Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 508 (29.10.1935)
- Date
- 1935-10-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ffr. 50f DIE NEUE WELT Seite 3 Feldmarsdiall Lord Plumer Sein Andenken ist ausgelöscht. Wohl deshalb, weil er uns Gutes erwiesen hat. Der biedere alte Soldat und Christ war der zweite Hochkommissar von Palästina, Nachfolger des ersten jüdischen Hochkommlcsärs Herbert Samuel. Sir Samuel ist jeden Sabbat in Prunkuniform mit großem glänzendem Gefolge in die Synagoge zu den Juden gekommen, bei jedem Fest und Theater war er dabei und hat sein „gutes Judentum" beteuert und die geehrten Juden haben gestrahlt! Der alte Offizier war wortkarg und wußte mit den ihm fremden Juden gesellschaftlich nichts anzufangen. Seine Antrittsrede war kurz. „Ich bin von meiner Regierung herbefohlen, den Aufbau des jüdischen Nationalheims zu garantieren und Ordnung im Lande zu halten." Das war ungefähr alles. Und die Juden waren ein wenig enttäuscht. Na ja! Er ist eben kein Jude ... Der glänzende und joviale Sir Samuel hat in keiner schweren Stunde, wenn es zwischen Arabern und Juden zu entscheiden galt, gezögert, die Juden, seine lieben Sabbatfreunde, die Zeche bezahlen zu lassen. Um seines lieben Friedens willen hat er den aufbegehrenden Arabern Transjordanien und Staatsländereien gegeben. Den Juden nichts, dafür ~- am Sabbat den guten Rat, schön still zu sein. Der brummige alte Offizier Plumer hat solche Kunststücke nicht gekannt und vor sein Bedürfnis nach Ruhe die Pflicht gestellt. Wenn sich Störer der Ordnung regten, hat er den Arabern nichts geschenkt und den Juden nichts weggenommen. Er hat die Ordnung gehalten, wie es seinem Auftrage entsprach, mit den Mitteln der ihm übertragenen Regierungsgewalt. Er war fest, brauchte daher nicht hart zu sein. Als die Araber unter Sir Samuel einen Aufstand in Szene setzten, Juden überfielen und erschlugen und Sperre der jüdischen Einwanderung verlangten, da sperrte Sir Samuel die jüdische Einwanderung, holte den Helden des Pogroms, den Mufti Emin el Husseini, aus dem Kerker und setzte ihn auf den gutbezahlten Posten im Obersten Rat der Mohammedaner. Wo er dann weiter hetzte. Als später arabische Führer bei Marschall Plumer erschienen und Sperre der jüdischen Einwanderung forderten und feierlich die Augen aufschlagend erklärten, daß sie sonst nicht für Ruhe im Lande bürgen könnten, da sagte Plumer: „Meine Herren! Ich verlange von Ihnen keine Bürgschaft für Ruhe. Für die Ruhe im Lande habe ich zu bürgen!" Und die jüdische Einwanderung ging weiter und es herrschte Ruhe im Lande. Jetzt ist in London ein Buch „Plumer of Messines" erschienen, in welchem General Charles Harrington den Lebenslauf seines toten Kameraden beschreibt. Harrington schildert, wie Plumer in Palästina das Sicherheitswesen in Palästina ausgestaltete, zur Unzufriedenheit der immer stärker werdenden antizionistischen Bürokratie im Londoner Kolonialamte, welche mit Sir Samuel sehr zufrieden gewesen waren. Man begann gegen Plumer zu intrigieren. Man forderte von ihm Verkleinerung der Garnison. Plumer wollte die fürchterliche Verantwortung nicht übernehmen und verließ seinen Posten. Die Garnison wurde verkleinert und die Katastrophe brach herein. Im Jahre 1928 ging Plumer. Nach ihm kam Sir Chancellor, der auf den Wegen Sir Samuels ging. Im Jahre 1929 brach der entsetzliche Pogrom aus — mit hunderten Hingemordeten —, der lange wüten konnte, weil