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Die neue Welt · 1935-10-29 · Heft 508 (29.10.1935) · page 2

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Journal
Die neue Welt
Volume
9 (1935)
Issue
Heft 508 (29.10.1935)
Date
1935-10-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 501 die JUdlsche Politik und Publizistik jetzt nur eine eliKlge Richtlinie: Neutralität! Jeder Jude hat natürlich das Recht auf Sympathien. Ob man auf dieser oder jener Seite steht — all die Meinungen sind unschädlich, solange sie für den „heimischen Gebrauch" bestimmt sind. Anders steht es bejsüglich der jüdischen Presse, der jüdischen Parteien und Organisationen. Da muß die größte Vorsicht herrschen. Die jüdische politische Repräsentanz, die offizielle und die nichtoffizielle, hat sich an das eine Gebot: Neutralität! zu halten. Neutralität heißt aber auch Neutralität gegenüber allen Faktoren in dem Konflikt. Jene Elemente, welche den italienisch-abessinischen Konflikt und die gespannten Beziehungen zwischen England und Italien auszunützen versuchen, um ein wenig „Orientierung' zu spielen, machen sich nicht bloß lächerlich, sondern sie irritieren auch wichtige jüdische Interessen. Sie versuchen, uns zu balkanisieren. Das Bestreben, unter allen Umständen auf der politischen Szene zu erscheinen, ist — ob nötig oder nicht, ob darin Sinn liegt oder nicht — eines jener neuen Dinge in unserem Leben, die ernste Sorgen wegen der Zukunft erwecken. Sämtliche Vergleiche mit dem Weltkrieg halten nicht der mindesten Kritik stand. Damals waren unsere blutigsten Interessen tangiert. Heute sind wir dagegen abseits stehende Zuschauer. Niemand hat das Recht, uns ■— durch Leichtsinn oder andere Motive — zum Verlassen der einzig möglichen Position eines neutralen Volkes zu zwingen. Für temperamentvolle Menschen ist es schwer, Neutralität zu halten. Oft nicht um vieles leichter, als einen Krieg zu fühen. Es erfordert Verantwortung, Sinn für Realität und eine gewisse Dosis Takt. Ueberhaupt — Takt. Der jüdische Bürger in aller Welt, vornehmlich aber in Palästina, wird beweisen müssen, daß er diese Dinge versteht, daß er diese Tugenden besitzt. Weltpolitik der Woche Während des Weltkrieges erschien aus der Feder eines deutschen politischen Publizisten eine Schrift: „Händler und Heiden", worin der Versuch gemacht wurde, zu zeigen, daß England im Verlauf seiner Entwicklung zur Weltmacht ausschließlich händlerischen Instinkten gefolgt sei, während der deutsche Mensch dem reinsten Heldentum gehuldigt und es darum verabsäumt habe, ein Weltreich aufzurichten. Der Engländer ist der Händler, der Deutsche (Germane) ist der Held der Schöpfung. Diese aus der Kriegshysterie geborene Geschichtsbetrachtung verlieh in Deutschland dem „Heroischen" ein moralisches Uebergewicht, das für den Nationalsozialismus eine ungeheure Werbekraft besaß und darüber hinaus auch in anderen Ländern zur Verwirrung in nationalen und kulturellen Dingen beitrug. Es gab nicht wenige, die in der italienischen Expedition den Ausbruch solcher Ruhmbedürftigkeit sahen und meinten, Mussolini wolle im Herbst seines Lebens für das italienische, in der Geschichte nicht gerade als kriegserfolgreich geltende Volk „gloire" einheimsen, weil eben auch „gloire" ein Lebensbedürfnis darstelle. Diese Philosophen sehen sich jetzt gründlich getäuscht. Die Italiener betrachten die Anerkennung ihrer Waffentüchtigkeit nicht als nebensächlich und sie haben im abessinischen Feldzug — das