Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 508 (29.10.1935)
- Date
- 1935-10-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 10 Groschen lahrgang 9 Dienstag, den 186 «OJJ Nn 508 V. b. b* Zeltung vom Verleger versendet ,r»urual expedte par 1'editeur" nti. Vn ivem*<*bibli{ «>thek REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40. vierteljährig 3 4.—, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 1.50, vierteljährig Zloty 4.50; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.— : Deutschland monatlich Mark 1.—, viertel jährig Mark 3.—: Balgarien monatlich Lewa 30.—, vierteljährig Lewa 80.—: Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—.; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit E bezeichnete Anzeigen sind entgeltlich. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universität sstr, 8, Tel, A-20-2-78 — Erscheint Dienstag u. Freitag Generalstreik in Palästina mißlungen Aua Jerusalem, 25. Oktober: In Jaffa fand eine Konferenz arabischer Parteien statt, in der im Zusammenhang mit dem noch unaufgeklärten Munition s- Hchmuggel die anti jüdische Hetze, trotz Warnung der Palästina-Regierung, fortgesetzt wurde. Es wurde beschlossen, einen arabischen Generalstreik für Samstag, den 2 6. Oktober, zu proklamieren. * Im Auftrage der Kriminalabteilung der Palästina- Polizei begab sich Captain Riggs nach Belgien, um dort an der Untersuchung über die Absendung^ der geheimen Munitionsladung teilzunehmen. Vorher wird er mit Scotland Yard in London Besprechungen abhalten. Die syrische Polizei hat der Jerusalemer Polizei mitgeteilt, sie habe einen gewissen Butrus Luis, Kirchendiener bei der Jerusalemer Koptischen (bekanntlich ist auch die abessinische Kirche koptisch) Kirche, der ohne Paß aus Palästina nach Syrien geflüchtet war, unter dem Verdacht, in die Munitionsschmuggelaffäre verwickelt zu sein, verhaftet. Es sprechen viele Anzeichen dafür, daß die mittels des belgischen Zementtransports in den Jaffaer Hafen geschmuggelte Munition für Abessinien bestimmt war. * Nach Schluß des Blattes erhalten wir folgende Meldung: In der Nacht vor dem Streiktag besetzten englische Polizisten, In Stahlhelmen und mit Gewehren bewaffnet, alle Zufahrtswege zu den Städten. Der Streik, der den Auftakt zu einem arabischen Aufstand bilden sollte, ist zusammengebrochen. Die nervöse Stimmung, welche vorher herrschte, ist geschwunden. In Palästina herrscht Ruhe. JUDENSTAATSPARTEI ÖSTERREICHS Müfwoch, den 30. Oktober 1935, um halb 9 Uhr abends, I, Werdertorg. 14 VORTRAG Referent: Kultusvorsteher In?. Eugen Buchbinder Thema: »Vo»* meiner leisten Palästina-Reise*' Gäste willkommen 1 Neutralität Von Mei'r Großmann (Tel-Aviv) Auf der Tagesordnung steht das schwere Problem der Neutralität. Es genügt allerdings nicht für eine Regierung oder ein Volk, zu erklären, daß es neutral bleibt. Man muß die nötigen Maßnahmen treffen, um diese Haltung wahren zu können. Hunderte Fragen erscheinen: Was man tun darf und was nicht; wo die Stellungnahme des Staates als Ganzes aufhört und wo der freie Wille des einzelnen Bürgers beginnt; was eigentlich ein feindlicher Akt ist... So hat beispielsweise Amerika erklärt, daß es im italienisch-abessinischen Konflikt neutral bleibe. Dennoch hat es gleichzeitig wissen lassen, daß Amerikaner, die auf italienischen Schiffen reisen, dies auf ihr eigenes Risiko tun. Sapienti sat! Man braucht keine weiteren Beispiele. Ist das neutral? Wir erinnern uns noch an den Weltkrieg, wo gerade in den. neutralen Ländern die ärgsten Spionagenester zu finden waren, die größten Propaganda-Agenturen und die aktivsten Einkäufer verbotener Waren. Das was in den neutralen