf der im April 19S6 zu eröffnenden Messe wird die landwirtschaftliche Seite der palästinensischen Wirtschaft besonders zum Ausdruck kommen, und dies wird eine Art von Bilanz Uber fünfzig Jahre jüdischer Kolonisationstätigkeit in Palästina sein. Unsere Tätigkeit in Palästina war stets von dem Gedanken ,und dennoch' erfüllt. Auch heute, nach der kurzen Erschütterung, die unser Wirtschaftsleben in den letzten Tagen durchgemacht hat, treten wir an die große Aufgabe heran, die Levantc- Mesfte vorzubereiten. Die kommende Messe wird viel größer sein als die vorige'-' Meir Dizengoff zur Lcvantc-Messe. Aus Oesterreich Gegen die jüdischen Aerzte Das Mitteilungsblatt der Vereinigung jüdischer Aerzte veröffentlicht einen vom Präsidenten Professor Braun und dem Schriftführer Dr. Güdemann gezeichneten Brief an den Minister für soziale Verwaltung, in welchem gegen die Behandlung jüdischer Aerzte an den staatlichen Krankenanstalten fFondsspitälern) Stellung genommen wird.. Es heißt darin: „ . . . Seit Mai 1933 werden in den Wiener Fondskrankenanstalten die Ernennungen der Hilfsärzte nicht mehr nach dem bis zu diesem Zeitpunkt streng eingehaltenen Prinzip der Anciennität durchgeführt, sondern diese Ernennungen erfolgen prinzipiell mit Uebergehung aller vorhandenen jüdischen Anwärter. Als Folge dieses Vorganges werden j ü d i- Beuden td&steü* -> Semnetin^ Pensionspreis bei Mindestaufenthalt von 3 Tagen S 10.- inklusive Abgaben sehe Aerzte, die mehrere Jahre als Hospitanten u nentgeltlich Dienst versehen, immer wieder übergangen, während nichtjüdische Anwärter unmittelbar oder ganz kurze Zeit nach ihrer Promotion ernannt werden. Es häufen sich sogar immer mehr die Fälle, daß jüdische Spitalsärzte nach vierjähriger Spitalstätigkeit die Anstalt als Hospitanten wieder verlassen müssen." „Obwohl es also jüdischen, Aerzten^ in vierjähriger Wartszeit nicht gelingt, Aspiranten oder Sekundarärzte zu werden, gibt es an den Wiener Föndskrankenanstälten syetemisierte Hilfsärztestellen, die nicht b esetzt werden, weil für dieselben nur jüdische Anwärter vorhanden sind." „Die Vereinigung jüdischer Aerzte ist in dieser Angelegenheit wiederholt bei den zuständigen Referenten des Ministeriums für soziale Verwaltung vorstellig geworden und hat auch schriftliche. Eingaben, teils direkt, teils im Wege des Präsidiums der Israelitischen Kultusgemeinde, dorthin geleitet. Alle diese Schritte waren bisher erfolglos." „Wir erlauben uns daher, sehr geehrter Herr Bundesminister, Sie neuerdings ergebenst zu bitten, das schwere Unrecht, das loyalen Staatsbürgern nur aus dem Grunde zugefügt wird, weil sie Juden sind, ehestens aus der Welt zu schaffen." Mit dem Elend der jungen Spitalsärzte hat es aber nicht das Bewenden. Eine schwere Gefahr für viele ältere, in der Praxis stehende jüdische. Aerzte ist im Anzüge: Die Abschaffung der freien Aerztewahl in FAHRRAD- FABRIK LUMAQ KINDERWAGEN- FABRIK v«n S 38.— Klndcrwagenvorkauf: VII, Neubaugasse 21 / I, Tuchlaubenhof 7 X, LaienburgerstraBe 82 / XX, JägerstraBe 41 Fahrrad Fabrik: VII, Burggasse 110 Bequeme Teilzahlung! Kataloge gratis! der Krankenversicherung. Aerzteausschüssc werden zu bestimmen haben, welche Aerzte der Versicherte in Hinkunft aufsuchen darf. In diesen Aerzteausschussen sitzt kein Jude. Welches aber der Geist ist, welcher die nichtjüdische Aerzteschaft vielfach beseelt, geht aus einem Aufruf hervor, welchen ein Arzt in dem Blatte der herrschenden Richtung, „Neuigkeits-Weltblatt", ungehindert und ohne Widerspruch veröffentlichen konnte. Ein Auszug: ..... Der materialistische Geist der Hal l gier, Habsucht und Uebertölpelung hat die ärztliche Arbeit und den Arbeitnehmer Arzt herabgewürdigt. Zers e t z (! n d p r jüdischer Geis t hatte unser» Acrzteschaft gespalten In J'auschalkassenärzte und Freipräktlzlercr und beide gegeneinander'gehetzt; um sie beide zu beherrschen. . . .