werden spätere Berichte bezeugen — Heroisches geleistet, aber ihr vitales Interesse heißt dennoch: Boden, Rohstoff e, Kolonisierungsmöglichk e i t. Diesem Umstand muß irgendwie Rechnung getragen werden. In den letzten Tagen konnten die Berichte der Weltpresse zur Hoffnung verleiten, daß der italienischabessinische Konflikt vor der Liquidierung stehe. Die Versuche, die Sanktionen-Konferenz zu vertagen, damit Zeit für Verhandlungen gewonnen werde, die Beruhigung im Mittelmeer, angebliche direkte Fühlungnahme zwischen London und Rom verstärkten allenthalben den Optimismus, der sich zudem noch auf militärische Erfolge Italiens stützte. Während diese Zeilen geschrieben werden, hat sich die politische Lage in bezug auf die Beilegung des Konflikts nicht gebessert. Denn England will seiner bisherigen Linie treu bleiben und besteht auf Schlichtung aller ostafrikanischen Fragen im Schoß des Völkerbundes, dessen Taktik bekanntlich äußerst zeitraubend ist — ein Umstand, der bisweilen Klärungen bringen, oftmals aber zu Krisenverschärfungen beitragen kann. Die Frage: „Wird Genf entscheiden?" bleibt also nach wie vor aktuell. Die Hoffnung, daß die italienische und abessinische Friedensbereitschaft eine Verschiebung der Sanktionen rechtfertigen könnte, ist sehr gering. Die italienischen Operationen gehen weiter. England überwacht die Lage. Wir sind nicht am Ende des italienisch-abessinischen Konflikts angelangt. Die großen Schwierigkeiten stehen noch vor uns. Frankreich macht eine innerpolitische Reinigungskrise durch. Noch vor wenigen Monaten schien es, daß die das Beispiel Hitler-Deutschlands nachahmenden Rechtsverbände die Oberhand gewinnen und sogar unter dem Risiko eines Bürgerkrieges ein faschistisches Regime etablieren würden. Heute zeigt Frankreich ein anderes Gesicht. Es sind Donnerstag, den 24. Oktober, Dekrete erschienen, die der Regierung die Befugnis erteilen, die von den Linksrepublikanern als faschistisch bezeichneten Verbände aufaulösen, bzw. ihre Tätigkeit bedeutend einzuschränken. Herriot wird wieder Vorsitzender der Radikalen Partei. Auf dem Jahreskongreß der Radikalen Partei (Mitte dieser Woche) hielt er eine Ansprache, worin er mit deutlicher Anspielung nuf die von Hochfinanz und Schwerindustrie unterstutzten reaktionären Verbände von den „lächerlichen Grimassen" dieser bezahlten Organisationen sprach und ihnen die Massen des französischen Volkes gegenüberstellte, „für das die demokratische Republik einen bestimmenden Teil seines Lebens bilde". Seine Worte galten insbesondere den Anhängern des „Croix de feu", den Feuerkreuzverbänden, die ihre antisemitischen Parolen aus Hitler- Deutschland geliefert bekommen haben. Auch eine zweite Rede Herriots auf dem Kongreß der Radikalen — im Zusammenhang mit Frankreichs Haltung im italienisch-abessinischen Konflikt — verdient Beachtung. Herriot führte zunächst aus, daß Frankreich sich ununterbrochen für das Genfer System der kollektiven Sanktionen eingesetzt und jetzt endlich auch England zu diesem Konzept bekehrt habe. Es sei also widersinnig, heute von der Sanktionenpolitik abzugehen. Und nun folgte die gegen Deutschland gerichtete Pointe: „Abessinien ist weit. Aber es gibt Länder, die weniger weit sind. Darum erkläre ich feierlich, daß wir eine fürchterliohe Verantwortung für die Zukunft auf uns laden würden, wenn wir jene entmutigen wollten, welche die Sanktionen gegen jeden Angreifer wirksamer und schneller gestaltet zu sehen wünschen." Hier muß auch