Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 9 (1935)
- Issue
- Heft 506 (22.10.1935)
- Date
- 1935-10-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2712049-2712130--5387-2718997- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 506 DIE NEUE WELT Seite 3 <4 Die Wahrheit über die türkischen Juden Von unserem Korrespondenten Barsoi Konstantinopel, PJndc September. Eines Tages erschienen in der hiesigen türkischen Presse Nachrichten aus englischen Pressequellen, worin die Lage der türkischen Juden als trostlos geschildert wurde. Man sprach darin von einer systematischen Verfolgung des jüdischen Elements in unserem Lande; man behauptete noch, daß die politische Entrechtung der Juden als feststehende Tatsache betrachtet werden müsse. Ein Sturm der Entrüstung Uber diese Nachrichten bemächtigte sich der türkischen Presse. Besonders die Zeitung „Cumhuriyet" (La Republique), die als offiziöses Blatt gilt, kritisierte scharf die Haltung der Weltpresse, die den einzigen Zweck verfolge, die neue türkische Republik als Land der Intoleranz und nationaler Verfolgung zu diskreditieren. Das Resultat dieses Presseduells war, daß die Juden von der türkischen Presse aufgefordert wurden, die Lügen der Weltpresse selbst zu dementieren. Wer soll aber im Namen der Juden diese Nachrichten dementieren? Jedes Kind im Lande weiß, daß hier keine gesetzlichen jüdischen Körperschaften existieren; jedes Kind weiß, daß keine zentrale Vertretung des Judentums existieren darf; jedes Kind weiß, daß ein organisiertes Judentum von der Regierung als gesetzwidrig bekämpft wird. Wer sollte also im Namen der türkischen Juden vor der Weltmeinung sprechen? Die Bne-Berith-Loge vielleicht? Sie hat ja kein Anrecht darauf, im Namen des ganzen türkischen Judentums zu sprechen, und aus taktischen Gründen verbirgt sie ihre Existenz. Wir gelangten also zur tragiscl>komischen Situation, daß der Aufforderung der türkischen Presse an das türkische Judentum nicht entsprochen werden konnte; es wurden also keine offiziellen jüdischen Dementis gegen die Kampagne der Weltpresse verbreitet. Nur zwei, drei einzelne Stimmen ließen sich hören, und zwar erhoben Exponenten der radikalen Assimilation ihre Proteststimmen in diesem Falle. Abraham Naon, Advokat (jetzt heißt er Ibrahim Nom), schrieb ein langes prosa-poetisches Plädoyer, wo er sein großes Herz voll Liebe zum Türkentum vor der ganzen türkischen Nation enthüllt. Dieser Mann wurde vor einigen Monaten von der türkischen Volkspartei zurückgestellt und Dr. Samuel Abrevaya als Deputierter nominiert; letzterer wurde nicht im Sinne demokratischer Wahlen gewählt, sondern ernannt; er ist zwar der erste Jude in der Republik- Kammer, ist aber keinesfalls der jüdische Abgeordnete in der türkischen Kammer; seine erste Pflicht war, zu deklarieren, daß er keinesfalls als Vertreter der jüdischen Minorität fungiere. Daß dieser Jude seine Stimme gegen die Kampagne der Weltpresse nicht erhob, ist leicht verständlich; seine Haltung wurde als Angriffsziel seitens seines Rivalen Abraham Naon, recte Ibrahim Nom, ausgenützt. Wo bist du, „jüdischer" Abgeordneter? Warum schweigst du? Das Vaterland wird von Feinden verleumdet und du schweigst? So waren ungefähr die Vorwürfe, die der Abgeordnete Samuel Abrevaya seitens seines Rivalen erhielt. Dr. Abrevaya aber schwieg; er wurde ja auf Grund einer politischen Plattform ernannt, die lautet: Es gibt keine jüdische Minorität in der