man mit Kriegsschiffen Soldaten holen mußte, um die Garnison zu verstärken, die Plumer nicht hat verkleinern wollen. Ein merkwürdiges Volk, wir Juden. Sir Samuel wird gefeiert. Eine herrliche Straße in der Judenstadt Tel-Aviv ist nach ihm benannt, zum ewigen, ruhmvollen Gedenken prangt sein Name auf Straßentafeln. Der Name Plumer ist in Vergessenheit versunken. Ein merkwürdiges Volk, wir Juden ... Robert Stricken Ein interessanter Brief des Kaisers Menelik Abessinien und die Juden Die Londoner ,.Times" veröffentlichten soeben einen Brief des Kaisers Menelik von Abessinien an den englischen Missionär Clark. Der genannte Brief ist im Jahre 1896 nach der Niederlage der Italiener bei Adua geschrieben und eine Antwort auf die Glückwünsche des Missionärs für den Negus. Es heißt darin: „Mit welchem Recht ignorieren die Europäer den Teil der Bibel, der sich auf die Dinge von Jesus dem Nazarener bezieht? Das, was Altes Testament genannt wird, ist genau so wahr wie das Neue Testament, und wahre Christen müssen alles achten und hüten, was dort steht. Jesus hat niemals sein Volk verleugnet. Die Judenverfolgungen führen bloß zur Schwächung des Glaubens und zum allgemeinen Verfall, den wir in Europa bemerken. Man wendet Gewaltmethoden gegen die Juden an. Die Juden haben doch ebenso unsterbliche Seelen wie alle anderen Menschen. Ist nicht der Erlöser selbst von diesem alten Stamm 50.000 Einwanderer im fahre 1935 Aus Jerusalem: Nach Angabe der Zionistischen Exekutive sind in den neun Monaten Jänner-September 1935 rund 5 0.0 0 0 Juden in Palästina eingewandert. XJeber die Häfen Haifa und Jaffa kamen 46.425 Juden ins Land, einige tausend Juden kamen über die Festlandsgrenzen oder als Touristen, deren Aufenthalt nachträglich legalisiert wurde. Der italienisch-abcssinische Krieg hat auf die jüdische Einwanderung keinen hemmenden Einfluß ausgeübt. Aus Warschau ging In der letzten Woche über Konstantza (Rumänien) ein Transport von 700 Palästina- Wanderern ab, ein zweiter Transport von 400 Wanderern folgt in wenigen Tagen. Palästiua-Einwanderer klagen die englische Regierung. Aus Warschau: Acht Palästina-Einwanderer aus Polen, die trotz ordnungsmäßiger Sichtvermerke zur Landung in Haifa nicht zugelassen wurden, haben gegen die englische Regierung auf Ersatz der Reisekosten und Entschädigung für den mit der zwecklosen Reise verbundenen Zeitverlust geklagt. — Vor einiger Zeit wurde mitgeteilt, daß gegen einen höheren arabischen Beamten des Immigrationsamtes der Palästina-Regierung eine Untersuchung wegen gewisser Mißbräuche geführt wird und daß Einwanderungszertifikate für Angehörige von Palästina-Einwohnern nicht anerkannt werden, falls sie die Unterschrift dieses Beamten tragen. Infolge der im Zusammenhang damit angeordneten verschärften Einwandererkontrolle wurden 26 Personen, die am Vorabend des Jörn Kippur an Bord des Dampfers „Koszciusko" in Haifa eintrafen, nicht an Land gelassen. Am folgenden Morgen wurde 18 Personen die Landung gestattet, die übrigen acht aber mußten mit demselben Schiff die Rückfahrt antreten. Später konnten auch diese acht Personen nachweisen, daß sie ordnungsgemäß vom polnischen Konsulat in Warschau visierte Pässe hatten. Steigerung des Geldumlaufes in Palästina Aus Jerusalem: Laut der amtlichen Statistik betrug der Geldumlauf gegenüber demselben Monat des vergangenen Jahres eine Steigerung um rund zwei Millionen Pfund. Gesetze gegen öffentliche Reügionsverletzung — mandatswidrig Aus Jerusalem: (J. T. A.) In einem Urteil, das der Hauptrichter von Jaffa, P. C. Hubbard, in Tulkarem gefällt hat, wird festgestellt, daß Gesetzesbestimmungen gegen öffentliche Religionsverletzung im Widerspruch zum Pälästinamandat stehen und deshalb außer Kraft getreten sind. Das Urteil, das sich auf eine mohammedanische religiöse Angelegenheit bezieht, ist im Hinblick auf den vielfach geäußerten Wunsch nach landesgesetzlicher Regelung gewisser Fragen auch der öffentlichen jüdischen Religionsausübung von allgemeiner Bedeutung. Die Regierungssdiuien in Palästina Aus Jerusalem: Wie vom Unterrichtsdepartement der Regierung der J. T. A. mitgeteilt wird, hat sich die Zahl der Schüler in den Regierungsschulen Palästinas seit 1019 mehr als verdreifacht. Während im Schuljahr 1919/20 10.622 Kinder diese Schulen besuchten, zählte man im Juli 1935 bereits 38.859 Besucher der Regierungsschulen. Gegenüber dem Schuljahr 1D33/84 war eine Zunahme von 5000 Kindern zu verzeichnen. Für das laufende Schuljahr wurden 117 neue Lehrstellen geschaffen. In den Dörfern werden in diesem Jahre 20 Knaben- und 6 Mädchenschulen neu eröffnet werden. 106.000 Pfund wurden aus dem Anleihefonds für Errichtung neuer Schulen bereitgestellt, für den gleichen Zweck stellt die Regierung aus ihrem Ueberschuß 18.000 Pfund zur Verfügung. Anm. dar Red.: Die Regierungsschulen werden nur von arabischen Kindern christlicher und mohammedanischen Glaubens besucht. Die Juden haben ein eigenes Schulwerk, zu dessen Erhaltung die Regierung nur eine ganz kleine Subvention leistet. Die Regierung wendet für ein arabisches Kind ungefähr fünfmal soviel auf als für ein jüdisches. Steigender Maschineiiimport Aus Jerusalem (J. T. A.): In den ersten vier Monaten 1935 wurden für 458.518 Pfund Maschinen nach Palästina eingeführt gegenüber 292.267 Pfund in dem entsprechenden Zeitraum des letzten Jahres. Am stärksten ist die Einfuhr landwirtschaftlicher Maschinen und von Maschinen für die Elektrizitätsindu- «trie gestiegen, In der Gruppe „Verschiedene Maschinen" gewesen? In meinem Reich gibt es über 300.000 Juden, die sogenannten Falaschas. Und obwobl sie volle Unabhängigkeit genießen, sind sie gehorsame und arbeitsame Untertanen. Sie zetteln niemals Verschwörungen und Wirren an. Sie zahlen die Steuern und respektieren unseren Patriarchen. Wenn die Juden in Europa sich nicht so führen, geschieht es darum, weil sie schlecht behandelt werden und weil man ihnen ein schlechtes Beispiel gibt. Weshalb sollen wir die Juden verfolgen? Sie wenigstens in England halten sich von Verfolgungen zurück. Mögen andere Völker Ihrem Beispiel in dieser Hinsicht folgen! Ich bitte Sie, lehren Sie in Ihrem Land das zu tun, so wie ich es in Aethiopien (Abessinien) lehre. Addis Abeba, im Reich des Löwen von Juda, 3. Februar 1896. Gez. M e n e 1 i k." betrug die Steigerung 74.713 Pfund (von 189.500 auf 264.213 Pfund). Im besonderen sind Einfuhrsteigerungen bei Druckereimaschinen, Pumpen und Sämaschinen festzustellen. Le§efi HevzVs „MamdieV ♦ ♦ ♦ Ein Krieg um Frieden . 