- Das Problem der Aerztet'rage kann .nicht gelöst werden, indem «lern einen du» Brot aus dem Mund genommen wird, um es dem anderen zu geben, wie es ,j ii d I s e h e r H ii n d 1 e r g eis t vordem geschehen ließ. . . . Für die österreichische Aerzteschaft ist daher volle Einigung das Gebot d«r. Stunde. . . . Oesterreich! Dr. Bruno Mandel (Wien).4' Es braucht wohl nicht näher erklärt zu werden, auf wessen Kosten diese „volle Einigung" geschlossen werden soll. Dieser Vorstoß, der Hilferuf der Aerztevereinigung und die Feststellung der Erfolglos! g* Keit aller Bemühungen, sind schlechte Vorzeichen. Man soll sie beachten. In der „Neuen Welt" wurde wiederholt gewarnt, die jüdische Frage in Oesterreich in „Standesfragen" zu teilen, in eine Frage der Aerzte, Advokaten, Kaufleute usw., und die „Stände" in ihrem Kampfe allein zu lassen. So wird es nur allzu leicht gemacht, einen Stand nach dem andern mit ablehnenden oder ausweichen-» den Antworten fertig zu machen. Es gibt, eine Juden-< frage und alle Stände im jüdischen Volke müssen vereint den Kampf um Recht führen. Sonst ist nichts zu erreichen. Eine Rede 7äiv Judenfrage In der Vorwoche hat der Vizepräsident des Landesschulrates Minister a. D. Dr. C z e r m a k vor einer großen Versammlung christlicher Turner über „Oesterreich und die Judenfrage" gesprochen. Er sagte: „Die Judenfrage ist ein Problem, das nicht. nur unseren jüdischen Volksteil, soadern das gesamte Judentum der Welt betrifft; Vüfenn unser Vaterland auf christlicher Grundlage erneuert werden, soll, so werden seine Baumeister nicht vorübergehen können an. einer gerechten Behandlung des J Udo n- Problems. Bei der Neuordnung unsere» österreichi-; sehen Vaterlandes hören wir Immer wieder die Frage: Wie ordnen sich die. rund 200.000 Juden in den Christ*' liehen Staat ein? Unser, gegenwärtiger Kanzler spricht, in seinen Reden gern von einem gemeinsamen Nenner, auf dem alles irgendwie geeinigt zusammengefaßt werden-soll. Dieser gemeinsame Nenner ist unser O e s t o r r e i c h e r t n m; darf niemanden geben in unserem Vaterland, der sich wicht dem österreichischen Gedanken willig fügt. Daß der Ausdruck „gemeinsamer' Nenner" gebraucht wird, besagt aber auch; daß es einen „Zähler" gibt, daß der Oesterreicher berechtigt ist, in anderer Hinsicht ganz bestimmte ve r sch.i.ed c n <v Auffassungen zu haben. Es ist klar, daß das österreichische Judentum sich zum gemeinsamen Nenner bekenn nen muß, wir können aber dem Judentum den Anspruch nicht verweigern, daß es sich nicht nach christlichen Grundsätzen zusammenschließet, wir können ihm den Anspruch nicht verweigern, seinen eigenen jüdischen „Zähler" zu formulieren. Der österreichische Jude muß sich bewußt sein, daß dep Staat auf christlicher Grundlage ohne Störung durch nichtchrlstliche Kreise aufgebaut werden muß." „In der Judenschaft gibt .es zwei Hauptriehttrtigen: die assimilatorische und die zionistische oder nationale. Wir müssen und sind dazu geneigt, uns mit den Juden, die sich zu ihrem Judentum bekennen, ernst, und sachlich auseinanderzusetzen. Wir Oesterreicher haben bemerkt, daß auf dem Gebiete der Judenf rage im Deutschen Reich große Fehler gemacht wurden. Jode HaßWelle gegen das Judentum bringt Nachteile für das betreffende Volk; am besten ist die ruhige Auseinandersetzung. Dinge, die nur diese Juden angehen, sollen sie sich selber regeln, aber bei Angelegenheiten, die auch uns berühren, wollen auch wir mit-« reden. Man muß die Judenfrago ohne Aongstllclütcit und Haß, mit Freimut und Verständnis anpacken;" Minister Dr. Czermak ist einer, der wenigen führenden Männer in Oesterreich, welcher die Bedeutung der Judenfrage im allgemeinen und für däs schwer um seinen Bestand ringende Oesterreich im besonderen erkannt hat und unablässig dahin drängt, diese Frage offen und im Geiste der Verständigung zu erörtern. Mit seinem Buche „Ordnung in der Judenfrage" wollte er den Anfang machen. Er hat darin neben Grundsätzen, welche hillig erscheinen, auch solche entwickelt, welche vom jüdischen Standpunkt aus abzulehnen sind, aber darum bleibt doch der große Wert seines Versuches, zu einer Aussprache zU gelangen, bestehen. Er ist auf Widerstä'hdo gestoßen« Gewisse nichtjüdische Kreise wollen ja eine Unklarheit in der Judenfrage bestehen lassen, woil ihnen diese Unklar* heit als ihren antijüdischen Bestrebungen förderlich erscheint. Gewissen jüdischen Kreisen wiederum scheint jede Aussprache notwendig mit einer Preisgabe jüdischer Rechte verbunden. So kann die Sache Professor Czermaka nur schwer in Fluß kommen. "' Unter allen Umständen aber verdient der TJmstaiul, daß Minister Czermak über die Judenfrage vor einer Massenversammlung junger deutscher Christen in einer, wie der Bericht zeigt, würdig-sachlichen Form gesprochen hat, Beachtung und Anerkennung. Wann und wo sonst zu jungen deutschen Christen über die Juden ge« spröchen wird, geschieht es leider ~in verhetzender unä