türkischen Republik, sie kann also keine Repräsentanz im Parlament haben. Man sollte glauben, daß in diesem Fall mindestens die „jüdische Presse" in der Türkei ihre Proteststimme gegen die Kampagne der Weltpresse erheben würde. Es bleibt ein Unikum in der modernen jüdischen Geschichte, daß ein Judentum ohne ein einziges Sprachrohr dasteht. Das Judentum in Sowjetrußland hat seine Organe, jiddische oder russische; die kleinsten Republiken Südamerikas, wo einige tausend Juden wohnen, haben eine jüdische Zeitung; das große türkische Judentum, das früher so reich an Kulturelementen war, besitzt heute kein einziges Organ. Wenn es wahr ist, daß jede historische Epoche sich ihr Sprachrohr schafft, das als Ausdruck der Epoche dient, so müßte man annehmen, daß sich die heutige Epoche des türkischen Judentums (eine Epoche der radikalen Assimilation) ihr Organ, das die Ideologie dieser Bewegung vertritt, schaffen würde. Wir stehen aber vor der tragischen Tatsache: Das türkische Judentum ist noch ein lebendiger Organismus, verliert aber allmählich sein Sprachinstrument; ein Judentum, das nicht mehr spricht, weder positiv noch negativ, ein stummes Judentum ist ein Zeichen des tiefsten kulturellen Niederganges. Der Kampf zwischen Assimilation und Nationaljudentum war ein ideologischer Kampf, der stets frisches Leben, Bewegung, Kampflust hervorrief. Daß in der Türkei die Exponenten der Assimilation bei so günstigen objektiven Verhältnissen kein Arbeitsfeld linden, ist ein Zeichen totaler geistiger Sterilität. Der Angriff der Weltpresse, der mehr p o 1 i t is c h c n Zwecken diente, interessierte uns Juden, sofern wir den Beweis erbringen konnten, daß wir im politischen Leben Europas als Objekt der Kulissenpolitik aus- Nach Polen billig und bequem I D-Zügc, Pullman-Wagen und reservierte Plötze. Auskünfte; Dr. S. Tockor, IX, Llechtcnsteinstraüe 2, Tel«9fcsa JUM-ttti genützt werden; die türkische Geschichte ist reich an Beispielen dafür, daß die nationalen Minoritäten als Spekulationsobjekte für europäische Interessen im Orient dienten: es ist bedauerlich, daß die mächtige Republik Atatürks (Kemal Paschas) noch immer von gewissen Mächten mit dem Sultan-Reich identifiziert wird. Wir wollen aber hier fragen: Was gibt es Wahres an den Beschuldigungen der Weltpresse gegen die innnere türkische Politik uns Juden gegenüber? Sind gewisse Maßnahmen gegen uns Juden getroffen worden, um uns das Leben hier unmöglich zu machen? Wie verhalten sich die jüdischen Führer im Auslande gegenüber den Gerüchten von „Ausrottung" des jüdischen Elements? Wenn wir schon von der Weltpresse eine objektive und gerechte Behandlung unseres Problems nicht verlangen können, so erheben wir diesen Anspruch gegenüber unseren verantwortlichen Führern. Der XIX. Zionistenkongreß gab unseren Führern Anlaß, die Lage dos türkischen Judentums zu behandeln; während Präsident Sokolow richtig sagte: ,,In der Türkei ist die Judenheit stark zurückgegangen und verarmt. Sie erlebte — zum ersten Male in ihrer Geschichte — Pogrome und Auswanderungstragödien ...", so entspricht dies der reinen, realen Wahrheit. Es wäre aber falsch, zu glauben, daß dieser extreme Nationalismus ausschließlich gegen uns Juden gerichtet ist. ab heute m SCHWEDEN-KINO Von der Tribüne des XLX. Zionistenkongresses wurde in der Generaldebatte von uns türkischen Juden gesprochen. Unverantwortliche junge Redner in ihrem Pathos vergaßen, daß sie von einer Tribüne