nordischen Ländern erlaubt war, das war in der neutralen Schweiz verboten. Amerika erklärte Deutschland den Krieg, weil es jenes Recht verletzt hat, das Recht der Vereinigten Staaten, sich frei auf den Meeren zu bewegen. Es ist schwer, Krieg zu führen. Es ist aber nicht viel leichter, Neutralität zu wahren. Man muß Uber viel Geduld, Courage und Takt verfügen. Durch den Beschluß des Völkerbundes, sich aktiv iu den italienisch-abessinischen Konflikt einzumischen, wird zum erstenmal in der Geschichte eine neue internationale Lage geschaffen. Während des Krieges zwischen zwei Staaten erscheint auf der Arena ein dritter aktiver Partner — ein neuer Faktor mit speziellen Aufgaben. Es ist keine neutrale Haltung und es ist kein ausgesprochener Kriegszustand. Der Völkerbund gedenkt nicht, Armeen auf die Schlachtfeler der kämpfenden Parteien zu schicken. Gegen Italien wurde ein Urteil gefällt, wonach es der Angreifer, der Ueberfaller, der Brecher von Verpflichtungen gegenüber dem Völkerbund ist. Dieser Urteilsspruch ist mit bestimmten Strafmaßnahmen verbunden — wodurch wieder die zweite Partei zu einer privilegierten Stellung gelangt: Sie bekommt Waffen und Geld. Außer Amerika, Deutschland und Japan haben auch andere Mitglieder des Völkerbundes erklärt, unter allen Umständen und trotz des Schuldspruches von Genf neutral zu bleiben. Welche Form ihre Neutralität annehmen wird, ist noch nicht klar, weil die neue Art der „Neutralität" auf eine geänderte internationale Situation stößt. Die Welt ist nicht mehr in Kämpfende und Neutrale geteilt, sondern in „Aktiv Neutrale", „Passiv Neutrale", „Bedingt Neutrale" und „Absolut Neutrale', Es wird ein. neuer internationaler Kodex geschaffen. Inzwischen weiß man noch nicht genau, was erlaubt ist und was nicht. Zum Beispiel: Wie hat die Haltung einer neutralen Macht zu einem Völkerbundmitglied zu sein, das Sanktionen auaübt? Werden Schiffe, die sich zu diesem Zweck im Machtbereich deß Völkerbundes befinden, genau so behandelt wie Schiffe eines Staates, der Krieg führt, oder Ist Ihr Statut ein anderes?. Diese Probleme sind neu. Sicher ist eines: Die Lage der neutralen Staaten wird nicht leicht sein. Es haben sich nämlich die Formen und Gepflogenheiten der internationalen Beziehungen seit dem Weltkrieg geändert. Darum muß sich auch der Inhalt des Begriffs „Neutralität" ändern. * Palästina als Mandatsland, das unter der Aufsicht des Völkerbundes steht, und von einem .Völkerbundmitglied verwaltet wird, kann bestimmt nicht zur Kategorie der absolut neutralen Staaten gehören. Die Politik von Genf und London bestimmt die Bedingungen und die Haltung Palästinas. Das Land selbst hat keine Möglichkeit zu eigener Stellungnahme im italienisch-abessinischen Konflikt. Seine Rolle ist eine passive. Was der Völkerbund beschließen und was England faktisch tun wird, das wird geschehen. So sieht die Wirklichkeit aus. Weg und Haltung Palästinas — ob es uns genehm ist oder nicht — sind! vorherbestimmt: Wir sind an die Karosse des britischen Imperiums gebunden. Eine prachtvolle und j mächtige Karosse. Es ist kein Grund, mit solch einem Kompagnon unzufrieden zu sein. Gleichzeitig aber müssen wir uns darüber Rechenschaft ablegen, daß unsere Bewegungsfreiheit begrenzt ist. Billige Reisen nach PALÄSTINA kostenlose Beratung in allen Reiseangelegenheiten, welche Palästina betreffen, erteilt Dr. $. Tocker, Wien IX, Liechtenstelnstraße 2 Telephon A-l 4-504 Die Welt, und insbesondere das jüdische Volk an sich, muß verstehen, daß Palästina keine beson- \ \ dere, vom freien Willen unfl von der eigenen Bevöl- ~| kerung bestimmte Stellung oder Orientierung im j italienisch-abessinischen Konflikt hat. Unser