noch erwähnt werden, daß England erst küralich auf die französische Anfrage, wie es sich bei einem deutsch-österreichischen Zusammenschluß zu verhalten gedenkt, erklärt habe, es werde unbedingt auf selten Frankreichs stehen. Daß Deutschland nach wie vor als gefährlicher Kandidat angesehen wird, bezeugt die Rede Winston Churchills im englischen Unterhaus. „Das aufgerüstete Deutschland", erklärte Churchill, der kommende Marineminister, „bedroht den Frieden Europas, da es das schwerst bewaffnete Land der Welt ist, ein Umstand, der die diplomatische und politische Aktivität in jedem Land Europas beeinflußt... Wir können es uns nicht leisten, das Nazitum in seinem augenblicklichen Zustand der Grausamkeit und Intoleranz in Europa vorherrschen zu sehen.'4 Ueber die Lage in P a 1 ii s t i n a haben wir bereits mehrfach berichtet. Der Run auf die Banken hat einer nüchternen Beurteilung des gesamten Fragenkomplexes Platz gemacht. Damit ist allerdings das Problem der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Sicherheit nicht gelöst. Mei'r Großmann, der Vorstand der Judenstaatspartei (Tel-Aviv), nimmt in einigen Aufsätzen zur Lage Stellung. Von aktuellstem Interesse sind seine Ausführungen über die jüdische Haltung im englisch-italienisch-abessinischen Konflikt unter dem Titel „Neutralität" an einer an« deren Stelle unserer heutigen Ausgabe. o. r. RUNDSCHAU Kampf gegen Tote Feldmarschalleutnant v. Weiho-Tyhanyi, Divisionskommandant im letzten Kriege, schreibt dem „Neuen Wiener Tagblatt": „Ich muß gestehen, schon lange hat mein Soldatenherz nichts so tief aufgewühlt wie die Nachricht, daß die Namen deutscher Soldaten, die für ihr Vaterland den Heldentod erlitten haben, aus den Erinnerungstafeln gestrichen werden, wenn sie jüdischen Glaubens waren . . . Als wahrer Katholik jeder Unduldsamkeit fremd, als österreichischer Offizier, einer alten katholischen österreichischen Soldatenfamilie entstammend, stehe ich entrüstet vor einer derartigen unfaßbaren ethischen Entgleisung. Ich kann es nicht glauben, daß der Vater dieses schmachvollen Gedankens an der Seite dieser verstoßenen Kriegskameraden gekämpft und miterlebt habe, was diese toten Helden gelitten und geleistet haben. So bin ich als österreichischer Offizier, in solidarischer Verbundenheit mit allen Soldaten, die bis zum Tode ihre Pflicht erfüllen, voll Abscheu Uber eine derartige Maßnahme, welche die Toten nochmals tötet, den Hinterbliebenen aber den letzten Trost, das dankbare Gedenken des geliebten Vaterlandes, nimmt und neuen Schmerz jäh aufwühlt . . . Wo ist da Moral, Gerechtigkeit, Treue, Dankbarkeit, Kameradschaft? . . . Die Deutsche Reichswehr, die Erbin des alten, schönen, ritterlichen deutschen Heeres, hat das Wort!" Drei Fragen stellt der wackere, alte Offizier: Wo ist Gerechtigkeit, Moral, usw.? — In den Lesebüchern für die reifere Jugend und in den Reden der Staatsmänner. — Hat Herr Goebbels an der Front gekämpft und gelitten? — Nein. — Wo ist die Deutsche Reichswehr, die Erbin des ritterlichen deutschen Heeres? — Bei Herrn Goebbels. Wegen Rassensdiande — totgequält Aus Paris: Das „Pariser Tageblatt" bringt einen an eine Privatperson gerichteten Brief eines Christen aus der sächsischen Stadt Meerane: „ ... Eine nahe Verwandte von mir liegt im Krankenhaus und wir fürchten, daß sie nicht mit dem Leben davonkommen wird, und sie ist noch so jung. Sie wurde eines Tages plötzlich verhaftet und wir hörten längere Zeit nichts von ihr. Da sie