sprechen, die nur der jüdischen Wahrheit dient; wir bedauerten tief die Aeußerungen dieser Redner, die uns keinesfalls helfen können. Im Gegenteil, können solche impulsive Aeußerungen eher unsere Situation verschlechtern; die türkische Welt glaubt, daß wir türkischen Juden Emissäre ins Ausland schicken, um antitürkische Propaganda zu entfalten. In der Generaldebatte zeichnete sich besonders der Delegierte Avissar aus (vom spaniolischen Lager), der seine Waffen gegen die türkische Republik richtete und sagte, daß „die Juden der Türkei jetzt aus ihren wirtschaftlichen und politischen bürgerlichen Positionen verdrängt, werden, die jüdischen Schulen Uberall geschlossen, die Vorstände der Gemeinden in den meisten Städten aufgelöst würden, es gebe keinen Rabbiner und kein jüdisches Beth-Din mehr u. s. w. An allen diesen Behauptungen gibt es kein wahres Wort, und wenn ich selbst die Behauptungen des Herrn Avissar widerlege, so tue ich dies nicht, um die Politik der türkischen Regierung zu verteidigen, sondern nur um der Wahrheit willen, wobei ich natürlich weit davon entfernt bin, unsere Lage als zufriedenstellend hinzustellen. (Schluß folgt) AUS PALÄSTINA PalastinaaEimvandei'iing 1934 Aus Jerusalem: Das Einwanderung»- Amt der Palästina-Regierung veröffentlicht soeben einen Bericht über die Ein- und Auswanderung Palästinas Im Jahre 1934, dem zu entnehmen ist, daß 308.682 Personen im Berichtsjahre die Grenzen des Landes als Ein- bzw. Ausreisende passiert haben. Von den Einwanderern waren 42.757 Juden, 3890 Christen und 1151 Moslems. Seit September 1920 bis Ende Dezember 1934 Hlnd 191.004 Juden in Palästina eingewandert, Ende 1934 betrug die Zahl der in Palästina lebenden Juden 283.000 Seelen, d. s. 23 Prozent der Gesamtbevülkerung (gegenüber 17 Prozent im Jahre 1931). Als Touristen sind im Berichtsjahre 48.000 Christen, 26.000 Juden imd 16.000 Moslems ins Land gekommen; im gleichen Jahre verließen das Land 45.000 christliche, 21.000 jüdische und 15.000 moslemitisehe Touristen. In den Monaten September bis Dezember 1934 wurden 301 Juden und 442 Niehtjuden als illegale Einwanderer verhaftet. 3216 Personen haben sich im Jahre 1984 um die Palästlnu-Bürgergehaft beworben, 3209 Gesuche wurden genehmigt, 7 abgelehnt. Jüdische Eltern! Kauft Schulbücher für eure Kinder in der Buchhandlung Hermann Tuchner Wien II, Ecke TaborstraBe 52 Lehrbucher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagert — auch antiquarisch - zu sehr mäßigen Preisen! Spesenfreie Zusendung überallhin. Verzeichnisse kostenlos / Für Auskünfte- Tel. R-41-4-20 Waffensdimugsel in Arabische Hetze — Waflfen für AbessinienT Die Korrespondenz, der Zionistischen Exekutiv© „Palcor" meldet aus Tel-Aviv: Die Entdeckung einor großen Menge von Gewehren und Munition i« Zeemntfüssern, welche von Belgien im Jaffaer Hafen eingelangt sind, hat hier größte Aufregung hervorgerufen. Die arabische Presse behauptet, daß die Juden die Waffen ins Land gebracht haben und knüpft an diese Feststellung eine antijüdische Hetze. Dabei ist bis jetzt nicht festgestellt, ob die Waffen für einen jüdischen oder arabischen Adressaten bestimmt sind. Die polizeiliche Untersuchung hat bisher folgendes ergeben; In einem Teil der Fässer, welche geöffnet wurden, befanden sich je 1000 Gewehrpatronen in verlöteten Zinkbüchsen. In einem anderen Teil der Fässer waren Mauserge wehre verborgen. Insgesamt, habe« mehr als 5 0 0 Fässer Waffen und Munition