1 iis J e r u s a l e m wird, uns berichtet: Hier besieht eine von der englisch-protestantischen Missionärin Miß Cum bei gegründete .,Chrisiliehe Frauen gesellschuf l für Mäßigkeit", welche aus arabischen und englischen Frauen besteht. Die Gesell-1 schaft. hat auch eine Abteilung ..Für Frieden unter den Völkern". Mehrere jüdische Frauen haben es für gul befunden, sich um Aufnahme in diese Abteilung zu bewerben und wurden auch zugelassen. Als dieser Tage der Aufruf der Kaiserin von y\bessinien erschien, in welchem die Frauen aller Welt um Kundgebungen gegen das angreifende Italien und für den Frieden gebeten wurden, veranstaltete die Friedensabteilung der Christlichen Frauengesellschufl ein großes Meeting. Nachdem zwei englische und einige arabische Frauen gesprochen hatten, betrat die Jüdin Miß Flu m die Tribüne und begann hebräisch zu sprechen. \ach den ersten W orten begannen die arabischen Frauen einen Krawall und erklärten, die Jüdin nicht hören zu wollen. Das Meeting für den Frieden endete so mit lautem Kriegsgeschrei und die Damen gingen derangiert und schimpfend auseinander. * Dieser Frauenkrieg um den Frieden hat nicht nur eine heitere Seite. Fr beweist, daß der in gewissen jüdischen kreisen Furopas vorhandene Mangel an Feingefühl auch in Palästina anzutreffen ist. Unter dem Vorwunde, manchmal auch mit der, ehrlichen Absicht, der „Verständigung" mit. den ]\ichtjuden dienen zu wollen, drängt man sich frem* den Gesellschaften auf und nimmt gezwungene konventionelle Phrasen für herzliche Einladung. Sa kamen immer liurüiüutige Juden und Jüdinnen in deutsche, polnische, magyarische und andere Verbände. Das Ende war immer: Hinauswarf und gesteigerte Entfremdung und. Verbitterung. Soll diese beschämende und schädliche Sache in Pulästinn, im Jüdischen Nationalheim, ihre Fortsetzung finden? Hat man Theodor Herzls Mahnung zu. stolzer Zw* rückhaltung und bescheidener Würde ganz ver« gessen? Leset seinen ..Muuschel"! Aus Rumänien Aus Czernowitz: Der mit Rücksicht auf die jüdischen Feiertage von. den Behörden verschobene Kongreß der national-christlichen Cuza-Goga-Partci hat am Sonntag, den, 20. Oktober, in Czernowitz mit 20.000 Teilnehmern stattgefunden. Der rumänische „Apostel des Antisemitismus", Prof. A. C. C u z a, der vor kurzem bei Hitler in Berlin zu Gast war, und der ehemalige Innenminister Octavian G o g a führten den Kongreß. An den Wänden in der inneren Stadt und in den Vorstädten waren Plakate mit dem Programm der national-christlichen Partei affichiert. Darin wurden die Juden als „jüdisches Gesindel" bezeichnet. Es wird verlangt : Konfiskation des jüdischen Vermögens auf: dem Lande, Reinigung des Öffentlichen Dienstes von jüdischen Angestellten, Expropriierung der jüdischen Industrie u. dgl. m. Cuza hielt auf dem Kongreß scharfe antisemitische Hetzreden und erklärte, seine Partei werde früher oder später die Regierung1 übernehmen und das Programm verwirklichen. Zu Ruhestörungen kam es nicht, aber in jüdischen Kreisen wurde es als empörend empfunden, daß die Regierung die Affichierung eines Plakats gestattet hat, welches c i n e Million jüdischer Staatsbürger Rumäniens als „jüdisches Gesindel" beschimpft. * Aus Chi sin au: Eine größere Gruppe Studenten, die an dem Cuzistenkongreß in Czernowitz teilgenommen hatte, versuchte auf der Rückkehr vom Kongreß, einen Pogrom auf die jüdische Bevölkerung von Brinceva, Kreis Balti in Bessarabien, zu veranstalten. Am Montag, den 21. Oktober, fielen etwa 50 Studenten über die Juden her und verletzten eine Anzahl von ihnen. Die Bevölkerung organisierte unter der Führung des Bürgermeisters, eines Juden, den Widerstand. Die Angreifer wurden zurückgetrieben. Auf beiden Seiten wurden sieben Personen schwer und neun leichter verletzt. Ein Student isfc. seinen Verletzungen erlegen.