völlig unpolitisch ist, standen wir vor einem Rätsel. Kurz vor ihrer Verhaftung war im „Stürme r"-Kasten ihr Bild ausgestellt, weil sie mit dem Sohn des hiesigen Fabrikanten V. schon seit Jahren befreundet ist. Nach langen Bemühungen gelang es meinen Verwandten endlich, zu erfahren, daß das junge Mädchen im Konzentrationslager wäre, und nach einiger Zeit hörten sie, daß sie im Krankenhaus läge. Der Besuch der Kranken wurde verweigert. Dann wurde plötzlich die Haft aufgehoben, weil meine Verwandte „leider" lebensgefährlich erkrankt sei; sie lag bandagiert im Bett und konnte nur mit Mühe sich vernehmbar machen. Sie war im Lager in der entsetzlichsten Weise geschlagen und gefoltert worden, hatte sogar noch einen Revers zu unterschreiben, daß sie „gut" behandelt worden sei, und mußte außerdem ein Protokoll unterfertigen, in dem genau angegeben war, wann und wie sie „Rassenschände" getrieben habe. — Während das Mädchen im Krankenhaus lag, wurde ihr Freund, der gleichfalls verhaftet war und ins Konzentrationslager geschleppt wurde, auf dem hiesigen Friedhof der jüdischen Gemeinde begraben. Er soll regelrecht zu Tode geprügelt worden sein. Man erzählt sich schreckliche Dinge von den Mißhandlungen, die der junge Mensch erlitten hat. Er wurde an den Füßen gebunden, auf die Erde geworfen und über steinigen Boden gezerrt, wie ein Stück Holz..." Ein „skandalöses Urteil" Aus Paris (J. T. A.): Die 17. Pariser Strafkammer verurteilte den Pariser jüdischen Industriellen S a m Rudetzki zu einem Monat Gefängnis und Geldstrafe, seinen Sohn zu zwei Monaten Gefängnis, weil beide während des antisemitischen Ueberfalles auf Juden im IV. Stadtbezirk sich gegen die Angreifer zur Wehr setzten und einigen von ihnen Verletzungen zufügten. Bewährungsfrist wurde den Verurteilten nicht zugesprochen. Unter der Ueberschrift „Ein skandalöses Urteil! Zwei Monate Gefängnis für Selbstverteidigung gegen angreifende Antisemiten!" veröffentlicht die Liga zum Kampfe gegen Antisemitismus ein Kommunique^ Jn dem es heißt: „Die Liga zum Kampfe gegen Antisemitismus lenkt die Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf ein von der 17. Strafkammer verkündetes skandalöses Urteil. Dieses Gericht hat einen ehrenwerten Pariser Industriellen, den Kriegsfreiwilligen und im Kriege schwer verletzten Sam Rudetzki sowie seinen Sohn, die im Verlauf einer von Antisemiten im IV. Stadtbezirk provozierten Schlägerei sich gegen ihre Angreifer verteidigt haben, zu Gefängnis verurteilt, Anstatt die Angreifer zu verurteilen, schickt das Gericht die Opfer ins Gefängnis und billigt ihnen keine Bewährungsfrist zu. Die Liga ist entschlossen, eine energische Kampagne für Revision dieses Urteils einzuleiten." KREUZ-KINO Dcr 5cnsationc,,e Kriminalfilm Te,eUr"2.1e üeröreclier im Frack Vorstellungen: *, v,6, v»9, ftio mit Warner Baxter und Myrna Loy ROTENTURM I, Fleischmarkt l Telephon R-29-1-59 Beginn: 4, %6, V»8, V*10 BOSAMBO mit PAULROBEION, nach dem Roman von Edgar Wa 11 ace "HWEDEN FOOTLIGHT- II, Taborstraße 1 imDIAIIE v*k, V26, vtB, vaio rARADE Telephon A-49-0-60 Die Revue der schönsten Frauen SCHKFFER VI, Mariahilferstraße 37 Telephon B-20-203 deginn: Kk, Vit, 'A8, 'A1Q Tagebuch "AfA, yii GRETA GARBO Mariahilferstraße 120 , # Telephon B-83-0-08 *- vv/'e noch nie ~~ Wochentags: 5, 7, 9 Ulir VOTIVPARK IX, Währingerstraße 12 Telephon A-18-3-96 Beginn; k, Vh6, V<*t 'A10 mit Herbert Marshall und Warner Oland

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