enthalten* Die Entdeckung wurde nur durch den Umstand gemacht, daß ein Faß bei der Ausladung zerbrach und Patronenbüchsen herausfielen. Die ganze Sendung lautete auf den Namen K a t a n in Tel-Aviv. Es ist aber schwer festzustellen, ob Katan ein Jude oder ein Araber ist, da dieser; Name sowohl bei Juden als auch bei Arabern häufig vorkommt. Die Tatsache jedoch, daß die Adresse „Tel-AviV* lautet, wird von den Arabern als Beweis erachtet, daß es sich um einen jüdischen W a f f e n s c h m u g g e l handelt. Die arabische Zeitung „Falesti n" versichert, daß dies schon der fünfte große Transport sei. Unter den Arabern herrscht infolge dieses Zwischenfalles große Gereiztheit. Die arabische Jugendorganisation und) die Nashashibi-Partei haben Proklamationen erlassen. Die M u f t i p a r t e i hat Petitionen an die Regierung und Aufrufe an die Mohammedaner in aller Welt angekündigt. Es verlautet, daß die Araber in den Städten Palästinas einen Generalstreik arrangieren wollen. Die hebräische Presse behauptet, daß die entdeckten Waffentransporte für Abessinicn bestimmt seien und Palästina nur transitieren sollten. Die passive Handelsbülantz Palästinas Aus Jerusalem: Die offizielle Statistik des palästinensischen Außenhandels im Monat Mai 1935 zeigt ein weiteres Ansteigen des Imports. Sein Wert betrug 1,632.736 Pfund gegenüber 1,359.938 Pfund im'Mai 1934. Der Export dagegen ist im Vergleich mit demselben Monat des Vorjahres bedeutend gefallen, nämlich von 190.005 auf 87.945 Pfund. Unter den Importländern steht England mit 293.000 Pfund an erster Stelle. Es folgt Deutschland mit 162.000 Pfund. Ferner sind an dem Import beteiligt: die Vereinigten Staaten mit 151.000, Syrien mit 123.000. Rumänien mit 94.000 und Japan mit über 67.000 Pfund. Demgegenüber wurde beim Export nurbeiz weiLändcm der Betrag von 10.000 Pfund überschritten, nämlich bei Syrien mit 21.000 und bei England mit 16.960 Pfund. Nach Deutschland betrug die Ausfuhr 630, nach den Vereinigten Staaten 913, nach Rumänien 891 und nach Japan ganze 9 (neun) Pfund. 100.000 Touristen Aus Jerusalem: Die Gesellschaft für Touristik in Palästina teilt mit, daß in diesem Jahre rund 1 0 0.0 0 0 Touristen aus allen Weltteilen Palästina besucht haben. Für das kommende Jahr erwartete man eine Steigerung des Touristenverkehrs, doch hat der abessinische Krieg diese Erwartunsen herabgemindert. Die Regierung gab der Gesellschaft 500 Pfund statt der verlangten 2000 Pfund zur F ö r d e r u n g der Touristik. DiangsaBieruno, Aus Jerusalem: Pollzcirichter Bodiliy vorurteilte den Syrier Raschid el Bibi zu einem Monat, den rumänischen Juden Schmuel Stern zu zwei Monaten Gefängnis, beide zu Landesverweisung, wegen ,,illegaler" Einwanderung. Vier jüdische Familien aus Saloniki, zusammen 23 Personen, wurden, obwohl sie o r d n u n g smäßiga Palästina-Zertifikate hatten, von der palästinensischen Einwanderungsbehörde zurückgewiesen und mit dem Sowjetdampfer „Tsehitscherin" nach Saloniki zurückgeschickt, weil der Einwanderungsbeamte annahm, daß die Familienoberhäupter über 35 .1a h r o alt seien. In Wirklichkeit hatte der britische General, konsul in Saloniki bei Ausstellung der Visen das Alter der Familienväter ärztlich prüfen lassen, wobei festgestellt wurde, daß die Betreffenden das 35. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. „Falastin" meldet, daß bei Bat-Galim (Haifa) dij Polizei 26 Juden als illegale Einwanderer verhaftet hat,