Weg; j wird durch andere, viel mächtigere Faktoren der j internationalen Politik gezeichnet. Nach dem Beschluß des Völkerbundes bezüglich der .Sanktionen kann Palästina nicht als neutrales Land im gewöhnlichen Sinn des Wortes betrachtet werden, sagen wir so wie Amerika und Deutschland; auch nicht so wie Oesterreich oder Ungarn. Von jetzt ab gehört es zur dritten Partei, die eine negative Haltung zu einem der in Afrika kämpfenden Staaten angenommen hat. Damit wird die juristische, rein formelle Lage klar. Die jüdische Bevölkerung Palästinas wird loyal handeln — soweit man überhaupt von Handlungen reden kann — im Einklang mit den Genfer Beschlüssen. Von allen anderen ist das jüdische Volk am stärksten an den Völkerbund gebunden. Die Juden im allgemeinen und die Zionisten im besonderen sind mit ihrem Herzblut daran interesisert, daß der Völkerbund ein entscheidender Machtfaktor in der Welt bleibe, und daß seine Konstitution, seine Beschlüsse und internationalen Abmachung gen respektiert werden. Wie würde das Golus-Judentum aussehen und was erwartete uns in Palästina, wenn der Völkerbund- Bau zerstört würde? Unter seinen Trümmern würden als erste unsere nationalen Hoffnungen begraben werden. Wir würden wie verwaist sein. Die jüdische Verlassenheit und Schutzlosigkeit würde himmelschreiend sein. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist auf Generationen hinaus mit dem Völkerbund verflochten. Daraus folgt die positive Beziehung zum historischen Versuch der Völker, ein internationales Tribunal zu schaffen, das auf der Wache für Recht und Frieden stehen soll. Jede Schwächung von Genf ist eine ernste Bedrohung der jüdischen Lebensinteressen. * Und doch! Wie immer auch in der nächsten Zukunft sich das Statut Palästinas, als Mandatsland, gestalten sollte; was für eine Rolle auch immer Palästina während der Durchführung der Sanktionen spielen sollte — für das jüdische Volk gibt es in dieser schweren Stunde nur ein Gebot: Strengste Neutralität. Der italienisch-abessinische Konflikt berührt nicht direkt unsere Interessen. Die Juden haben mit Italien keine Rechnung zu begleichen. Es existieren zwischen uns und Italien keine Reibungsflächen. Vielmehr können wir eine Reihe freundlicher Akte seitens Italiens zugunsten des Zionismus verzeichnen. Ungeachtet des faschistischen Regimes, welches sich mit den grundlegenden jüdischen Idealen nicht deckt, werden die Juden in Italien als gleichberechtigt behandelt. In den Zeiten des wilden Nazismus ist dies sicherlich wert, vermerkt zu werden. Italien ist ein enger Nachbar des sich aufbauenden jüdischen Palästina. Wie immer der afrikanische Feldzug enden mag, bleibt das große Kulturvolk ein wichtiger Faktor am Mittelländischen Meer. Von italienischen Häfen werden auch weiterhin Ströme jüdischer Einwanderer fließen. Es wäre sinnlos, die gutnachbarlichen Beziehungen durch irgendwelche leichtsinnige Handlungen zu gefährden. Die Loyalität, zum Völkerbund verlangt doch das nicht von uns. Und noch eines: Sind wir denn ein mitbestimmender Faktor in Genf? Auch jene — und es gibt genug solche unter uns — die den Faschismus für eine schädliche, reaktionäre Bewegung halten, welche den freien Geist und die Demokratie unterdrückt — müssen im gegenwärtigen Augenblick ihre Stirn;nungen korJ.vollieren. Heute ist nicht die Zeit da für einen Krieg mit dem italienischen Faschismus. Feindselige Gefühle und Schadenfreude müssen unterdrückt werden. Wenn ein Volk sich in Schwierigkeiten befindet — meinethnlbon auch ein verführtes Volk —, rechnet man nicht mit ihm ab. Besonders, wenn man damit nur verlieren, niemals gewinnen kann. Daher gibt es für den Juden genau so wie für